Lora, die Göttin der Liebe

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Textdaten
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Autor: Johann Karl Christoph Nachtigal
unter dem Pseudonym Otmar
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Titel: Lora, die Göttin der Liebe
Untertitel: Hohensteinische Volks-Sagen
aus: Volcks-Sagen, S. 75-78
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1800
Verlag: Wilmans
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Erscheinungsort: Bremen
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Quelle: Google und Commons
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Lora,
die Göttin der Liebe.

Lora,[1] die Göttin, gab der Bergveste Lora den Namen. Sie wurde, ehe Karl, der Sachsenbändiger, und sein Bekehrer Winfrid die unterjochten Harzbewohner tauften, von den Sachsen dieser Gegend mit großer Theilnahme verehrt. Ihr war ein großer, schauerlicher Wald geweiht, dessen Ueberreste noch jetzt den Denker fast unwillkührlich in die dämmernde Vorwelt hinüberzaubern. Jetzt erinnern daran, ein beschränktes Gehölz, der Aufenthalt von zahllosen Vögelschaaren, die Ruhensburg genannt, zwischen dem Reinharts-Berg, Bleicherode, und der Burg Lora, und einige getrennte Feldhölzer, zwischen denen nun gutgebaute Dörfer, von der Wipper benetzt, die reizende Gegend, welcher der Brocken zum fernen Hintergrund dient, beleben.

In diesem Walde opferten einst die Jünglinge der Göttin Lora, im Spätjahr, die Erstlinge der Jagd. Und im Frühling brachten die Jungfrauen, unter frohen Gesängen, der Göttin Blumenkränze dar. Mit dem schönsten Kranze schmückte dann der Oberpriester Lora’s feierlich das Haupt des Mädchens, das sich durch weibliche Tugenden, durch standhafte Liebe, und durch ausdauernde Treue gegen den Geliebten, ausgezeichnet hatte.

In der Mitte des Berges, auf dem man vorzüglich Lora verehrte, entsprang eine Quelle, zu der unglücklich Liebende, besonders Jungfrauen, denen der Tod ihren Geliebten entriß, wallfahrteten, um hier Ruhe und Vergessenheit zu trinken. Auf dem Gipfel dieses Berges baute eine edle Jungfrau der Sachsen, deren Verlobter in einer Schlacht gegen die Franken das Leben verlor, die Ruhensburg, wovon der Hain noch jetzt den Namen führt. Ruhensburg nannte sie den Ort, weil ihr Lora in diesem Haine einen neuen, ihrer würdigen Geliebten sandte, dessen Liebe die Trauernde tröstete, und ihrem Herzen die langentbehrte Ruhe wiedergab.

Aber, furchtbar war dieser heilige Wald den Untreuliebenden. Hier büßte Hermtrud ihren Frevel mit dem Leben. Sie war mit Eilgern, einem edeln sächsischen Jüngling, verlobt. Kampf für das Vaterland entriß ihn ihren Armen; und ihm schwur sie, bei der Trennung, mit erheuchelten Thränen, ewige Treue. Aber, wenige Tage nachher sah Lora die Schwur- und Pflicht-Vergessende in Herrmans Armen. Die Strafbaren hatten sich in den „Buchen“, einem Gehölz unfern der Ruhensburg, versteckt. Hier schreckte Lora sie auf, durch einen Hirsch, der das Dickigt rauschend durchbrach. Und Hermtrud floh, und betrat, ohne Besinnung, Lora’s heiligen Hain. Der Berg erbebte, und die Erde spie Flammen aus, welche die Unglückliche verzehrten. Die Priester eilten hinzu, sammelten Hermtrudens Asche, und begruben sie in einem kleinen Thale am Fuß des Berges. Hier hört man noch jetzt in der Dämmerung das klägliche Winseln der Treulosen, das Untreuliebende warnt, den Hain zu betreten.

Winfrid, das Schrecken der Götter der Sachsen, zerstörte mit seinen Genossen auch die Ruhensburg; denn, verschwunden war jetzt Lora’s Macht. Folgende Rache erschöpfte ihre letzten Kräfte. Ohnweit des Reinhartberges ereilte sie Winfrid, den Siegprangenden, und – Wagen und Pferde blieben plötzlich in tiefem Schlamm stecken. Und er wäre hier von der Erde verschlungen, hätte ihn nicht das Gebet zu der heiligen Jungfrau gerettet. Zum Andenken dieser Gefahr errichtete er drei Kreuze, die noch jetzt an dem Orte zu sehen sind, wo die Erde ihren Schlund gegen ihn aufthat, und weihte „in seinem Elende bei Lora’s Walde“ der Maria eine Capelle. Noch jetzt heißt davon der Ort: „Elend.“


  1. Oder, nach einer andern provinziellen Aussprache, Lara.