In der Wildniß

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Textdaten
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Autor: Friedrich Gerstäcker
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Titel: In der Wildniß. Aus den Wäldern von Ecuador
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 1, S. 8–10
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1861
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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In der Wildniß.
Aus den Wäldern von Ecuador.
Von Fr. Gerstäcker.

Es ist ein gar wunderbares eigenthümliches Ding für Jemanden, der an europäische Zustände, an europäische Gesittung, an europäische Bequemlichkeiten gewöhnt ist, hier auf einmal mitten in die Wildniß zu fallen, und sich da so häuslich niederzulassen, als ob er im ganzen Leben nicht daran dächte wieder fort zu gehen. – Es hat seinen Reiz, das läßt sich nicht leugnen, und schon daß ich jetzt seit fast vier Monaten den Namen Louis Napoleon nicht einmal habe nennen hören, ist eine Art von europäischer Erholung. Außerdem bietet die Natur auch wieder manches wunderbar Schöne – die ewig schaffende, die ewig sich verjüngende Natur, die hier unter keiner Scheere gehalten wird, sondern sich frei – manchmal auch ein wenig zu frei – regen und bewegen kann.

Außerdem müßte ich aber schändlich lügen, wenn ich sagen wollte, daß mir solch’ ein Leben – mit den Banden, die mich daheim fesseln – auf die Länge der Zeit behagen könnte, und ich finde denn doch, daß ich, trotz Allem was uns daheim drückt und ärgert, keineswegs schon zu den Europamüden gehöre. Ich bin aber einmal hier, bin mitten in die Wildniß hineingesprungen, und Alles, was ich zu thun habe, ist zu sehen, daß ich wieder heraus komme. Bis dahin will ich mich aber, soweit es meine Mittel erlauben, ihrer freuen, will sie genießen nach besten Kräften, und die Erinnerung mag mir dann später vergüten, was ich jetzt gerade an der Erinnerung leiden muß.

Den Leuten hier darf man es übrigens nicht verdenken, daß sie sich keinen Begriff von unseren europäischen Zuständen machen können – kommt es mir selber doch wahrhaftig manchmal wie ein Traum vor, daß zwei so verschiedene Länder existiren und in wenigen Wochen erreicht werden können, ohne daß eines vom anderen viel mehr als den bloßen Namen kennt. – Dort daheim Alles Leben und Bewegung, ein ewiges Drängen und Treiben und Streben – ein rastloser Fleiß und Ehrgeiz, ein ewiger Kampf um des Lebens Güter – oft um das tägliche Brod, und o wie oft! – hier dagegen Nichts als Ruhe, ewige Ruhe, im [9] Wald drinnen mit seinen düsteren Schatten, in den Herzen der Menschen, die sich ihre Wohnungen an ihn hinan gebaut haben. Sie wissen Nichts von der Welt, wie sie draußen um sie liegt, sie verlangen Nichts davon zu wissen – weshalb auch? von dort her können sie keine Pisang oder Fische bekommen, und das ist eben Alles was sie brauchen. Abgeschiedener liegt in der That keine Insel der Südsee, als diese kleinen Dörfer an der Westküste Amerika’s, die der Verkehr bis jetzt noch nicht berührt, noch nicht gesucht hat – und doch scheint solch’ ein stilles, abgeschiedenes Dorf eine Weltstadt, wenn man aus dem bis dicht daran reichenden Walde tritt, aus dem Urwald, wie er nicht dichter und wilder die Niederungen des Amazonenstromes oder Indiens deckt.

Dort ist Wildniß, und wer einen solchen Wald noch nicht betreten hat, wird auch nie im Stande sein sich einen richtigen Begriff davon zu machen. – Wir haben auch Urwald in Europa, aber, guter Gott, wie zahm und friedlich erscheint der gegen die hiesige Waldung, in die der Mensch sich erst mit dem Messer seine Bahn hauen muß, sie nur einmal auch von innen betrachten zu können! – Dort herrscht Ruhe, aber es ist nicht die stille Ruhe eines europäischen, ja selbst eines nordamerikanischen Waldes, es ist wie die Ruhe des Grabes, groß und fürchterlich.

Hier und da tönt der eigenthümlich schrille Ton eines Vogels durch den Wald, aber kein fröhliches Vogelgezwitscher erfüllt ihn, der Lärm einer tobenden Affenschaar zieht vorüber und läßt die Wildniß öder als zuvor. – Jetzt plötzlich rauscht und prasselt es in dumpfem, langgezogenem Ton, und ein Schlag schmettert durch die Waldung, der den Boden erbeben macht. Es war einer der alten Baumriesen, dessen morsch gefaulter Stamm die Last der Jahre und Zweige nicht mehr tragen konnte, und mit seinem ganzen Anhang von Schmarotzerpflanzen, mit Allem was sich um ihn hergedrängt hatte, nieder zu Boden bricht. – Einen Moment wohl schweigt Alles – selbst der Affen wilde Schaar verstummt und das monotone Zirpen der Grille, während die Luft noch von dem Falle zittert und schwüler, drückender scheint als je – aber es ist auch wirklich nur ein Moment, denn noch haben sich die zerrissenen Glieder des Gefallenen nicht in ihre neue Lage finden können, noch schnellt hier und da ein lebenskräftiger junger Schößling, der nur gebeugt, nicht gebrochen ist, zurück, so ist er auch begraben und vergessen, die Affen kommen wieder herbei, ein Schwarm plappernder Papageien sucht spottend den Ton des Sturzes nachzuahmen, und das Sonnenlicht fällt zum ersten Male auf den Boden nieder, über den jener Mächtige bis dahin die Laubarme gebreitet hatte.

Durch diese Wildniß führt kein Steg, als solche die sich der Jäger selber ausgehauen hat, – Meile nach Meile dehnt sich diese furchtbare, waldbewachsene Strecke nach allen Seiten aus – Meile nach Meile, und für das Auge hat der Wanderer keinen Ruhepunkt, der ihm auf irgend einer Stelle Anderes böte, als was ihn hier in großartiger aber furchtbarer Majestät umgiebt – den Wald. Kein frischer Luftzug dringt hier herein, kein lichter Sonnenblick; von den feuchten Zweigen tröpfelt das ewige Naß, das von dem letzten Nachtregen sich gehalten, kein blauer Rauch zieht wirbelnd durch die Wipfel empor, höchstens zu seltenen Zeiten ein schwarzer Qualm von dem einsamen Lagerfeuer eines Jägers, der aber auch dem Auge jedes Anderen in diesen Wipfeln unsichtbar bleibt.

Und doch liegt wieder ein wunderbarer Reiz darin, gerade in eine solche Wildniß einzutauchen, und einsam unter dem schützenden Regendach und mit der rasch einbrechenden Nacht das wirkende Leben um uns her zu belauschen. Sehen läßt sich freilich Nichts, denn so dunkel als es überhaupt werden kann, wird es hier; und die Feuerkäfer, große prächtige Burschen mit zwei grünen Lichtern vorn, wie eine Locomotive, und einer gelbrothen Laterne auf dem Rücken, zucken und schießen durch die Nacht, und von allen Seiten leuchtet in oft phantastischen Formen das faule Holz. Ich weiß, ich hatte die eine Nacht ein altes faules Palmenblatt gerade vor meinem Lager hängen, das mit den auszweigenden Blattstreifen und halb eingeknickt gerade so aussah wie ein leuchtendes Gerippe. – Fremdartige Laute aber ziehen nach allen Seiten durch die Nacht – fremdartig und geheimnißvoll, da man die Wesen noch nicht kennt, die sie ausstoßen. Das Zirpen der Grillen dauert fort – die kleinen Thiere schienen erst gegen Morgen einzuschlafen, und hier und da hämmert noch ein einsamer Zimmermann – carpintero, wie die Ecuadorianer gar nicht unpassend einen großen Specht nennen – und revidirt irgend ein altes über Tag vergessenes Wurmloch. Jetzt schweigt auch der, und ein wilder ängstlicher Schrei tönt plötzlich von der einen Seite – rasch ausgestoßen wie der Nothschrei eines Menschen, und doch ist es nur ein kleiner schwarzer Vogel, der sich den Spaß macht umsonst die Nachbarschaft zu alarmiren. Vielleicht hat ihn aber auch die Eule erschreckt, die mit einem ganz besonders hohlen Ruf bald von da, bald von dort her ihre Gefährten lockt, und sie hat vielleicht Hülfe nöthig, denn in diesem Wald ist es keine Kleinigkeit Eule zu sein und in der Dunkelheit und den Wipfeln Beute zu finden.

Das da drüben klang wie das Bellen eines Hundes – aber kein Hund hält sich in diesem Dickicht auf; es ist eine Schlange, culebra wie sie die Eingeborenen nennen, die hier zu irgend welchem Zweck ihren Nachtgesang hält und manchmal ganz ungebührlich nahe zum Lager kömmt. Aber sie, wie alle wilden Thiere, scheut die Nähe des Menschen und flieht ihn, wenn sie ihn wittert oder hört. – Neben mir murmelt der kleine, raschfließende Strom, durch die Wipfel der mächtigen Stämme zieht der Wind, und in das Rauschen und Rasseln der großen und feuchten Blätter mischt sich der klagende Ruf der „verlorenen Seele“.

Es ist das ein ziemlich großer Vogel, der einen ähnlichen Ruf hat wie das erste klagende Ansetzen unserer Nachtigall, nur natürlich verhältnismäßig stärker. Die Südamerikaner haben ihm, gar nicht unpoetisch, jenen Namen gegeben.

Gegen Morgen wird Alles still, selbst die nimmermüden Grillen schweigen, und nur der monotone Schrei eines anderen Vogels – wahrscheinlich eine Nachtschwalbe, den kommenden Tag kündend – läßt sich in kurzen Zwischenpausen hören. Das Grau des Himmels tritt wieder lichter durch die Wipfel vor – ein röthlicher Punkt dazwischen – eine vom Morgenroth übergossene Wolke, die hierher nur den Schein hernieder sendet, und der Tag bricht an, der Tag ist da, ohne daß man ihn weiter kommen sieht. – Der Regen, der die ganze Nacht gefallen, hat ebenfalls aufgehört, denn es regnet hier selten am Tage, und der Wald liegt wieder in seiner ganzen Pracht und Schönheit um uns her.

Und es ist wahr, schön ist dieser Wald mit seinen prachtvollen Stämmen und schlanken herrlichen Palmen – überall zittert dieses Laub im leichten Wind, das Auge des Jägers nur zu oft hinüberlenkend, überall ragen diese fächergekrönten Schäfte empor, und von der Negrito-Palme an, die ihre Blätter aus dem Boden sendet, bis zu der Palma real empor, die ihre Wipfel über die höchsten Stämme hinausträgt, füllen unzählige Arten den ganzen Wald. Aber selbst diese Schönheit wirkt erdrückend, wenn sie uns eben, wohin sich der Fuß auch wendet, in immer gleicher Pracht entgegen tritt. Hier ist keine Abwechselung, keine Veränderung zwischen Laub- und Nadelholz, zwischen Dickicht, und Lichtung oder freier Wiese; es ist das ewige Dickicht das uns umgiebt, jeder Baum ein Meisterstück in sich selbst, aber jeder dem Nachbar ähnlich, und der Mensch sehnt sich zuletzt zurück nach Luft – nach Licht.

In dieser Wildniß leben auch nicht einmal Indianer, und haben, wie ich glaube, nie gelebt, und wenn es ein ganz angenehmes, eigenthümliches Gefühl ist, dort einmal das Haupt hinzulegen, wo noch nie ein Mensch geschlafen hat, stumpft sich das auch gar bald ab. – Heimwärts zieht es mich, wenn es nicht herber Spott ist, das eine Heimath zu nennen, was jetzt meinen Wohnsitz bildet, und hoch auf athmet die Brust, als sie zum ersten Mal wieder den frischen Seewind sich entgegenwehen fühlt, als sie den hellen lichten Sonnenschein auf den grünen Plan des kleinen Städtchens, auf die funkelnde blitzende Fläche der stillen Bai niederfallen sieht. – Aber hab’ ich deshalb die Wildniß verlassen? Wahrlich nicht. Das Leben dieser Menschen ist nicht anders, als das jener stillen Bäume, die daneben in dem Nachbar-Walde stehen; wie diese vegetiren sie, und ziehen ihren Lebenssaft aus dem Boden, auf dem sie stehen. Ob draußen noch andere Menschen wohnen und was die treiben, was kümmert’s sie? ob sich die Welt in Frieden verträgt, in Zwietracht schlägt, geht sie Nichts an, so lange es nicht ihre eigene Bai berührt, und den Fischen und Platanen schadet. Eisenbahnen, Orden, Telegraphen, Titel, Pensionen existiren nicht für sie und haben für sie etwa den nämlichen Sinn wie irgend ein griechisches oder hebräisches Wort. Sie arbeiten einen Tag und ruhen sechs aus, und wenn sie sterben – so ist eben ein Blatt von dem großen Baum gefallen [10] und schlummert neben den anderen einer versprochenen Seligkeit entgegen.

Aber lassen wir das. Nehmen wir lieber einmal mein Canoe und fahren wir, ehe wir aus der Wildniß scheiden, in diese stille Bai mit ihren Mangrove-Dickichten und Buchten hinaus, denn die gehören unfehlbar mit dazu.

Der Mangrove ist ein eigenthümlicher Baum, der nur in tropischen Ländern am Meeresufer oder so weit hinauf in das innere Land wächst, wie die Ebbe und Fluth hinaufreichen. Seine Besonderheit besteht aber in der Ueppigkeit, mit der er eine Unzahl von Wurzeln und Wurzelschößlingen – von oben gerade nieder, unten bogenförmig – in das Wasser hineinsenkt, so daß solch’ ein einzelner Baum oft mit diesen ein doppelt und dreifach so großes Terrain wie mit einem Netz überzogen hält, als er um Mittag zu seinem Schatten braucht. Viele dieser Bäume haben auch in der That gar keinen Stamm, sondern stehen auf sechs, acht einzelnen Beinen, dicht über denen die Aeste beginnen, in der Luft. Einzelne habe ich gefunden, die wirklich so aussahen, als ob sie auf dem Kopf ständen, und mit Blättern bedeckte Wurzeln in die Höhe streckten. So weit nun eben Ebbe und Fluth reichen, kommt kein anderer Baum in dem Salzwasser fort, und diese Mangrove mit ihrem hellgrünen Laub und gegitterten Boden bedecken vollständig das Terrain, das in der Ebbe trocken gelegt wird, und bilden dort Buchten, Inseln, Einfahrten und Canäle – nur kein Ufer.

Es ist unmöglich zwischen ihnen zu landen, denn auf den bogenförmig gespannten, dünnen, aber doch zähen Wurzeln kann der Fuß nicht haften, kann sie aber auch nicht überschreiten, und der Schlamm, mit dem sie außerdem fortwährend überzogen sind, verbietet schon jedes feste Auftreten. In der höchsten Fluth sieht man auch wenig Außergewöhnliches an ihnen, denn ihre Blätter reichen meist bis zum Wasser nieder, in der Ebbe aber, mit dem Schlamm um sie her bloßgelegt, bilden sie die tollsten phantastischen Gestalten, und wehe dann dem Canoe, das sich bei hohem Wasser verleiten ließ, in eine ihrer Einfahrten einzulaufen – es muß es mit acht, neun Stunden Warten büßen, denn plötzlich tauchen ringsum jene bogenartig gespannten Wurzeln auf, nach jeder Richtung hin die Ausfahrt rettungslos versperrend, und es bleibt dann Nichts weiter übrig als ruhig mitten dazwischen in Schlamm, Wurzelnetz und Sandfliegen liegen zu bleiben, bis die nächste Fluth die Ausfahrt wieder gestattet – aber was für ein sonderbares Leben beginnt jetzt um uns her? – Das ist Wildniß, denn diese Waldung hat noch keines Menschen Fuß, ja nicht einmal das scheue Wild betreten, und nur der tückische Alligator oder die breitschwänzige Wasserschlange haben ihre Leibspur diesem Schlamm eingedrückt. – Und überall regt es sich und wird lebendig. Rund umher fängt es an zu rascheln, und überall an den Wurzelfasern laufen spinnenartig häßliche Krabben mit rothen und gelben Scheeren nieder, die bei der Fluth hochauf geflüchtet waren, den Fischen zu entgehen, und jetzt zurückkehren, unbehindert in dem Schlamm ihre Mahlzeit zu halten und ihr frisches Bad zu nehmen. – Bescheidene Genüsse, und doch auch wieder nicht ohne Lebensgefahr für sie zu erlangen, denn nicht allein daß einige Vögel ihnen nachstellen, nein, eine Art von kleinem Kranich hier gebraucht sie sogar als Lockspeise, Fische für sich zu fangen. Er mag die Krabben nicht selber fressen, aber er fängt sie, trägt sie auf einen bestimmten Platz und wirft sie in’s Wasser, wo auf sein Krächzen die Fische herbeikommen, sich der Mahlzeit zu erfreuen. Was er von kleiner Brut dann dabei erwischen kann, ist seine Beute. Die Krabben wissen das aber auch schon, und selbst in der Ebbe halten sie sich, als ob sie ein böses Gewissen hätten, fast immer unter Aesten und alten Holzstücken oder Steinen versteckt.

Die im Schlamm geben dabei, auf eine ihnen am besten bekannte Art, mit den Scheeren einen schnalzenden Laut, der oft sechs- bis achthundert Schritt weit gehört werden kann. Dicht daneben vielleicht, wo die Fluth noch unter die Wurzeln reicht, schlägt ein großer Fisch, der sich anfängt in dem Holzwerk unbehaglich zu fühlen, das Wasser, und der heisere Schrei der Kraniche und Königsfischer tönt dazu hinein. Sonderbarer Weise giebt es auf der ganzen Bai keine einzige wilde Ente, und nur in sehr seltenen Fällen läßt sich einmal eine Möve sehen.

Und niedriger, immer niedriger wird das Wasser, höher und höher umspannen uns die bogenartigen, mit Schlamm und Krabben überzogenen Wurzeln, ärger wird das Geschnalz der kleinen Bestien, und dann und wann nur lenkt der schwere Flügelschlag eines der braunen Pelikane das Auge auf sich, der eben auch hier seine Beute erhofft und sucht. Immer toller werden die Schwärme von kleinen, einzeln fast unsichtbaren Sandfliegen, die auf das Empfindlichste stechen und die Haut entzünden. Der ganze Körper dieser kleinen Thiere kann nur eine Scheide zu dem Stachel sein, und viele, viele Stunden lang kann man den Kampf gegen diese lästigen kämpfen. – Endlich hat die Ebbe ihren tiefsten Stand erreicht – die frische Seebrise weht auch die Bai herauf, und höher und höher steigt das Wasser wieder. Mit ihm aber steigen auch auf’s Neue die Krabben, die sich vorsichtig in ihre laubigen Schlupfwinkel zurückziehen. Bei jeder Bewegung des Menschen aber bringen sie, wie das Eichhörnchen im Wald, rasch die schützende Wurzel zwischen sich und die Gefahr und laufen, so rasch sie können, an dem Stamm hinauf.

Das ist ein wonniges Gefühl, mit dem man diese Wildniß hinter sich läßt und das Canoe wieder schaukelnd und frei auf dem Wasser fühlt. In die Hügel zieht sich aber auch manche tiefe, nicht von Mangrove beengte Schlucht hinein – Plätze, die nur der Pava und Papagei und hier und da ein munterer Affentrupp besucht, sich die reifen Nüsse von den Palmen zu pflücken. Reizende kleine Plätze findet man da, und hier, wo man in dem leichten Boot jedem überhängenden Zweige ausweichen kann, erdrückt uns auch die Vegetation nicht, die in voller üppiger Pracht von allen Seiten nach dem Wasser und Licht hinüberneigt. Wundervolle Draperien sieht man da von Schlingpflanzen und überneigenden Palmenkronen und starr und fest ragen dazwischen die majestätischen Stämme der alten Waldriesen hoch und kühn empor.

Ein anderer Genuß der Wildniß ist eine Wasserfahrt auf der Bai in dunkler, stiller Nacht, wenn sich der Wind gelegt hat und einmal ausnahmsweise kein Regen niedergießt. – Man kann allmonatlich auf eine solche rechnen. Still und schweigend wie ein niedriger dunkler Streifen liegt der Wald an beiden Seiten. Nur hier und da tönt der melancholische Ruf eines Vogels oder das Geschwirr der Grillen dumpf herüber, und das Springen der Fische unterbricht allein die friedliche Ruhe. Das ist die Zeit, wo jenes nur diesem Theil der Erde eigenthümliche Geschöpf, der singende Fisch, seinen Zauber übt. Wie ferner Orgelklang tönt es jetzt tief aus der Fluth herauf, jetzt dicht um uns her von allen Seiten, nun höher anschwellend, nun wie in weiter Ferne verschwimmend, und stundenlang hab’ ich diesem Ton gelauscht.

Es soll ein kleiner sehr scheuer und schneller gefleckter Fisch sein, der diesen Laut von sich giebt, und er wird äußerst selten gefangen. Vor einiger Zeit bekam einmal einer der hiesigen Fischer einen solchen zufällig in sein Netz, und noch im Netz gab er den Laut von sich. Wahrscheinlich in abergläubischer Furcht ließ er ihn aber augenblicklich wieder frei, denn die Leute erzählen sich hier natürlich die wunderbarsten Sachen von dem Fisch – oder vielmehr von den Tönen. – Doch daheim würden sie es nicht besser machen, und hätten wir diesen Fisch in der Ostsee nahe bei Usedom, wo die „versunkene Stadt“ gestanden haben soll, so würde sich rasch zu der Sage von dem Glockengetön auch der Orgelgesang der versunkenen Kirche gesellen.

Ja, diese Wildniß hat einen stillen und hohen Reiz, aber – man muß eben kein anderes Leben kennen, oder nur einmal auf kurze Zeit von der Civilisation, die den Menschen angreift, ausruhen wollen. Für immer hielten wir es hier nicht aus oder – schafften eben um uns her eine von dieser verschiedene Welt, die der verlassenen soviel als möglich gliche.

So träume denn fort, du stiller feuchter Wald mit deinem ewigen Schattendunkel, mit deinen Leuchtkäfern und rauschenden Palmen – träume fort, du Mangrovesumpf mit deinen schnalzenden Krabben, du stille Bai, du friedlicher kleiner Ort mit deinen schreienden Kindern und bellenden Hunden – träumet fort – möge dir Gott deinen – blauen Himmel kann man nicht gut sagen, denn der existirt hier nicht – deinen Regen – Deine Platanen und deine Fische lassen, und du selber dich wie immer deines Lebens freuen. Ich selber bin aber nicht für dieses Leben gemacht – oder wenn ich es war, dessen entwöhnt. Mich zieht es zurück zu einem regeren, geistigeren Treiben. Wo ich aber auch immer sei, die Erinnerung an dich wird mir bleiben, und die Erinnerung an diese Wildniß ist einer der besten Schätze, die ich mit mir nach Hause nehme.