Junggesellen im Alterthum

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Autor: Otto Schantz
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Titel: Junggesellen im Alterthum
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 52, S. 888–890
Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1889
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Junggesellen im Alterthum.

Von Dr. Otto Schantz.

Die Frage nach den Gründen der heutigentages in so erschreckender Weise zunehmenden Ehelosigkeit ist in letzter Zeit mehrfach Gegenstand lebhafter Erörterung gewesen, und es wurde die Schuld zumeist, wie es recht und billig ist, gleichmäßig sowohl auf die schönere als die minder schöne Hälfte der Erdenbewohner vertheilt, so daß sich keine der in Frage kommenden Parteien beklagen kann. Daß aber diese Erscheinung keineswegs eine Eigenthümlichkeit unseres Jahrhunderts ist, sondern daß dieselbe vielmehr schon im grauen Alterthum die sorgfältige Erwägung scharfsinniger Gesetzgeber herausgefordert hat, erhellt aus einer lateinischen Festschrift der Gießener Universität aus dem Jahre 1827, welche die Stellung der Junggesellen bei den Alten wissenschaftlich erörtert, und aus deren Inhalt an dieser Stelle einiges in Kürze wiederzugeben vielleicht nicht uninteressant ist.

Schon der weise Sokrates erwiderte einem jungen Manne auf die Frage, ob er heirathen solle oder nicht: „Was Du auch von beiden Dingen thun magst, wirst Du bereuen; auf der einen Seite drohen Dir beständiger Aerger, eine Kette von Zänkereien, Streit wegen der Mitgift, unbequeme Vetterschaft, die böse Zunge der Schwiegermutter“ – ich bitte um Entschuldigung, aber es sind des rücksichtslosen Sokrates eigene Worte! – „und die unsichern Lebensaussichten der Kinder.“ Im selben Sinne äußerte sich Sokrates in folgendem Worte: „Welche von allen Menschen empfinden am meisten Reue? Die Verheiratheten!“ Und der alte attische Komödiendichter Susarion sagt in einem erhaltenen Bruchstücke seiner Komödien:

„Merkt auf ihr Bürger! Dieses spricht Susarion,
Der Sohn Philinos’, von der Insel Megara:
Ein Uebel sind die Weiber zwar; jedoch man kann
Gleichwohl nicht häuslich leben ohne dieses Uebel.
Die Eh’ ist schlimm, doch auch die Ehelosigkeit!“

Nach diesen für der Menschheit zarteren Theil so wenig schmeichelhaften Zeugnissen beeilt sich der würdige Gelehrte, dem ich in diesen Ausführungen folge, mit löblicher Galanterie sofort hinzuzufügen, daß diese Aussprüche nur harmlose Bosheit des Volksmundes seien, und daß der biedere Sokrates dies nur im Scherze gesagt haben könne, da er ja an vielen andern Stellen sich als eifriger Vertreter der Ehe erweise, was ihm um so höher anzurechnen sei, als ihm an der Seite seiner edlen Gattin Xanthippe durchaus nicht das rosigste Eheglück beschieden gewesen sei.

Daß ferner bei den alten Griechen und Römern das Institut der Ehe ein hohes Ansehen genoß, bestätigt der sorgliche Schutz, welcher in der Gesetzgebung der Ehe zu theil wird, die überhaupt als die Grundlage des gesammten staatlichen Lebens allerorten anerkannt wird.

Lykurgos und Solon, die beiden größten Gesetzgeber des griechischen Alterthums, widmen der Ehe große Aufmerksamkeit, und nicht minder die beiden hervorragendsten Philosophen Platon und Aristoteles in ihren theoretischen Schriften über den Staat.

Platon, der zwar in manchen Beziehungen über die Ehe ganz bedenklichen Anschauungen huldigt, erkennt dennoch die hohe Bedeutung derselben bereitwillig an, und bei ihm finden wir bereits den heute so häufig im Scherze auftauchenden Gedanken einer Junggesellensteuer in allem Ernste vertreten. „Wer mit 35 Jahren“, so schreibt er, „noch nicht verheirathet ist, der soll jedes Jahr eine Strafsteuer entrichten, und zwar je nach seiner Vermögensschätzung in Abstufungen von 100, 70, 60 und 40 Drachmen (etwa 70, 49, 42 und 28 Mark, natürlich nach antiken Verhältnissen mindestens das Dreifache im Werthe). Wenn er diese Strafe nicht im Laufe eines jeden Jahres entrichtet, soll er zum 10fachen Betrage verurtheilt werden. Dieser Betrag soll in die Kasse des Tempels der Hera (der Beschützerin der Ehe) fließen, und der Verwalter dieser Kasse hat auf das Beitreiben dieser Steuer unnachsichtlich zu dringen; sonst muß er dieselbe aus der eigenen Tasche bezahlen … So soll jeder, der nicht heirathen will, im Geldpunkte gezwickt werden. Außerdem aber soll er selbst von jüngern Leuten keinerlei Achtung zu beanspruchen haben; keiner von diesen braucht ihm zu gehorchen, und wenn er einen deshalb züchtigen will, so muß jeder Vorübergehende hinzu springen und ihn daran verhindern, wofern er nicht selbst als ein schlechter Bürger dastehen will.“

Das war doch von Platon energisch genug gesprochen. Sein Schüler Aristoteles geht aber noch weiter. Er beantragt Strafe nicht nur gegen die Ehelosen, sondern auch gegen diejenigen, welche bei Schließung der Ehe einen der Hauptgesichtspunkte, wie entsprechende Altersverhältnisse u. dergl., außer acht gelassen haben, weil dies stets zu Unzuträglichkeiten führe.

Man war also, wie wir sehen, in der Theorie darüber einig, daß man zwar die Leute nicht gut mit Gewalt zum Heirathen zwingen könne, daß man aber den Junggesellenstand so unerträglich machen müsse, wie nur eben möglich. Das klassische Alterthum aber ging weiter und übersetzte die Theorie in die Praxis, indem nämlich den Verheiratheten durch das Gesetz eine Menge von Vorrechten eingeräumt wurde, die den Ehelosen versagt blieben.

Betrachten wir uns die dahin zielenden Bestimmungen bei den Hauptvölkern des griechischen Alterthums, den Spartanern und Athenern.

Der Gesetzgeber Spartas, Lykurgos, welcher überhaupt wenig Federlesens zu machen liebte, sprach den Junggesellen eine Reihe von bürgerlichen Ehrenrechten ab und machte sie sogar bei einzelnen Gelegenheiten zur Zielscheibe des allgemeinen Spottes. Niemals konnte aus ihrer Mitte ein Feldherr hervorgehen. An dem achttägigen Feste der Gymnopädien waren sie von dem Anschauen der Knabenspiele ausgeschlossen, mußten aber doch zu den Kosten des Festes erheblich beisteuern. Zudem mußten sie an einem bestimmten Tage im Kreise um den Markt laufen und sich von der Menge des Volkes in derbster Weise verhöhnen oder, wie eine andere Nachricht bekundet, von den Frauen um den Altar schleifen und [890] mit Stöcken prügeln lassen. Welch ein Glück für die Junggesellenschaft, daß heute nicht mehr spartanisches Gesetz gilt!

Dies waren die Schattenseiten eines ehelosen Daseins in Sparta; aber auch das zu späte Heirathen (Opsigamie) wurde gerügt. Ueber das beste Alter gingen die Ansichten der Schriftsteller auseinander, in Wirklichkeit scheint man 30 Jahre beim Mann und 20 bei der Frau als das geeignetste Altersverhältniß angesehen zu haben.

Endlich war auch die unzweckmäßige Heirath (Kakogamie) verpönt. Zum Beispiel wurde der König Archidamos von einem der Ephoren, der Staatsaufsichtsbeamten, getadelt, weil er als großer Mann eine Frau von kleiner Figur geheirathet hatte. Sodann mußte auf Gesundheit geachtet werden, und scharfen Tadel erregte es, wenn man ein reiches, aber schwächliches Mädchen einem armen, doch gesunden und kräftigen vorzog. Als der spartanische Feldherr Lysandros arm gestorben war, da wurden seine Töchter von ihren Verlobten verlassen; aber die eigennützigen Liebhaber wurden von Staatswegen für eine solche Handlungsweise bestraft. Wir sehen, daß die Spartaner in ihrem ungehener praktischen Sinne sich Eingriffe in die persönliche Wahlfreiheit erlaubten, die wir uns heute energisch verbitten würden.

Wir wenden uns nunmehr zu den Athenern, bei denen wir für die rechtliche Stellung der Ehelosen weniger Anhaltspunkte finden, wie schon verschiedene Gelehrte bemerkt haben – sei es, daß es in Athen weniger Junggesellen gab, sei es, daß sich der Staat dieser Frage gegenüber gleichgültiger verhielt. Ein dahin zielendes Gesetz gab es jedenfalls; denn ein späterer Grammatiker, Pollux, berichtet, daß unter den Gerichtstagen in Athen auch einer betreffs der Ehelosigkeit (Agamie) bestanden habe, hingegen keiner, so fügt er hinzu, betreffs zu später und unzweckmäßiger Ehe (Opsigamie und Kakogamie) wie bei den Spartanern. Die Bestrafung der Ehelosigkeit muß nach dem Zeugnisse des Plutarchos auf Solon zurückgeführt werden, scheint aber im Laufe der Zeit eingeschlafen zu sein. Man muß daher, da keiner der Schriftsteller einen Fall erwähnt, in dem jemand wegen Ehelosigkeit in Athen gerichtlich belangt worden wäre, zu dem Schlusse kommen, daß die Athener das Junggesellenthum weniger strafrechtlich verfolgten, als vielmehr bedauernd bemitleideten.

In diesem Sinne äußert sich der Komödiendichter Phrynichos in einem Bruchstück des „Monotropos“ (der Einsame, der Hagestolz), in welchem der „Einsame“ selbst redet:

 „Man nennt mich
Monotropos. Des Timon[1] Leben muß ich leben,
Verkehrlos, bitter, hochzeitslos und unvermählt;
Kein Lachen, kein Gespräch, und voll Verbissenheit!“

Aus dieser Stelle erkennen wir den Unterschied in der Anschauung der Spartaner und Athener. Jene gingen schroff gegen die Ehelosen vor; diese bemitleideten dieselben und gingen sogar so weit, die Ehren, die nur den Verheiratheten zutheil wurden, und die jene im Leben entbehren mußten, ihnen wenigstens im Grabe nicht vorzuenthalten. Es war nämlich Sitte, daß den Neuvermählten am Hochzeitstage von einem Knaben aus der Verwandtschaft Wasser aus der Quelle Kallirrhoe (der „schönfließenden“) zum Bade gebracht wurde. Damit nun die Ehelosen dieser Ehre nicht ganz untheilhaftig seien, wurde die Einrichtung getroffen, daß auf dem Grabmal derselben ein den Weiheguß bringender Knabe dargestellt wurde.

Diese gefühlvolle Anschauung der Athener, welche das Dasein eines Hagestolzen als ein freudenleeres betrachteten und es demgemäß bemitleideten, könnte zu einer sinnigen Vergleichung mit unserer Zeit Anlaß geben, die aber nicht mehr in den Rahmen meiner Aufgabe gehört.

Ich schließe mit der Versicherung, daß die Gesetze der Spartaner in ihrer herbsten Schroffheit meinethalben noch heute bestehen könnten, da ich vor ihnen allen bereits geborgen bin!



  1. Der sehr erbärmlich lebte.