Die literarischen Häuser Berlins

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Autor: Friedrich Brunold
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Titel: Die literarischen Häuser Berlins
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 1, S. 11–12
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1861
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Aus den Wäldern von Ecuador
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Die literarischen Häuser Berlins.

Wenn man sich dem Kirchhofe zu Ottensen naht und fragt einen Vorübergehenden: wo ist Klopstock’s Grab? er wird es wissen, und wäre er einer der Niedrigsten aus dem Volk, jung oder alt; er wird mit einem gewissen Stolze unsere Schritte nach dem Grabe lenken. Und der Hamburger selbst, sonst immer thätig, jede Minute nutzend, denn Zeit ist Geld, gedenkt doch des Sängers der Messiade und vergißt nicht, dem Fremden Klopstock’s Haus in der Königsstraße als bemerkenswerth zu bezeichnen.

Im alten Schloß zu Wandsbeck, wo im Saale die Bildnisse der dänischen Könige hängen – und das gegenwärtig zu einem Gasthause eingerichtet ist, wird des alten Claudius, des Rheinweinliedsängers „Bekränzt mit Laub den lieben vollen Becher“, des Wandsbecker Boten, noch in Ehren gedacht. – –

Wie so anders ist es im großen Berlin! Wie viele Tausende wird man dort vergebens nach dem Grabe Fichte’s, Schleiermacher’s, Chamisso’s, Hoffmann’s oder Gaudy’s fragen können, ehe Einer derselben Bescheid zu sagen weiß! – Und was die Wohnungen betrifft, die der oder jener berühmte oder bekannte Mann während seines Aufenthaltes im intelligenten Berlin inne hatte: so wird man finden, daß selbst die näheren Freunde der Betreffenden sich des Hauses oder der Straße nicht mehr zu entsinnen wissen. Vergessen! heißt es, vergessen! Daß Orion Julius, dieser mattblinkende Irrstern am Berliner Literatenhimmel, einst wochen- und monatelang seine nächtliche Herberge im Leichenwagen der französischen Gemeinde auf dem Gensdarmenmarkt gehalten haben soll, während er bei Tage sein Leben fristete durch die Tassen Kaffee, die er in einzelnen berühmten Conditoreien gratis erhielt, ist, wenn auch zum Theil nur Sage, nicht gänzlich vergessen. Es klebte der ganzen Erscheinung des Genannten bei seinem Leben, wie er im abgeschabten braunen Ueberrocke einherzuschreiten pflegte, etwas Lächerliches an, trotz der Misere seines ganzen Lebens. Und so etwas vergißt der Berliner weniger. Wer beachtet dagegen noch das Haus in der neuen Friedrichsstraße, nahe der Königsstraße, in der einst Henriette Herz lebte, wo die geistreichsten Männer ihrer Zeit aus- und eingingen? Schleiermacher war der intimste Freund der Frau des Hauses, Wilhelm von Humboldt hegte in der Jugend eine innige Neigung für dieselbe, während sein Bruder Alexander der schönen Jüdin Briefe von Tegel sendete, die er in hebräischer Schrift zu schreiben nicht unterließ, damit die Dame seines Herzens sie leichter lesen könne. – Alle diese Männer blieben der schönen geistreichen Frau bis an ihr Lebensende in wahrer Freundschaft zugethan, nachdem der brausende Schaum der Jugend sich gesetzt und geklärt hatte. Sie nahmen aus diesem Umgange Anregung zu neuen Arbeiten, Gedanken und Lebenskenntnisse mit hinweg, während Ludwig Börne in diesem Hause den schönsten Traum seines Lebens, seine erste Jugendliebe, vielleicht seine einzige, zu Grabe trug. Ludwig Börne, oder wie er damals noch als ungetaufter Jude hieß, Louis Baruch, kam als siebenzehnjähriger Jüngling in das Haus des Dr. Marcus Herz. Hier war es, wo ihn die glühendste Liebe zu der Gattin seines Erziehers, zu der noch immer schönen Henriette, erfaßte. Sein Tagebuch, das er damals geführt, soll von einer Fülle der schönsten, glühendsten Gedanken durchfluthet gewesen sein. Henriette Herz verbrannte es, zugleich bestrebt, die Liebe des jungen Mannes, dem sie den Jahren nach eine Mutter hätte sein können, aus seiner Brust zu reißen. Sie tödtete gewissermaßen den Gefühlsmenschen, den Poeten in ihm, um der Welt einen Satiriker, einen Kritiker zu geben, der in ewigem Heimweh nach einem freien Vaterlande sich verzehrte. Börne schied aus dem Hause der Henriette Herz, zugleich von seinem schönsten Glücke Abschied nehmend. Er ist seines Lebens eigentlich nie froh geworden. Und wie er sich zu Paris nach Blumen und einer Hand voll freier deutscher Erde sehnte, so hat er sich Zeit seines Lebens nach Liebe gesehnt. Als er später einmal nach Berlin zurückkehrte, hat er kurze Zeit in Stadt Rom gewohnt. –

Es ist unwillkürlich, daß man, sobald man Börne’s gedenkt, auch Heinrich Heine’s gedenken muß. Und wunderbar! wie dieselben später fast immer zusammen genannt wurden, obgleich sie wie Tag und Nacht verschieden waren: so mußten auch Beide in Berlin in mannigfacher Hinsicht etwas Gemeinsames haben. Während in die neue Friedrichsstraße ein Schleiermacher fast täglich wanderte, die kleine Blechlaterne, ein Geschenk der Freundin, des Abends vorn im Knopfloche befestigt, um hier sein innerstes Sein, sein Hoffen, Denken und Träumen, seine kühnsten Ideen einer Henriette Herz mitzutheilen, aus ihrem Umgange Anregung zu neuem Schaffen schöpfend: war der weltberühmte Salon der Rahel, der Gattin Varnhagen von Ense’s in der Mauerstraße, wie vordem in der Jägerstraße, ein Sammelplatz der vornehmsten Welt des geistreichen Berlin, das Stelldichein der hervorragendsten Männer von fern und nah. – Und während dort Börne zu den Füßen der Frau des Hauses saß, drängte hier Heinrich Heine sich schüchtern durch die Räume einer Rahel (es war im Jahre 1821–22). Rahel, der, wie Wilhelm von Humboldt in den Briefen an eine Freundin sagt, ein Talent angeboren war, auch dem unbedeutend Scheinenden eine bessere und anziehende Seite abzugewinnen, und von der Niemand ging, ohne etwas gehört und mit hinweggenommen zu haben, das Stoff zu weiterem, ernsterem Nachdenken gegeben, oder das Gefühl lebendig angeregt hätte, ist auch auf Heinrich Heine nicht ohne Einfluß geblieben. Der damals unbekannte Verfasser der nun vergessenen Trauerspiele Almansor und Radcliff soll sich meist schüchtern, schweigsam verhalten haben; und der geistreiche Professor Eduard Gans, dieser Napoleonskopf, soll ihn oftmals zur Zielscheibe seines Witzes erkoren haben. Es läßt sich glauben! Gans hatte eine geistreiche, muthige Beredsamkeit, die mit ihrer freimüthigen Kühnheit erquickende Wärme verband. Seine Vorlesung „Ueber die französische Revolution“, die überaus besucht war, that dies später den weitesten Kreisen kund – und machte seinen Tod allgemein fühlbar. Selbst ein Alexander von Humboldt verschmähte nicht, auf der Bank seiner Schüler und Zuhörer zu sitzen. Gans starb am Todestage Napoleons, mit dem überhaupt seine Todtenmaske eine auffallende Ähnlichkeit zeigte, den 5. Mai 1839. Seine Wohnung war in der Behrenstraße. Gans hat in Heine, der damals ziemlich linkisch und unbeholfen gewesen sein soll, wenig den nachmaligen Verfasser der Reisebilder, den Dichter der Wallfahrt nach Kevlaar geahnt; mit Rahel ist es anders gewesen. Leugnen läßt es sich wohl nicht, daß Heine hier den Grund zu seinem nachmaligen Verhalten im Keim gefunden hat. Ob er daheim in seiner bescheidenen Wohnung, die er dazumal Kanonier- und Behrenstraßen Ecke Nr. 13 inne hatte, redseliger gewesen, als in der Nähe der geistreichen Rahel, ist nicht bekannt. Fama will behaupten, daß er auch hier oft von dem kleinen A. v. Maltitz überschrieen worden sei, der, um besser verstanden zu werden, es nicht verschmäht habe, auf den Tisch zu steigen, von dort ab seine „Pfefferkörner“ auf den sich zusammenziehenden Heine herabsprudelnd, während Grabbe sich kannibalisch freuend einen Käse verzehrt, den er leidenfchaftlich gern als Zeichen höchster, innerer Freude zu essen pflegte.

Heine’s Leben, Dichten und Denken ist bekannt. Er liegt zu Paris auf dem Montmartre begraben. Seiner Leiche folgten kaum fünfzig Personen. Er war und blieb das verzogene Kind der Poesie, ohne festen ausgeprägten Charakter, vielleicht weil er keinen haben wollte, weil er, ein echtes Kind seiner Zeit, sich des Gefühls schämte – und jede Thräne im Auge durch eine Grimasse zu zerdrücken strebte. Rahel’s Devise des Lebens war: „Wahrheit heraus! solch’ Jagdgeschrei möchte ich hören,“ während Heine die Unnatur als Richtschnur seinen Lebens genommen hatte. Es ist bekannt, das Ungleichartige zieht sich an – und Heine war einst gern in Rahel’s Nähe. –

Vorüber doch! vorüber! –

Jetzt aber horch! welch hübsches Lied erschallt! alle Lust fröhlich durchmessener Stunden tauchet auf. Wer kennt es nicht, wer hat es nicht gesungen:

„An der Saale hellem Strande
Stehen Burgen stolz und kühn.“

Franz Kugler hat es gedichtet. Dort in der großen Friedrichsstraße Nr. 242 wohnte er und ist er gestorben, im Hause seines Schwiegervaters, des Criminal-Director Dr. Hitzig, des Vaters Ede, wie Chamisso ihn nannte, der ja auch aus demselben Hause die Lebensgefährtin sich geholt hatte. Kugler bat das genannte Lied in seinem achtzehnten Jahre gedichtet; es ist unter der Fülle seiner [12] schönen Poesien die bekannteste und beliebteste geblieben. 1830 erschien zuerst sein Skizzenbuch, wofür er damals in seiner Vaterstadt Stettin gern einen Verleger gefunden hätte. Er trat in dem Buch zugleich als Dichter und Maler auf, frisch, anmuthig, frei, wie auch sein späteres Leben geblieben ist. Mit dem vorhin genannten Liede ist’s wie mit jenem schönen von Eichendorff:

In einem kühlen Grunde,
Da geht ein Mühlenrad.

Tausende singen es, wie jenes von Kugler, ohne den Dichter zu kennen, oder sich seiner zu erinnern. Es sind Volkslieder im echten Sinne des Worts geworden. Es ist lange her, daß Eichendorff das Lied gedichtet. In des Verfassers Roman „Ahnung und Gegenwart“, dieser Irrfahrt romantischer Vaterlandsliebe, der 1815 erschienen ist, steht es bereits, während es einige Jahre früher, 1812, gedichtet worden sein soll. Der Roman ist vergessen, aber das Lied ertönt immer auf’s Neue wieder; ist’s nicht nach der Volksweise von Friedrich Glück, der als Pfarrer zu Schombach in Schwaben 1841 gestorben ist, so doch nach der Composition von Conradin Kreuzer. Erz und Marmorstein vergeht, doch das Lied des Dichters bleibet immerdar.

Joseph Freiherr v. Eichendorff wohnte in Berlin nahe vor dem Potsdamer Thor, rechter Hand. Er mußte das Stückchen Wald, das Berlin in seinem Thiergarten bietet, nicht fern haben, er konnte ohne Waldrauschen und Vogelsang nicht leben – und die Posten, die dazumal noch fast stündlich vor seinem Fenster vorüberfuhren, hielten die Sehnsucht in seinem Herzen wach.

Wie also übrigens Chamisso, der im Jahre 1819 Behrenstraße 31 wohnte, und ebenso Franz Kugler sich aus dem Hause Hitzig’s die Gattin holten, so hatte dies bereits früher Neumann, der ja mit Chamisso, Varnhagen und Theremin zu einem Bunde vereinigt erscheint, Gleiches gethan, indem er die Pflegetochter Hitzig’s zur Gattin erwählte. Der von ihnen gemeinsam herausgegebene Musenalmanach vom Jahre 1804 ist vergessen. Wilhelm Neumann wohnte Taubenstraße 34. Daß aber nicht blos Musenalmanach und dergl. leicht vergessen werden, sondern auch selbst bessere Roman, und Novellen von den Wogen der Zeit rasch hinweggeschwemmt werden, zeigt sich an den Werken Heinrich Steffens’, der im Stobwasser’schen Hause, Wilhelmsstraße Nr. 98, wohnte. Wie reich an köstlichen Schilderungen, an tiefer, innerer Wahrheit sind seine „Vier Norweger“, wie herrlich seine „Familie Walseth und Leith“! Es sind einige dreißig Jahre her, daß diese Sachen zuerst erschienen; und nun? – Vorüber! Vorüber!

Wir hatten gebauet ein stattliches Haus!
Das Haus mag zerfallen – was hat’s denn für Noth?
Der Geist lebt in uns Allen – und unsre Burg ist Gott!

heißt es im Jenaer Burschenliede. Und das Wort möge uns trösten. Jeder Schriftsteller streut nur Samen aus, er weiß nicht wohin derselbe fällt und wo er aufgeht. Unzähliges wird zertreten – aber Einzelnes geht auf – und trägt hundertfältige Frucht. In Steffens ließ der Philosoph den Romandichter nicht zu voller Geltung gelangen, wie es ähnlich bei Friedrich von Sallet der Fall war. Der Philosoph überwucherte auch hier zuletzt den Dichter mehr und mehr. Als Sallet in Berlin war, wohnte er kleine Hamburgerstraße No. 7. Damals war sein Inneres noch nicht zum Durchbruch gekommen, wenn auch schon jetzt seine Gedichte sich mehr durch Schärfe des Verstandes, als durch Schmelz der Sprache und lyrische Weichheit vor denen seiner Mitstrebenden, mit denen er zu Dichterischem Bunde vereinigt dastand, auszeichneten. Sein ganzes Wesen hatte etwas Abgeschlossenes, Kurzes, obgleich auch ihm der brausende Schaum der Jugend, die tolle Lust des werdenden Dichters nicht fehlte; er blieb nicht zurück, als die Freunde in „mondbeglänzter Zaubernacht“ sich aufmachten, vor das Thor zogen, um sich von dem damals ewig heiteren B…, dem jetzigen Redacteur einer unserer gelesensten Zeitungen, eine Rede am Rabenstein, unterm Galgen halten zu lassen. Daß auch er dem frohen Sang, dem lauten Becherklang nicht abhold war, beweist sein Epos „die wahnsinnige Flasche“, das er vom Rhein aus seinem Freunde Ferrand widmete und sendete, zum Zeichen, daß die Erinnerung an froh zusammen durchlebte Stunden in ihm wach geblieben sei. In den Jahren 1837–38 wohnte Sallet bei seiner Mutter unter den Linden, im Blücher’schen Hause. Damals zeigte sein Gesicht noch nicht den Ausdruck, den sein Bild, welches von ihm existirt, wiedergiebt. Das Bild zeigt nicht den Dichter der wahnsinnigen Flasche, des Märchens „Schön Irla“, oder des in alte Lesebücher und Anthologien übergegangenen launigen Gedichts „Ziethen“; – es ist das Abbild des Verfassers des „Laienevangeliums“. Es scheint, als habe der Dichter, wenn anders das Bild ähnlich ist, auch im Aeußeren gleichsam seine innere Gesinnung darthun wollen. Wer die Unterschrift des Bildes nicht beachtet, meint einen Christuskopf vor sich zu haben der Art, wie man den Herrn, namentlich aus neueren Gemälden, zu erblicken pflegt. Es fehlt nur die Unterschrift: Mein Haus ist ein Bethaus, ihr aber habt es zur Mördergrube gemacht; – um so mehr, wenn man nicht vergißt, daß der Genannte der Verfasser der „Atheisten und Gottlosen unserer Zeit“ ist, der unter Anderm auch in Bezug auf die Ehe mit einer Schärfe, Bitterkeit, und doch inneren christlichen Keuschheit geschrieben hat, wie man es sonst selten findet. Trotz dem Allen hat das Bild etwas Prätentiöses, was in jüngeren Jahren dem Dichter fern zu liegen schien.

Einer der Mitstrebenden und Genossen Sallet’s in Berlin war Julius Minding, Verfasser eines größeren Lehrgedichts „das Leben der Pflanze“. Das Buch ist vergessen, wogegen sein patriotisches Preußenlied „Fehrbellin“ seit seinem Bekanntwerden unausgesetzt sich in allen preußischen Lehrbüchern für Schulen findet, wie dies auch mit einzelnen seiner Lieder vom alten Fritz der Fall ist.

Der kleine, von Ansehn unscheinbare Mann hat des Lebens Schicksale auf eigenthümliche Weise erfahren. Mit seinem Freunde, dem Dr. V…, wenige Häuser von Alexander von Humboldt, Oranienburgerstraße 65 wohnend, wo auch sein schöner Sonettenkranz „Daß ich Dich liebe, ist’s warum ich leide“ erlebt und gedichtet wurde, soll er durch mannigfache Speculationen ein enormes Vermögen (die Welt fabelte von einer halben Million erworben haben – um wenige Jahre darauf, dasselbe ebenso leicht verlierend, arm nach Amerika zu flüchten. Nachdem er dort in New York mit seinem gleichfalls geflüchteten Freunde ein ärztliches Bureau etablirt hatte, fand man ihn, wenige Monate darauf, am 7. Sept. 1850 auf dem Sopha liegend todt. Er hatte sich selbst durch Blausäure vergiftet! Und solcher verkommenen, untergegangenen Geister vermöchten wir mehrere zu bezeichnen. Wozu?

Die Woge der Zeit wird immer Einzelne aus der Bahn treiben und zerschellt an das Ufer spülen; das Leben der Schriftsteller ist nun einmal ein Gemisch von Hoffnungen und Täuschungen, und die egoistische Redensart: „Das Talent bricht sich immer Bahn!“ ist für sie am wenigsten anwendbar. Träumer sind sie Alle – und das Unpraktische klebt den Einzelnen mehr oder weniger an. Trotz der Schillerstiftung werden deutsche Dichter verkommen; und wenn es geschehen, werden „Kluge“ kommen und sagen, wie es hätte anders sein können und müssen, – wie dies noch jüngst bei dem Tode des Verfassers des Trauerspieles „Johanna Gray“, Bonn 1854 erschienen, geschah, nachdem derselbe am 5. Sept. 1860 im katholischen Krankenhause gestorben war. Er hieß Burghardt – und soll verhungert sein!
F. Brunold.