Kalewala, das National-Epos der Finnen/Vierundzwanzigste Rune

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aus: Kalewala, das National-Epos der Finnen
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[144]
Vierundzwanzigste Rune.


     Schon belehret ist die Jungfrau,
Unterwiesen schon das Bräutlein;
Rede noch zu meinen Brüdern,
Sage dieß den Freiersleuten:
„Bräutigam, mein lieber Bruder,
Von den Brüdern du der beste,
Du der Mutterkinder liebstes,
Du der sanfteste der Söhne,
Höre, was ich jetzo sage,

10
Was ich sage, was ich spreche

Über dieses Leinwandvöglein,
Über dein geliebtes Hühnchen!
     „Bräutigam, lob’ du dein Schicksal,
Lobe du was du erhalten,
Lobest du, so lobe kräftig,
Gutes hast du ja gewonnen,
Gutes hat verliehn der Schöpfer,
Gutes gnädig er gewähret!
Danke du nun auch dem Vater,

20
Mehr noch danke du der Mutter,

Daß sie solch’ ein stattlich Mädchen,
Diese schöne Braut gewieget!“
     „Glanzvoll ist bei dir die Jungfrau,
Voller Klarheit dir zur Seite,
Strahlend ist sie dir verbunden,
Schön steht sie in deinem Schutze,
Eine frische Maid am Busen,
Voller Lebenskraft zur Seite,
Kraftvoll um mit dir zu dreschen,

30
Wohl geeignet Heu zu mähen,

Stattlich um mit Kraft zu waschen,
Tüchtig um das Tuch zu walken,
Kunstvoll Fäden gut zu spinnen,
Kräftig am Gewand zu weben.
     „Läßt den Weberkamm so tönen,
Wie der Kuckuck auf dem Berge,
Läßt das Schifflein also gleiten,
Wie das Hermelin im Holze,
Also rasch dreht sie die Spuhle,

40
Wie das Eichhornmaul die Eichel,

Fest hat nie das Dorf geschlafen,
Nie der Schloßbezirk geschlummert
Von des Weberkammes Klappern,
Von des Weberschiffleins Schnarren.“
     „Bräutigam, du lieber Jüngling,
Schöner Sproß des Männerhaufens!
Schmiede eine scharfe Sense,
Statt’ sie aus mit gutem Stiele,
Schnitz’ ihn an der Pforte Mündung

50
Hämmre sie auf einem Baumstumpf;

Wenn dann Sonnenschein gekommen,
Führ’ die Jungfrau auf die Wiese,
Schaue, wie das Heu da rauschet,
Wie das harte Gras da zischet,
Wie das Riedgras dorten kreischet,
Wie der Sauerampfer sauset,
Wie die Hügelchen verschwinden,
Wie die jungen Sprossen brechen!“
     „Ist ein andrer Tag gekommen,

60
Reiche ihr ein Weberschifflein,

Gieb des Weberkammes Kette,
Eine schöne Weberlade,
Einen Webertritt voll Schönheit,
Gieb ihr sämmtliches Geräthe,
Führ’ die Jungfrau dann zum Webstuhl,
Reiche ihr des Kammes Kette,
Dann erst wird der Kamm ertönen,
Wird der Webstuhl laut beweget,
Bis zum Dorfe tönt das Klappern,

70
Weiter noch des Kammes Rauschen,

Das bemerken bald die Alten,
Fragen so des Dorfes Weiber:
„„Wer wohl webet am Gewebe?““
Antwort mußt du ihnen geben:
„„Meine Goldne ist’s, die webet,
Ist mein Herzelein, das lärmet;
Soll sie das Gewebe lockern,
Soll den Weberkamm sie dehnen?““
„„Lockre ja nicht das Gewebe,

80
Laß den Kamm du ungedehnet:
[145]

Also webt des Mondes Tochter,
Also webt die Sonnentochter,
So des großen Bären Tochter,
So der schönen Sterne Tochter.“’
     „Bräutigam, mein lieber Jüngling,
Schöner Sproß des Männerstammes!
Machest du dich auf die Reise,
Fährst du dann von dieser Stelle
Mit der schönen Jungfrau weiter,

90
Mit dem wunderhübschen Hühnchen,

O, so führe nicht die Meise,
Dieses schöne Leinwandvöglein,
Führe du sie nicht in Gruben,
Fahr’ nicht gegen Zaunes Ecken,
Laß sie nicht auf Stämme fallen,
Laß sie nicht auf Steine stürzen!
Niemals ist im Haus des Vaters,
Niemals in dem Hof der Mutter
Je in Gruben sie gefahren,

100
Niemals gegen Zaunes Ecken,

Umgeworfen nicht auf Stämme,
Nicht auf Steine hingestürzet.“
     „Bräutigam, du lieber Jüngling,
Schöner Sproß des Männerstammes!
Führe nimmer du die Jungfrau,
Lasse nie dein Schätzlein fahren,
Daß sie an den Ecken walte,
Daß sie in den Winkeln wühle!
Niemals hat im Haus des Vaters,

110
Niemals in der Mutter Stube

In der Ecke sie gewaltet,
In den Winkeln sie gewühlet,
Saß beständig an dem Fenster,
Wiegt’ sich auf dem Mittelbrette
Abends zu des Vaters Freude,
Morgens zu der Mutter Wonne.“
     „Niemals magst du, armer Gatte,
Niemals dieses Hühnchen führen
Zu dem Mörser, der voll Sumpfkraut,

120
Um die Rinde dort zu stoßen,

Brot aus schlechtem Stroh zu backen,
Tannenrinde dort zu kneten!
Niemals ist im Haus der Vaters,
Nie im Hof der schönen Mutter
Sie geführet zu dem Mörser,
Um die Rinde drin zu stoßen,
Brot aus schlechtem Stroh zu backen,
Tannenrinde dort zu kneten!“
     „Führen magst du dieses Hühnchen

130
Auf getreidereiche Fluren,

Aus der Roggenlad’ zu schöpfen,
Aus der Gerstenlad’ zu nehmen,
Starkes Brot zurecht zu kneten,
Gutes Bier daraus zu brauen,
Weizenbröte schön zu backen,
Um den Teig zurecht zu klopfen!“
     „Bräutigam, mein lieber Bruder,
Mögst du nimmer dieses Hühnchen,
Niemals unser liebes Gänschen

140
Je zu Thränen kommen lassen!

Käme je ein schlechtes Stündchen,
Hätt’ die Jungfrau lange Weile,
Spann’ den Braunen an die Deichsel,
In’s Geschirre du den Schimmel,
Bring’ in’s Vaterhaus die Jungfrau,
Nach der lieben Mutter Stube!“
     „Niemals mögst du dieses Hühnchen,
Niemals unser Leinwandvöglein
Gleich der Dienerin behandeln,

150
Der bezahlten Magd gleichhalten,

Nie den Keller ihr verbieten,
Nie die Vorrathskammer schließen!
Niemals hat im Vaterhause,
In dem Hof der lieben Mutter
Sie als Dienerin gegolten,
Ist der Magd sie gleichgestellet,
Nie vom Keller abgehalten,
Nimmer von dem Vorrathshause;
Schnitt das Weizenbrot beständig,

160
Schaute nach den Hühnereiern,

Auf der Milchgefäße Reihen,
Auf der Biergefäße Inhalt,
Morgens that sie auf die Kammer,
Abends schloß sie ihre Thüre.“

[146]

     „Bräutigam, du lieber Jüngling,
Schöner Sproß vom Männerstamme!
Hältst du gut die liebe Jungfrau,
Dann wirst freundlich du empfangen,
Kommst du in das Haus des Schwähers,

170
In die Näh’ der Schwiegermutter,

Wirst selber dann gespeiset,
Wirst gespeiset, wirst getränket,
Ausgespannet wird dein Rößlein,
In den Stall sodann geführet,
Dort gefüttert, dort getränket,
Ihm gebracht die Haferschachtel.“
     „Niemals mögst du unsre Jungfrau,
Dieses Leinwandvöglein schelten,
Daß sie nicht aus großem Stamme,

180
Nicht aus breitem Haus geboren!

Groß ist unsrer Jungfrau Herkunft,
Ihr Geschlecht von weitem Stamme,
Sä’t man eine Metze Bohnen,
Würde jedem eine Bohne,
Sä’t von Flachs man eine Metze,
Jedem eine Faser werden.“
     „Nimmer magst du, armer Gatte,
Diese Jungfrau schlecht behandeln,
Mit des Knechtes Peitsch’ sie lehren,

190
Mit dem Lederriemen schlagen,

Mit der Gert’ zum Jammern bringen,
An der Scheune sie zum Ächzen!
Niemals ist die Jungfrau früher,
Niemals in dem Vaterhause
Mit des Knechtes Peitsch’ belehret,
Mit dem Lederriem zum Klagen,
Nicht zum Jammern je getrieben
Mit der Gerte an der Scheune.“
     „Vor ihr stehe gleich der Mauer,

200
Stell’ dich gleich der Thüre Pfeiler,

Laß nicht deine Mutter schlagen,
Deinen Vater sie nicht schelten,
Keinen Gast sie je erzürnen,
Andre Häuser sie nicht schelten;
Treibt zum Schlagen das Gesinde,
Andres Volk dich an zur Zücht’gung,
Mögst du nie die Zarte zücht’gen,
Schlagen nicht des Herzens Liebste,
Der du drei Jahr hast gelauschet,

210
Unablässig dich beworben!“

     „Rathe, Gatte, deiner Jungfrau,
Und belehre deinen Apfel,
Rathe ihr sowohl im Bette,
Als auch draußen vor der Thüre,
Handle so im Lauf der Jahres;
Ein Jahr sprich zu ihr mit Worten,
In dem zweiten mit den Augen,
Mit dem Fuße stampf’ im dritten!“
     „Wenn sie dieses nicht beachtet,

220
Dieses sie nicht kümmern sollte,

Hole dann ein Rohr des Röhrichts,
Kannenkraut hol’ du vom Felde,
Rathe damit deiner Jungfrau,
Rath’ ihr so im vierten Jahre,
Schrecke sie mit diesem Kraute,
Mit des Grases straffen Rändern,
Streiche sie noch nicht mit Riemen,
Schlage sie noch nicht mit Ruthen!“
     „Wenn sie dieses nicht beachtet,

230
Dieses sie nicht kümmern sollte,

Hole eine Ruth’ vom Walde,
Eine Birke aus dem Thale,
Trag sie unter deinem Pelze,
Daß ein andres Haus nichts wisse,
Zeige sie dann deinem Weibe,
Ihr zur Schande, ohn’ zu schlagen.“
     „Wenn sie dieses nicht beachtet,
Dieses sie nicht kümmern sollte,
Dann belehr’ sie mit der Ruthe,

240
Mit dem frischen Birkenzweige,

Innerhalb des Hauses Ecken,
In den moosgefüllten Wänden,
Streiche sie nicht auf der Wiese,
Schlag sie nicht am Saum des Feldes,
Hörbar würd’ der Lärm im Dorfe
Und der Streit in andern Häusern,
Bei dem Nachbar das Geweine,
In dem Wald der große Wirrwarr!“

[147]

     „Mußt stets auf die Schultern schlagen,

250
Ihres Rückens Fleisch erweichen,

Niemals auf die Augen schlagen,
Auch die Ohren nicht berühren,
Kämen Beulen an die Schläfe,
Blaue Flecken an die Augen,
Würde bald die Schwägrin fragen,
Es der Schwiegervater merken,
Es der Dorfes Ackrer sehen
Und des Dorfes Weiber lachen:
„„Ist wohl in dem Krieg gewesen,

260
Hat im Kampfe sich beweget,

Oder ist vom Wolf zerfleischet,
Von dem Waldbär wohl gepacket,
Oder war der Wolf ihr Gatte,
War der Bär ihr Ehgenosse“?
     Auf dem Ofen lag ein Alter,
Lag ein alter Bettler oben,
Von dem Ofen sprach der Alte,
Er, der Bettler, von dort oben:
„Niemals mögst du, armer Gatte,

270
Nie dem Sinn des Weibes folgen,

Ihrem Sinn, der glatten Zunge,
So wie ich, der arme Knabe!
Kaufte Fleisch und kaufte Bröte,
Kaufte Butter und auch Biere,
Kaufte Fische jeder Gattung,
Speisen von verschiednen Arten,
Biere aus dem eignen Lande,
Weizen ich aus fremden Ländern.“
     „Dieses wollt’ nicht gut gedeihen,

280
Wollte sich nicht gut gestalten,

Kam mein Weib in unsre Stube,
Kam und fuhr mir in die Haare,
Mit verändertem Gesichte
Und verdrehte ihre Augen;
Ächzte stets und stöhnte immer,
Redete mit bösen Worten,
Nannte mich nur einen Breitsteiß,
Schimpfte mich stets einen Hackklotz.“
     „Wußt’ schon einen neuen Ausweg,

290
Einen andern Weg zu finden:

Schält’ ich einen Zweig der Birke,
Nannt’ umarmend sie mich Vöglein,
Schnitt ich des Wachholders Wipfel,
Grüßt’ sie mich als goldnen Liebling,
Schlug ich sie mit Weidenruthen,
That sie an den Hals mir fallen.“
     Ach, das arme Mädchen seufzte,
Seufzte sehr und mußte stöhnen,
Fing gar heftig an zu weinen,

300
Redet’ Worte solcher Weise:

Nahe ist das Scheiden Andrer,
Vor der Thüre ihre Trennung,
Näher ist mein eignes Scheiden,
Näher meine eigne Trennung,
Wird mir gleich so schwer das Scheiden,
Gar beengend mir die Trennung
Von dem weitberühmten Dorfe,
Von dem wunderschönen Hofe,
Wo so schön ich aufgewachsen,

310
Freudvoll in die Höh’ geschossen,

In den Zeiten meines Wachsthums,
In dem Lauf der Kinderjahre.“
     „Habe früher nicht gewähnet,
Habe nie daran geglaubet,
Nie gewähnet, daß ich scheide,
Nicht geglaubt an eine Trennung
Von dem Saume dieses Schlosses,
Von dem Rücken dieses Berges;
Jetzo glaub’ ich’s, daß ich scheide,

320
Sehe ich es, daß ich gehe,

Leer schon ist der Krug des Abschieds,
Schon das Abschiedsbier getrunken,
Schon der Schlitten umgewendet
Mit dem Vordertheil nach außen,
Mit der Seite zu dem Stalle,
Zu dem Viehof mit den Leisten.“
     „Wie bezahle ich beim Scheiden,
Wie, ich Arme, bei der Trennung
Wohl die Milch der lieben Mutter,

330
Wie die Güte meines Vaters,

Wie die Liebe meines Bruders,
Wie die Freundlichkeit der Schwester

[148]

     „Danke dir, o lieber Vater,
Für das ganze früh’re Leben,
Für die Kost, die ich genossen,
Für die allerbesten Bissen.“
     „Danke dir, o liebe Mutter,
Für das Wiegen in der Kindheit,
Daß die Kleine du getragen,

340
Mit den Brüsten mich genähret.“

     „Danke dir, o lieber Bruder,
Dir, o Bruder, dir, o Schwester,
Danke auch dem Hausgesinde,
Allen Freunden meiner Jugend,
Welchen ich gepaart gelebet,
In der Jugend aufgewachsen.“
     „Magst du nicht, o lieber Vater,
Niemals du, geliebte Mutter,
Du auch nicht, mein Stamm voll Größe,

350
Du geehrte Schaar der Vettern,

Mögt ihr niemals Sorgen haben,
Nie in großen Kummer kommen,
Daß in andres Land ich ziehe,
Daß ich anderswohin gehe!
Scheint ja doch des Schöpfers Sonne,
Leuchtet doch der Mond des Schöpfers,
Schimmern auch des Himmels Sterne,
Liegt das Licht des großen Bären
Ausgebreitet in den Lüften

360
Anderswo auch auf der Erde,

Nicht allein im Hof des Vaters,
Auf der lieben Jugendstätte.“
     „Freilich muß ich jetzo scheiden
Von dem goldnen Heimathshause,
Von dem Saale meines Vaters,
Von der Mutter offnem Keller;
Lasse Sümpfe, lasse Felder,
Lasse meine Rasenplätze,
Lasse meine klaren Bäche,

370
Lasse meine sand’gen Ufer,

Daß die Weiber sich dort baden,
Dort die Hirtenknaben plätschern.“
     „Lass’ den Rauschenden die Sümpfe,
Lass’ den Furchenden die Felder,
Lass’ den Ruhenden die Wälder,
Lass’ den Schwärmenden die Heiden,
Lass’ den Schreitenden die Zäune,
Lass’ den Wandelnden die Gassen,
Lass’ den Laufenden die Höfe,

380
Lass’ den Stehenden die Wände,

Lass’ den Säubernden die Dielen,
Lass’ den Kehrenden die Bretter,
Lass’ den Rennthieren die Felder,
Lass’ den Luchsen frei die Haine,
Gänse auf den Fluren weilen,
Vögel in dem Busche ruhen.“
     „Scheide freilich nun von hinnen,
Scheide an des Andern Seite,
In die Arme einer Herbstnacht,

390
Auf das glatte Eis des Frühjahrs,

Daß man keine Spuren wahrnimmt,
Auf der Glätte nicht die Tritte,
Auf der Kruste nicht die Röcke,
Auf dem Schnee des Saumes Eindruck.“
     „Kehr’ ich einstmals hieher wieder,
Komm’ ich nach der lieben Heimath,
Hört die Mutter nicht die Stimme,
Nicht der Vater mehr das Weinen,
Wenn ich an den Schläfen jammre,

400
An des Kopfes Seite singe,

Schon ist junges Gras gewachsen,
Schon Wachholder aufgeschossen
Auf dem Leibe meiner Mutter,
Auf dem Haupt der lieben Alten.“
     „Wenn ich wieder nun erscheine
Auf dem weitgestreckten Hofe,
Wird mich niemand anders kennen
Außer zwei der kleinsten Dinge:
Unten an dem Zaun das Bändchen,

410
An des Feldes End’ die Stange,

Hab’ gar jung sie eingestecket,
Hab’ als Mädchen sie bebunden.“
     „Meiner Mutter güste Hauskuh,
Die gar klein noch ich getränket,
Die als Kalb ich stets gefüttert,
Die gar unablässig brüllet

[149]

Auf des Hofes Düngerhaufen,
Auf den winterlichen Fluren,
Diese wird mich noch erkennen,

420
Daß ich Tochter bin des Hauses!“

     „Meines Vaters Lieblingspferdchen,
Das gar klein ich stets gefüttert,
Das als Mädchen ich gesättigt,
Das gar unablässig wiehert
Auf des Hofes Kehrichthaufen,
Auf den winterlichen Fluren,
Dieses wird mich noch erkennen,
Daß ich Tochter bin des Hauses.“
     „Meines Bruders Lieblingshündchen,

430
Das als Kind ich oft gefüttert,

Das als Mädchen ich belehret,
Das gar unablässig bellet
Auf des Hofes Kehrichthaufen,
Auf den winterlichen Fluren,
Dieses wird mich noch erkennen,
Daß ich Tochter bin des Hauses.“
     „Andre werden mich nicht kennen,
Wenn ich nach der Heimath komme,
Sind die Furten gleich dieselben,

440
Meine Wohnung noch die alte,

An dem Platz des Schnäpels Buchten,
Unverrücket noch die Netze.“
     „Leb’ nun wohl, geliebte Stube,
Stube mit dem Bretterdache,
Ist gar gut zurückzukehren,
Schön hieher zurückzuwandern!“
     „Lebe wohl, geliebtes Vorhaus,
Vorhaus mit dem Bretterboden,
Ist gar gut zurückzukehren,

450
Schön hieher zurückzuwandern!“

     „Lebe wohl, o Hof des Hauses,
Hof mit deinen Ebereschen,
Ist gar gut zurückzukehren,
Schön hieher zurückzuwandern!“
     „Sende Allen Abschiedsgrüße,
Grüße Land und Wald und Beeren,
Grüß’ die Raine sammt den Blumen,
Grüß’ die Fluren sammt den Kräutern,
Seeen mit den hundert Inseln,

460
Tiefe Sunde sammt den Schnäpeln,

Schöne Hügel sammt den Fichten,
Waldesschluchten sammt den Birken!“
     Schwang der Schmieder Ilmarinen
Drauf die Jungfrau in den Schlitten,
Schlug das Roß mit seiner Peitsche,
Redet Worte solcher Weise:
„Lebet wohl, des Seees Ufer,
Seees Ufer, Feldes Ränder,
Alle Tannen auf dem Berge,

470
Lange Bäume in dem Walde,

Elsbeerbaum an dieser Wohnung,
An dem Brunnen der Wachholder,
Alle Beeren auf dem Boden,
Beerenstiele, Graseshalme,
Weidenbüsche, Fichtenwurzeln,
Erlenblätter, Birkenrinde!“
     Also ging nun Ilmarinen
Von dem Hofe von Pohjola;
Singend blieben dort die Kinder,

480
Sangen Lieder solcher Weise:

„Flog hieher ein schwarzer Vogel,
Eilte durch den Wald behende,
Wußt’ das Entlein zu gewinnen,
Lockte fort von hier die Beere,
Nahm uns unsern lieben Apfel,
Führte fort den Fisch des Wassers,
Täuschte sie mit kleinem Gelde,
Lockte sie mit blankem Silber;
Wer führt uns nun zu dem Wasser,

490
Wer wird uns am Bache tränken?

Stehen bleiben nun die Eimer,
An dem Nagel bleibt die Stange,
Ungekehret bleibt der Boden,
Ungefeget auch die Bretter,
Abgenutzt des Bechers Ränder,
Dunkel stets des Kruges Ohren!“
     Selbst der Schmieder Ilmarinen
Eilte mit der jungen Gattin,
Daß der Schlitten heftig zischte

500
An den Ufern von Pohjola
[150]

An des Honigsundes Seite,
An des sand’gen Berges Rücken,
Steine rollten, Sand erhob sich,
Auf dem Wege rauscht der Schlitten,
An dem Joch die Eisenringe,
Laut ertönt die Maserstütze,
Kreischend auch die Weidenbänder,
Zittern mußt’ das Faulbaumkrummholz,
Winseln mußt’ der Deichsel Schlinge,

510
Kupferringe mußten klirren

Bei dem Lauf des guten Rosses,
Bei dem Trab des weißbestirnten.
     Jagte einen Tag, den zweiten,
Jagte auch am dritten Tage,
Eine Hand hat er am Lenkseil,
In der Jungfrau Arm den andern,
Einen Fuß zur Seit’ des Schlittens,
Von dem Filz bedeckt den andern.
     Lustig läuft das Roß des Weges,

520
Daß die Bahn sich stets verkürzet,

Endlich an dem dritten Tage,
Als die Sonne sich schon senkte,
Kam des Schmieders Haus zum Vorschein,
Rückte Ilma’s Wohnung näher,
Stieg empor der Ruß in Streifen,
Dichtes Rauchgewölk nach oben,
Aus der Stube raucht es munter,
Dampft es reichlich zu den Wolken.