Kreisleriana (Erster Theil)

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Textdaten
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Autor: E. T. A. Hoffmann
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Titel: Kreisleriana [Erster Theil]
Untertitel:
aus: Fantasiestücke in Callot’s Manier, Erster Theil, S. 29–116
Herausgeber:
Auflage: Zweite, durchgesehene Auflage in zwei Theilen (= Ausgabe letzter Hand)
Entstehungsdatum: 1814–15, revidiert 1819
Erscheinungsdatum: 2. Auflage: 1819
Verlag: Kunz
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Erscheinungsort: Bamberg
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Quelle: pdf bei commons: Bd.1
Kurzbeschreibung:
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Hoffmann Fantasiestücke in Callots Manier Bd.1 1819.pdf
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III.

Kreisleriana.

Nro. 1 – 6.


Wo ist er her? – Niemand weiß es! – Wer waren seine Eltern? – Es ist unbekannt! – Wessen Schüler ist er? – Eines guten Meisters, denn er spielt vortrefflich, und da er Verstand und Bildung hat, kann man ihn wohl dulden, ja ihm sogar den Unterricht in der Musik verstatten. Und er ist wirklich und wahrhaftig Kapellmeister gewesen, setzen die diplomatischen Personen hinzu, denen er einmal in guter Laune eine von der Direction des …r Hoftheaters ausgestellte Urkunde vorwies, in welcher er, der Kapellmeister Johannes Kreisler, bloß deshalb seines Amtes entlassen wurde, weil er standhaft verweigert hatte, eine Oper, die der Hofpoet gedichtet, in Musik zu setzen; auch mehrmals an der öffentlichen Wirthstafel von dem Primo Huomo verächtlich gesprochen und ein junges Mädchen, die er im Gesange unterrichtet, der Prima Donna in ganz ausschweifenden, wiewohl unverständlichen Redensarten vorzuziehen getrachtet; jedoch solle er den Titel als Fürstlich …r Kapellmeister beibehalten, ja sogar zurückkehren dürfen, wenn er gewisse Eigenheiten und lächerliche Vorurtheile, z. B. daß die wahre italiänische Musik verschwunden sey u. s. w. gänzlich abgelegt, und an die Vortrefflichkeit des Hofpoeten, der allgemein für den zweiten Metastasio[WS 1] anerkannt, willig glaube. – Die Freunde behaupteten: die Natur habe bei seiner Organisation ein neues Rezept versucht und der Versuch sei mißlungen, indem seinem überreitzbaren Gemüthe, seiner bis zur zerstörenden Flamme aufglühenden Fantasie zu wenig Phlegma beigemischt und so das Gleichgewicht zerstört worden, das dem Künstler durchaus nöthig sey, um mit der Welt zu leben und ihr Werke zu dichten, wie sie dieselben, selbst im höhern Sinn, eigentlich brauche. Dem sey, wie ihm wolle – genug, Johannes wurde von seinen innern Erscheinungen und Träumen, wie auf einem ewig wogenden Meer dahin – dorthin getrieben, und er schien vergebens den Port zu suchen, der ihm endlich die Ruhe und Heiterkeit geben sollte, ohne welche der Künstler nichts zu schaffen vermag. So kam es denn auch, daß die Freunde es nicht dahin bringen konnten, daß er eine Komposition aufschrieb, oder wirklich aufgeschrieben unvernichtet ließ. Zuweilen komponirte er zur Nachtzeit in der aufgeregtesten Stimmung; – er weckte den Freund, der neben ihm wohnte, um ihm alles in der höchsten Begeisterung vorzuspielen, was er in unglaublicher Schnelle aufgeschrieben – er vergoß Thränen der Freude über das gelungene Werk – er pries sich selbst als den glücklichsten Menschen, aber den andern Tag – lag die herrliche Komposition im Feuer. – Der Gesang wirkte beinahe verderblich auf ihn, weil seine Fantasie dann überreizt wurde und sein Geist in ein Reich entwich, wohin ihm Niemand ohne Gefahr folgen konnte; dagegen gefiel er sich oft darin, Stundenlang auf dem Flügel die seltsamsten Themas in zierlichen kontrapunktischen Wendungen und Nachahmungen, in den kunstreichsten Passagen auszuarbeiten. War ihm das einmal recht gelungen, so befand er sich mehrere Tage hindurch in heiterer Stimmung, und eine gewisse schalkhafte Ironie würzte das Gespräch, womit er den kleinen gemüthlichen Zirkel seiner Freunde erfreute.

Auf einmal war er, man wußte nicht wie und warum verschwunden. Viele behaupteten, Spuren des Wahnsinns an ihm bemerkt zu haben, und wirklich hatte man ihn mit zwei über einander gestülpten Hüten und zwei Rastralen,[WS 2] wie Dolche in den rothen Leibgürtel gesteckt, lustig singend zum Thore hinaus hüpfen gesehen, wiewohl seine näheren Freunde nichts Besonderes bemerkt, da ihm gewaltsame Ausbrüche, von irgend einem innern Gram erzeugt, auch schon sonst eigen gewesen. Als nun alle Nachforschungen, wo er geblieben, vergebens, und die Freunde sich über seinen kleinen Nachlaß an Musikalien und andern Schriften beriethen, erschien das Fräulein von B.[WS 3] und erklärte, wie nur ihr allein es zukomme, diesen Nachlaß ihrem lieben Meister und Freunde, den sie keineswegs verlohren glaube, zu bewahren. Ihr übergaben mit freudigem Willen die Freunde alles was sie vorgefunden, und als sich auf den weißen Rückseiten mehrerer Notenblätter kleine, größtentheils humoristische Aufsätze, in günstigen Augenblicken mit Bleistift schnell hingeworfen, befanden, erlaubte die treue Schülerinn des unglücklichen Johannes dem treuen Freunde, Abschrift davon zu nehmen und sie als anspruchslose Erzeugnisse einer augenblicklichen Anregung mitzutheilen.




Anmerkungen (Wikisource)

  1. Pietro Metastasio (1698-1782), berühmter italienischer Librettist.
  2. Rastral, ein gabelähnliches Gerät zum ausziehen von Notenlinien.
  3. Vermutlich von Hoffmann als trostbringende Fantasiefigur aus Goethes Die Leiden des jungen Werther herübergenommen; siehe Maasen, S. 482 Internet Archive


Sekundärliteratur

  • Das Kreislerbuch – Texte, Compositionen und Bilder. Herausgegeben von Hans von Müller, Insel, Leipzig 1903 Google-USA*
  • E.T.A. Hoffmanns Sämtliche Werke. Historisch-kritische Ausgabe mit Einleitungen, Anmerkungen und Lesarten von Carl Georg von Maassen (1880-1940). München und Leipzig 1908-1928, Georg Müller [modernisierte Orthographie], Band 1, 1908: Fantasiestücke in Callots Manier Internet Archive