Land und Leute/Nr. 35. Das Elsaß, seine Spiele und Tänze

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Titel: Das Elsaß, seine Spiele und Tänze
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aus: Die Gartenlaube, Heft 23, S. 373–376
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Reisebericht aus der Artikelserie Land und Leute, Nr. 35
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Die Gartenlaube (1874) b 375.jpg

Das Pfingstfest im Elsaß.
Nach der Natur aufgenommen von Theod. Pixis in München.

[373]
Land und Leute.


Nr. 35. Das Elsaß, seine Spiele und Tänze.


„Juchhei! bald bin ich wieder im schönen Heimathlande, so reich an herrlichen Triften, Weinbergen, Wäldern und Matten. Bald rege ich mich wieder unter dem gemüthlichen Volke, das unter der Tünche der Neuzeit noch nicht seine ursprüngliche Frische in Sitten, Gebräuchen und Trachten verloren hat.“

So redete, jubelte und dachte ich wechselsweise, indem ich dabei immer rascher meine Schritte beflügelte.

Da stehe ich auf der Berghöhe vor Zabern, an dem Orte, wo man die Vorspannpferde beseitigt. Hier beginnt der sogenannte Zaberner Steg, welcher auf der Abendseite anfängt und unvermerkt in vielen Krümmungen über die Vogesen hinab in das herrliche Rheinthal führt. Ein üppiger Pflanzen- und Baumwuchs umsäumt diese schöne Kunststraße; rechts ruhen die Ruinen der romantischen Burg Hohbarr, weiter südwärts die des Schlosses Greifenstein, und in weiter Ferne begrüße ich das Münster von Straßburg, bei dessen Anblick das Herz eines jeden Elsässers lacht. Da liegt endlich das alterthümliche Zabern, bekannt als ehemalige Residenz der Bischöfe von Straßburg; da ragt noch das prächtige Schloß des Bischofcardinals von Rohan, das er gegen Ende des vorigen Jahrhunderts neu erbaute. Zabern ist bekannt durch die furchtbare Niedermetzelung von sechszehntausend Bauern im Bauernkriege im Jahre 1525 durch den Herzog Anton von Lothringen, der den arglosen Landleuten, die sich ihm gegen freien Abzug aus Zabern ergeben hatten, auf so fluchwürdige Weise ihr Zutrauen vergalt. In ausgedehntem Sinne des Wortes berühmt ist es jedoch erst durch das Gedicht Schiller’s „Der Gang nach dem Eisenhammer“ geworden, obschon eigentlich „ohn’ Verdienst und Würdigkeit“, d. h. ohne alle locale und geschichtliche Begründung.

Nach kurzer Rast eile ich weiter. Auf- und abwärts geht’s mit Sehnsuchtsschritten über die Hügel und Thäler der Vorberge der Vogesen und vorwärts selbst am Bastberge vorbei, dem Blocksberge des elsässischen Unterlandes. Es ist zwei Uhr Nachmittags. Dabei streut der liebliche Mai von den auf beiden Seiten des Weges stehenden Bäumen seine Blüthen auf den fröhlichen Wanderer, der weit aus dem Innern Frankreichs herkommt und der nach zweijähriger Abwesenheit von diesem freundlichen Gruße hoch überrascht ist. Nur das liebliche Buchsweiler, nordöstlich am Bastberg gelegen, die Residenz der einstigen Dynasten des Elsasses, der Grafen von Hanau-Lichtenberg, fesselte mich zu kurzer Rast seines Gymnasiums wegen, das meine erste Jugend gesehen hatte, und einem theuren Oheim zu Liebe, der zuerst Professor an dem Gymnasium und dann Inspector und Oberconsistorialrath wurde, bekannt weit und breit durch edel ausgeübte Gastfreundschaft.

Aber nicht lange – es reißt mich fort, denn immer ist die engere Heimath noch nicht erreicht. Weiter geht es über Berg und Thal, Thal und Berg. Da sehe ich meinen alten Kirchthurm ragen. Das Herz pocht. Unten im Thal höre ich den Klang jugendlicher Stimmen. Ich breite meine Arme betend und segnend über die liebe Heimath und steige, wie sonderbar! langsam und zögernd hinunter gegen das Dorf, das auf der andern Seite des Hügels sich längshin ausdehnt. Die fröhlichen Stimmen werden immer deutlicher. Es ist ja Sonntag Abend. Die Erinnerung aus der Jugendzeit erwacht. Da wird ja jetzt, wo es Abend ist, des Kreisspiels gepflogen, an dem ich einst in den Tagen der Kindheit so eifrig theilgenommen. Tiefer hinabschreitend, erblicke ich in einem dichtumhegten Obstgarten Buben und Mädchen versammelt zum ländlichen Spiele. Ich lehne mich an einen auf hohem Raine [374] stehenden Baum und sehe dem Treiben zu, dessen Bedeutung ich aus alter Zeit kenne. Die blendend weißen Fürtücher der Mädchen schimmern mir entgegen. Die mit grün- und rothseidenen Bändern umbordeten Röcke von allen Farben, die mit Iltis- oder Marderpelzen breit besetzten Kappen der Knaben, ihre mit blinkenden stählernen Knöpfen dicht besetzten Wämse, die scharlachenen Brusttücher verkünden mir die originelle bunte Sonntagspracht und den schimmernden Wohlstand des Heimathortes.

Doch indem ich auf dieses bunte Treiben schaue, muß ich, im Fluge gleichsam, des schönen Spieles gedenken, das hier vorgeht. Beim Beginne des Frühlings, wenn in den Matten und an den Rainen der Rebhügel und der Wege das Veilchen und die Himmelsschlüssel erst aufblühen, machen die Mädchen des Dorfes schon Sträuße, und wenn sie in ihrem wohlgepflegten Garten noch keinen Morgenstern und keine Hyacinthe finden, so gehen sie hinaus in das Feld oder in den Wald und suchen die gelbe Butterblume, die rothviolette Fleischnelke, die Kukuksblume, das weiße Schneeglöcklein und die duftende heimlichblaue Veiltodte, und stecken wohl auch einen immer frischen Rosmarin dazu. Diese Sträuße hegen sie sorgfältig im Wasserglase bis zum Sonntagabend. Ist der Nachmittagsgottesdienst vorüber, das häusliche Geschäft vollbracht und der Abendimbiß genossen, dann kommen die Mädchen von je neun bis fünfzehn Jahren zusammen. Wie sie geheimnißvoll thun! Sie kichern und flüstern so emsig miteinander. Gewöhnlich sind sie bei einer Gespielin im Küchengarten hinter der Scheune versammelt und schleichen sich durch die Hinterthür des Gartens, die meistens auf das Feld oder in die Obstgärten und Matten führt, hinaus. Was bedeutet dieses geheimnißvolle und scheue Wesen? Das ahnungsvolle, kaum bewußte Gefühl der reinen zarten Jugendliebe für einen der Knaben des Dorfes regt sich in den jungen Herzchen. Und sie wollen nicht belauscht und geneckt werden, wenn sie gehen und wieder nach Hause kommen. Ein jedes Mädchen trägt verschämt unter der reinen weißen, schön gefältelten Schürze seinen Strauß.

Draußen vor dem Dorfe in einem dicht umhegten Obstgarten oder in einer von hohen Haselnußstauden umgebenen Matte warten die Knaben schon lange, spielen unterdessen irgend ein Spiel, das sie aber vor Ungeduld bald aufgeben. Da kommt Einer eilig von einem Baume gesprungen und meldet hastig das Herannahen der Maide. Diese stehen beisammen in einem benachbarten Garten. Sie wollen schlechterdings nicht herüber. Da setzt die ungeduldige Schaar über den Zaun, den scheuen Gespielinnen entgegen. Die Mädchen, wie sie die Knaben erblicken, stieben wie flüchtige Rehe auseinander. Aber sie werden von den schnellen Knaben eingeholt und nach langem Zögern in den zum Spiele bestimmten Garten geführt. So kommen sie immer zusammen. Immer müssen die Maide, die scheuen, von den Knaben herbeigeholt werden.

Jetzt stellen sie sich in einen Kreis mit einwärts gekehrten Gesichtern, immer ein Knabe abwechselnd mit einem Mädchen. Dann tritt ein Knabe aus dem Reihen, umgeht ihn von außen langsam, wie wenn er sich auf Etwas besinnen wollte. Plötzlich geht er rascher und schlägt flüchtig mit der Hand einem Mädchen auf den Rücken. Es dreht sich um. Der Knabe führt es, indem er seinen Arm um dessen Achseln oder Hüften gelegt hat, eine Strecke weiter. Nun wird miteinander geredet; aber oft wird, besonders bei den erstmaligen Zusammenkünften, nicht gesprochen. Endlich zieht das Mädchen, wenn der Knabe der Erwählte ist, verschämt unter dem Fürtuche den bis jetzt verborgen gehaltenen Strauß hervor und giebt ihn, oft erröthend, dem nunmehrigen Schatze; der Knabe ergreift ihn fröhlich und jetzt kehrt das Pärchen wieder zum Kreise zurück.

Der Knabe stellt sich wieder in den Reihen und das Mädchen muß um den Kreis herum. Es bezeichnet mit einem Schlage der Hand gewöhnlich den Schatz seiner Camerädin, damit dieser an die Reihe komme, den Strauß von seinem Mädchen zu erhalten. So geht das Spiel fort, bis Alle ihre Sträuße haben, so führt ein Jedes dem Andern sein Schätzchen zu. Mit dem eigenen Schatze hat man nicht das Herz, viel zu reden. Aber mit den Andern wird gelacht und geschäkert. Wenn ein Knabe herzhaft ist, so wagt er wohl auch einen Kuß, aber es geschieht sehr selten. Die Mädchen haben beim Beginne der idyllischen Liebschaft auch nicht immer den Muth, den Buben ihre Sträuße zu geben. Oefters „klopfen“ sie einen Andern als Denjenigen, der den Strauß haben soll, so daß das Spiel manchmal lange dauert, bis sie Alle ihre Sträuße haben.

Hat Jeder seinen Strauß, so löst sich der Reihen auf und es wird wohl noch ein anderes Spiel gespielt, wie „Fangedissels“ oder „Blindmihsels“ (Blindekuh). Aber gewöhnlich ist es Abendglockezeit, und beim Nachtglockeläuten müssen die Jungen zum Gebete daheim sein. Nur die confirmirten Knaben dürfen nach der Nachtglocke auf der Gasse bleiben, wenn sie sich gegen ein paar Maß Wein, die sie den älteren Burschen als Einstand bezahlen, in ihr Recht als Bursche einkaufen. Dies geschieht gewöhnlich im sechszehnten Jahre.

In der größten Eile setzte die Schaar, die ich so ganz in der Nähe spielen sah, beim Tone der Nachtglocke auseinander. Ich eilte ihnen nach; dem heimischen schönen Brauche folgend, war ich froh, in diesem Augenblicke meine Lieben zu begrüßen. Als ich durch den hochgelegenen Hof in das liebe Haus eintrat, standen noch meine jüngeren Geschwister um die Eltern im Reihen und beteten. Ich blieb vor der geöffneten Thür stehen und faltete nach alter Gewohnheit die Hände mit den Anderen. Die Schatten des Abends verbargen mein Gesicht. Als das Gebet vorüber war, trat ich näher. Das war ein seliges Herzen und Umfangen! Ich kam aus der Fremde. Da empfand ich erst recht die Süßigkeit treuer Eltern- und Geschwisterliebe.

Der Anblick des Kreisspiels hatte alle meine Jugenderinnerungen wachgerufen. Hatte ich doch selbst in meiner Kindheit alle diese unschuldigen Jugendspiele mitgemacht. Jetzt, wo ich daheim war, nachdem ich mich draußen in der übertünchten uniformirten Welt herumgetummelt, fand ich die Gebräuche meiner Heimath erst recht reizend; und ich will fortfahren sie zu schildern, so gut und einfach ich es vermag. Man wird mir nicht verargen, wenn ich mich dabei auf das Büchlein eines meiner elsässischen Freunde, Länzebäwi, die „Liederstellerin“ genannt, berufe, Dieser Freund hat mir dazu unbedingte Erlaubniß gegeben.

So lange es Blumen im Jahre giebt, wird das Kreisspiel gespielt, oder wie die Kinder sagen, „Kreises gemacht“. Ist die Ostern da mit ihren Eierfreuden, so giebt das Mädchen seinem Kreisschatze zwei bis drei buntfarbige Ostereier. Hier zeigt sich die Kunstfertigkeit der Mädchen, denen wohl auch ältere Schwestern oder ein sonstiges Dorfgenie nachhelfen, in ihren ersten Anfängen. Auf den Eiern sind abgemalt Rosen, Tulpen und Vergißmeinnicht. Oder die lieblichen Abdrücke von Blättern und Blumen, welche die ländlichen Künstlerinnen rings um die Eier binden und diese dann, so zugerüstet, in Zwiebelschalen kochen, werden auf gebleichtem Grunde dargestellt.

Auf einigen Eiern stehen zwischen den Blumen und Blättern mit Scheidewasser eingeschrieben allerlei sinnige Sprüchlein, wie:

Aus lauter Lieb’ und Treu’
Geb’ ich Dir dies Ei;
Und wenn das Ei zerbricht,
Bricht doch die Liebe nicht.

oder:

Ich liebe Dich so fest,
Als wie der Baum die Aest’,
Als wie der Weinstock die Reben –
Wann wird uns Gott zusammengeben?

Auch die älteren Mädchen verehren ihrem Schatze, wenn sie einen solchen haben, ebenso gezierte und beschriebene Eier, wofür sie bei Gelegenheit des „Meßtis“ (Kirchweih) runde und herzförmige Lebkuchen erhalten, auf denen allerlei derbe oder zarte Sprüche stehen, die auf ihr Liebesverhältniß Bezug haben.

Aber was für einen Dank hat denn das Mädchen dafür, daß es vom Frühlinge bis Herbst, von dem Schneeglöcklein bis zur Zeitlose dem Liebsten Sträuße windet? Es erhält am zweiten Pfingsttage ein einfaches seidenes Band, roth, blau oder grün, wenige Ellen lang; denn Pfingsten ist für die fröhliche Jugend ein großes Fest.

Ein altes Recht erlaubt den Knaben, im benachbarten Walde sich den schönsten Maien von „Furlen“ (Föhren) oder Tannen zu holen, je nach der Altersstärke der Knaben, die ihn tragen müssen, zwei- oder dreistöckig. Am Vorabende des Festes erschallt durch das ganze Dorf der Peitschenknall der Jungen, [376] die vor jedem Hause eine Salve loslassen und dadurch das am folgenden Tage zu fordernde „Pfingsterecht“ ankündigen. Vor den Thüren stehen die Väter und die älteren Burschen des Dorfes, schauen dem Treiben zu und beloben oder tadeln, je nach Geschicklichkeit ihres Klatschens, die Knaben.

Am Morgen des zweiten Feiertags, bei Tagesgrauen, wenn die Alten noch ruhen, kommen die Knaben zusammen, ihre Maien zu schmücken. Die Mädchen bringen ihren Strauß, die Knaben ihr Band. Jeder Knabe bindet sein Band an den Strauß seines Mädchens. Und so wird jeder Strauß an einen der Aeste befestigt und die also gezierte Maie wogt stattlich unter der bunten Last.

Ist der Morgengottesdienst vorüber, so ziehen die Knaben in Truppen von 10–15 mit ihren Maien im Dorfe herum, um von Haus zu Haus die Festgaben an Eiern, Dürrfleisch und Wein zu sammeln. Ihre frischen Gesichter verkünden hohen Jubel. Die bunten Bänder wehen in der Luft. Einer trägt den Maien, ein Paar den Korb mit Eiern und Dürrfleisch, noch ein Anderer das Logel, worein der Wein geschüttet wird. In manchen Dörfern wird ein Knabe ganz mit grünen Zweigen umgeben, und die grüne wandelnde Pyramide bedeutet den Frühling, den die Knaben heimführen mit dem Rufe der Meise: „Zitt ésch da! Zitt ésch da!“ Die Mädchen schauen in einer Ecke dem Zuge nach und blicken begehrlich nach den ihnen bestimmten Bändern. Die ältere Jugend steht in Gruppen vor den Häusern und sieht, die „Maienknechte“ freundlich neckend, dem Zuge zu, der bald von einem anderen ersetzt wird, während dem die Hausmutter das Hühnerhaus und die Rauchkammer besucht und den Maienknechten, worunter sie vielleicht einen Sohn hat, die übliche Gabe bereitet.

Welche malerische Tracht! Die Knaben tragen schwarzgraue, reich mit hellen blinkenden Metallknöpfen besetzte Mutzen (Wämser), die kaum bis zur Hüfte gehen, und gleichfarbige Hosen, die ebenfalls stark mit stählernen Knöpfen besetzt sind. Unter dem offenen Wamse blickt das scharlachrothe Brusttuch hervor, das auf dem Rücken von gleicher Farbe ist. Dabei tragen die Knaben die scheckigen, Wohlstand verkündenden Pelzkappen von Iltis, an welchen inwendig das Scharlachtuch hervorschimmert. Es ist die alte alemannische Tracht, wie sie noch theilweise in Schwaben, im Schwarzwald und den hanauischen Gegenden Badens von Stammverwandten getragen wird.

Die Maide sind noch bei weitem malerischer angethan. Kurze Röcke von allen Farben, grün, roth und blau, nicht so kurz wie diejenigen der Bäuerinnen des Berner Oberlandes, aber ungefähr nach dem nämlichen Schnitt, mit unten am Saume des Rockes besetzten breiten seidenen Bändern, die von anderer Farbe als die des Rockes sind. Desgleichen ist das vorne scharf ausgeschnittene Mieder mit Bändern ähnlicher Farbe besetzt. Das Mieder aber ist von andersfarbigem, seidendurchwirktem, blumigem Stoffe. Vorn steckt in dem Mieder der Brustlatz oder das Brusttuch, herzförmig mit den buntesten Bändern und Silber- und Goldflitter geziert. Auf den Köpfen haben die Mädchen kleine, niedrige Hauben, deren Rand mit breiten Seidenbändern besetzt ist, die vorn auf der Stirne in einen gewaltigen Schlupf auslaufen. Die Schuhe der Mädchen, alt oder jung, sind oben ganz ausgeschnitten, bis fast auf die Zehen und lassen von der an dem Ende des Leders angebrachten Schleife von Seidenband die schönen weißen Zwickelstrümpfe sehen, auf die sich die Mädchen viel zu gute thun.

Die älteren Personen sind meist in dunklere Farben gekleidet. Doch auch die Frauen tragen, wenn sie nicht im Leide sind um verstorbene Angehörige, blinkend weiße, leinene Schürzen.

Doch wir kehren zu unserm Maienfeste zurück. Auf ihrem Umzuge stimmen die immer herzhafter werdenden Knaben einen recitativartigen Gesang an, der also lautet:

Da komme die junge Majeknecht’
Und habe gerne Pfingsterecht!
Drei Eier, unn e Stück Speck
Von der Mohre Seit’ ewäck,
E halb Moos Wein
In de Küwwel ’nein,
Do wölle, do wölle
Die lustige Majeknecht’ zefredde sein.

Sie erhalten das Begehrte, Eier, und wenn die Hausmutter an ihre glücklich verlebte Jugendzeit zurückdenkt, so erweitert sich das Herz und sie holt aus der wohlgefüllten Rauchkammer ein Stück aus der Seite eines Schweines; der Vater steigt wohl auch in ähnlichen Gedanken hinab in den Keller, zapft vom weniger starken Weine, indem er den Knaben doch mit der Stärke desselben droht und sie vor dem Rausche warnt.

So wird das ganze Dorf durchzogen. Kein Haus wird übergegangen, es sei reich oder arm. Der Eierkorb, den zwei Knaben an einem durch die beiden Henkel durchgestoßenen Stabe tragen, füllt sich mit Eiern und Speck. Der große Weinlogel muß, wenn der Wein im Vorjahre gerathen ist, wohl ein oder zwei Mal geleert werden.

Ist der Umzug vollendet, so wird aus den Vorräthen in dem Hause eines Cameraden die Mahlzeit bereitet. Die Knaben eilen heim und holen sich Jeder ein tüchtiges Stück Mohzen (weißer Semmelkuchen), den man auf die Feiertage bäckt, wie es auf den Dörfern üblich ist.

Nun aber wollen auch die Sträußespenderinnen ihren Dank. Sie nähern sich allmählich dem Hause, wo der Maien prangt. Manche bleiben scheu in der Ferne stehen. Die Buben knüpfen jetzt ihre Bänder vom Maien los und bringen sie ihren Schätzchen. Wie eigen! Oft muß Einer dem Seinigen weit durch das Dorf nachlaufen und ihm das Band gleichsam aufdringen.

Auch die Mädchen haben sich Eier und sonstige Lebensmittel, auch etwas Wein zusammengetragen und freuen sich miteinander ihrer Bänder. Aber bald wird es draußen auf der Gasse immer lebendiger. Rauschende Musik aus der Ferne erschallt. Die Jauchzer der Bursche des Dorfes, die, mit den Musikanten an der Spitze, ihre Maide zum Tanze abholen wollen, kommen immer näher. Die Knaben lassen sich bei ihrem Essen nicht mehr länger halten. Der leichte Wein hat doch am Ende die jungen Herzen fröhlicher gestimmt. Sie eilen hinaus und schließen sich springend und singend dem Zuge der größeren Jugend an. Die Musikanten spielen die im Dorfe seit alter Zeit beliebtesten stattlichen Märsche. Mit Jauchzern vermischt ertönt der Gesang:

Jetzt kome–n ihr Maide
Zum Spiele, zum Tanz.
Der Pfingstequack springet
Im grüne Kranz.

Wir drehen euch lustig
Im Wirbel herum; –
Der Spielmann, er spielet
Mit der kleine Gikelgeia,
Mit der große Bumbum.

Den Jungen ist der Tanzplatz nicht verwehrt, und wie die älteren „Burscht“ kaufen sie ihren Mädchen einige scheibenförmige, in der Mitte mit einer Mandel gezierte Lebkuchen oder ein mit Rosen, Tulpen und Vergißmeinnicht bemaltes Lebkuchenherz, das diese verschämt und freudig hinter den Brustlatz stecken und so zum Tanze geführt werden.

Welche schöne harmlose Jugendzeit, wo noch jede rohere Regung schweigt! Es ist die Zeit der reinsten Liebe. Die Kinder, sie lieben, wie ihre Eltern es gethan; durch den losen Hag der Nachbarsgärten ihrer Eltern reichen sie sich die Händchen, kommen zusammen an der trautesten Stelle, spielen allerlei Spiele, „Hochzitles“, „Kindtäufels“, „Grablöchels“, wobei sie einen todten Vogel oder ein in dem Stalle von dem Großvieh todtgetretenes Kaninchen weinend und lachend begraben und auf den Grabhügel ein mit zwei Stäben verfertigtes Kreuz pflanzen. Bald treffen sie sich auf dem Kreisplatze, ersetzen die ihnen vorangehende ältere Jugend und werden wieder ersetzt. Die Liebe erwacht lebendiger, aber ach! auch die Leidenschaft und das Leiden. Doch vor Liebesweh stirbt nicht leicht an Auszehrung Einer oder Eine. Dafür ist das Landvolk noch zu kernhaft, die Luft zu gesund, der Wein zu gut, die Burscht und die Maide dabei allzu fröhlich, und der festeste Stab für jeden Lebenspfad ein unbegrenztes Gottvertrauen.