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Jochem Ochs

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Textdaten
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Autor: Ulrich Jahn
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Titel: Jochem Ochs
Untertitel:
aus: Schwänke und Schnurren aus Bauern Mund, S. 54–59
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: [1890]
Verlag: Mayer & Müller
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Erscheinungsort: Berlin
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Russische Staatsbibliothek = Commons; E-Text nach Digitale Bibliothek, Band 80: Deutsche Märchen und Sagen
Kurzbeschreibung:
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[54]
Jochem Ochs.

Es waren einmal ein Paar Bauersleute, die hatten keine Kinder, und so sehr sie auch den lieben Gott darum baten, er schenkte ihnen keins. Da kalbten eines Tages zwei schöne Kühe des Bauern zu gleicher Zeit, und als er die Kälberchen so ansah, kam ihm der Gedanke:

„Wie wär’s, wenn du die Tierchen an Kindes Statt annehmen würdest!“

Er rief Muttern herbei, und da diese sich mit der Sache einverstanden erklärte, so wurde Kindelbier gefeiert, und die beiden Kälber wurden Jochem und Krischan genannt. Sie wuchsen und gediehen, daß es eine Freude war, die Sache mit anzusehen. Doch Jochem schien der Bäuerin besser geraten zu wollen, als Krischan; deshalb hing ihr Herz an ihm. Und als die Tiere drei Jahre alt geworden waren und der Bauer sie vor den Pflug spannen wollte, sprach sie darum:

„Wie kann ein Vater seinen Kindern so thun? Und wenn es noch Krischan wäre! Aber Jochem ist zu gut zum Ziehen.“

[55] Doch der Bauer dachte: „Wenn’s auch deine Söhne sind, lernen müssen sie etwas,“ wischte aus dem Auge eine Thräne und fuhr mit den Ochsen zu Acker.

Als er die erste Furche gezogen hatte und den Pflug umdrehen wollte, sah er am Grenzrain unter dem Baume fünf junge Herren sitzen, die thaten sich gütlich bei Brot, Braten und Wein.

„Heda, Bauer,“ rief einer von ihnen, „will er auch ein Glas Wein mittrinken?“

„Recht gern, liebe Herren,“ antwortete der Bauer, ging hin und trank einen guten Schluck; dann fuhr er fort: „Was habt Ihr denn für ein Handwerk gelernt?“

„Wir sind Studenten,“ sagten die Herren.

„Ach, das ist gewiß ein schönes Leben!“ meinte der Bauer.

„Ja, das ist es,“ sprachen die Studenten, „es ist sogar das schönste Leben!“

„Ich bin wohl schon zu alt dazu?“ fragte der Bauer weiter; und als die Studenten gesagt hatten, mit ihm ginge es nicht mehr, fuhr er fort und sprach: „Was meint Ihr aber, werte Herren, sollten meine beiden angenommenen Söhne das Studieren wohl noch lernen? Von Jochem hält Mutter immer so große Stücke und meint, es sei Sünd’ und Schande, daß er in dem Pflug gehen und den Acker bestellen müsse. Krischan ist nicht so gut geraten.“

Als die Studenten merkten, daß es dem Bauer Ernst sei mit seiner Rede, sprachen sie zu ihm:

„Ei, warum sollte Jochem nicht ein Student werden können, wir sind es ja auch!“

[56] „Nun, dann nehmt ihn gleich mit!“ antwortete der Bauer froh.

„Nein, lieber Bauer, so geht das nicht,“ entgegneten die Studenten, „erst müssen wir sehen, ob auf der hohen Schule auch noch Platz für ihn ist. Und dann kostet das Studieren Geld. Vierhundert Thaler und einen Wispel Kartoffeln und einen Wispel Gerste muß er schon daran wagen.“

„Das will ich gerne thun,“ versetzte der Bauer.

Da sprachen die Studenten, sie würden ihm schreiben, wenn Jochem ankommen könne, sagten ihm lebewohl, drückten ihm auch noch zum Abschied die Hand, und dann machten sie, daß sie in die Stadt zurück kamen. Dort setzten sie einen großen Brief auf, darin schrieben sie dem Bauern, Jochem sei angenommen und könne ein Student werden, er möge ihn nur bald bringen. Da spannte der Bauer den großen Wagen an und lud einen Wispel Gerste und einen Wispel Kartoffeln darauf, dann steckte er vierhundert Thaler in die Tasche und fuhr in die Stadt; Jochem und Krischan trotteten hinterher.

„Guten Tag, Ihr Herren,“ sagte er zu den Studenten, „hier ist mein Jochem! Den Krischan habe ich auch mitgebracht, damit sich das arme Kind nicht zu sehr nach Muttern bangt.“

„Hat er auch das Geld nicht vergessen?“ sprachen die Studenten.

„Wie werd’ ich das Lehrgeld zu Hause lassen!“ antwortete der Bauer und zählte die vierhundert Thaler auf den Tisch.

Darauf wurden der Wispel Gerste und der Wispel [57] Kartoffeln abgeladen; und nachdem der Bauer sich noch schön bei den Studenten bedankt hatte, daß sie Jochem auf die hohe Schule verholfen, und als er erfahren hatte, übers Jahr könne er einmal nachfragen, was aus seinem Jungen geworden sei, stieg er wieder in den Wagen und fuhr auf das Dorf zurück. Die Studenten aber verkauften Jochem und Krischan an den Schlächter und die Gerste an den Bierbrauer, die Kartoffeln behielten sie für sich; von den vierhundert Thalern jedoch und dem Gelde, das sie für die Ochsen und die Gerste bekommen hatten, lebten sie ein ganzes Jahr hindurch lustig in Saus und Braus.

Als das Jahr zu Ende gegangen war, sprach der Bauer wieder in der Stadt vor, um seine Kinder zu besuchen.

„Er ist ein gutes Vierteljahr zu spät gekommen,“ sagten die Studenten, „Krischan hat die Stadtluft nicht vertragen können und ist gestorben.“

„Ach, was frag’ ich nach Krischan,“ antwortete der Bauer, „was mein Jochem macht, will ich wissen!“

„Der hat schon ausstudiert,“ erwiderten die Studenten, „und ist in der nächsten Stadt Bürgermeister geworden.“ Das sagten sie aber, weil dort wirklich ein Bürgermeister war, der Jochem Ochs hieß.

„Und das schreibt mir der Schlingel nicht einmal!“ rief der Bauer voll Zorn. „Hab’ ich das schwere Geld an ihn gewagt, und nun ist er so! Na, warte nur, Junge, dir werd’ ich’s besorgen!“

Dann lief er spornstreichs nach Hause, nahm einen neuen Strang mit sich und die gute dreifachgeflochtene [58] und mit schwarzem Leder überzogene Peitsche und ging damit in die Stadt, wo Jochem Ochs Bürgermeister war.

„Wohnt der Schlingel, der Bürgermeister Jochem Ochs, hier?“ fragte er den Nachtwächter, als er zum Rathaus gekommen war.

„Ist er des Teufels!“ antwortete der Nachtwächter. „Wenn das unser Bürgermeister hört, so läßt er ihn in Ketten legen und bringt ihn an den Galgen.“

„Das fehlte noch gerade!“ schalt der Bauer, stieß den Nachtwächter beiseite und ging die Treppe hinauf in des Bürgermeisters Zimmer. Da saß er und hatte ein Paar große Vatermörder umgebunden und fuhr den Bauer strenge an, daß er so ohne weiteres in sein Zimmer gedrungen sei. Doch der Bauer verstand keinen Spaß.

„Du nichtsnutziger Lümmel!“ rief er zornig, „kannst du deinem alten Vater, der dich studieren ließ, nicht einmal einen guten Morgen bieten?“

Dann warf er dem Bürgermeister den neuen Strang über den Nacken, zog ihn vom Stuhle herab und schlug mit der dreifach geflochtenen Peitsche auf ihn ein, daß ihm Hören und Sehen verging.

„Jetzt kommst du mit nach Hause; und da mag Mutter sagen, was sie will, du wirst wieder vor den Pflug gespannt! Vierhundert Thaler für ihn bezahlt, und dann schreibt er noch nicht einmal und wird Bürgermeister und bietet seinem alten Vater keinen guten Morgen!“ Und indem er das sprach, schlug er unaufhörlich auf ihn ein.

Der Bürgermeister schrie, als wenn er am Spieße stäche, aber es kam niemand, ihm zu helfen; und da der [59] Bauer immer von vierhundert Thalern redete, die er für ihn ausgegeben, rief er in seiner Angst:

„Ich will Euch ja gerne die vierhundert Thaler wieder geben.“

„Das ist etwas anderes,“ antwortete der Bauer, „dann magst du meinetwegen im Amte bleiben; aber mein Sohn bist du nicht mehr.“

Der Bürgermeister war froh, daß ihm der Bauer den Strang abnahm und die Peitsche in Ruhe ließ, lief zum Geldschrank und zahlte die vierhundert Thaler auf den Tisch. Der Bauer strich das Geld ein, gab ihm noch zu guter Letzt einen Hieb mit der Peitsche, daß er daran denken konnte, und ging, ohne ein Wort zu sagen, aus dem Rathaus heraus und kehrte auf seinen Hof zurück.

„Mutter,“ sagte er, als er dort war, „wenn ein Ochse erst ein großer Herr wird, dann kennt er seinen eigenen Vater nicht mehr. Unser Jochem ist Bürgermeister geworden, trägt zwei Vatermörder und bot mir nicht einmal einen guten Morgen. Aber ich habe ihm die Peitsche zu schmecken gegeben; da rückte er wenigstens die vierhundert Thaler heraus.“

„Das ist doch noch ein Trost, Vater,“ antwortete die Bäuerin, „aber soviel weiß ich, wir lassen nie wieder einen Ochsen studieren und Bürgermeister werden.“