Kapitain Jones Reisen nach Norwegen, Schweden, Rußland und der Türkei

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Autor: George Mathew Jones
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Titel: Kapitain Jones Reisen nach Norwegen, Schweden, Rußland und der Türkei
Untertitel:
aus: Das Ausland, Nr. 15, 16, 18, S. 57, 63, 69–70
Herausgeber: Eberhard L. Schuhkrafft
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1828
Verlag: Cotta
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Erscheinungsort: München
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Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft: George Mathew Jones: Travels in Norway, Sweden, Finland, Russia and Turkey, also on the Coast of the Sea of Azow, and of the Black Sea: with a Review of the Trade in those Seas, and of the System adopted to man the Fleets of the different Powers of Europe, compared with that of England. 2 Bd., Murray, London 1827
Quelle: Scans bei Commons
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Kapitain Jones Reisen nach Norwegen, Schweden, Rußland und der Türkei.

(Travels in Norway, Sweden, Finland, Russia and Turkey, also on the Coast of the Sea of Azow, and of the Black Sea: with a Review of the Trade in those Seas, and of the System adopted to man the Fleets of the different Powers of Europe, compared with that of England. By George Mathew Jones, Captain R. N. 2. vols. London, Murray 1827.)

Ungeachtet eine Menge werthloser Details, historischer und geographischer Gemeinplätze, kurz die ganze unfruchtbare Breite des vorliegenden Werkes beweisen, wie wenig Capitain Jones der Aufgabe gewachsen war, welche er sich stellte, für die Kenntniß des gegenwärtigen Zustandes der von ihm bereisten Länder dasselbe zu leisten, was sein berühmter Landsmann Clarke vor einem Vierteljahrhundert gethan hatte; so ist es ihm doch gelungen, über manche Einzelheiten Aufklärungen zu gewinnen, die nur an Ort und Stelle einzuziehen waren.

1) Der große Kanal von Gothenburg nach Stockholm.

Besondere Aufmerksamkeit schenkt er den Fortschritten der Arbeiten an dem großen Kanale, welcher bestimmt ist, die Nord- und die Ostsee miteinander zu verbinden, indem er die ganze Breite Schwedens durchschneidet, von der Nähe Gothenburgs, durch den Wenern- und Wettern-See, bis zu einem, etwas südlich von Stockholm gelegenen Punkte der östlichen Küste. Die Vollendung dieses großartigen Werkes, das dem schwedischen Handel eine sichere Straße eröffnen, und die Nothwendigkeit der Fahrt durch den Sund aufheben soll, scheint ein Lieblingsgegenstand des gegenwärtigen Königs zu seyn. In Verbindung damit steht die Erbauung einer starken Festung zu Wanas, auf einer in den Wetternsee auslaufenden Halbinsel.

Bernadotte soll bei dem Plane dieser Festung seine ganze militärische Erfahrung und Kriegswissenschaft angewendet, und die besten schwedischen und norwegischen Offiziere zu der Ausführung desselben beigezogen haben. Die Festung soll eine Besatzung von fünftausend Mann aufnehmen, und unter ihren Wällen einem Lager von fünfzigtausend Mann Truppen aller Waffengattungen Schutz gewähren können. Es werden verschiedene Ursachen als Veranlassungen dieses Baues angeführt, namentlich daß er als Schutzpunkt theils für den Kanal, theils für den Fall eines Einfalls der Russen in das Königreich, von Finnland her, dienen soll. Doch fehlt es auch nicht an Leuten, welche sich nicht scheuen auszusprechen, der ganze Bau sey unternommen worden, um, bei einer Empörung gegen die jetzt herrschende Dynastie derselben zur Zuflucht und Vertheidigung zu dienen. Und wirklich kann man auch den letzten Grund nicht für unwahrscheinlich oder unverständig erklären, wenn man an die zahlreichen Beweise des unruhigen Geistes des schwedischen Adels unter jeder der bisherigen Regenten-Familien denkt. Der Kanal und die Festung haben zu einigen Differenzen zwischen dem Könige und den Ständen Veranlassung gegeben. Die letztern betrachten den Aufwand für viel größer als den daraus hervorgehenden Nutzen, während Se. Majestät die künftigen Vortheile die er in Hinsicht des Handels und der Sicherheit des Landes gewähren werde, für so bedeutend hält, daß dadurch die Kosten (jährlich 560,000 Reichsthaler) weit überwogen würden. Seit dem Beginn des Werks wurden schon 5,500,000 Reichsthaler darauf verwendet – gewiß eine ungeheure Summe für ein so armes Land. Auch soll man schon alle möglichen Verführungskünste haben anwenden müssen, um die Stände zu bewegen die nöthigen Summen zur Fortsetzung dieser Nationalunternehmung zu votiren. (Th. 1. S. 126. 127.)

Die Vergleichungen der eigenthümlichen Stellung der gegenwärtigen und der frühern Dynastie, in welche Capitain Jones eingeht, müssen wir hier übergehen. Er rühmt, in Uebereinstimmung mit allen frühern Reisenden, die vorsichtige Politik, die unparteiische Milde, und die umsichtige Klugheit der gegenwärtigen Regierung, und meint, die Freiheiten eines Volkes werden am meisten von einer Dynastie geachtet, welche keinen andern Anspruch auf die Regierung habe, als den ihr die freie Wahl und die dauernde Liebe der Nation verleihe – ein Satz den die Geschichte doch nicht immer bestätigen möchte. Sehr charakteristisch für den König scheint uns folgende Beschreibung einer Audienz, womit der Verfasser beehrt wurde.

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2) Der König von Schweden.

„Wir kamen zur bestimmten Stunde in den Palast, und stiegen die Treppen hinauf ohne einem Menschen zu begegnen, bis wir am Ende derselben einen Hofbedienten, in Blau und Silber gekleidet, erblickten, der uns in ein Zimmer führte, in welchem mehrere Offiziere sich befanden. Diese wiesen uns den Weg zu dem Rathssaale, in welchem alle höheren Stabsoffiziere versammelt waren, unter ihnen Admiral Stienbrock, reich mit Orden behängt. Wir unterhielten uns mit ihnen, bis ein Kammerherr uns in den Audienzsaal führte – eine lange Galerie mit Gemählden und Skulpturen geschmückt. Drei Edelleute, in Staatskleidern, standen am obern Ende derselben. Bald darauf erschien Se. Majestät, sprach einige Minuten mit den Höflingen, worauf diese sich zurückzogen, und der König, ohne daß weiter jemand gegenwärtig gewesen wäre, auf uns zutrat. Nach einigen unbedeutenden Fragen bemerkte der König, er habe so eben la nouvelle facheuse vom Tode des Marquis von Londonderry erhalten, verbreitete sich dann in einer langen Lobrede über den Charakter desselben, besonders seine Ruhe in den Debatten, und die Umsicht seines Geistes, durch die es ihm gelungen sey, England auf eine beispiellose Höhe von Ruhm und Macht zu erheben, die er nur vielleicht bei den endlichen Arrangemens in Europa nicht genug benützt habe. Zwar, sagte er, wolle er ihn nicht mit Pitt vergleichen, doch sey es immer ein wirklich großer Mann gewesen, und er besonders habe Ursache ihn zu achten, und seinen Tod zu bedauern. – Als er uns fragte, wie lange wir in Schweden seyen, hatten wir zugleich Gelegenheit zu bemerken, in welch glücklichem Zustande wir das Land getroffen hätten, wobei uns besonders das aufgefallen sey, daß wir nirgends auf einen Gendarmen gestoßen wären. „Nein“ erwiederte der König „die kennen wir nicht. Nur da und dort findet sich ein Beamter, der im Fall eines Streits, einer Schlägerei, wenn er nicht allein Frieden stiften kann, einige aus dem Volk ausruft, die ihm dann gutwillig in Erfüllung seiner Pflicht beistehen. Diese Beamten, fügte er hinzu, gleichen euern Constabels mit ihren Stäben, nur daß sie vielleicht nicht so gut bezahlt sind.

„Die Konscription,“ fuhr der König fort, „wird auf demselben ruhigen Weg betrieben. Man verkündet sie blos in den Kirchen. Auch giebt es keinen Steuereinnehmer bei uns. Wenn man den Termin zur Bezahlung einer Taxe bekannt macht, so bringen die Steuerpflichtigen ihre Schuld von selbst ein, wodurch der größte Theil der in andern Ländern so bedeutenden Erhebungskosten erspart wird. Ueberhaupt sind die Abgaben in Schweden wohl kleiner, als in irgend einem andern Lande; wir sind arm, aber zufrieden. In Holland zahlt man 18 Przt des Einkommens, in Preußen 13, in Dänemark 12; in Schweden aber, wie ich es selbst berechnet habe, nur 5. England trägt bei weitem die höchsten Abgaben; dieß machen eure Accisen und Zölle, die ich, wie ich bekennen muß, nicht begreifen kann; auf jeden Fall aber seyd ihr reich: Wir sind arm, haben bloß Holz und Eisen, und ein wenig Silber. Die Adern in Norwegen sind fast erschöpft; einige zwar könnten, nach einem mir vorgelegten Berichte, noch fünf Jahrhunderte lang Ausbeute geben, aber die Regierung will die Minen nicht graben lassen, und unsere Privatleute sind nicht reich genug. Der Geist der Unternehmungen und der Mechanik lebt nur in England. An Eisen aber haben wir Ueberfluß; da ist ein Bergwerk, welches wohl für fünfzehn Jahrhunderte, d. h. für immer, Eisen giebt. Man braucht dabei keine Gänge zu führen, sondern gewinnt die Ausbeute gleich außen herein.“

„Sie haben auf Ihrem Wege hieher ringsum Freiheit und Zufriedenheit bemerkt: die sittlichen Völker sind gut, sie sind schon von Natur gut, da braucht es keinen Zwang. Ich fühle mich glücklich zur Regierung eines so sittlichen Volkes berufen worden zu seyn. – Es thut mir leid, daß ich heute abreisen muß; ich hätte Sie gerne noch öfter gesprochen. Montag aber kehre ich zurück, und hoffe Sie dann auf einem kleinen Landgute bei Stockholm zu sehen, wo ich mich mit meinen Blumen beschäftige. Ich bin sehr eingenommen dafür, obgleich es nur eine Hütte ist. Wer ein Freund von Blumen ist, fühlt sich angezogen, und wer diese auch nicht pflanzen und pflegen mag, kann sich wenigstens des Wohlgeruches erfreuen. Nun adieu, meine Herren! Bei Tische sehe ich Sie wieder, wenn ich Montag zurückkehre.“

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3) Vergleichung der Seemächte Europas.

Der interessanteste und zugleich genaueste Theil von Capitain Jones Werk ist seine Vergleichung der Seemacht der meisten europäischen Staaten. Er versichert, daß er schon früher alle Seehäfen und Arsenale von Frankreich und Holland in Augenschein genommen, auf seiner jetzigen Reise aber die von Rußland, Schweden und Dänemark zum Hauptgegenstand seiner Beobachtungen gemacht habe. Die englischen Journale rühmen mit stolzem Selbstbewußtseyn, wie leicht sich, nach dieser Berechnung, Großbritannien [70] zur See den vereinten Kräften Europas gegenüber stellen könne, da seine Marine größer als die aller andern Staaten zusammengenommen sey.

Kapitain Jones verspricht eine genaue Darstellung der ganzen Seemacht Europas, so wie er sie selbst untersucht habe. Blos in Hinsicht Frankreichs möchten seine Angaben vielleicht nicht ganz genau seyn, da er dessen Seehäfen an der Nordküste und am Mittelmeer zu verschiedenen Zeiten besucht habe. Doch würde der Unterschied, zum Vortheile Frankreichs, kaum zwei oder drei Linienschiffe und etwa sechs Fregatten und Sloops betragen.

Nach obiger Berechnung besitzt Frankreich 52 Linienschiffe, 32 Fregatten, und ebenso viele Korvetten und Briggs. Rußland, dessen Seemacht jener am nächsten kommt, hat auf der baltischen See und dem schwarzen Meere 42 Linienschiffe, 18 Fregatten, und etwa 20 kleinere Kriegsfahrzeuge. Von den übrigen nordischen Mächten hat Schweden bloß 12 Linienschiffe, 6 Fregatten und 10 Korvetten und Briggs. Die sonst so bedeutende Seemacht Dänemarks ist, nachdem sie zuerst durch Nelsons Sieg gebrochen, und später durch den Brand von Kopenhagen im Jahr 1807 vernichtet wurde, auf 4 Linienschiffe, 6 Fregatten, und einige Sloops herabgesunken. Kaum um ein Schiff stärker ist die Seemacht der Niederlande. Oesterreich hat, nach Jones, blos zehn (?) Kriegsschiffe von verschiedenem Rang. Die Marine von Spanien und Portugal ist völlig bedeutungslos, und verdient daher gar nicht in die Berechnung mit aufgenommen zu werden. Im Ganzen also bestünde die gesammte Seemacht der Kontinentalstaaten von Europa aus 116 Linienschiffen, 74 Fregatten, und 92 Korvetten und Briggs, während die von Großbritannien allein 138 Linienschiffe, 146 Fregatten, und 214 Korvetten und Briggs zählt.

Vergleicht man die Beschaffenheit der See-Arsenale, so wie die Qualität und Zahl der Seeleute, so ergibt sich hierin eine noch weit größere Uebermacht Englands. Das kalte Blut der Britten, ihr Unternehmungsgeist, ihr allumfassender Handel, ihre Besitzungen in allen Welttheilen, ihr Monopol der Meere – alles dieses verleiht ihrer Marine eine Uebung und Gewandtheit, und zugleich einen Stolz des Bewußtseyns, der vom Admiral bis zum letzten Matrosen sich ausspricht.

Frankreich hat seit der Rückkehr der Bourbone alles gethan, um seine Seemacht zu heben, die auch, nach der brittischen, bei weitem die bedeutendste des Kontinents ist; aber nie wird der Franzose zu jener Ueberlegenheit sich aufschwingen, welche seinem Nationalcharakter und seiner ganzen Weltlage entspricht. Rußland aber kann, da der Frost die Hälfte des Jahres hindurch die baltische See gesperrt hält, so lange an dem Ausgang des schwarzen Meeres die Flagge Mahomeds weht – nie eine große Marine erhalten. Nur der Besitz Konstantinopels würde ihm einen Stapelplatz des Welthandels gewähren, und dann würde die neue bald erblühende Handelsmarine die Pflanzschule seiner Kriegsmarine werden. Bis jetzt aber ist, nach Capitain Jones Versicherung, in allen Seeübungen der Russen noch eben so viel Ungewandtheit als Aengstlichkeit zu bemerken, so daß z. B. der Capitain eines russischen Kriegsschiffes, der nach den Herbstäquinoctien noch in offener See bleiben und sein Schiff verlieren sollte, ohne alle weitere Entschuldigung abgesetzt werden würde, da ein ausdrücklicher Befehl besteht, daß nach jener Zeit alle Schiffe sich wieder im Hafen befinden sollen.