Kampfmittel

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Textdaten
Autor: Kurt Tucholsky
unter dem Pseudonym
Ignaz Wrobel
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Titel: Kampfmittel
Untertitel:
aus: Die Weltbühne. Jahrgang 22, Nummer 52, Seite 1015
Herausgeber: Siegfried Jacobsohn im Dezember 1926 Kurt Tucholsky
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 28. Dezember 1926
Verlag: Verlag der Weltbühne
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Erscheinungsort: Berlin
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Die Weltbühne. Vollständiger Nachdruck der Jahrgänge 1918–1933. Athenäum Verlag, Königstein/Ts. 1978. Scan auf Commons
Kurzbeschreibung:
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Kampfmittel

„Barmat“, habe ich neulich bei den Edelnationalisten gelernt, „ist das Symbol des Marxismus.“ Da kann man nichts machen. Nur vielleicht nachdenken, wie hier politisch gekämpft wird.

Unbequeme Oppositionelle werden bekanntlich nicht mehr gekillt, sondern „unmöglich gemacht“. Man dreht das so, daß man diesen Leuten irgendwelche persönlichen Vorwürfe anhängt; die brauchen nicht einmal ehrenrührig zu sein – es genügt schon, wenn sie in den angreifenden Kreisen als solche empfunden werden. Der Republikaner auf dem Lande und in der kleinen Stadt weiß davon zu sagen.

Die Leute, die sich Republikaner nennen, verhalten sich aber nicht immer richtig dabei. Sie verteidigen sich ernsthaft. Falsch.

Man muß den Lümmeln, die mit „Gelagen“, „ausschweifendem Lebenswandel“, „Geschäftstüchtigkeit“ politische Kämpfe führen, über das Maul fahren, daß ihnen die Lust zu solchem Tun vergeht – man darf ihnen aber unter gar keinen Umständen den Gefallen tun, auf ihre polizeilichen Führungszeugnisse einzugehen.

Ob Ludendorff seine Scheidung mit saubern Mitteln durchgesetzt hat, ist für uns gleichgültig. Weder besagte das bei dem geltenden Eheunrecht irgendetwas gegen den Mann, noch sind wir legitimiert, über sein privates Leben zu urteilen. Das ist ausschließlich seine Sache. Nur soweit er in der Öffentlichkeit wirkt, darf er angegriffen werden. Der Rest ist Feigheit. Dieser Feigheit machen sich die Andern dauernd schuldig, und mit Erfolg.

Damals, als sie gegen den blitzsaubern Severing hetzten, hieß die Antwort: Er hat das nicht getan, was man ihm vorwarf. Warum steht keine Zeitung, keine Partei auf und sagt: Kusch! Solange der Mann keine amtlichen Schweinereien macht, habt Ihr den Mund zu halten! Wir denken gar nicht daran, uns zu verteidigen. Was ist denn das für eine freche Anmaßung, von den Gegnern einen Heiligenschein zu verlangen? Haben die kaiserlichen Landräte den getragen? Hat Bismarck ihn gehabt? Und dieses Manko war ihr kleinstes. Darauf kommts gar nicht an.

Leider, leider wirkt so ein „Angriff“, mit der Klosettbürste geführt, heute noch am meisten in den Kreisen der Angegriffnen. Nie haben die den Mut, zu sagen: „Eure Ehrbegriffe sind uns vollständig schnuppe. Hat unser Führer nachts kleine Mädchen empfangen? Viel Vergnügen. Das geht euch einen Eierkuchen an.“

Stattdessen halten sie Sitte und Ehrbarkeit hoch, daß es nur so knackt, ziehen den dümmsten Bonzen, wenn er nur philiströs lebt, einem genialen Unordentlichen vor und befolgen also artig die Vorschriften der andern Welt. O tränke doch Hermann Müller einmal einen über den Durst und über die ratio! O tanzte doch Wels einen kleinen Charleston! O bliese doch Külz das Saxophon! Aber sie sind ordentlich und brav, und über ihre private Führung ist diesseits Nachteiliges nicht bekannt. Bleibt die öffentliche.

Man schlägt den Brüdern die übel duftenden Kampfmittel nur aus der Hand, indem man sich die Nase zuhält und sich abkehrt. Und indem man weite Kreise erzieht, ebenso zu tun.

Ignaz Wrobel