Ist man schon wieder keusch –?

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Textdaten
Autor: Kurt Tucholsky
unter dem Pseudonym
Ignaz Wrobel
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Titel: Ist man schon wieder keusch –?
Untertitel:
aus: Die Weltbühne. Jahrgang 22, Nummer 47, Seite 828
Herausgeber: Siegfried Jacobsohn
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 23. November 1926
Verlag: Verlag der Weltbühne
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Erscheinungsort: Berlin
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Die Weltbühne. Vollständiger Nachdruck der Jahrgänge 1918–1933. Athenäum Verlag, Königstein/Ts. 1978. Scan auf Commons
Kurzbeschreibung:
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Ist man schon wieder

keusch –? Jener Willy, der, als er noch Staatspräsident war, eine höchst trübe Rolle in dem Justizskandal um Hau gespielt hat, verkündets. Ich weiß nicht, ob er noch oder schon wieder keusch ist – jedenfalls ist es ein Gelehrter, der vor einer überfüllten Aula den aufhorchenden Frauen und solchen, die es werden wollten, mitgeteilt hat, daß viel zu viel über Thema gesprochen werde.

Wenn Einer es mit der „Dynamik der deutschen Demokratie“ hat und dabei zu Tage fördert: „In diesem Kräftespiel zwischen repräsentativer und direkter Demokratie hat gegenwärtig die letztere fast alle Trümpfe für sich“, so muß man sich einem so feingebildeten Stilisten beugen. Eine Geistesrichtung aber, die als Reaktion auf das anregende Salongeschwätz über Psychoanalyse doziert, man „dürfe nun nicht mehr“, sondern „sei schon wieder“ – der muß dieses gesagt werden:

In den Kreisen der weitesten Bürgerlichkeit herrscht heute noch ein Aberglaube in sexuellen Dingen, der an den Tabu von Negern erinnert. Man nehme sich einmal hundert Familien aus mittlern und kleinen deutschen Städten vor und stelle an die jüngern Familienmitglieder folgende Fragen:

Was hat zu geschehen, um die Ansteckungsgefahr nach dem Beischlaf auf ein Minimum zu reduzieren?

Wie sieht ein Primäraffekt der Syphilis aus?

Wie hat man sich in Krankheitsfällen Andrer zu verhalten?

Die Antworten werden entsprechend sein – die Statistiken über Lues sind es ja auch.

Wie lange ist es denn her, daß Zeitungen in Großstädten das Wort „Syphilis“ überhaupt zu drucken wagen? Wie viele Provinzblätter tun es heute noch nicht? Wie viele Familien gibt es, in denen die Eltern eine religiöse Scheu vor einem Tripper nicht überwunden haben? Werden diese Krankheiten, die nächst der Tuberkulose am meisten Schaden im Volk anrichten, sachlich betrachtet? Es gibt wohl kaum einen Kreis, wo ihr Auftreten nicht mit einem mokanten Lächeln oder mit moralinsaurer Scheu begrüßt wird – etwas Unheimliches, Verbrecherisches, Dunkles haftet dem Betroffenen an. Ist das besser geworden?

Ganz wenig.

Und wenn Jemand daran ein Verdienst hat, so ist es, zum Beispiel, die Gesellschaft zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten, die fast als erste den Mut gehabt hat, die Dinge bei Namen zu nennen und die verdammte Scheu herunterzureißen, die abwechselnd Kirche und Aulaphilosophen um Geschlechtliches gewebt haben. Das ist der Weg.

Wir haben in Deutschland auf allen Gebieten eine Reaktion, die aus zweiter Hand kommt; die, wissenschaftlich daherschwätzend, die „Radikalen“ unendlich überlegen belächelnd, der wahren Reaktion in die Hände spielt.

Klärt die schulentlassene Jugend auf. Zeigt jungen Arbeiterinnen und Arbeitern die Gefahren der Geschlechtskrankheiten und benutzt mehr Präservativs als Philosophie.

Ignaz Wrobel