Ländliche Osterbräuche in Deutschland

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Titel: Ländliche Osterbräuche in Deutschland
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aus: Die Gartenlaube, Heft 14, S. 240
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1895
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Osterbräuche in Niederbayern.
Nach einer Originalzeichnung von Oskar Gräf.
Spiel mit roten Ostereiern.     Das Einpflanzen von geweihten Holzkreuzchen und Palmweiden.
Das Weihen von Nahrungsmitteln in der Kirche.     Ostereier als Liebesgabe.
                                             Verschenken von geweihten Brezeln.

[240] Ländliche Osterbräuche in deutschen Landen. (Zu den Bildern S. 221 und S. 233.) Nur in Weltwinkeln, die der fortstürmende Zeitgeist etwas seitab liegen läßt, erhalten sich heutzutage noch altertümliche Volksbräuche mit Vorliebe. Wo moderne Interessen, wo die Eisenbahnhast des Jahrhunderts das Volk ganz, in Anspruch nehmen, da verschwinden jene Gebräuche mehr und mehr. Man hat keine Zeit mehr für sie, auch nicht mehr die beschauliche gläubige Weltanschauung, die für sie Lebenslust ist. Einige von ihnen, seltsames Gemisch von Christentum und uraltem Heidenbrauch, kann man heute noch in reinen Ackerbaugegenden finden, wo bäuerliche wohlhabende Bevölkerung seßhaft ist; abseits der großen Verkehrsströmungen: abseits der Städte mit ihrem drängenden industriellen Leben. Ein solcher Landstrich ist das gesegnete Niederbayern mit seinen reichen Getreidefluren und dunklen Waldungen. Da haben sich noch, wie in den benachbarten bayerischen Provinzen, für jeden Hauptabschnitt des Bauernkalenderjahrs solche Bräuche erhalten. Besonders die Osterzeit, die auf dem Lande noch ganz anders wie in den Städten den Charakter des Anfangs von einem neuen hoffnungsfreudigen Jahresabschnitt trägt, ist reich an solchem alten Herkommen. Unsere Bildertafel auf S. 233 hat dasselbe zum Gegenstand. Vor allem ist da des Weihens von Holz am Karsamstag zu gedenken. Aus dem in der Dorfkirche durch den Pfarrer gesegneten Holze werden Kreuzchen geschnitzt, die von der bäuerlichen Familie nebst einer Handvoll Getreide in den Acker gesteckt werden zum Schutze gegen schadenbringende Unwetter. Mit den Kreuzchen werden auch kleine Ruten von blühenden Weidenzweigen – Palmweiden – in den Acker gepflanzt; auch sie wurden vorher in der Kirche geweiht. Der Stiel, an welchem diese Weidenzweige mit ihren sammetweichen grauen Blütenkätzchen angebunden werden, soll eigentlich ein Haselstab sein, weil in die Hasel – wie die Legende sagt – kein Blitzstrahl schlägt, seit einst ein Haselstrauch der Mutter Gottes Schutz gegen ein Unwetter lieh. Aber nicht bloß Holz und Weidenruten werden zur Osterzeit in der Kirche geweiht, auch Brot und Salz, Kalbsbraten, Eier und Schinken. Während geweihte Brezeln von den wohlhabenden Bäuerinnen an die Dorfkinder verschenkt werden, dienen die rotgefärbten Eier als Gastgeschenk der Mädchen an die Burschen, die für ein Plauderstündchen ans Fenster kommen; auch geben diese Eier Anlaß zu mancherlei Spielen zwischen halb und ganz erwachsener Jugend. Einem interessanteren Osterbrauche hat die Zeit, vielleicht auch die fürsorgliche Polizei, ein Ende gemacht: dem „Judasbrennen“, wobei eine Strohfigur – der Judas oder Ostermann – feierlich auf einem Scheiterhaufen verbrannt ward. Es mögen hierbei seitens der faustfrohen niederbayerischen Jünglingswelt wohl manchmal Kraftäußerungen vorgekommen sein, die das Verschwinden dieses Brauches nicht als beklagenswert erscheinen lassen.

Von derberem Humor ist auch der Osterbrauch, den unser Bild auf S. 221 veranschaulicht. Derselbe ist noch heute in Ostpreußen auf dem Lande heimisch. Am Ostermorgen lauern die Knechte den Mägden auf, bevor diese über den Hof zur Arbeit schreiten. In den Händen halten sie Eimer und Waschgefäße, die sie am Ziehbrunnen mit Wasser gefüllt haben. Die Mägde wissen, was ihnen bevorsteht; sie schleichen leise die Treppe hinab und stürzen dann in eiligem Lauf über den Platz zum Stall, wo ihr Tagesgeschäft mit dem Melken der Kühe beginnt. Aber die Eile nützt ihnen nichts. Die ihnen längst auflauernden Burschen brechen hervor und schütten mit sicherem Schwung den kühlen Inhalt ihrer Eimer und Schüsseln aus eines der davonspringenden Mädchen aus. Keine entgeht der Taufe. Auch die letzten, die sich zurückhielten, um abzuwarten, bis die Gefahr vorüber sei, bekommen ihr Teil. Aber die gute Laune wird den frischen Dirnen durch die vom Herkommen geheiligte Neckerei nicht verdorben. Im Gegenteil – für mehr als eine ist es Herzenssache, recht tüchtig durchnäßt zu werden. Denn welche von ihnen der ihr zugedachte Wasserguß gehörig getroffen hat, die bekommt – so geht der Glaube – noch im selben Jahr einen Mann!