Jude und Dichter

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Autor: Max Ring
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Titel: Jude und Dichter
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aus: Die Gartenlaube, Heft 3, S. 37, 38–39
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1866
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Eine Erinnerung an Daniel Leßmann
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Die Gartenlaube (1866) b 037.jpg

Leßmann am Sarge seiner Braut.

[38]
Jude und Dichter.
Eine Erinnerung an Daniel Leßmann.


Vor einem ansehnlichen Hause in Berlin, welches, einem reichen Rentier gehörte, stand der junge Doctor der Medicin Daniel Leßmann und blickte zu demselben mit forschenden Blicken hinauf. Bald bemerkte er an dem Fenster der ersten Etage einen reizenden Mädchenkopf, der freundlich seinen ehrerbietigen Gruß erwiderte und sich dann erröthend wieder schnell zurückzog, worauf der Herr Doctor mit einem zufriedenen Lächeln seinen Weg fortsetzte und seine nicht eben allzu zahlreichen Patienten besuchte. Sobald er von der keineswegs lohnenden Praxis in seine Wohnung zurückgekehrt war, ergriff er die geliebte Feder und schrieb nicht sein Krankenjournal, sondern ein glühendes Lied an die Geliebte, jenen feurigen Dithyrambus, der später unter dem Titel „Venus Amathusia“ im Druck erschienen ist. Wie der Regimentschirurgus Schiller, war auch Leßmann Militärarzt gewesen und hatte in den Befreiungskriegen sich in seinem Berufe ausgezeichnet. Bei Lützen, verwundet, hatte er nach seiner Genesung die Leitung eines Lazarethes übernommen. Unter den patriotischen Frauen und Mädchen, die sich in jener Zeit der Pflege der Verwundeten und Kranken widmeten, hatte er die liebenswürdige und geistvolle Marie, die Tochter eines vermögenden Berliner Hausbesitzers, kennen und, was dasselbe war, auch lieben gelernt. Sie erwiderte seine Neigung und der junge Arzt erwartete mit Ungeduld den Frieden, um sich mit der Geliebten seines Herzens zu verbinden, indem er auf seine wohlverdiente, mit seinem Blute theuer erkaufte Beförderung sicher rechnete.

Aber der Friede kam und Leßmann’s Hoffnungen gingen nicht in Erfüllung. Der junge Arzt erhielt statt der erwarteten Beförderung seinen unerwarteten Abschied, nicht weil er unfähig oder untüchtig, sondern einzig und allein weil er – ein Jude war. Wie Hunderte von seinen armen Glaubensgenossen, war auch er begeistert bei dem ersten Auflodern des Volksgeistes in den Freiheitskampf geeilt, hatte er freiwillig Blut und Leben dem Vaterlande geweiht, an der Seite seiner christlichen Brüder muthig geduldet und gestritten und jedes Opfer der großen, heiligen Sache dargebracht. Wie die Meisten seines Volkes glaubte er, mit seinem Blute das alte Vorurtheil auszulöschen und sich das Bürgerrecht mit dem Einsatz seines Lebens zu erkaufen; wie sie, hoffte er auf eine neue Zeit, wo die Schranken schwinden, die mittelalterlichen Bande zerreißen und der Geist der Liebe die finsteren Satzungen der Kirche und des Staates für immer stürzen würde. Aber wie Hunderte von seinen Glaubensgenossen sah er sich schmerzlich getäuscht und in seinen Erwartungen betrogen.

Kaum war der Kampf beendet, so erhob sich das Gespenst der Reaction und spottete der höchsten Begeisterung. Die Völker wurden, nachdem sie ihre Fürsten gerettet, zur Ruhe verwiesen oder mit leeren und eitlen Worten vertröstet, die heiligsten Versprechungen und Eide nicht beachtet, die Mahnungen des Gewissens mit frivolen Festen und militärischem Schaugepränge übertäubt. Jede Erinnerung an die glorreiche Vergangenheit galt für ein Verbrechen, und jedes Verlangen nach Freiheit wurde von den Dienern und Werkzeugen der Macht zum Hochverrath gestempelt; die muthige Jugend, welche der allgemeinen Enttäuschung und Entrüstung Worte lieh, sah sich verfolgt, geächtet und von Kerker zu Kerker geschleppt. Auch die Hoffnungen der jüdischen Bevölkerung gingen zu Schanden. Nach wie vor lastete auf ihr der alte Fluch des Vorurtheils, fand sie sich in die kaum gesprengten Fesseln von Neuem geschlagen, mußte sie wieder ihren gerechtesten Forderungen und Ansprüchen entsagen. Unter nichtigen Vorwänden wurden die jüdischen Krieger gleich nach beendigtem Feldzuge entlassen, die Officiere ohne Pension nach Hause geschickt, die Beamten ohne jede Entschädigung verabschiedet. Dazu kam noch, daß das frühere Vorurtheil mit erneuerter Kraft sich regte, als die läuternde, alle Stände und alle Religionen zu einem heiligen Bund verschmelzende Flamme der Begeisterung erloschen war.

Unter diesen Verhältnissen sah sich auch der arme Daniel Leßmann gezwungen, wenn auch nicht auf seine Liebe zu verzichten, doch seine beabsichtigte Verbindung vorläufig noch zu verschieben. Er wollte erst sich durch seine Kenntnisse und seine anerkannte Tüchtigkeit eine unabhängige Stellung erwerben und dann die Hand der Geliebten von ihrem Vater verlangen. Vier Jahre waren seitdem vergangen, aber er sah sich noch immer von seinem Ziele fern, da es in Berlin nicht an Aerzten fehlte und er nicht die Fähigkeit besaß, durch die bekannten Kunstmittel und Schleichwege so vieler seiner Collegen zur Praxis zu gelangen. Indeß gab er die Hoffnung nicht auf; er vertraute auf seine wissenschaftliche Tüchtigkeit und auf die Treue der Geliebten, die trotz aller Hindernisse nicht wankte und nicht von ihm ließ.

Aber noch eine Trösterin hatte er in jenen trüben Tagen in sich selbst gefunden – die Poesie. Die Liebe hatte den dichterischen Funken in ihm geweckt und sein ihm selbst bis jetzt unbekanntes Talent entfaltet, wie das goldene Sonnenlicht die schlummernden Knospen und Blüthen zum Leben ruft. Seine schüchternen Versuche wurden mit Beifall aufgenommen und seine bescheidene Muse erwarb ihm einflußreiche Freunde und Gönner, die ihm wohl wollten. Die Stelle eines jüdischen Hospitalarztes, um die er sich beworben hatte, wurde ihm auf die besondere Verwendung des ihm günstig gesinnten Vorstehers zuerkannt und der damit verbundene mäßige Gehalt setzte ihn jetzt in den Stand, sein Hauswesen zu begründen und um die Hand der Geliebten anzuhalten. Mit klopfendem Herzen trat er vor ihren Vater und brachte seine Werbung an. Er war auf Widerstand gefaßt, da die Eltern seiner Marie nicht frei von dem allgemeinen Vorurtheile und außerdem noch stolz auf ihren Reichthum waren. Aber er wußte, daß sie ihre einzige Tochter über Alles liebten, jeden ihrer Wünsche zu erfüllen suchten, und er rechnete daher auf die wenn auch immer zögernde und bedingte, Einwilligung des Vaters, auf die Zustimmung der ihm sonst geneigten Mutter. Seine Voraussetzungen erwiesen sich jedoch auch hier als eine bittere Täuschung; er wurde zurückgewiesen und zwar in einer Weise, die ihn doppelt verletzen, ihm für immer jede Hoffnung rauben mußte. Jude und Dichter – das war es, was man ihm zum Vorwurf, fast zum Verbrechen machte. Es war eine unverzeihliche Vermessenheit, daß ein Jude, ein armer Dichter, es wagte, seine Augen zu einer Christin, zu der Tochter eines reichen und angesehenen Rentiers, emporzuheben. Das grenzte an Wahnsinn, wenn es nicht noch etwas Schlimmeres war. Vergebens bat und flehte die treue Marie, umsonst beschwor sie ihre Eltern, gestand sie ihnen ihre heiße, unerschütterliche Liebe, erklärte sie, nie einem anderen Manne [39] anzugehören; ihre Eltern blieben hart wie Stein und ließen sich weder von ihren Bitten, noch von ihren Schwüren rühren. Mit gebrochenem Herzen schieden die Liebenden, welche das Vorurtheil gewaltsam auseinanderriß und der Glaube trennte.

Trotzdem Daniel Leßmann ein Jude war, stand er, wie die Mehrzahl seiner gebildeten Glaubensgenossen, durchaus auf dem Standpunkte einer in Wahrheit christlichen Weltanschauung und Gesittung, das heißt, auf dem Standpunkte der reinsten Duldung und Liebe, indem er vollkommen den großen Fortschritt anerkannte, der mit Jesu Lehren und Beispiel in die Welt gekommen. Zugleich aber verschloß er seine Augen nicht vor den Mißbräuchen der sogenannten christlichen Kirche. Vielleicht ein besserer Christ, als Viele, die diesen Namen führten, konnte er sich eben deshalb nicht zur Taufe entschließen. Auch hielt er es für schimpflich, die Fahne seiner Glaubensbrüder in dem Augenblick zu verlassen, wo sie neue Bedrückungen erwarteten, noch schimpflicher aber erschien ihm der Uebertritt zu einer anderen Confession um irdischer Vortheile willen. Aus diesen Gründen blieb er der Religion seiner Väter treu und brachte dieser seiner Ueberzeugung das größte Opfer – seine Liebe, dar.

Zugleich aber verließ er Berlin, indem er auf die ihm angebotene Stelle eines jüdischen Hospitalarztes verzichtete. Mit glänzenden Empfehlungen versehen, begab er sich zunächst nach Wien, wo er längere Zeit in dem Hause des Grafen O’Donnel eine seinem Wissen und seiner Bildung angemessene Stellung als Erzieher von dessen Kindern fand. Sein dichterisches Talent, seine angeborene Liebenswürdigkeit eröffneten ihm die besten und vornehmsten Kreise, aber die Gesellschaft hatte keinen Reiz für ihn, er konnte die Geliebte und seinen Schmerz um sie nicht vergessen. Unter dem blauen Himmel Italiens suchte er Genesung für sein krankes Herz, Trost und Heilung in dem Anblick der Schönheit, die ihm verkörpert in den Meisterwerken der Kunst und Poesie eines hochbegabten Volkes entgegentrat. Auch die wieder erwachte neuere Literatur des jungen Italiens, die Vorläuferin der nachfolgenden politischen Bewegung, zog ihn mächtig an, vor Allem das Talent Manzoni’s, dessen berühmten Roman „die Verlobten“ er meisterhaft in’s Deutsche übertrug und seinen Landsleuten erschloß. Seine eigene Schöpferkraft wurde wieder angeregt und er entwarf oder schrieb auf dem classischen Boden der Geisterheimath eine Reihe von Novellen, welche mit Unrecht vergessen worden sind, da sie viele berühmte und vielbändige Romane der Gegenwart durch Tiefe der Empfindung, Feinheit des psychologischen Blicks und Poesie der Sprache bei Weitem übertreffen. Aber Leßmann hatte kein Glück, weder im Leben noch im Tode. Mitten in diesen Beschäftigungen, durch die er den Frieden seiner Seele wieder zu gewinnen hoffte, traf ihn eine Nachricht wie ein jäher Blitz aus heiterem Himmel. Marie, die unvergeßliche Geliebte seines Herzens, war erkrankt, verzehrt von Sehnsucht und Gram um den Abwesenden. Die Berliner Aerzte hatten die Ursache ihrer Leiden, eines langsamen Dahinschwindens, richtig erkannt und den betrübten Eltern die Wiedervereinigung mit dem Geliebten als das einzige, wenn auch zweifelhafte Mittel zu ihrer Rettung und zur Erhaltung ihres bedrohten Lebens angerathen.

Jetzt schrieb ihm selbst der harte Vater und bat ihn, so schleunig wie möglich zurückzukehren, um die zärtlich geliebte Tochter dem sicheren Tode zu entreißen; jetzt flehte die arme Mutter ihn mit den rührendsten Worten an, Alles zu vergessen und das theuere Leben ihres Kindes zu retten. Aber zugleich beschworen sie ihn, noch immer von dem alten Vorurtheil erfüllt, seine Religion zu verlassen und das Christenthum anzunehmen, da sich sonst der von ihnen nun selbst gewünschten Verbindung unüberwindliche Schwierigkeiten auch von Seiten der staatlichen Gesetze und Einrichtungen entgegenstellen möchten. Unter diesen Umständen glaubte Leßmann seinen Widerstand aufgeben zu müssen, da ihm ohnehin die Formen der Religion gleichgültig schienen. Dennoch entschloß er sich nur ungern zu dem ihm zugemutheten Schritt, mit allen Erinnerungen seiner Jugend zu brechen und die vielfachen Wurzeln, welche ihn noch immer mit dem Glauben und der Ueberlieferung seiner Väter verbanden, gewaltsam zu zerreißen. Aber die Liebe forderte das Opfer; seine sterbende Braut streckte verlangend ihre Hände ihm entgegen, und er schwankte nicht länger. Leßmann wurde Christ, nicht um einen irdischen Vortheil zu erreichen, sondern aus reinster, hingebendster Liebe.

Ohne Aufenthalt eilte er nach Berlin zurück, fortwährend umschwebt von dem Bilde der kranken Braut, schwankend zwischen seliger Hoffnung und banger Furcht. Ohne Ruh und Rast stürmte er bei Tag und Nacht, von einer inneren Angst getrieben, seinem Ziel entgegen, bis er es erschöpft und todesmüde endlich erreichte. Mit bebenden Knieen stürzte er nach dem ihm bekannten Hause, eilte er die Treppe hinauf. Sein Herz drohte zu springen, seine Glieder zitterten, und er mußte sich vor Erregung und Schwäche an der Thürpfoste halten. Niemand kam ihm entgegen, Keiner begrüßte den heimgekehrten Wanderer. Eine furchtbare Ahnung stieg in seiner Seele auf. Wenn er doch zu spät gekommen, wenn Marie –

Er wagte den entsetzlichen Gedanken nicht auszudenken, indem er seiner eigenen Furcht zu spotten versuchte. Noch stand er auf der Schwelle, die er nicht zu überschreiten den Muth hatte, um zu lauschen. Alles still, todtenstill!

Länger duldete es ihn nicht, mit einer gewaltsamen Anstrengung riß er sich aus seiner Schwäche auf und öffnete die Thür. Sein Blick fiel auf einen schwarzen Sarg und mit einem lauten Schrei sank er zu den Füßen der todten Marie. Sie war an demselben Morgen, wo er heimgekehrt, ihren Leiden erlegen, ihr letztes Wort, ihr letzter Hauch war sein Name gewesen! Und nun lag sie im weißen Kleide da, eine bleiche, vom Sturm geknickte Lilie, mit verklärten Zügen, die Hände auf der Brust gefaltet, das blonde Haar mit dem jungfräulichen Myrthenkranz geschmückt, Beide der vorzeitigen Verwesung geweiht, eine Beute des Grabes, ehe sie geblüht und Frucht getragen. Mit heißen Thränen benetzte der Unglückliche ihre bleichen Wangen, küßte er den selbst im Tode noch lächelnden Mund. Wie in einen Nebel gehüllt erblickte er dann die gebeugten Eltern, wie im Traume hörte er sie sprechen, klagen und weinen, schwankte er an ihrer Seite nach dem Kirchhof, sah er, wie der Sarg mit der Leiche der Geliebten in die dunkle Tiefe sank, wie Scholle auf Scholle niederfiel und der Hügel sich emporwölbte, der sein Glück, sein Leben, sein Höchstes barg. –

Daniel Leßmann lebte noch mehrere Jahre nach dem Tode seiner Geliebten in Berlin; er starb nicht gleich an gebrochenem Herzen, was auch lange nicht so häufig vorkommt, wie manche empfindsame Leute glauben oder Andern glauben machen wollen. Er verkehrte sogar wieder mit der Welt, die ihn für einen Sonderling hielt; er besuchte Gesellschaften, in denen er sich langweilte, und schrieb Bücher, die zu ihrer Zeit zwar gelesen, von der Kritik gelobt, aber vom Publicum nicht gekauft wurden, so daß es ihm schwer wurde, einen Verleger für seine Arbeiten zu finden. Allerdings hatten diese den Fehler, poetisch zu sein, während in jenen flachen Tagen die sogenannten Gebildeten und besonders die Damen für die Prosa des damals sehr berühmten und jetzt ebenfalls vergessenen Herrn Clauren schwärmten, dessen „Vergißmeinnicht“ lustig in dem Sumpf der Reaction blühte, während die Novellen und Romane des armen Leßmann ein ebenso kümmerliches Dasein wie ihr Verfasser führten und nicht in dem Moder jener corrumpirten Gesellschaft Wurzel fassen wollten. Außerdem waren seine Erzählungen meist so traurig und endeten fast immer ohne Hochzeitsschmaus, so daß die Leser sie, wie man zu sagen pflegt, gewöhnlich „unbefriedigt“ aus der Hand legten. Auch „das Tagebuch eines Schwermüthigen“ schreckte schon durch seinen bloßen Titel zurück und war leider mit dem Herzblut des Dichters geschrieben. Kurz, der arme Leßmann hatte kein Glück, weder in der Liebe, noch in der Literatur, und Niemand kümmerte sich viel um ihn.

Nur noch einmal wurde sein Name genannt, als er nämlich eines Tages aus dem Wege nach Leipzig zwischen Kroppstädt und Wittenberg an einem Baum hängend gefunden wurde. In den Taschen seines abgetragenen Ueberziehers steckte kein Geld, aber ein Manuscript, das er vergebens verschiedenen Buchhändlern angetragen hatte; auf seiner Brust ruhte eine goldene Kapsel mit einer blonden Locke vom Haupte der todten Marie.

Max Ring.