Instinct oder Ueberlegung? (Die Gartenlaube 1878/44)

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Titel: Instinct oder Ueberlegung?
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aus: Die Gartenlaube, Heft 44, S. 736
Herausgeber: Ernst Ziel
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Erscheinungsdatum: 1878
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[736] Instinct oder Ueberlegung? Wenngleich die Discussion über dieses Thema als geschlossen angesehen werden kann, so scheint die nachstehende Thatsache mir doch als ein so besonders hervorragendes Beweisstück für den Verstand der Thiere zu gelten, daß ich der Versuchung nicht widerstehen kann, den interessanten Vorfall dem großen Leserkreis der „Gartenlaube“ mitzutheilen.

Wie schon oft, so auch diesmal wieder ein Canarienvogel! Der meinige, ein sehr zahmes, munteres und niedliches Thierchen, bekam eines Tages von mir eine abgegessene Weintraube. Dieselbe war ziemlich groß, und absichtlich steckte ich sie ganz durch die Stäbe. Sofort machte sich der Vogel darüber her und pickte daran herum, jedoch immer von der unteren Stange des Bauers aus, da er eine ausgesprochene Antipathie gegen das Betreten des Bodens zu haben scheint. Er betritt den Boden meines Wissens nie; selbst Zucker – seine Lieblingsspeise – läßt er, wenn dieser heruntergefallen, unberührt liegen. Da ihm das Fressen der Traubenreste auf diese Weise zu langweilig und mühsam zu sein schien, so versuchte er die Traube zu sich heraufzuziehen, doch wenn er nach vieler Mühe das eine Ende heraufgebracht hatte, fiel es immer wieder bei der geringsten Berührung herunter. Hier muß ich einfügen, daß ich schon stets dem Thierchen zu seinem Vergnügen einen Wollenfaden in den Käfig gegeben habe, mit dem es sich köstlich zu amüsiren scheint.

Heute nun holte der Vogel sich den auf der obersten Sprosse liegenden Faden herunter, zog dann nach oftmaligem vergeblichem Versuch das schwächere Ende der Traube glücklich wieder auf die Stange und begann nun, den Faden in den Schnabel nehmend, im Käfig hin und her zu hüpfen, von der Sprosse an die Seitenwände und zurück, und so fort ungefähr fünf- bis sechsmal, bis er es glücklich dahingebracht hatte, daß der Faden sich dreimal um Stange und Traube zu gleicher Zeit gelegt und somit beide mit einander verbunden hatte. Es war ihm zwar nur sehr unvollkommen gelungen, doch immerhin so, daß der Zweig nicht ganz herunterfallen, er ihn vielmehr bequem zur Hälfte abpicken konnte. Wenn man bei diesem ganzen Thun sein listiges, kluges Auge und sein außergewöhnlich lebhaftes Treiben sah, mußte man sich unwillkürlich die Frage vorlegen: „Konnte das Thierchen anders als durch folgerichtiges Denken und Ueberlegen zu dem Festbinden des Zweiges gelangen?“

     Tempelhof bei Berlin, den 1. October 1878.
F.