Instinct oder Ueberlegung? (Die Gartenlaube 1868/34)

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Textdaten
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Autor: G. Ziebland
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Titel: Instinct oder Ueberlegung?
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 34, S. 543–544
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1868
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[543] Instinct oder Ueberlegung? Seit einer ziemlichen Reihe von Jahren Abonnent und Leser der Gartenlaube, habe ich dieser Zeitschrift immer mit Interesse die Notizen über den Instinct, oder richtiger das Vermögen der Thiere, aus den einzelnen vorkommenden abnormen Verhältnissen Schlüsse zu ziehen, die man beinahe Verstand zu nennen berechtigt ist, entnommen, und ich bin in der Lage, diese Sammlung von auffallenden Begabungen der Thiere um eine Thatsache zu vermehren, deren volle Richtigkeit nur durch die glaubwürdigsten Persönlichkeiten übereinstimmend verbürgt ist.

Bei dem großen verheerenden Brande am 27. Juni d. J., der in dem kurzen Zeitraum von halb elf Uhr früh bis drei Uhr Nachmittags über einhundertundacht Wohnhäuser und einhundertsiebenunddreißig Nebengebäude in Asche und Schutt legte und dadurch die Hälfte des Städtchens Auerbach in der Oberpfalz vernichtete, waren die Hitze und das durch die Schindeldachungen der Nebengebäude hervorgebrachte Flugfeuer so groß, daß Porcellan, Steingut und Glas in den Häusern die sechs großen Glocken von etwa einhundertundfünfzig Centner Gewicht im Pfarrkirchenthurm schmolzen und ungefähr vierhundertundfünfzig Schritt vom Hauptheerd des Feuers entfernte Ställe und Wohnhäuser im Nu sich entzündeten und in Trümmer sanken. Ganz in der Nähe des größten Feuers, keine zwanzig Schritt entfernt, und gerade in der Richtung des zur Zeit des Brandes herrschenden Windes, liegt nun ein gegen achtzig Fuß hoher Stadtmauerthurm, der, ganz massiv mit Ziegeln eingedeckt, seit einer langen Reihe von Jahren auf der Spitze des Daches ein Storchennest beherbergt – deshalb auch unter dem Namen Storchenthurm bekannt ist. Im Neste befanden sich während des Schadenfeuers drei Junge, die, noch nicht flügge, von den Alten geätzt wurden, wie dies heute noch geschieht. Da, wie bekannt, die Nester der Störche aus Reisig, Stroh und andern leicht feuerfangenden Theilen bestehen, die seit Monat Mai herrschende enorme Hitze aber diese Stoffe noch mehr ausgedörrt hatte, so war die Gefahr der Entzündung des Nestes und mit demselben die des Thurmes bei den Tausenden von Funken und brennenden Theilen, welche die Wucht des Feuers in die Höhe riß und nach allen Seiten streute, eine ganz außerordentlich große, und die armen Thiere müssen nicht wenig von der intensiven Gluth und Hitze zu leiden gehabt [544] haben. Trotzdem verließ das Storchenpaar die Jungen nicht; eines um das andere der Alten flog dem in der Nähe des Thurmes außerhalb der Stadt befindlichen Weiher zu, tauchte sich und füllte den Kropf mit Wasser, das sie scheunigst, unbekümmert um den Rauch und die aufzüngelnden Flammen nach dem Nest zurückkehrend, über die den Schnabel weit aufreißenden Jungen ausgossen, während sie diese und das Nest mit dem auseinandergespreizten nassen Gefieder zu bedecken suchten. So wechselten die Alten in ihrem Feuerwehrdienste, bis spät Abends die Gefahr für die Jungen und das Nest ein Ende hatte. Wie oben erwähnt, steht heute noch der so gefährdete Thurm mit dem bewohnten Storchenneste inmitten der Brandruinen – ein beredtes Zeugniß der Eintracht, der Jungenliebe und des an Verstand streifenden Instinctes dieser Thiere.

Ein alter Glaube läßt Gebäude, auf welchem Störche nisten, vom Feuer verschont bleiben; im erzählten Falle hat der Glaube, den ich oft als Aberglaube verlachte, zufällig seine volle Bewahrheitung gefunden.

G. Ziebland.