Jakob Nimmernüchtern

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Textdaten
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Autor: Johann Karl Christoph Nachtigal
unter dem Pseudonym Otmar
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Titel: Jakob Nimmernüchtern
Untertitel: Hohensteinische Volks-Sagen
aus: Volcks-Sagen, S. 81-112
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1800
Verlag: Wilmans
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Erscheinungsort: Bremen
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Quelle: Google und Commons
Kurzbeschreibung:
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Jakob Nimmernüchtern.

„Jakob, ein wohlhabender Bauer in einem thüringischen Dorfe, lebte auf einem Hofe, der schuldenfrei vom Vater auf den Sohn vererbt war. Er war stark und wohlgebaut, unbescholtenen Rufs, still, häuslich, arbeitsam, geliebt und geehrt von den Dorfsbewohnern; bis ihn Jungkherrn Veits Jagdhunde von Haus und Hof jagten, und den friedlichen Landmann zum Trunkenbold, Räuber und Mörder machten.

Einst hörte Jakob, als er eben zum letzenmal seinen Aerndtewagen anschirrte, Packan, seinen großen Hofhund, den er, wegen seiner Treue und oft schon erprobten Hülfsleistungen gegen Diebe, liebte, kläglich auf der Straße schreien. Er stürzte mit einem Knüttel bewafnet aus dem Hofe, und schlug damit auf zwei gewaltige Hunde los, unter denen er seinen Packan liegen sahe; und dieser verfolgte nun seine fliehenden Feinde.

Aber, in diesem Augenblick sprengte Jungkherr Veit, mit einigen reisigen Knappen und einer ganzen Meute Hunde, heran, fluchte, als Jakobs Nachbarin, Marie, ihm den Vorfall aus dem Fenster zurief, alle Teufel aus der Hölle auf die Bauern herab, mißhandelte den wehrlosen Jakob aufs grausamste, und ließ ihn halbtodt nach seiner Burg schleppen, die etwa eine Stunde vom Dorfe, dessen hochgebietender Herr er war, im Walde versteckt lag.

Es war die Zeit des Faustrechts, wo der übermächtige Ritter, der, bei der Ohnmacht der Fürsten, keinen Obern über sich erkannte, nur von Rechten, nie von Pflichten sprach, dem unterdrückten Landmann aber keine Rechte zugestand; wo der Bauer fast als Leibeigner und als Waare betrachtet wurde, die der Besitzer nach Willkühr verkaufen oder umsetzen könnte. – Und so fiel es Niemanden ein, Jakobs Rechtfertigung zu hören, oder seine Vertheidigung zu übernehmen. Er schmachtete fünf Monate, von Kälte und Hunger und Ungeziefer gepeinigt, in einem Gefängniß, das man das Hundeloch nannte, ob es gleich für Menschen bestimmt war, und ein Stück verschimmeltes Brod war sein höchstes Glück.

Doch mehr als dies alles kränkte ihn der Uebermuth der Knappen, die, auf Veits Reizung, ihn alle Tage verhöhnten, und am meisten der bittre, herznagende Spott der stolzen Kathrine; so nannte man das einzige Kind des Jungkherrn. Diese, der Liebling und das Ebenbild ihres Vaters, ritt alle Tage mit ihm auf die Jagd, und, wenn sie vor Jakobs Gefängniß vorbei kam, welches in der Thür eine Oefnung hatte, um etwas Luft, und das Brod, das man ihm zuwarf, aufzunehmen, hetzte sie, unter der lauten Hohnlache des Vaters, die Hunde gegen Jakob an, und fragte mit kreischender Stimme: Ob der Hund die Hunde nicht wegprügeln wollte? Ob er, oder sein Sohn, nicht etwa ein Fräulein, wie sie, zur Frau haben wollte, da ihm Marie nicht gut genug gewesen sey? u. s. w. Auch erlaubte sie sich dabei noch manches, das die Ehrbarkeit verschweigt, und das man von einem zwanzigjährigen Fräulein nur bei solcher Zucht erwarten konnte.

Jakob biß die Zähne zusammen, und schwieg. Endlich aber, da sie ihm einst drohte, ihn in das Burgverließ werfen zu lassen, damit er den Hunden das Brod nicht verkümmere, und er noch einige Kräfte fühlte, ob gleich seine nakten Arme, wenn er sie ansah, nur noch die Stoppeln von dem zeigten, was er sonst war, beschloß er durchzubrechen. In einer stürmischen Nacht, am Ende des Winters, fing er an die morschen Wände seines Kerkers zu erschüttern, und nach einigen Versuchen stürzten sie über ihn zusammen. Er kroch auf Händen und Füßen durch die tiefen Graben, die den Burghof rings umschlossen, und die noch mit Eis bedeckt waren, und – fühlte sich nun wieder frei.

Aber, wohin sollte er gehen? Richter, an die der Unterdrückte sich hätte wenden können, gab es damals nicht; Beschützer, die ihn gegen neue Mißhandlungen schirmten, gab es für seines Gleichen nicht. Um der Rache seines Jungkherrn und der stolzen Kathrine zu entgehen, mußte er landflüchtig werden; denn er sah schon im Geiste mit Anbruch des Tages Knappen und Hunde aufbieten, um den Flüchtling zu verfolgen. Und heimzukehren durfte er erst nach vielen Jahren wagen, wenn der Zorn seines gestrengen Herrn ausgetobt hatte, oder der Tod ihn stillte.

Doch, ehe er sein väterliches Land auf immer verließ, wollte er noch, auf einige Stunden, sein Haus, sein treues Weib, und seine beiden erwachsenen Söhne sehen, von denen er in der ganzen langen Zeit auch nicht ein Wort gehört hatte, wollte ihnen seine ausgestandenen Leiden klagen, sich mit ihnen freuen, daß er nun frei sey, wollte sich einmal wieder in einer menschlichen Wohnung erwärmen, sich rein kleiden, und dann mit einer kleinen Baarschaft weiter fliehen.

Bald erreichte er, von dem Monde, der durchs Gewölk blickte, geleitet, sein Dorf, und stand mit pochendem Herzen vor seinem Hofe. Aber, bei allem Klopfen und halblautem Rufen antwortete weder Packan, noch eine menschliche Stimme. Voll Ungeduld überstieg er die Hecken, die seinen Hof einschlossen, ging in das offenstehende Haus, und fand – alles leer, kein Weib, keinen Sohn, keinen Tisch, keinen Stuhl, kein Bette, keine Thür, nichts als die nackten Wände. Jakob schlug sich mit der geballten Faust vor die Stirn, und saß dann in sinnlosem Hinbrüten einige Stunden auf der kalten Erde. Dann jagte ihn ein Fieberfrost auf, und der Gedanke an den kommenden Tag. Er befühlte sich, ob er noch lebe? ob er träume? Er betastete alle Wände, ob es auch sein Haus sey? Und das Grausen schüttelte seine abgezehrten Glieder; es eiste ihm am ganzen Körper. – Länger vermochte er nicht zu bleiben; er stürzte aus der Thür, und wankte durch den Garten in das freie Feld hinaus.

Jetzt rief der ihm wohlbekannte Wächter im Dorfe: Eins! Und der erste Strahl der Hofnung kam in sein Herz. Unter den bellenden Hunden hörte er die Stimme seines Packan. Jakob pfiff; und nach einigen Augenblicken sprang sein treuer Hund, laut aufschreiend vor Freuden, an seinem Herrn heran. Jakob küßte seinen alten, abgehungerten Freund, und wandelte, schon festern Schritts, weiter; denn, er fühlte sich nun nicht mehr allein, und von Allen verlassen.

Ehe die Sonne aufging, befand er sich schon, mit seinem treuen Begleiter, in einer versteckten Höle, am Fuß der Rothenburg[1], die er sich schon längst, in seinem Gefängniß, zum Schlupfwinkel ausgesucht hatte, und die er von seinen Kinderjahren her kannte. Es wurde Tag. Er setzte sich in die höhersteigende Sonne, und erwärmte sich, nach sieben Monaten, zum erstenmale; zum erstenmale sah’ er wieder Bäume und Felder im Sonnenlicht.

Aber, nun ängstete ihn der Hunger, und auch sein Hund sah’ ihn bedeutend an. Da erblickt’ er, in ziemlicher Entfernung von der Höle, einen Bettler mit gefülltem Ranzen daherschleichen auf der Landstraße. Und Jakob, der noch nie in seinem Leben ein Stück Brod erbeten, desto öfter aber ausgetheilt hatte, eilte mit Packan den Weg hinab. Er fand den Bettler am Wege liegen mit abgewandtem Gesicht, grüßte ihn, und bat um ein Stück Brod für seinen Hund, und – für sich. Der Bettler wandte mit halbem Gesicht sich um, und Jakob erkannte, in dem geglaubten Greise, laut aufschreiend, Frieden, seinen ältesten fünf und zwanzigjährigen Sohn.

Er fütterte seinen hungrigen Packan, aß hurtig und schweigend einige Bissen Brod, trank aus der dargebotenen Flasche, und dann zog er, ohne zu reden, seinen Sohn mit sich zur Höle, und ließ sich erzählen, wie es stand. Hier nun erst hörte er sein Unglück ganz.

Einige Stunden nach Jakobs Verhaftung hatten Veits Frohnvoigte die Mutter und die Söhne vom Hofe getrieben, und ihnen kaum so viel gelassen, daß sie ihre Blöße bedecken konnten. Die Aecker, die zu dem Hofe gehörten, hatte sein dummstolzer Nachbar bekommen, der einst Stallbube bei Veit war, und der sich des Jungkherrn Kebsweib, Marie, hatte vertrauen lassen. Diese Marie hatte Veit eigentlich für Frieden, Jakobs Sohn, bestimmt, der aber schon mit einem Mädchen verlobt war, das, ohne reiche Aussteuer, die Krone des Dorfs war, an Tugend, Häuslichkeit und Schönheit. Eben diese Marie, jetzt bittre Feindin Jakobs, von dem sie sich verschmäht glaubte, nahm das Hausgeräthe und das Vieh zu sich, für die Pflege der zerbißnen Hunde des gnädigen Herrn, so sagte sie. Den folgenden Tag war die stolze Kathrine in das Dorf gekommen, und hatte sich die teuflische Freude gemacht, Jakobs Frau und Friedens Braut den Mißhandlungen der frechen Knappen und der rachsüchtigen Marie Preis zu geben. Die Mutter hatte sogleich der Schlag gerührt, und sie war nach einigen Tagen gestorben. Ihr war zwei Monate nachher Friedens Verlobte, aus Gram, ins Grab gefolgt. Kurt, der jüngere Sohn war einer Rotte streifender Lanzknechte gefolgt, und Friede bettelte.

Jakob stürzte, als die bittre Erzählung sich endigte, nieder zur Erde, knirschte mit den Zähnen, und schwieg. Nach einiger Zeit riß er wild sich auf, und – schwieg; aber im Herzen fluchte er Veit und allen seinen Genossen! Tiefsinnig ging er einige Tage vor sich hin. Lange kämpfte in ihm der Gedanke, sich selbst das Leben zu nehmen, mit dem Gedanken an Rache. Doch der Verzweifelnde war zu jenem Entschluß noch nicht erschöpft genug. Er schwur in seinem Herzen schreckliche Rache!

Jetzt meldete ihm Friede, der von einer Wanderung zurückkam, daß ihr Aufenthalt in der Höle nicht mehr sicher sey, und daß Veits Buben den nächsten Tag die Rothenburg und den Kyffhäuser-Berg durchsuchen würden. Jakob eilte daher, mit anbrechender Nacht, in das dunkelere Harzgebirg bei Stollberg, und von da, nach einigen Tagen, nach dem damals undurchdringlichen Walde bei Lora. Hier spähte er, bei seinem Umherirren, endlich einen sichern Aufenthalt aus, der ihn Jahre lang vor Nachstellungen aller Art schützte.

Zwischen der Bergveste Lora und den Dörfern Wüllferoda und Sollstädt, entdeckt der Forscher, im Dunkel des Gehölzes, einen felsigten dornbewachsenen Bergrücken, und auf beiden Seiten Schaudererregende Abgründe, zwischen denen nur der kühne und nicht schwindelnde Wanderer über die Felsenwand hinzugehen wagt. Am andern Ende des Bergrückens sieht er dann einen steilen verwachsenen Abhang, und, wenn er diesen mühsam herabgeklommen ist, dicht vor sich zwei majestätische Felsenwände, die einen Zwischenraum von einigen Fußen zum Durchgang öfnen, von oben herab aber zu einem festen Ganzen vereinigt scheinen. Zwischen ihnen zieht sich allmählig herab eine Schluft, die in der Tiefe, hinter dichtem Gesträuch, den Eingang zu einer kleinen Höle verbirgt, durch die man seitwärts zu einer größern sehr geräumigen Höle aufsteigt. - Unbekannt war diese Schluft und diese Höle damals den Bewohnern des loraischen Gau’s; und noch jetzt berührt sie selten ein menschlicher Fußtritt, obgleich das Gebirge jetzt weniger wild und verwachsen, und der Zugang mehr gebahnt ist, als in der Vorzeit.

Hier beschloß Jakob zu wohnen. Hieher brachte Friede die erbettelten Lebensmittel, und Werkzeuge und Kleidungsstücke mancherlei Art. Und Jakob richtete unterdeß seinen Packan ab, bahnte sich allmählig einen Fußsteig, den felsigten Abhang herab, und - sann auf Rache. Fluch dem Jungkherrn Veit war sein erster Gedanke am Morgen; Fluch allen Burgbeherrschern, die ihre Bauern unter das Vieh erniedrigten! sein letzter Gedanke am Abend.

Zwar sträubte sich anfangs sein innres Gefühl, da er sonst immer half und förderte, wo er helfen und besser machen konnte. Aber bald betäubte er diese innre Stimme durch die stete Erinnerung an die Mißhandlungen, die er und sein Weib und seine Kinder erfahren hatte, und, durch berauschendes Getränk. Nur mit solcher Ladung war ihm sein Sohn willkommen; und, um Vorrath für die Zukunft sammeln zu können, trieb er ihn alle Tage an, ihm Brandwein zu bringen. Und Friede bettelte von Haus zu Haus um einige Tropfen dieses damals noch seltnern Getränks, zur Labung eines abgelebten Vaters, der nun bald in einer Höle des Waldes, die er aber nicht näher bezeichnete, verscheiden würde. Da Friede mit dieser Bitte so oft wiederkehrte, so nannten die benachbarten Landleute den unbekannten Hölenbewohner davon! Nimmernüchtern.

Als Jakob auf mehrere Monate Vorrath zu haben glaubte, so schickte er seinen Sohn fort, mit dem Befehl, nicht ohne seinen Bruder Kurt zurückzukehren, von dem er mehr Muth und Einstimmen in seine Entwürfe erwartete, und blieb mit Packan allein. Er war längst entschlossen, Räuber zu werden, aus Rache; auch konnte sein stolzes Herz sich nie zum Betteln beugen.

Um diesem festen Entschluß getreu bleiben zu können, gewöhnte er sich, nur von dem Fleische geraubter Thiere zu leben. Und, in Erwartung der Zeit, wo er seine größern Entwürfe ausführen konnte, stahl er von den Heerden der Edelleute und Klöster, die er für die Pest des Landes hielt, Schaafe und Ziegen, auch wohl Rinder, wobei ihm sein Packan trefliche Dienste leistete, der zuweilen ihm ganze kleine Heerden in seine Höle, oder an den Felsenrücken trieb, der sie versteckte.

Um sich die Arbeit zu erleichtern, und die Gefahr vor jetzt von sich zu entfernen, unternahm er seine Streifzüge nur in der Dämmerung, oder in der Nacht, in einen ganz schwarzen Kittel gehüllt. Für die Gelegenheiten aber, wo er Schrecken erregen wollte, bereitete er sich ein Obergewand aus einer schwarzen Kuhhaut, deren Hörner ihm zum Kopfschmuck dienten. In dem Munde hielt er dann eine Zunderbüchse mit morschem Holz angefüllt, aus der er, nach Befinden der Umstände, dicken Rauch oder auch Feuer blasen konnte. Wenn er nun so in der Nacht einherwandelte, von seinem großen pechschwarzen Hunde begleitet, der nicht bellte, aber grimmig umherblickte nach Beute; so war es begreiflich, daß ihn die Hirten für den leibhaften Herrn der Hölle hielten, und bei seiner Annäherung flohen; so daß er oft nicht einmal zu seiner brennenden Zunderbüchse die Zuflucht zu nehmen brauchte.

Da er keinen Menschen thätig beleidigte, so fingen mehrere Landleute, welche öfters die Erscheinung gesehen hatten, an, ihn für einen gutmüthigen Teufel zu halten, und wagten es auch wohl, gelegentlich ein paar Worte mit ihm zu sprechen.

So traf Jakob einst, bei einbrechender Nacht, im Walde einen Hirten, der zehn fette Hammel vor sich hertrieb. Mit Donner-Stimme rief er ihm zu: Wohin? Zitternd antwortete dieser: Zum Abt nach Elende. Jakob blies nun Feuer aus seinem Munde und rief: „Ich bin der Teufel! der Abt, dein Herr, und die Schaafe sind mein!“ Der Hirte bekreuzte sich bebend. Da sagte Jakob: „Dir kann ich nichts anhaben; gehe, wohin du willst; doch sage vorher dem Abt: sein Bruder, der Satan, habe die Hammel in Empfang genommen.“ Der Hirte, dem das Entsetzten das Haar aufsträubte, wagte es doch, heraus zu stottern: Ach, gnädiger Herr Teufel! gebt mir doch einen Zeddel (Empfangsschein); sonst glaubt es mein Jungkherr und der Abt nicht. „Sage dem Abt, antwortete Jakob, diese Nacht um zwölf Uhr würde ich vor seinem Fenster erscheinen, und ihm zur Vergeltung einen schönen Festbraten mitbringen.“ – Der Hirte überließ die fetten Hammel Packan, der sie sicher bis an die Felsenwand trieb, wo sie Jakob band und herabtrug, und verkündete, zitternd am ganzen Leibe, allen Klosterbewohnern und dem Abt sein Abentheuer und den gedrohten Besuch. Die Mönche wurden aus den Betten geholt, und der Abt versammelte den ganzen Convent auf seinem Zimmer; und mit einem großen Weihwasserkessel und mit Hexenrauch gerüstet, erwarteten alle, zitternd und lautbetend, die furchtbare Mitternachtsstunde. Sie erschien, und mit ihr Jakob im großen Costume, d. h. ganz mit der schwarzen behörnten Kuhhaut überdeckt, und feuerspeiend, neben ihm sein schwarzer Hund. Nach einigen Minuten verschwand er wieder, welches die Klausner der Kraft des Weihwassers zugeschrieben, welches der Exorcist nicht sparte. Den mitgebrachten Rinderbraten aber überließen sie den Hunden und den Raben.

Bei solcher Lebensart fühlte Jakob in einigen Monaten seine Kräfte nicht allein ersetzt, sondern auch um das Doppelte erhöht; und nun schritt er zu wichtigern Unternehmungen, die seiner Absicht näher lagen. Zunächst dachte er darauf, sich beritten zu machen. Hier nun schwebte ihm immer der Jagdklepper der stolzen Kathrine vor Augen, auf dem er sie im Geist noch immer vor seinem Hundeloch vorbei stolziren sah. Es war eine sechsjährige Stute, schwarz wie die Nacht, und schnell wie ein Vogel, schon gewöhnt, bergauf bergab zu laufen; und, was ihm das wichtigste war, es mußte Kathrinen und Veit wehe thun, den entflohenen Jakob darauf einher galloppiren zu sehen.

In der Mitte des Sommers verkleidete er sich als ein altes Mütterchen, und schlich so einige Tage in der Gegend von Veits Burg herum, und sah, hinter Gebüsch versteckt, seine Feindin auf ihrem schwarzen Klepper, mit ihrem Vater, Stundenlang durch die Fruchtfelder der Bauern die Kreuz und die Quer durchreiten, um hier und da einen Hasen aufzujagen. Bei der dritten einbrechenden Nacht ersah er endlich seine Gelegenheit.

Kathrine übergab das mit Schweiß überdeckte Roß zwei Stallbuben, welche vor der Burg auf einer umschloßnen Wiese die Füllen hüteten, um das Pferd allmählig abzukühlen. Die Buben banden das Pferd an einen Baum in dem nahen Gehölz, und machten sich Feuer an, da der Abendwind etwas kalt ging, und setzten sich hin, um zu dobbeln. Jetzt schlich das verkleidete Mütterchen herzu, grüßte freundlich die Buben, und bat, sich am Feuer wärmen zu dürfen. Die spielenden Buben lachten herzlich über die sonderbare Gestalt, und fragten neckend, was sie für die Erlaubniß geben wollte? Und Jakob zeigte ihnen eine Flasche, die er aus der Tasche zog. Lüstern griffen die Buben nach dem blinkenden Getränk, tranken herum, und nochmals herum, ohne einen Schlaftrunk zu ahnden, und gaben lachend die leere Flasche dem keifenden Mütterchen zurück. Es dauerte nicht lange, so fingen die Buben an zu gähnen, die Karten entfielen ihren Händen, und sie streckten sich am Feuer aus. Als Jakob sie fest eingeschlafen sah, warf er das verhüllende Obergewand ab, band den noch aufgeschirrten Klepper los, schwang sich darauf, und eilte, außer sich vor Freuden, dem Loraischen Walde zu. – Die Buben fanden Veit und Kathrine am Morgen noch fest schlafen auf der Wiese; aber die Stute war fort.

Unterdeß diese raseten und tobten, hatte Jakob das Pferd über die schon vorher dazu vorbereitete Felsenwand gebracht, und den steilen Abhang des Berges halb herunter geführt, halb herunter getragen, und es stand schon an der vollen Krippe in der Tiefe seiner größern Höle. Die folgenden langen Tage wandte er fast ganz dazu an, das Pferd, das anfangs vor solchen Abgründen erbebte, nach seinen Absichten zu bilden. Und nach zwei Monden lief es, bei Nacht und bei Tage, den steilen Abhang des Berges, ohne Reuter, hinauf und hinab, blieb auf ein leises Pfeifen stehen, legte sich auf ein Zeichen mit der Hand nieder, sprang auf einen Zungenschlag seines Herrn auf, und lernte zuletzt selbst über die Felsenwand zu galloppiren.

Jetzt nahte, nach seiner Rechnung, der Jahrstag, an dem er von seinem Jungkherrn vom Hofe geschleppt und in das Gefängniß geworfen war. An diesem wollte er ihm die geraubte Stute und den entflohnen Gefangnen zeigen.

Und er erschien vor Veits Burg, auf dem wohlgenährten und jetzt noch gewandtern Jagdklepper des Fräuleins mächtig daher stolzierend, in ähnlicher Kleidung, wie er einst als Landbauer trug. Seine Ankunft kündete er dadurch an, daß er von Zeit zu Zeit in ein Jagdhorn stieß, das einst im Walde ein Jäger verlohren hatte. Die sonderbare Mähre von einem Bauer, der es wagte, auf einem Jagdhorne zu blasen, und der die Stute der stolzen Käte zu reiten schien, verbreitete sich schnell in der Burg. Ehe aber das Fräulein und die Männlein mit dem Rüsten zum Verfolgen fertig waren, war der blasende Ritter verschwunden, hatte aber einigen pflügenden Bauern zugerufen: Jakob würde morgen wiederkommen!

Er kam, und Veit erwartete ihn mit sechs Knappen und einer ganzen Meute Hunde, die plötzlich auf ihn und Packan einstürzten. Und Jakob wandte sein Roß, das schnell wie ein Habicht dahin flog, und dem nur einige der Knappen, in weiter Entfernung, folgen konnten, die ihn am Eingange des Loraischen Waldes verschwinden sahen. Mehrere der größeren Jagdhunde aber verfolgten seine Spur bis zur Höle, wo Packan, den das beständige Bluttrinken stark und wild gemacht hatte, gleich einem Tiger, von seinem Herrn unterstützt, ein schreckliches Blutbad unter ihnen anrichtete, so daß kaum die Hälfte, zerbissen und gelähmt, zurückhinkte.

Schon verbreitete sich die Sage, Jakob stehe mit dem Teufel im Bunde, und könne sich unsichtbar machen. Aber noch einmal wollte es Veit versuchen, und schwur, ihn zu fahen, oder zu sterben, und schwur, wie er alle Tage that, einen Meineid. Auf dem halben Wege von seiner Burg erwartete er ihn, hinter Gebüsch versteckt, knirschend vor Wuth, über den Verlust seiner besten Hunde, auf seinem Streitroß, von zwanzig erlesenen Rittern und Knappen umgeben, welche alle Jakob den schmählichsten Tod schwuren. Und beinah wäre er diesmal gefangen. Er, der seine Feinde noch weit entfernt glaubte, tummelte abwechselnd sein Pferd, und abwechselnd versuchte er es, auf dem Jagdhorn eine Herausforderung zum Kampfe zu blasen. Mit einemmale aber schlug Packan, der die Nähe der Feinde witterte, heftig und laut an, welches er nur bei augenblicklicher Gefahr that. Jakob fuhr auf, und kaum hatte er sich in den Sattel zurecht gesetzt, als er schon ein ganzes Heer vor sich und auf beiden Seiten erblickte, die ihn nicht Freunde zu seyn schienen.

Er flog dem Walde bei Lora zu, von Veit und seinen Gesellen wütend verfolgt, die oft ihn schon erwischt zu haben glaubten, wenn er im Walde verschwand, und dann wieder sichtbar wurde. Endlich war Veit auf seinem keuchenden Streitroß, mit Görge, seinem besten Knappen, dicht hinter Jakob, als dieser, wie ein Falke, über die Felsenwand vor seiner Höle hinsprengte, und in dem Augenblick unsichtbar wurde, als er noch gesehn war. „Sagt’ ich’s Euch nicht, gestrenger Herr, rief Görge, daß der sich unsichtbar machen kann. Hier hat die Welt ein Ende! Folge ihm, wer Lust hat, sich den Hals zu brechen. Ich mag nicht in des Teufels Küche kommen!“ – Veit hörte dies nicht; er zerarbeitete sich, seinen Streithengst zurückzuhalten. Aber er bäumte sich, warf seinen Herrn zwischen die Klippen, und stürzte der Stute nach, und in den Abgrund. Jakob erbte von ihm einen passendern stattlichen Sattel.

Seitdem wurde Jakob nie wieder bis an seine Höle verfolgt. Alle bebten vor den Schlünden zurück, in die jener sich stürzte. Ungestört beraubte er nun die Heerden der reichen Burgbeherrscher und der Klöster, zu Fuß und zu Pferde, als Teufel, oder als Nimmernüchtern verkleidet, doch immer begleitet von seinem Packan, der ihm alles zusammentrieb, oder, auf seinem Befehl, zerstreute oder zerriß. Am meisten erfuhren dies Veits Heerden, die er um die Hälfte verminderte, und dessen Hirten schon flohen, wenn sie den Feuerspeienden Teufel in großer Ferne entdeckten.

Doch dies alles befriedigte Jakobs Rache nicht. Es galt Veiten selbst und seiner Käte! Und doch fand er sie nicht mehr außerhalb der Burg; er muste sie daher in der Burg selbst aufsuchen. Beim Nachforschen hörte er, daß Veit seit jenem Sturz das Bette nicht verlassen hatte. Einen Kranken wollte er nicht kränken; und so blieb ihm für jetzt nur das Fräulein. – In einer neblichten Herbstnacht stand er mit einemmale, halb vom einfallenden Monde beleuchtet, in seiner Teufelsgestalt, vor Kathrinens Bette. Als Gefangner hatte er, in Entwürfen der Rache, ihr abgelegenes Schlafgemach ausgespäht. Brüllend weckte er Kathrinen, und entehrte sie. Dann rief er ihr zu: „Das that ich aus Rache! Heute vor einem Jahr ludest du mich spottend ein, dein Mann zu werden. Ich bin Jakob, den du immer den Hund nanntest! – So verließ er die Bebende.“

Aber dies hätte sie bald vergessen, wäre er verschwiegen geblieben. Doch nun erschien Jakob mehrere Tage vor Veits Burg, und verkündete allen Leuten, die er traf, der stolzen Käte Entehrung. Bald erfuhr es Veit durch die allgemeine Sage. Und seine Wuth, da sie den Thäter nicht erreichen konnte, wandte sich gegen seine Tochter, bisher seine einzige Freude, und deren Ausschweifungen er sonst immer belacht hatte. Er haßte die von einem Unedeln kundbar Entehrte wie die Hölle, und wollte sie und seine Schande vor der ganzen Welt in dem Burgverließ begraben, als sie mit ihrem alten Buhlen, dem Manne von Veits Kebsweibe, entflohe.

Gegen das Ende des Winters kamen Jakobs Söhne zu ihrem Vater – als gemachte Räuber. Sie hatten sich unter den Lanzknechten gefunden, die damals Franken und Schwaben durchstreiften, und alles verheerten, was sie beschützen sollten. Hier hatten sie in einem Jahre mehr von dem Räuberhandwerk gelernt, als sie in zehn Jahren in des Räubers Höle gesehen haben würden. Auch brachten sie zwei schwarze Bullenbeißer mit, die einer der weitgepriesenen Häuptlinge der Lanzknechte zur Menschenjagd abgerichtet hatte. Jakob erzählte ihnen, wozu ihn Rache gebracht habe, und staunte nicht wenig, wenn seine Söhne das Kleinigkeiten nannten, wozu er nur in der Trunkenheit Muth fand, und was er nur stotternd nachsagen konnte. Sie erzählten ihm nun, was nach damaligem Kriegesgebrauch erlaubt war, und gelobt und belohnt wurde, wo Sengen und Brennen, Rauben und Verwüsten alles Eigenthums, Morden mir der ausgedachtesten Grausamkeit, und Ausschweifung jeder Art, das Tagewerk der Lanzknechte war.

Jakob hörte ihre Erzählungen anfangs mit Schaudern, gewöhnte sich aber allmählig an die Abscheulichkeiten, und entschloß sich endlich, von seinen Söhnen aufgefordert, dies im Kleinen nachzuahmen. Friede und Kurt wusten sich bald beritten zu machen, und nach damaliger Sitte zu bewaffnen. Da alle sechs Wütriche schwarz bekleidet waren, so nannten die Nachbaren sie: die schwarze Rotte.

Um Veit, der von dem Beinbruch wieder hergestellt war, aber es nicht wagte, seine Burg zu verlassen, weil er wuste, daß Jakob ihm den Todt geschworen hatte, ins freie Feld zu bringen, zündeten sie das Gehölz an, das seine Burg umgab. Die Flammen ergriffen auch einen Theil der äußern Gebäude. Aber Veit kam nicht, er war einige Tage vorher vor Wuth gestorben.

Nun schwuren die Räuber in ihrer Höle allen Burgbeherrschern ewige Feindschaft und Krieg. Und bald wurde die schwarze Rotte das Schrecken aller Erdelleute der ganzen Gegend. Zwar mordeten sie jetzt noch keine Menschen, aber die Heerden der Gutsbesitzer zerstreuten und würgten sie, wo sie dieselben trafen, und in ihren Kornfeldern und Forsten legten sie oft Feuer an.

Ganze Gemeinden wurden gegen die schwarze Rotte aufgeboten, aber ohne Erfolg. Lange blieb der Schlupfwinkel, der diese Nachtmenschen und ihre schwarzen Begleiter aufnahm, unentdeckt. Der gröste Theil derer, die sie verfolgen sollten, fürchtete sie als wirkliche Teufel, oder als Verbündete der Hölle. Die Landleute, die ihnen näher wohnten, ahneten die Wahrheit der Sache, und vermutheten den Hölenbewohner Nimmernüchtern als Anführer der schwarzen Rotte. Aber diese sahen sie nicht ungern in ihrer Nachbarschaft, weil sie nicht allein die Hütten des Volks verschonten, sondern sie auch, durch die weitverbreitete Furcht, gegen die Streifzüge und Bedrückungen der Raubritter schirmten, die seit Jahrhunderten das Eigenthum der Mindermächtigen als ihre Beute betrachteten. Auch sahen manche in dieser Räuberrotte eine Geissel des Himmels, um jenen Räubern das Vergeltungsrecht wiederfahren zu lassen.

Aber Jakob und seine Söhne wurden, durch den häufigen Genuß berauschender Getränke und des rohen Fleisches, durch den steten Anblick gewürgter und zerrißner Thiere, und durch die immer wiederkehrenden Entwürfe der Rache, wovon sie einzig nur sprachen, immer raubsüchtiger, blutdürstiger und tigerartiger, gleich ihren Hunden.

Sie wurden förmliche Straßenräuber, und wagten es endlich, sich auch am Tage auf den Heerstraßen zu zeigen, die durch die „goldne Aue“ führen, und jeden Vorbeireisenden, bei dem sie Geld oder Kaufmannswaare vermutheten, ohne Unterschied des Standes, zu berauben, und, bei dem geringsten Widerstande, zu ermorden. Aber dieser Eingriff in das Handwerk brachte die Raubritter, die damals rings um die goldne Aue her, auf der Quästenburg, der Rothenburg, dem Kyffhaus, der Sachsenburg u. s. w. hauseten, in Wuth. Sie verbanden sich zum förmlichen Kriege gegen die schwarze Rotte; und diese, durch Uebermacht geschreckt, sah sich genöthigt, das offenbare Rauben jenen zu überlassen.

Sie kehrten zu dem alten Kunstgriff zurück, des Nachts als Teufel zu erscheinen, und verübten, in ihrem Wahnsinn, einige Zeit viele Abscheulichkeiten, selbst in den Häusern des Landvolks in der goldnen Aue.

Aber hier fanden sie Anbauer aus den Niederlanden, Fläminger, die sich in diesem fruchtbaren Thal niedergelassen hatten, und welche in den verkappten Teufeln bald Menschen erkannten. Hier wurde die schwarze Rotte, einst in einem Hause, wohin man sie zu locken gewußt hatte, gefangen. Man hatte in ihm eine leicht bedeckte Fallgrube zugerichtet, in welche die Betrunkenen stürzten, und so der eindringenden Schaar nicht entkommen konnten.

Vor seiner Hinrichtung mußte Jakob seinen Richtern und dem herzuströmenden Volk seinen lange verborgenen Aufenthalt zeigen. Man fand hier die drei schwarzen Pferde der Räuber an ihrer Krippe. Und noch jetzt heißt davon die halb verschüttete Höle: Nimmernüchterns Pferdestall.


  1. Auf dem Kyffhäuser-Berge, der die goldne Aue beherrscht.