Industrielle Gewänder

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Titel: Industrielle Gewänder
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aus: Die Gartenlaube, Heft 48, S. 699-700
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1859
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Industrielle Gewänder.


Wunderbar und mannichfaltig bis in’s Unzählbare und Unglaubliche sind die Producte und Fabrikate der Industrie und des Handels, welche Millionen Bedürfnisse und Wünsche aller Arten von Cultur und Geschmack der Menschheit zu befriedigen streben und so das Leben verschönern. Aber Waaren und Werthe würden bei aller Genialität der Technik, Industrie und Kunst immer sehr unansehnlich und reizlos bleiben, wenn man sie nicht zu packen, zu bekleiden, mit Etiketten und schöner Gewandung zu versehen gelernt hätte. Kleider machen Leute und auch Werth und Waare. Die Industrie, Kunst und Wissenschaft der Waaren-Bekleidung ist vielleicht ausgebildeter und großartiger, als irgend eine Fabrikation von Waaren.

Sehen wir uns einige dieser Bekleidungsanstalten für industrielle Producte an.

In den Vorstädten von Manchester, Birmingham, Bristol und London (besonders in Klein-Deutschland, Whitechapel) wird man oft von einem eigenthümlichen, unaufhörlich eintönig schnurrenden, zischenden Geräusch überrascht, das man selten eher begreifen wird, als nach Eintreten in die gewöhnlich schäbig und verfallen, staubig und liederlich aussehende Werkstatt. Halb versunken im Boden, mit Kohlenstaub und Schauer, mit Rauch und Dampf um sich her speiend, als wollte sie wüthend Alles um sich her zerreißen, pufft und pustet eine Dampfmaschine, die, bei Lichte besehen, nichts weiter zu thun hat, als eine andere, sehr simple Maschine fortwährend mit 100 Tischlerkraft hobeln zu lassen. Eigentlich sägt und hobelt sie zugleich und verwandelt, wie es scheint, jedes Stückchen Holz, das man ihr gibt, in glatte, in Länge, Breite und Dicke ganz genau geformte Spähne, Spähne von jeder Länge, Breite und Dicke, je nachdem sie gestellt ward. Diese Spähne fliegen mit reißender Geschwindigkeit unter dem sägenden Hobel oder der hobelnden Säge hervor, ohne daß ein Splitterchen von dem Holze verloren geht.

Die Maschine schneidet die ihr anvertrauten Stückchen Holz einfach, unfehlbar, leicht, spielend und schnell zu Schachtelwänden zurecht, zu Schachteln von allen Größen, zu den kleinsten Apotheker- und den größten Hutschachteln, zu hundert- und tausenderlei Schachteln für Posamentirer, Conditoren, Apotheker, Spielwaaren-Fabrikanten, Schreibmaterialien-Händler, Schwefelholz-Fabrikanten etc., Schachteln von Fichten-, Weiden- und anderem Holze, Schachteln, die fix und fertig zu 3 Sgr. per Groß (12 Dutzend) verkauft werden und in England allein über 10,000 Menschen, allerdings größtentheils Weiber und Kinder, beschäftigen und ernähren.

Aber gegen diese simpelste und unscheinbarste Kleiderform für Industrie- und Handelsartikel ist das Papier- und Pappengewand eine Welt von Variationen und Nahrungszweigen. Kleider-, Mützen-, Blumen-, Muster-, Spitzen-, Bänder- und unzählige andere Schachteln für unzählige weibliche, mysteriöse Luxusbedürfnisse – alle werden von verstärktem Papier, von Pappe in allen Graden von Stärke und Feinheit und künstlicher Verschönerung gemacht. Selbst die patentirten Erfindungen für diese Art von Schachteln sind kaum mehr zu zählen. Chemiker und Künstler, Mechaniker und Professoren der Naturwissenschaften haben ihren Witz angestrengt, schlaflose Nächte hindurch gegrübelt, gehunzert und gedurstet, ihr und das Geld Anderer zu Hundertausenden von Thalern verexperimentirt, um diesen Schachteln von Papier und Pappe neue Reize und Formen, neue Ornamente und Decorationen zu schaffen und so das Publicum durch bestechende äußere Reize zu Käufern und Kunden zu machen für Dinge, die ohne diesen Kleiderstaat viel hundert Mal seltener und ohne Freude und Genuß gekauft werden würden. Die feinsten Producte der Papiermühle wandern in die Hände der Pappschachtel-Fabrikanten, die feinsten und weißesten Bogen, einfach weiß oder streifig, körnig, mit tiefen oder hohen Reliefs, mit den zauberischsten Arabesken bedruckt und strahlend in freudigen Farben bis zu echter Vergoldung. Unzählige feine, ausgedehnte Kunst-Industrien arbeiten hauptsächlich, oft mit großen Dampfmaschinen und Hunderten von Menschen, blos für die Pappschachtel-Fabrikanten, die in England über 50,000 Menschen beschäftigen und im Durchschnitt Jeden mit drei Schillingen oder einem Thaler täglich lohnen.

Vor mir steht ein rundes Schächtelchen, zwei Zoll im Durchmesser, zwei Drittel Zoll tief, Deckel und Körper auf einander passend, als wär’s das Werk des geschicktesten Mechanikers, außen mit Gold, Grün und Roth im geschmackvollsten Dessein verziert, außerdem mit vier Goldplättchen, die einander mit mikroskopischer Genauigkeit überragen, das Ganze ein niedliches Kunstwerk ohne Fehl und Flecken. Das Groß dieser Schächtelchen kostet einen Thaler zwei Silbergroschen. Wer sich privatim mit allem Geschick ein einziges dieser Schächtelchen machen wollte, würde an Zeit und Auslagen wenigstens den Fabrikwerth eines ganzen Großes dazu brauchen oder mit 144 Procent Verlust arbeiten. Nur dem fabelhaften Verbrauch von Ausschmückung der Papier- und Pappschachteln verdanken die neuen hübschen Erfindungen der Chromotypographie, Chromolithographie, des Farbendrucks mit Blöcken, des Reliefdrucks etc. ihre Blüthe. Der Parfümer, der Posamentirer, der Verkäufer von wohlriechenden Seifen, der Handschuhladen, eingemachte Früchte und Zuckersachen – das sind die eigenthümlichen Mäcene dieser feinen Künste. Der Chromotypograph lebt nicht von den einzelnen Kunstwerken, die er hervorbringt, sondern von Fabrikation und Verkauf [700] kleiner herrlicher Vignetten und Desseins, die tausend-, zehntausend-, hunderttausendweise bestellt werden, um Seifen und Süßigkeiten, Bonbons und Bänder, Spitzen und Spaße, Pomaden und Putzigkeiten aller Alt in lockende Gewänder zu hüllen und als Sirenen in den Schaufenstern winken und wirken zu lassen.

Ein Chromotypograph erzählte mir, daß von seinen Bildern, die als Kunstwerke um ihrer selbst willen verkauft werden, immer auch Hunderte als Emballage seiner Handelsartikel dienen. Diese kostbare Art von Verpackung kam vor mehreren Jahren zuerst in Paris auf. Die künstlerischsten Lithographien, von Künstlern sorgfältig colorirt, wurden und werden als Ornamente auf Handschuh-, Spitzen-, Frucht-, Bonbon- und andere Luxusschachteln geklebt und geschmackvoll von feinen Goldstreifen eingerahmt. So standen und stehen sie zu Hunderten in Schaufenstern von Handschuhmachern und Conditoreien, die auf diese Weise zu Bilderläden werden. Aber seitdem die Chromatographie in London eine Fabrikation ward, änderte sich die Sache etwas. Es ist leichter und billiger, von Blöcken farbige Bilder zu drucken, als zu lithographiren, lithographisch zu drucken und die Bilder hinterher noch mit der Hand zu coloriren. Die französischen Schachtelfabrikanten importirten also zuerst englische Chromatographien, die jedoch in Preis und Geschmack wenig Beifall fanden, so daß sich die für solche Sachen ganz besonders graciösen Franzosen selbst dahinter machten und jetzt alle Schaufenster der Erde mit Schachteln schmücken, deren farbiggedruckte und farbiglithographirte Bilder an Schönheit, koketter Sirenenhaftigkeit und Wohlfeilheit die englischen vier- und mehrfach übertreffen. Wenigstens sind sie im Durchschnitt viermal billiger und hundertmal schöner, als die der englischen Verleger, die jedoch fabelhaft großartige Anstrengungen und Capitalauslagen machten, um Markt und Concurrenz zu halten.

Neben der Pappschachtel spielt die metallene eine rasch an Ausdehnung zunehmende Rolle. Die dünnsten, mohnblattartigen Blättchen von Blei, Zinn, Metall, Bronze müssen als Unterjacken für Tabake, Schnupftabake etc. dienen. Dichtere ausgewalzte Blättchen werden in Birmingham von mächtigen, kostbaren Dampfmaschinen millionenweise zu Schachteln, Kästchen, Büchsen von allen möglichen Größen, Formen und schlechterdings unglaublich billigen Fabrikpreisen für alle möglichen Waaren und Handelsartikel so schnell und massenweise fabricirt, daß es förmlich solche Schachteln, Kästchen und Büchsen aus der Maschine herausregnet. Manche davon sind so schön und niedlich, daß man die Waare darin gern blos der Hülle wegen kauft. Eine neue „Idee“ in dieser Schachtelsphäre, ein anziehendes Dessein wird nicht selten besser bezahlt, als die wichtigste Erfindung, und bringt dem ausführenden Fabrikanten goldenen Regen.

Aber auch der Glasbläser verdient durch Flaschen und Fläschchen für wohlriechende Wasser und dergl. mehr, als durch Spiegelscheiben, die er bis zu 5– 6000 Thaler das Stück rein wie Himmelsluft, mauerdick und groß wie Scheunenthorflügel aus dem gemeinen Kiesel zu zaubern weiß. Es ist die Flasche und die vergoldete Etikette darauf, welche die Wohlgerüche und das Wasser darin empfiehlt und an den Mann, besonders an die feine Dame bringt. So steckt viel mehr Capital, Geschick, Kunst und Genie in der Fabrikation der Fläschchen, als in den Artikeln, die darin verkauft werden. Ein Eimer voll reines Wasser, etwas ätherisches Oel, eine homöopathische Dosis reinen Rosenöls – und man hat genug für tausend Fläschchen und tausend Namen. Es ist erstaunlich, welche Fülle und Mannichfaltigkeit von Eleganz und Grazie man in den Fläschchen der Parfümeurs bewundern kann. Daß man kleine, farbige Zuckerkügelchen in Glaskugeln à 1 Penny gefüllt verkauft und die Weihnachtsbäume in London mit Dutzenden und Schocken silberner, goldener, blauer, rother, grüner Glaskugeln für einen Spottpreis ausschmücken kann, ist nicht das kleinste Wunder der modernen Glasfabrikation.

Für viele Kauf- und Handelsleute ist der Töpfer oder vielmehr der höhere Keramiker von größerer Wichtigkeit, als der Bildner in Glas. Wir sprechen nicht von den unzähligen Arten gemeiner irdener Krüge, Flaschen und Töpfe, die ebenso unzähligen nothwendigen oder luxuriösen Handelsartikeln als Behälter dienen, sondern machen nur auf die weißen, seichten Büchsen aufmerksam, die von zwei bis acht und mehr Zoll Durchmesser und entsprechender Tiefe von jeder Art keramischer Mischung bis hinauf zur feinsten Porcellan-Erde für tausenderlei Flüssigkeiten, Schmieren, Oele, Fette, Pomaden und Crêmes millionenweise von mächtigen Dampfmaschinen geknetet, geformt, gedrechselt, polirt und gebrannt werden. Eine gewisse feinere Art dieser Büchsen ist auf den Deckeln mit eingebrannten farbigen Kupferstichen verziert, und sie werden hunderttausendweise als anmuthige verführerische Behälter feiner Fleischsorten, eingemachten Geflügels, von Anchovis und sonstigen Delicatessen verbraucht. Die weißen, kleinen Töpfe für Marmeladen und Gelées allein verkauft man in England zu vier bis fünf Millionen Stück jährlich aus den Fabriken. Noch eine feinere Sorte von echtem Porcellan, mit Blumen und Landschaften von Künstlerhand bemalt, lockt den höheren Koch zum Ankauf kostbarer Confecte, die kokette Dame zu empörenden Ausgaben für Mysterien der Toilette. Die wundervollen Töpfchen enthalten ja Mittel zur Verschönerung der Haut, zur Sicherung ewiger Jugend, zur Erhöhung des Augenglanzes (Arsenik), Vertreibung der Schnurrbärtchen, Auferstehung längst verfaulter Zähne, Färbung und Wiedergeburt der Haare und sonstige Zaubermittel, die nicht unter 1 Thaler oder 1 Louisd’or per Büchse verkauft werden.

Auch der echte Diamant bedarf der „Fassung“. Für sie und deren Ringe, für Armbänder, Halsketten, Diademe und unzählige Kunstwerke des Juweliers muß man kostbare, niedliche Maroquingewänder haben, gefüttert mit Sammet und Seide. Die goldene Uhr, der Edelstein, das Armband, die Brosche müssen dem Käufer in einem sammetgefütterten Maroquin-Prachtkleide vorgelegt werden, sonst schrickt er vor dem Preise zurück. Die Verfertiger dieser Juwelenhüllen gelten als Künstler, werden besser als die feinsten Buchbinder bezahlt und bilden eine beträchtliche Armee unter den Legionen, die keine Industrie-Artikel, sondern nur Kleider für solche fabriciren.

Schon die Zahl dieser Arten von Schneidern ist unabsehbar, sodaß wir gar nicht hoffen können, mir die wichtigsten namhaft zu machen. Von den Papierdüten und Säckchen, die täglich zu vielen Centnern in großen eigenen Fabriken gemacht und ebenso schnell unbeachtet im Kaufladen, beim Bäcker, Conditor etc. verbraucht werden, den Leinwandsäckchen der Sämereien Händler, den Tonnen, Fässern, Holzkasten für gröbere Waaren und Handelsartikel bis hinauf zu den kostbarsten vergoldeten, bemalten, sammetnen und seidenen Couverts, Emballagen und Gewändern der Industrie breitet sich selbst ein unabsehbares Feld industrieller Production und Kunst aus.

Alle diese Hüllen und Gewänder, von denen Millionen in der civilisirten Welt leben, in deren Fabrikation Millionen von Thalern sich reichlich verzinsen, werden im Detailhandel dem Scheine nach immer umsonst zugegeben. Und doch bilden sie selbst einen der fruchtbarsten und lohnendsten Industriezweige, obgleich sie gar keinen eigentlichen Nutzen und Werth haben. Die allerunscheinbarste Hülle würde ganz dieselben Dienste thun, wie die gemalte, künstlerisch geformte, golden und farbenprächtig decorirte Hülle, nur daß sich dann die Waaren nicht so gut verkaufen würden. Das ist der Schlüssel zu dem ganzen Geheimnisse. Die Käufer und Kunden der civilisirten Lebens- und Luxusbedürfnisse verzinsen jährlich ganz unbewußt und nebenher Millionen von Thalern, um ihren Sinn für Schönheit, für Schein und Reiz der Außenseiten zu befriedigen, um die Praxis des Sprüchworts: „die Welt will betrogen sein“ zu erhöhen und auszudehnen.

Das Verpacken und Einkleiden der Waaren ist eine großartige Wissenschaft, die blühendste praktische Kunstproduction und Aesthetik geworden, die sich in manchen Sphären schon bis zum Selbstzweck ausgedehnt hat, sodaß man viele Artikel blos des Gewandes wegen kauft.

Diese Excesse im Schein kosten viel Geld. Nur wo der äußere Schmuck sich in entsprechenden Grenzen und dem Zwecke gemäß hält, wie z. B. in den deutschen Spielwaaren, dieser kosmopolitischen Sprache mit allen Völkern rund um die Erde (– es ist eine der wichtigsten und schönsten Industrien Deutschlands), oder wo die Emballage, die nicht entbehrt werden kann, für etwa dasselbe Geld das Notwendige und Nützliche mit dem Angenehmen und Schönen, mit Geschmack und Grazie verbindet und wirklich gute, civilisirende Waare verschönernd umschließt (wie in der Emballage der Faberbleistifte), stehen Gewand und Waare in richtigem Verhältniß und tragen heiter dazu bei, die Blüthen der Schönheit und freudiger Farben und Formen, womit wir uns gern umgeben, auf alltägliche Dinge und oft häßliche Nothwenigteiten anmuthig auszustreuen.