Jagden in der Steppe

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Textdaten
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Autor: Alfred Brehm
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Titel: Jagden in der Steppe
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 41, S. 684–688
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1877
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[684]
Jagden in der Steppe.
Von Brehm.


Seit einigen Tagen befanden wir uns in Semipalatinsk, der größten Steppen- und der Hauptstadt des gleichnamigen Gouvernements. Von Omsk an hatten wir die Steppe durchzogen, ohne eigentlich etwas von ihr zu sehen, ohne sie kennen zu lernen. Denn noch hatten wir das Thal ihres größten Flusses, des Irtisch – mit den Gewässern Westeuropas verglichen, eines gewaltigen Stromes – nicht verlassen. Jetzt rüsteten wir uns zur Steppenreise.

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Die Gartenlaube (1877) b 685.jpg

Ein Jurtenlager in der kirgisischen Steppe.
Nach Vorlagen von Brehm auf Holz gezeichnet von G. Mützel.

[686] Allerorten in Rußland und Sibirien[1] hatten wir bisher eine Aufnahme gefunden, welche uns ebenso überraschen wie beglücken mußte. Die zuvorkommende Liebenswürdigkeit und dem Herzen entstammende Gastlichkeit der Russen hatte uns die beschwerliche Reise in jeder Beziehung erleichtert. Wir waren mit schwerwiegenden Empfehlungen nach Rußland gekommen, aber auch von denen, welche die Bedeutung dieser Empfehlungen nicht zu würdigen wußten, in freundlichster Weise aufgenommen, bewirthet, unterwiesen und belehrt worden. Jedermann ohne Unterschied bestrebte sich, uns gefällig zu sein. Es war, als ob sich der Geringe wie der Vornehme bemühen müsse, uns zu zeigen, daß das Rußland von heute ein anderes sei, als es vor zwanzig, vielleicht vor zehn Jahren gewesen. Man hätte dieses Mühen sich sparen können: wir sahen selbst, welche ungeheuren Fortschritte nach jeder Richtung hin gewonnen worden waren und fortdauernd erstrebt werden. Aber es berührte mich angenehm, dieses allgemeine Bemühen wahrzunehmen, weil es die warme Vaterlandsliebe aller Russen und ihr ernstes Ringen nach der Bildungsstufe westeuropäischer Völker in unverkennbarer Weise darlegte. Wer unbefangen urtheilen will, wird zu ähnlichen Anschauungen gelangen, wenn er Rußland bereist.

Auch in Semipalatinsk empfing man uns mit derselben Freundlichkeit wie überall. Wir waren solchen Empfanges bereits gewohnt und in Folge dessen verwöhnt worden, sollten jedoch erfahren, daß alles bisher Erfahrene noch überboten werden könne. Kein Geringerer als der Gouverneur selbst, General von Poltorasky, übte hier die Gastfreundschaft gegen uns. Wir hatten bereits mancherlei von ihm vernommen. Man hatte ihn uns als kenntnißreichen Mann und trefflichen Gesellschafter gerühmt, und man hatte nicht zu viel, eher zu wenig gesagt. Was man uns aber nicht, mindestens nicht deutlich genug gesagt hatte, war, daß er eine ihm in jeder Beziehung ebenbürtige Gemahlin besaß, eine Frau, welche, selbst Künstlerin und Schriftstellerin, jeder ernsteren Bestrebung Theilnahme widmete und sie nach Kräften, unterstützte.

Beide wetteiferten, uns die Tage, welche wir in Semipalatinsk verlebten, zu lehr- und genußreichen zu gestalten. Was die einsame Stadt bieten konnte, wurde uns geboten, Menschen und Thiere uns zur Verfügung gestellt. Doch damit war weder der General noch seine Gemahlin zufrieden. In der Seele des Ersteren reifte der Entschluß, uns noch weit mehr zu zeigen, als die Stadt selbst aufweisen konnte. Wie groß der Antheil war, welchen die Frau Generalin an gedachtem Entschlusse hatte, will ich dahin gestellt sein lassen, so bestimmt ich auch der Meinung mich zuneige, daß wir ihr wenigstens den Keim dazu Verdankten. Der General erinnerte sich, von seinen Untergebenen, den Kirgisen, zu einer Jagd auf Archare, riesige Wildschafe, eingeladen worden zu sein, und beschloß jetzt, dieser Einladung Folge zu geben. Das Jagdgebiet, die Arkâtberge, war freilich hundertundsechszig Werst, etwas mehr als ebenso viel Kilometer, von Semipalatinsk entfernt, was aber fragt man in Sibirien nach solcher Strecke? Man feiert den Geburtstag eines Freundes, obwohl man, um zu ihm zu gelangen, das Doppelte durchreisen muß; man kommt zu Hochzeit und Taufe, und wenn man dreimal so weit zu fahren hätte. Die Jagd wurde beschlossen und alles Erforderliche sofort vorbereitet.

Ein Kreishauptmann mit den unvermeidlichen Kosaken reiste voraus, um den Kirgisenhäuptlingen, Gemeindevorstehern und Sultanen den Besuch des Gouverneurs anzusagen; andere Beamte folgten. Zwei Tage später verließ die Frau Generalin in Begleitung ihrer liebenswürdigen Tochter und einiger befreundeter Familien die Stadt, hoch auf dem Tarantass, dem hier üblichen Reisewagen thronend, um uns in der Einöde die Wirthin nicht vermissen zu lassen; Tags darauf beschlossen wir den Reisezug, welcher drei Tage nach einander sämmtliche. Postpferde der Straße nach Taschkent in Bewegung gesetzt hatte.

Am jenseitigen Ufer des Irtisch betraten wir die Kirgisensteppe. Es war am 3. Mai; der Frühling hatte wenige Tage vorher seinen Einzug gehalten, sein erster Hauch das junge Grün eben erst allüberall wachgerufen. Mit ihm waren die Zugvögel zurückgekehrt, welche der Winter vertrieben und bis vor kurzem in der Fremde zurückgehalten hatte. In der klaren Luft, wie an unsichtbaren Fädchen gehalten, hingen Röthel- und Rothfußfalken, die liebenswerthesten Kleinräuber, der Steppe; zwischen den sprossenden Halmen liefen Steppenkiebitze umher; von den Ebenen stiegen kohlschwarze Tatarenlerchen in Gemeinschaft unserer Feldlerche und zweier Verwandten zum Himmel auf; an den Bergesgehängen sahen wir Alpenlerchen; in den frischgrünen, feuchten Thälern weideten kleine, zierliche, fuchsrothe Gänse; auf und an den Seen tummelten sich Enten, Limosen, Stelzen; über Berg und Thal glitten wiegenden Fluges Weihen dahin; hier und da zog ein Steppenbussard, in der Nähe des Irtisch auch ein und der andere Fischadler seine Kreise.

Ueber weite Ebenen und vielverzweigte Hügel durch Thäler und Kessel führte unser Weg. Hatten wir eine Hügelkette überstiegen, so lag ein breites Thal, erst ringsum durch Hügel abgeschlossener Kessel, mit mehr oder minder ausgedehntem See, vor unseren Augen; hatten wir ihn durchschritten, so erhoben sich wiederum Hügel und Berge vor uns. Nach je zwanzig, dreißig und mehr Werst hielten wir vor einem einsamen Posthause, um die Pferde zu wechseln und einige Mundbissen zu nehmen; dann ging es wieder weiter und so immer weiter durch die wechselreiche, der beständigen Wiederholung höchst ähnlicher Landschaftsbilder halber jedoch eintönig erscheinende Steppe.

Erst gegen Abend, nach zwölfstündiger Fahrt etwa, stiegen die Arkâtberge vor uns auf. Die Steppe, in welcher das Auge den Maßstab zutreffender Schätzung verliert, täuschte uns die Berge als hohe Gebirge vor. Scharf abfallende Grate, jäh aufstrebende Felsenmassen, Kegel, Spitzen, Zacken, riesige, wie der Knauf einer Säule auf dem Schafte ruhende Platten, auf schwächerem Untergestell, tief eingeschnittene Thäler zwischen den Bergen, Abgründe und Abstürze, baumlose Matten am Fuße der unbewaldeten, selbst unbebuschten Höhen, welche vom blauen Dufte der Ferne geschmückt und verschleiert waren und von den weißen Schäfchenwolken am Himmel darüber noch besondere Zierde empfangen hatten: so lagen sie vor uns, die höchstens fünfhundert Meter über die Ebene sich erhebenden Arkâtberge. Eine Stunde später hatten wir das nach ihnen benannte Posthaus erreicht. Kosaken, welche unser geharrt, sprengten seitwärts vom Wege in die Steppe hinaus; andere geleiteten unsere fünf Wagen in derselben Richtung auf dem pfadlosen Wege und in der inzwischen hereingebrochenen Nacht. Würzige Pflanzendüfte und milde Frühlingsluft umschmeichelten, auffallende, im schwach nur dämmernden Dunkel riesenhaft erscheinende Bergformen erregten unsere Sinne. Schattenhafte Gestalten bewegten sich gegen uns; rasch sich folgende Hufschläge, fremdartige Laute trafen unser Ohr: uns entgegengerittene Kirgisen umgaben die Wagen, tauschten freundliche Grüße mit dem General, bedeuteten die Kutscher und geleiteten uns zu dem in der Einöde für uns errichteten Aul (sprich „A – ul“) oder Jurtenlager. „Willkommen in der Wüste!“ rief uns die Generalin entgegen; willkommen hießen uns Russen und Kirgisen. Wir hatten das Ziel unserer Fahrt erreicht und wurden freudig überrascht durch die Nachricht, daß bereits einer der kirgisischen Jäger einen Archarbock erlegt habe.

Was die Nacht verschleierte, ließ der kommende Morgen uns schauen. Wir befanden uns auf einer weiten, hügeligen, ringsum von Bergen umschlossenen Hochebene. Nach Norden hin schloß dieselbe Bergkette, welche wir gestern während der Fahrt gesehen hatten, den Gesichtskreis ab; im Westen, Südwesten und Südosten erhoben sich ähnlich gestaltete, jedoch niedrigere Granitfelsen; nach Osten hin vervollständigten niedrige Hügel den felsigen Ring. In der Nähe eines tropfenweise rinnenden Wässerchens, welches hier und da versumpfte Lachen bildete, standen die Jurten, sieben an der Zahl, in fast gerader Reihe. Fünf von ihnen gaben dem General und seiner Familie, uns und dem übrigen Gefolge Herberge; eine diente als Empfangs- und Versammlungsraum, eine als Küche. Die zu Wohnungen bestimmten waren außen und innen zierlich und festlich geschmückt, [687] außen mit kunstreicher Nähterei, aufgeheftetem buntem Zierrath aus stilvoll verschnörkelten Tuchflittern, innen mit kostbaren Teppichen und seidenen Decken, welche rings an den Wänden hingen und den Boden deckten. Jede einzelne stellte einen in sich abgeschlossenen Raum und das vollkommenste und gemüthlichste aller Zelte dar, heimelte an, wehrte dem Wetter und ließ sich jedem Sonnenblicke erschließen, erfüllte mit einem Worte alle Bedingungen, welche man an eine mit dem Besitzer wandernde Behausung stellen kann. Behaglich hatten wir uns schon gestern in ihr gefühlt; heute erschien sie uns über alles Lob erhaben.

Doch nicht im Innern der Jurten litt es uns lange; denn draußen wurde es lebendig, Sie waren erschienen, die von unserem Gastfreunde berufenen Kirgisen: Sultane, Gemeindevorsteher und andere Vornehme des Volks der Steppe mit Schützen und Treibern, Sängern und Stegreifdichtern, Jagd- und Rennpferden, gezähmten, auf Fuchs und Wolf, Murmelthier und Antilope abgetragenen Steinadlern, langhaarigen Windhunden, Kameelen und Saumthieren und was sonst noch erforderlich ist nach Gebrauch und Sitte. Jetzt erfüllte ihr Getümmel die Niederung zwischen den Bergen. Auf edlen und keineswegs unschönen Rossen ritten sie hin und wider; in Gruppen, langgestreckten Reihen und geschlossenen Kreisen saßen sie, gemüthlich plaudernd, am Boden, umdrängten sie den General, seine Gemahlin und uns. Wo sie die Nacht verbracht, von woher sie am Morgen gekommen, blieb uns ein Räthsel; denn kein zweiter Aul zeigte sich unseren Blicken. Vorhanden, zur Stelle aber waren sie und harrten jetzt der ausgesandten Späher, um zu erfahren, in welchem Theile des Rundgebirges das gesuchte Wild sich befinde.

Ziemlich spät erst gelangten wir zum Aufbruche. Die ausgesandten Kundschafter hatten weit reiten müssen, bevor sie Wildschafe gefunden. Jetzt zogen wir, mindestens achtzig Reiter stark, die Damen mit uns, dem westlichen Gebirgszuge zu. Hinter uns stelzten Kameele, mit einer Jurte und Küchengeräthe befrachtet, auf demselben Wege einher. In der Nähe des besagten Gebirgszuges verließen uns die berittenen Treiber und wandten sich dem südlichen Abhange der felsigen Kette zu, während wir das entgegengesetzte Ende besetzten und hier hinter Felsblöcken, welche uns bargen und Fernsicht gewährten, uns anstellten.

Der Trieb begann. Reitend erkletterten die Treiber das felsige Gebirge. Hier und da erschien einer von ihnen auf der Spitze der Felsen, welche er erklommen, um bald darauf wieder im Gestein zu verschwinden. Kein einziger von ihnen verließ die ihm angewiesene Richtung. Wie Ziegen kletterten die belasteten Pferde in den Felsbergen umher. Einem Bergsteiger boten die Granitwände und Kegel allerdings nirgends unüberwindliche Schwierigkeiten, Reiter aber hatte ich noch niemals in solchem Gebirge Pfade suchen und finden sehen. Der Kirgise faßt den Begriff „Weg“ anders auf als sonstige Menschenkinder. Weg bedeutet nach seinem Verständniß: „Durchmessen einer bestimmten Strecke in gerader Richtung“. Was zwischen dem Ausgangs- und Endpunkte liegt, ist gleichgültig. „Wo eine Ziege gehen kann,“ sagt er, „mag eben so gut ein Pferd Fuß fassen, und wo ein Pferd seinen Weg findet, beherrscht ihn auch ein Reiter.“ Näher und näher kamen uns die Treiber, Wild aber zeigte sich nicht. Erst in der letzten Minute erschien ein Wolf vor der Schützenlinie, nach Art des getriebenen Fuchses gedeckte Wege suchend, bald hinter ihm auch ein Archar. Der Wolf wurde gefehlt, das Wildschaf von dem betreffenden nächsten Schützen nicht bemerkt. Die Reiter langten bei uns an; der Trieb war zu Ende.

Mißmuthig zogen wir heimwärts. Im ersten Querthale winkte die während unserer Jagd errichtete Jurte; vor der Thür stand unsere liebenswürdige Wirthin, um uns zu einem Imbiß einzuladen. Wir folgten und saßen bald vor reich beschickter Tafel im Innern der Jurte, welche des rauhen Wetters halber behaglicher erschien als je. Da schreckt uns lauter Zuruf vom Mahle weg; wir eilen in’s Freie und sehen fünf stattliche Archarböcke über das Gefelse herabspringen. Eilig greifen wir nach den Büchsen, werfen wir uns auf die Pferde, jagen wir den Thieren zu – vergeblich. Unbeirrt durch uns oder die Treiber setzen sie, zu weit für unsere Geschosse, ihren Weg fort, kreuzen die zwischen zwei Bergketten liegende Niederung und ziehen, dem nördlichen Gebirgszuge zu. Sie eilen nicht, sondern traben nur, kein Pferd aber ist im Stande, sie einzuholen. Ruhig, stolz, bedachtsam ziehen sie weiter und erreichen ungekränkt das schützende Gefelse.

Man hatte uns falsch berichtet, als man uns mittheilte, daß der Trieb zu Ende sei. Einige Reiter hatten das Wild in einem der Nebenthäler entdeckt, in weitem Bogen umritten, und so geschickt getrieben, daß es zu Schuß hätte kommen müssen, wären wir nur zur Stelle gewesen.

Ich tröstete mich wie immer, wenn aus Jagden Mißgeschick mich neckt. Hatte ich die gewaltigen Thiere doch in ihrer Heimath, in voller Bewegung gesehen; war doch das ganze Getriebe der Jagd so eigenartig, so fesselnd gewesen, wie eine Jagd überhaupt sein kann. „Vielleicht lächelt die herrliche Göttin uns morgen,“ dachte ich, als wir unserem Aul in malerisch gelöstem Zuge zuritten.

Vor den Jurten fanden wir zwei Archarlämmer angebunden. Man hatte sie inzwischen lebend gefangen. Von einem dritten brachte man uns den zerfleischten Leichnam. Durch die Treiber erschreckt und verscheucht, hätte es die Mutter im Gefelse zum Niederducken bewogen und so in einen lebendigen Stein verwandelt, sich selbst aber den Treibern gezeigt, um sie von der Spur des geliebten Kleinen abzulocken; glücklich hatte sie auch die menschlichen, nicht aber die thierischen Feinde getäuscht: dem scharfen Auge eines Steinadlers war das bewegungslos der Rückkehr seiner Mutter harrende Lamm nicht entgangen und dem kühnen und starken Raubvogel zum Opfer gefallen. Für die beiden anderen schaffte man noch an demselben Abend Hausschafe herbei, welche, trotz ihres Sträubens, Ammendienste leisten mußten.

Am nächsten Morgen zogen wir wiederum zur Jagd aus, diesmal dem nördlichen Gebirgszuge uns zuwendend. Es war ein bitterkalter, von Aprilwetter regierter Tag, und das Ausharren auf den uns angewiesenen Plätzen wurde zur Qual. Stundenlang währte der Trieb, bevor wir von den Treibern etwas wahrnahmen. Ein Wildschaf mit zwei Lämmern zog in mehr als doppelter Schußweite an meinem Stande vorüber. Von den Böcken sahen wir keine Spur; ob sie zurückgewechselt oder von den Treibern nicht aufgefunden worden waren, blieb fraglich. Schon näherte der Trieb sich dem Ende; da rollten Steine über mir, und wenige Minuten später stieg ein Wildschaf, meist durch die Felsen gedeckt. Nur auf Augenblicke sichtbar werdend, neben meinem Stande in die Tiefe herab. Endlich zeigte es sich frei und bot sich zum Ziele; mein Schuß durchhallte das Gebirge. Langsamer zog es weiter; ich lud und feuerte zum zweiten Male, diesmal schon aus zu großer Entfernung. Das Thier setzte seinem Weg fort wie vorher, blieb jedoch bald darauf von Zeit zu Zeit stehen, als ob es überlege, und wandte sich sodann in weitem Bogen dem mir gegenüberliegenden Bergzuge zu. Auf gut Glück hin verließ ich meinen Stand, durchschritt, den von jenem beschriebenen Bogen durchschneidend, das Thal, kletterte, so schnell das Gefelse und meine Lunge gestatteten, an der Bergwand empor und stellte mich in einem Quereinschnitte des Kammes wieder an. Ich hatte richtig berechnet. Noch keuchte die Brust und zitterten die Glieder von der gewaltigen Anstrengung, als dasselbe Wildschaf hoch über mir an die äußerste Kante des Felsens trat, um zu sichern. Bevor es mich erspäht, hatte ihm meine Kugel die Brust durchbohrt, und wie ein schwerer Felsblock stürzte es in die Tiefe hinab.

Jubelruf aus zwanzig Kirgisenkehlen hallte im Gebirge wider. Von allen Seiten sprengten und kletterten Reiter herbei. Vier kräftige Männer schleppten mühsam die Beute zur Tiefe. Ich staunte über die Größe, noch mehr über die Lebenszähigkeit des Archar. Die erste Kugel hatte genau auf der beabsichtigten Stelle eingeschlagen, von hinten her die ganze Brust durchbohrt, die Lunge zerrissen und in der Schultergegend ihren Ausgang genommen: gleichwohl zeigte das Thier, nachdem es mit solcher Wunde mindestens tausend Schritte durchmessen, keine Abnahme seiner Kräfte und würde für uns verloren gewesen sein, hätte ich ihm nicht noch eine zweite Kugel durch die Brust gejagt.

Allseitig beglückwünscht, ritten wir heim zu den Jurten. Die Kirgisen rühmten mein Jägergeschick, die Gefährten mein Jagdglück. Vor den Jurten wogte es im bunten Durcheinander. Unter dem lebhaftesten Geberdenspiel gaben die Steppenleute, welche dem Schlusse der Jagd beigewohnt hatten, allen Uebrigen [688] Bericht. Ich war zum Löwen des Tages geworden, hatte selbst den Sänger begeistert. Denn als der Abend hereingebrochen war und die Jurten sich gefüllt hatten, erschien er in unserer Mitte, ließ in langem Vorspiele seine einfache Laute erklingen und hob endlich einen Gesang an, in welchem seine „rothe Zunge“ sich Genüge that, den General und seine Gemahlin, uns und die übrigen Gäste bewillkommnete und auch mein Jagdglück verherrlichte, dem Sänger selbst aber allen Beifall eintrug. Großartige, tiefgehende Gedanken waren es nicht, welche der Dichter in Worte kleidete; eigenartige, auch mich, der ich morgenländische Denk- und Redeweise kannte, fremdartig anklingende aber waren es wohl. Damit keiner von ihnen mir entschwinden möge, schrieb ich sie nieder, so wie sie mir durch zweier Dolmetscher Mund übermittelt wurden.

Für die Kirgisen, deren einförmiges Hirtenleben jeden Wechsel willkommen erscheinen läßt, waren die beiden Jagdtage Festlichkeiten gewesen, kein Wunder daher, daß ihnen zwei Festtage zu wenig dünkten. Ihre Jagdfertigkeit hatten wir kennen gelernt, ihre Steinadler und Windhunde mit gebührender Theilnahme betrachtet, den Worten ihres Sängers bewundernd gelauscht; nunmehr mußten Ringer und Rennpferde ihre Kräfte üben, um das kirgisische Fest würdig zu beschließen. Reckenhaft gebaute Männer stellten sich einander zum Wettkampfe; hochedle, wenn auch nach unseren Begriffen nicht vollendet schöne Pferde, geritten von sechs- bis achtjährigen Knaben, stürmten in die Steppe hinaus, um vierzig Kilometer auf pfadlosem Wege zurückzulegen, so schnell sie vermochten. Beide, Ringkämpfer wie Rennpferde, entzückten durch ihre Leistungen die Kirgisen und somit auch uns.

Noch am Abend verließen wir unsern Aul, hochbefriedigt von allem, was wir erlebt und gesehen. Unsere russischen Begleiter kehrten nach Semipalatinsk zurück, wir wandten uns südlich und überschritten noch in derselben Nacht die Grenze Turkestans.

Mit Archaren trafen wir nicht wieder zusammen, wir hatten aber in den Arkatbergen so viel von ihnen gesehen und gehört, daß ich mich wohl für berechtigt halten darf, von ihnen zu berichten. Dies soll das nächste Mal geschehen.

  1. Die Leser der „Gartenlaube“ sind über Zwecke und Ziele der „deutschen Forschungsreise nach Westsibirien“ bereits unterrichtet worden. Sie wissen, daß es die Bremer „Gesellschaft für Nordpolforschung“ war, welche uns, die Mitglieder der Forschungsreise, ausrüstete und aussandte; es bedarf daher meinerseits keines Vorwortes bezüglich der Reise selbst. Nur das Eine will ich noch bemerken, daß die Gesellschaft für Nordpolforschung inzwischen sich in eine „Geographische Gesellschaft“ umgewandelt, also erweitert hat und ihr reges Streben unter Anderem auch durch Herausgabe einer von Lindeman geleiteten trefflichen Zeitschrift bethätigt, welcher ich allgemeinere Aufmerksamkeit zuwenden möchte.
    D. Verf.