Kirchenrock und Soldatenrock

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Textdaten
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Autor: Th. Fingado, Pfarrer
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Titel: Kirchenrock und Soldatenrock
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 3, S. 52
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[52] Kirchenrock und Soldatenrock. Indem ich bei der Jahreswende mein Kriegstagebuch durchblättere, werde ich wieder lebhaft an eine Begebenheit erinnert, die zu erfahren vielleicht Manchen freuen dürfte.

Vor Straßburg ist’s. Schöne mondhelle Nacht. Kugeln fliegen aus der Stadt und in dieselbe, und Brände zeigen die entsetzlichen Wirkungen. Ich stehe auf Posten; neben mir ein stattlicher Grenadier mit mächtigem Barte, von dem sich bei mir erst schüchterne Versuche zeigen. Natürlich bewegt sich die Unterhaltung in Wünschen und Vermuthungen einer baldigen Uebergabe. Während des Gesprächs nun bemerke ich, wie mein unbekannter Waffengefährte mich beständig scharf prüfend ansieht; auffallend ist noch, daß er den ihm gleichgestellten Cameraden mit ausgesuchter Höflichkeit behandelt. Endlich, nachdem er mit seinen Betrachtungen zu einem Resultate gelangt zu sein scheint, sagt er in seinem Pfälzer Dialekt:

„Erlaawe Se gütigst – ich maan als, ich sott Ihne kenne.“

„Nun ja, mag wohl sein. Woher denn?“

„Ich getrau’ mer’s fast nit zu sage.“

„Immerzu, frisch!“

„Sein Se vielleicht im Unnerland bekonnt?“

„Allerdings!“

„Nu, sein Se nit der Herr Vicar von Schwetzinge?“

„Das war ich in der That, nun aber, wie Sie sehen, Soldat, und zwar Freiwilliger.“

„Ach Gott, Herr Vicar, do hewe Se jo mai Kind gedaaft!“ und die hellen Thränen liefen bei diesen Worten dem harten Krieger von den Wangen, und mir selber schlich Wehmuth in’s Herz hinein. Er drückte mir die Hand und meinte, nun habe er keine Sorge mehr, wenn auch „der Herr Vicar“ mitgehe; er wolle es gleich seiner „Fraa“ schreiben, damit sie beruhigt sei.

Die Ablösung kam. „Gewehr auf! Rechtsum! Marsch!“

„Adjes, Herr Vicar!“ ruft es noch von der andern Seite. Ich kroch in die Wachhütte und träumte wirr von vergangenen und gegenwärtigen Zeiten.

Mein Kriegsgefährte hat somit den Lesern verrathen, wer ich bin. Ein halbes Jahr vor Ausbruch des Krieges, als ich über jede Examenpein schon erhaben war, begann ich in dem badischen Städtchen Schwetzingen als Vicar meine theologische Laufbahn. Als der Ruf zum Kampfe ertönte, ließ es auch mir keine Ruhe zu Hause. Noch zu jung zum Feldprediger, wollte ich doch nicht müßig bleiben und stellte mich mit noch manchen Universitätsfreunden zur Einreihung in das Kriegsheer. Ich achtete es nicht für einen Raub an der Würde meines Berufs, den Kirchenrock mit dem Waffenrocke zu vertauschen, und machte bald in dem reizenden an der Mündung der Tauber in den Main gelegenen Städtchen nach Commando rechtsum und linksum, bis ich so glücklich war, zum eigentlichen Heere in’s Feld zu kommen. Ich hatte noch studentischen Humor genug, in das Lagerleben mich zu finden.

Zum ersten Male wurde ich durch die eben erzählte Begegnung an meine einstige Lebensstellung erinnert und allmählich lernte ich eine Anzahl früherer Zuhörer meiner Kanzelreden kennen, die nicht wenig erstaunt waren, mich nun in gleicher Uniform mit ihnen zu finden, denen ich als letztes Abschiedswort von der Kanzel zugerufen: „Und wenn die Welt voll Teufel wär’, und wollt’ uns gar verschlingen, so fürchten wir uns nicht so sehr – es muß uns doch gelingen!“

Meinen Freund aber von jener Nachtwache fand ich trotz allem Suchen lange nicht mehr. Da kam der für uns Badenser so blutige Tag von Nuits. Des anderen Morgens zogen wir uns auf Dijon zurück. In einem Dorfe war ich so glücklich, ein Stück Brod für meinen Hunger zu erhaschen. Als ich eben mit Behagen dasselbe verzehren will, sieht gar begierig ein Grenadier darnach; natürlich gebe ich ihm ein Stück. Er stutzt; ich kannte ihn im Augenblick nicht, und mein Bart hatte unterdessen höchst kanzelwidrige Fortschritte gemacht.

„Weeß Gott, glaab gar, Sie sinn widder der Herr Vicar.“ – Wie oft er nach mir gespäht und am gestrigen Tag an mich gedacht habe, und wie seine „Fraa“ mich grüßen lasse, das konnte er mir nur in Hast mittheilen. Ein Händedruck und Gott befohlen!

Ich hatte mit ihm schon in anderem Gewande bei feierlichem Anlaß das „Brod gebrochen“, ob nicht auch in diesem Augenblick ein unsichtbares Gotteshaus sich über uns wölbte? Wir lebten noch, und er hatte Weib und Kind zu Hause.

„Friede, Friede!“ – das war Aller Wunsch. Endlich kam er; aber mich sollte die frohe Botschaft im Lazareth treffen. Nach meiner Genesung eilte ich, die alten Freunde in Schw. zu besuchen; nicht zum Mindesten lag mir daran, zu erfahren, was aus dem biedern Grenadier sammt Weib und Kind geworden. Als Munition zur Eroberung des Kindesherzens versah ich mich mit Zuckerbrod. Große Freude! Er lebte noch, war aber noch nicht zu Hause.

Meine Stunden waren gezählt und mußten zwischen so vielen Freunden getheilt werden. Da siehe! wer kommt? Eine Uniform, die wurstförmig aufgebauschten Unterhosen mit den wenigen Habseligkeiten umgehangen. – Er ist es, derselbe! Liebende Arme empfangen ihn in seinem Hause. – Ich selbst kehre freudig zu meinem Beruf zurück, mit doppeltem Eifer nach dem Krieg das Evangelium des Friedens verkündend.

Der ehemalige Grenadier ist für seine patriotischen Verdienste zum Waldhüter ernannt. Ich weile als einsamer Pfarrer in einem schönen Schwarzwaldthale, und wenn ich den hinter meinem Hause sich erhebenden Berg von fast dreitausend Fuß besteige, sehe ich hinaus in die Rheinebene nach dem Straßburg, das wieder unser ist, und denke mit Freuden: „Auch dabei gewesen!

Th. Fingado, Pfarrer.