Kanonische Weisheit und Kriegsbereitschaft in England

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Titel: Kanonische Weisheit und Kriegsbereitschaft in England
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aus: Die Gartenlaube, Heft 17, S. 245–246
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1859
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Kanonische Weisheit und Kriegsbereitschaft
in England.

Der „ewige Friede“, welchen Kant prophezeihte, ist noch nicht gekommen. Im Gegentheil rüstet man sich entrüstet und allseitig furchtsam und mißtrauisch zu einem allgemeinen europäischen Kriege, ohne sich mit Congreß und Friedensstiftung zu trösten. Dieser allgemein gefürchtete Krieg würde, wenn er losbräche, mindestens ein sehr naturwissenschaftlicher werden, eine durchgebildete, ausgesuchte, angewandte Chemie im Großen zerstörender, explodirender, entzündender, Menschen, Städte, Festungen und Länder in unerhörter Kraft und Geschwindigkeit verwüstender Compositionen. Welch’ furchtbare chemische Geheimnisse vermuthet man hinter Cherbourg und andern Festungen des „Kaiserreichs, welches der Friede ist“! Und hat nicht jedes Arsenal in den christlichen Königreichen irgend eine mysteriöse Explosions-Mischung oder neue Waffengattung von unerhörter Tragweite und Mordgewalt?

Von den meisten dieser Geheimnisse wissen wir gewöhnliche Sterbliche, die wir blos das Geld oder uns selbst für die Kriege liefern müssen, wenig oder nichts. Doch was die großartigste und eifrigste aller Kriegswerkzeug-Industrieen, die englische, betrifft, ist vieles Geheimniß offenbar geworden, z. B. das große Ereigniß des Jahrhunderts, wie die Armstrong-Kanone genannt ward, so sehr auch die „Autoritäten“ thun, als hätten sie noch Alles für sich, und obgleich Theilhaber der Erfindung das ganze Patent längst an Amerika und Frankreich verkauft haben.

Im Arsenale zu Woolwich haben wir uns früher schon einmal umgesehen.[1] Jetzt gilt es, den entlegeneren Kanonen-Probir- und Exercirplatz Shoebury-Neß zu besuchen, um einigermaßen zu sehen, was England für angewandte Mathematik und Chemie auf den künftigen Kriegsschauplatz liefern würde.

Selbst die Engländer wissen meist nicht, was oder wo Shoebury-Neß ist. In den Zeitungen kommt der Name zwar oft vor und in der Regel mit der Nachricht, daß dort schon wieder eine Kanone gesprungen sei. Was ist Shoebury-Neß? Wo ist Shoebury-Neß? Warum zerschmettern Leute neue Kanonen à 1500 bis 3000 Pfund per Stück in Shoebury-Neß? Und wie ist’s mit der Armstrong-Kanone, dem Ereigniß des Jahrhunderts?

Versuchen wir, zu antworten.

Shoebury-Neß also ist ein Stückchen Landzunge, die England von der Essex-Küste aus, nicht weit von der Themse-Mündung, in den Canal und gegen Frankreich heraussteckt, ein schreckliches Stück Sand ohne Bewohner, ohne Häuser, ohne Vieh, ohne Bäume, ohne Felder. Weiter landeinwärts liegt zwar das ärmliche Shoebury, aber die Zunge selbst, die Neß, ist aus der Sahara herausgeschnitten. Nichtsdestoweniger geht’s da sehr oft lebendig und laut her. Hier werden nämlich alle neuen, großen Kanonen, Mörser, Carronaden, Haubitzen und alle die unzähligen neuen, riesigen Kriegs-Instrumente, die auf Grund von Patenten zum ersten Male gemacht wurden, erst probirt, und zwar stets mit stärkeren Ladungen, als ihnen später zugemuthet werden soll. Bestehen sie die Probe, gut; aber sie platzten bisher größtentheils, wenigstens fast alle die neuen Riesenkanonen, welchen vorher nachgerühmt ward, daß sie mit einer Explosion Vernichtung durch die halbe Schöpfung schleudern würden. Es liegt für uns, die wir uns, wenn’s losgeht, doch blos todtschießen lassen oder dafür bezahlen müssen, daß Andere tausendweise todtgeschossen werden, eine Art Trost darin, daß diese mörderischen Ungeheuer sich mit dem ersten Schusse blos selbst umbrachten, ohne weiteren Schaden zu thun.

Nur ein furchtbarer Mörser, der größte unter allen seinen Collegen, in dessen Mündung ein Mann beinahe aufrecht stehen kann, 1½ Yard im Durchmesser, ½ Yard dick in der Eisenhaut und fähig, 500pfündige Bomben zu schleudern, und die Armstrong- Kanone haben unter allen neuen Kanonen-Versuchen die Probe bestanden.

Das Kriegs-Ministerium hat während der letzten fünf Jahre über sechshundert Erfindungen für Erleichterung und Erweiterung der Mordgewalten im Kriege zu Gericht gesessen und mehr als 150 praktisch probirt. Von letzteren haben sich nicht mehr als zwanzig bewährt. Unter diesen steht die Armstrong-Kanone obenan. Sie schleudert, wie die Regierung dem Unterhause versicherte, Bomben-Cylinder mathematisch genau und im richtigen Augenblicke ganze Regiments-Salven um sich her schmetternd bis fünf englische Meilen weit auf den erzielten Punkt. Das klingt beinahe wie Marktschreierei, die wir hier weiter nicht zu untersuchen haben. Wir beschränken uns auf kurze Verdeutschung der Beschreibung, die wir in einem englischen Ingenieur-Journale fanden.

Danach ist die Armstrong-Kanone allerdings ein merkwürdiges Monstrum. Bis jetzt sind zwei Größen fabricirt worden, von 3 ½ und 2 ½ Zoll Bohr, beide 10 Fuß 6 Zoll lang und mit 40 Rifle-Rinnen. Jede ist doppelt oder vielmehr dreifach dickgehäutet. Die innere Haut besteht aus Stahl. Ueber dieser ist in Spiralen ein dickes Band von Eisen geschmiedet, und darüber eine andere Spirale in entgegengesetzter Windung, ebenfalls von zähem Schmiedeeisen. Die größere Kanone wiegt so 360 Centner. Das Merkwürdigste kommt nun aber erst. Die Baxe oder der hintere Theil besteht aus einem Pflock, der locker geschraubt werden kann und hohl ist. Es wird nicht, wie es hieß, durch die nach Wegschraubung der Baxe entstandene Oeffnung, auch nicht durch die Mündung, sondern von der Seite oben geladen. Hier wird ein viereckiger Eisenblock herausgehoben und die Kugel, welche keine Kugel ist, in die Oeffnung gebracht, für welche zugleich durch Aufschraubung des hohlen Baxen-Blocks Raum gemacht wird. Letzterer wird darauf wieder festgeschraubt, so daß die Kugel gegen einen kleinen Vorsprung im Innern festgedrängt wird. Hierauf kommt [246] die eine Patrone mit Flanell-Futteral hinein, auf diese wird der viereckige Eisenblock, durch welchen das Zündloch in einem stumpfen Winkel läuft, wieder festgerammt. Das Zündloch in dem Blocke endigt in eine Kupferscheibe mit Höhlung, unmittelbar vor dem Blocke angebracht. In diese Höhlung wird eine andere kleine Patrone gesteckt, die blos den Zweck hat, die große inwendig zu entzünden, da diese wegen des winkeligen Zündloches nicht direct getroffen werden kann. Deshalb sind auch zwei Zünder nöthig, deren chemische Composition noch als Geheimniß bezeichnet ward. Die Bombe oder Kugel ist ein Cylinder, hinten eiförmig, vorn mit einem Zünder im Maule, von bleiernen Bändern umgeben, die bei der Entladung so ausgequetscht werden, daß sie das ganze Geschoß mit einer Bleidecke umgeben. Die Armstrong-Kanone ist bei aller schweren Bedeutung im Zerstören ungeheuer leicht. Zwei Männer können die kleinere Sorte tragen. Man will damit in einer Entfernung von fünf Meilen sechs Fuß tief in eine Reihe hintereinander aufgeschichteter Eichenbreter geschossen haben. Nach der Erklärung des Kriegsministers im Unterhause schleuderte man mit fünf Pfund Pulver eine 32 pfündige Bombe fünf Meilen weit genau in das bestimmte Ziel. Dies kann man auch, nach einem Patente Armstrong’s, in dickster Nacht, also blindlings, sicher treffen.

Sir W. Armstrong, viele Jahre gewöhnlicher Ingenieur in Newcastle, ist wegen seiner Kanone bereits geadelt und der Königin vorgestellt worden. – Wegen Erfindung eines Lebensrettungsmittels wird Niemand unter die Edeln erhoben. Leben retten kann ja jeder gewöhnliche Doctor. Sir Armstrong ist auch Haupt-Ingenieur der neuen Regierungs-Rifle-Kanonen-Fabrik in Newcastle, wo das Princip seiner Erfindung in großen Kanonen weiter ausgeführt werden soll.

Früher mit ihm geschäftlich Verbundene entzweiten sich, weil sie über den Gewinn nicht einig werden konnten, und verkauften die Armstrong’sche Erfindung auf eigene Rechnung an Frankreich und Amerika. Die Russen, die immer Sachverständige in aller Welt haben, sind umsonst dahinter gekommen.

Vielleicht haben aber die englischen Kriegswerkstätten doch noch manch Geheimniß für sich, wie die anderer Potentaten die ihrigen. Hier ist wenigstens eine Liste der merkwürdigsten und fürchterlichsten:

Neue Stahlkanone von, Shortridge; Parke’s neues, sechsfach (?) das gewöhnliche übertreffende Schießpulver; Longridge’s gußeiserne, drahtumschmiedete Kanone; Lawrence’s „Bombenmischung“; Forrester’s Mörser von canadischem Holzkohlen-Eisen; Disney’s „infernale Flüssigkeit“, die, aus Bomben spritzend, Alles umher in Brand steckt; Capitän Norton’s „Flüssig-Feuer-Rifle-Bombe“ (Phosphor in Schwefelkohle aufgelöst u. s. w.), die beim Probiren auf Shoebury-Neß ganz durchnäßte Wollsäcke in Brand steckte, und mit welcher der Erfinder jedes Linienschiff unlöschbar in Flammen aufzulösen verspricht; Dundonald’s seit fünfzig Jahren geheimnißvoll besprochener und jetzt ausgeführter „Devastator“, der das Motto verwirklichen will: „Es muß Allens verrungenirt werden“; Wade’s „Congreve-Raketen-Bomben-Drache“, bestehend aus Platzbombe mit je ein Dutzend daran gebundenen Congreve-Raketen; Robert’s Mörserschiff, schwimmende Batterieen von Eisen; Norton’s Bomben, die ohne Kanone oder Mörser von Congreve-Raketen unter die Feinde geschossen werden; Boxer’s Zünder für Bomben, jeder mit 400 Kugeln; Shaw’s Rifle-Batterie, die mit einem Druck des Fingers 1000 und mehr Gewehre abfeuert; Mackintosh’s Stinkflüssigkeit, auf das Meer für die feindliche Flotte auszugießen und diese damit zu ersticken. Ist’s genug der Erfindungen christlicher Liebe für unsere Mitbrüder? Wir haben vorläufig genug, aber die Kriegsverständigen arbeiten noch Tag und Nacht an deren Vermehrung und Verfürchterlichung.

Die Versuche und Proben neuer Mordinstrumente während der letzten fünf Jahre haben in Woolwich und Shoebury-Neß allein über neun Millionen Pfund Sterling gekostet. Sie wurden größtentheils in Versuchen des Riesigen und Kolossalen verplatzt. Die „Lancaster-Oval-Kanone“ sollte Sebastopol und sogar Kronstadt zertrümmern. Man machte solche Kanonen mit Eifer und Bomben dazu à 30 Pfund Sterling. Die Kanonen platzten aber größtentheils bei erster Probe, und die, welche hielten, spieen die Bomben in höchst bedenklichen Richtungen aus, so daß man mit ein paarmal hunderttausend Pfund verunglückten Versuchen sich einstweilen für zufrieden erklärte. Jetzt regnete es neue Erfindungen: gußeiserne, schmiedeeiserne, gerifelte, glatte, ovale, hinten geladene, von der Seite geladene Kanonen, runde, ovale, eiförmige, cylindrische, spitzige Kugeln und Bomben. Wir erwähnen nur einige Ausführungen derselben und deren Schicksal.

Der Ingenieur Nasmyth, Erfinder des weltberühmten Dampfhammers, erbot sich, ungeheuere Kanonen mit seinem Hammer zu schmieden, damit uns ein andermal irgend ein Sebastopol nicht so lange aufhalte. Die Regierung gab ihm Geld und er fing nun mit seinem Achtzig-Centner-Dampfhammer an, 8 Fuß lange und 4 Fuß dicke Eisenmassen zusammen zu schmieden, in welche dann ein Loch gebohrt ward. Nachdem die Masse außen gedrechselt und polirt war, lag die erste schmiedeeiserne Kanone da. Man schleppte sie mit ungeheurer Anstrengung von Pferde-, Dampf- und Hebelkräften nach Shoebury-Neß, lud sie mit einer zehn Centner schweren Halbkugel (auch Erfindung) und schmetterte sie in alle Winde, nämlich die ganze Kanone. Es ergab sich, daß beim Schmieden der ungeheueren Masse ein Theil des Eisens crystallinisch, also von leichterer Textur geworden war. Einige Nasmyth-Kanonen hielten zwar hernach, aber die ganze Sache ist für ein paar hundertausend Pfund aufgegeben.

Das Monstrum der Mersey-Eisen-Compagnie, 15 Fuß lang, 44 Zoll Durchmesser, auch geschmiedet, 480 Centner schwer, zerschmetterte mit einer 300pfündigcn Kugel dicke Eisen- und Balkenmassen, kostete aber 3000 Pfund, so daß man für diesen Preis kein zweites schmieden ließ. Der „Palmerston-Mörser“ von 36 Zoll Bohr, aus Schmiedeeisen-Reifen, 9 Zoll breit und 3½ Zoll dick zusammengehämmert und mit 520pfündigcn Bomben einer Compagnie geladen, flog beim ersten Versuche in tausend Stücke.

Eine schmiedeeiserne Bombe, von Mr. Britten erfunden und gemacht, sollte mit der Hälfte Pulver noch einmal so weit gehen, als die gewöhnlichen. Versuche in Shoebury-Neß sollen gelungen, aber die weitere Ausführung der Erfindung aufgegeben worden sein.

Die Polygonal-Rifle-Kanonen des Manchester Ingenieurs Whitworth, neunkantig inwendig, aus einzelnen Winkelstückchen zusammengesetzt und dann mit Schmiedeeisenringen gebunden, barsten auch größtentheils, wenn auch erst bei der vierten bis neunten Abprotzung.

Die „Vierviertel-Cylinder-Schmiedeeisen-Kanonen“ des Ingenieurs Dundas waren ein Triumph, aber nur in der Theorie. Jede kostete mehr, als ein mit Gold beladener Esel, durch welchen man nach Alexander dem Großen auf eine minder gefährliche Weise Festungen einnehmen kann.

Auch kam einmal die Stahlkanone des Herrn Krapp aus Essen am Rhein nach Shoebury-Neß, von der Regierung für 1500 Pfund angekauft: inwendig von Stahl und mit einer Gußeisenjacke bedeckt, 180 Centner schwer. Man lud sie mit einer konischen Bombe, 260 Pfund schwer, und – protzte das Ganze in die Schöpfung hinein. Stahl und Eisen, Alles lag in kleinen Stücken umher.

Das sind einige Andeutungen aus der kanonischen Abtheilung. Dabei haben wir an die sieben Meilen langen Dampfräderschafte zu denken, die in Woolwich Tag und Nacht drehen, bohren, hämmern, gießen, schmieden und in einem Jahre Mordgewalt für jedes einzelne Individuum der jetzt lebenden Menschheit schaffen können.

Wir ahnen nun, wie mörderisch, wie wissenschaftlich gründlich und satanisch ein nächster Krieg ausfallen würde. Es sieht beinahe aus, als müßten die feindlichen Heere im Felde oder auf dem Wasser gegen einander rücken, irgendwie mit einem Fingerdruck etwas loslassen, sich damit plötzlich gegenseitig vernichten und dann Frieden schließen. Die Soldaten liegen nach einer halben Stunde größtentheils alle zerrissen und zerschmettert, die Feldherren setzen sich einen Lorbeerkranz auf den Kopf, und reiten durch Ehrenpforten und weißgekleidete Jungfrauen nach Hause zum Festessen.

Vom Erhabenen zum Lächerlichen ist nur ein Schritt, aber auch umgekehrt, wie man just schreitet. Das fürchterliche, wissenschaftlich ausgebildete Verderben, das Alle in Kriegsbereitschaft haben, nimmt dem Kriege vielleicht just seine Schrecken: man führt am Ende gar keinen Krieg mehr, oder der ausgebrochene endet mit einer Schlacht und doppelten Niederlage. Hoffen wir, daß die höchste wissenschaftliche Bosheit der Vernichtungs-Industrie gerade in ihrer Spitze abbrechen und sich in sich selbst auflösen werde.




  1. Siehe Nummer 37. des Jahrganges 1858 der Gartenlaube.