Kleines Wild

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Guido Hammer
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Kleines Wild
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 15, S. 246–248
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1873
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Wiesel
Wild-, Wald- und Waidmannsbilder Nr. 37
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[246]
Wild-, Wald- und Waidmannsbilder.
Von Guido Hammer.
Nr. 37. Kleines Wild.


Wie oft schon kehrte ich vom Wildgange heim, ohne einen Schuß gethan, ja nur ein jagdbares Wild dabei erblickt zu haben, und die Meinigen scherzten dann wohl: daß ich wieder einmal „die Flinte spazieren getragen“ habe. Und doch waren oft gerade solch’ scheinbar ungenützt verstrichene Tage von ganz besonderem Hochgenuß für mich; denn von der Leidenschaftlichkeit, die erfolgreiche Jagd mit sich zu bringen pflegt, nicht abgezogen, konnte ich ja um so beschaulicher tausenderlei Betrachtungen in der reichen Gottesnatur nachhängen. Und welch’ köstliche Stunden habe ich verlebt, wann ich so recht im Wonnegefühle vollster Unabhängigkeit, frei wie das Wild im Walde, mit dem ich von jeher auch dessen Bedürfnißlosigkeit theilte, an sonniggoldenen Herbsttagen sorglos die Fluren nach Beute durchstreifte! Konnte ich kein Wild erjagen, so wußte ich mich für diesen Verlust durch einen recht aus dem Vollen schöpfenden Naturgenuß zu entschädigen. In süßem Nichtsthun lag ich bald auf weicher, schwellender Moosdecke, über mir das magische Dunkel hoch aufstrebender Tannen, bald im grasigen Grunde unter weitschirmenden Buchen hingestreckt. Durch düsteres Nadelgezweig oder goldschimmerndes Blättergewirr sandte ich die Blicke zum azurnen Himmel, den am Horizont aufsteigenden, wachsenden und dann im Weiterziehen wieder vergehenden Wolkengebilden und den kreisenden oder schnell dahinschießenden Vögeln nach. Aber auch auf mancher baum- und strauchlosen, nur einförmig von lieblicher Erica überwucherten Haidestrecke gab es Freude genug Aug’ und Sinn zu ergötzen.

Zwischen der felsigen Halde eines Gebirgsrodelandes voll halbverraster Haidebüschel und einem kümmerlich stehenden Haferfelde bildet ein Damm von hochaufgeworfenen Ackersteinen die Grenze. Eine wettertrotzende knorrige Eberesche mit purpurnen Fruchtbüscheln ist demselben entwachsen. Dort bröckelt es eben leise im lockern Geröll. Rasch wendet sich das Auge danach, [247] um vom kaum vernommenen Schalle die Ursache zu ergründen, und siehe – da schlüpft mit blitzesschneller Behendigkeit ein Wieselchen über das katzengoldglimmerige Getrümmer dahin, im niedlichen, aber scharf bewehrten Rachen den Fang, eine Maus, tragend. Trotz der verhältnißmäßig schweren Bürde überspringt die kleine Bestie mit graciösesten Sätzen das zerklüftete Terrain, als wolle sie nimmer damit rasten; plötzlich aber macht das flinke Geschöpfchen an gesicherter Stelle Halt. Hier nun, hingestreckt auf moosigem Pfühle, sein Opfer unter den

Die Gartenlaube (1873) b 247.jpg

Wiesel-Ehepaar beim Frühstück.
Nach der Natur gezeichnet von Guido Hammer.

zierlichen Branken, schickt sich dieses kleinste aller Raubthiere, das aber an Blutdurst und Grausamkeit selbst den Tiger übertreffen dürfte, an, die frische Beute zu verzehren. Jedoch noch ehe das funkeläugige winzige Ungethüm dazu kommt, schlüpft von der andern Seite ein ebenso zwergenhafter Cumpan, jedenfalls des ersteren Galan, herzu, um theilzunehmen am mundrecht vorgelegten fetten Schmause. Wie aber bei allen Besitzenden gerade über dergleichen Gütergemeinschaft höchst abweichende Meinungen bestehen, so auch bei unserm egoistischen Miniatur-Ehegesponse. So hebt denn die fein gegliederte, reizend niedliche Schöne in wahrhaft pantherhafter Grandezza das zierliche Köpfchen, und einen zornsprühenden, giftigen Seitenblick aus dem tief dunkelglänzenden Auge nach dem begehrlichen Gatten schießend, zeigt sie ihm, leise dazu zischend, das nadelscharfe Gebiß, um nöthigenfalls damit ihr gutes Fangrecht nachdrücklich zu vertheidigen. Mit anzuerkennender Galanterie respectirt der zurückgewiesene Gemahl, wenn auch noch so lüstern, diese energische Drohung und hält sich in gemessenen Schranken. Nur sein schlangenhaftes, perlglitzerndes Aeuglein verräth noch die sehnsuchtsvolle Gier nach dem verweigerten Mahle, an dem die hartherzige Auserwählte inzwischen mit leckerer Lust zu schwelgen begonnen.

Da klirrt, durch eine Bewegung unsererseits veranlaßt, nur ganz leicht der Bügel am Gewehrriemen und husch – mit forellenhafter Schnelle ist das Raubgelichter sammt der Beute in die Ritzen eines Steinhegers verschwunden. Wohl bleiben wir noch lange unbeweglich liegen, um zu sehen, ob die wie durch Zauberschlag unsichtbar gewordenen Creaturen sich nicht noch einmal zeigen sollten; aber vergeblich; denn die [248] unterirdischen Gänge ihrer weiten Trümmerburg verbergen das blutlechzende Thierkoboldchenpaar auf Nimmerwiedersehen unseren darnach ausspähenden Blicken.

Obwohl sich’s noch manchmal hier und da regt, die Erwarteten kehren nicht wieder, und nur Eidechschen oder aufschwirrende Grashüpfer sind es, welche die dürren Halme und die wirre Haide am heißbestrahlten Raine schwanken und rascheln machen und das Ohr glauben lassen, die wildernden Teufelsthierchen wären wieder an’s Tageslicht gekommen. Ebenso täuschte sich auch das gespannte Auge, wenn an überwachter Stelle plötzlich und ungeahnt ein lichter Spätfalter von einer würzigen Thymianblüthe, aus welcher er Nektar gesogen, emporflog, um weiter zu flattern über die umstehende honigduftende, von Bienen und Hummeln umsummte Haideflora.

Wir aber, da die kleinen „Heermännchen“, wie der Volksmund die Wiesel gern nennt, unsere Ausdauer schon allzuschwer auf die Probe stellten und durchaus nicht wieder zum Vorschein kommen wollen, erheben uns endlich und schreiten, den Höhenzug entlang, über ein weites, spinnwebenüberzogenes Gehau dahin, dem hohen Holze zu, wobei die unter unseren Füßen sich lösenden Nachsommerfäden leicht emporsteigen und in langen wolligen Strähnen der leisen, uns umhauchenden Luftströmung folgen.

Im einsamen Jägerhause erwartet uns der gastliche alte Wildmeister. Was wird er sagen, wenn wir ihm bei der Hollundersuppe und der saftigen Rehleber vom heutigen erfolglosen Pürschgange und den darauf – seiner Meinung nach – „verlungerten“ Stunden berichten?