Land und Leute/Nr. 38. Das Marollenviertel in Brüssel

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Autor: Max Sulzberger
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Titel: Das Marollenviertel in Brüssel
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aus: Die Gartenlaube, Heft 45, S. 758–761
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1876
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Reisebericht aus der Artikelserie Land und Leute, Nr. 38
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Der Breikampf im Marollen-Viertel in Brüssel.
Nach der Natur aufgenommen von L. von Elliot.

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Nr. 38. Das Marollenviertel in Brüssel. (Mit Abbildung.)


Zur Zeit als Leopold der Zweite Thronerbe war und den Titel Herzog von Brabant führte, brachte er hier und da einen Abend im Cercle artistique et littéraire zu. Geschah es, so verfehlte er selten, Victor Capellmans, damals Mitarbeiter der „Independance belge“, zu bitten, eine populäre Volksscene im Marollendialekt zum Besten zu geben. Der Fürst amüsirte sich dann wie ein Kind. Er lachte und kicherte nach Herzenslust, ein Genuß, der nachgerade den Fürsten seltener als gewöhnlichen Menschenkindern zu Theil wird. Heute noch, obgleich mehr als ein Jahrzehnt seitdem vergangen ist, gedenkt der König gern jener [759] Stunden, und führt ihn der Zufall mit einem Mitgliede des Cercle artistique zusammen, so spricht er wohl davon und hat ein Wort des Bedauerns für das tragische Ende Capellmans’, der als Chefredacteur des „Journal de St. Petersbourg“ eine glänzende Carrière gemacht hatte, dann aber plötzlich von jenem unheilvollen Gebreste erfaßt ward, vor welchem der französische Publicist de Sarcey bereits unter dem zweiten Kaiserreiche Künstler und Schriftsteller in einem erschreckend wahren Artikel gewarnt hatte, der den bezeichnenden Titel führte: „Gare nos moëlles!“ („Laßt uns für unser Rückenmark sorgen!“) Der humoristische belgisch-russische Publicist starb in der Zwangsjacke eines Lütticher Krankenhauses.

Nichts in seinem Wesen hätte eine solche Katastrophe voraussetzen lassen, da bei ihm, wie bereits bemerkt, der Ernst mit einem trockenen überraschenden Humor gepaart war. Namentlich besaß er eine wahre Meisterschaft in der Handhabung des Marollendialekts. Hier fragt wohl neugierig mancher Philolog: Was ist denn das eigentlich für ein Dialekt? Es wird ihn allerdings vergeblich in den Dialektensammlungen suchen. Er ist den gelehrten Sammlern entgangen, ganz wie das Marollenviertel den Reisehandbuchliteraten der Herren Bädecker und Comp. Und doch bietet gerade dieser Stadttheil und sein Dialekt ein wirklich ethnographisches und philologisches Interesse.

In diesem Viertel, dessen Entstehen uns bis zu 1660 zurückführt, und das seinen Namen von einer frommen Stiftung erhielt, deren nur weibliche Mitglieder sich „Apostolines“ oder „Marolles“ nannten und, ohne das Klostergelübde abgelegt zu haben, sich der Erziehung junger Mädchen widmeten, in diesem Viertel flossen Wallonen und Vlamen zusammen und aus der Verschmelzung jener zwei sonst entgegenstrebenden Elemente entstand der Marollendialekt, ein prickelnder pikanter Mischmasch von Französisch und Vlämisch. Das wallonische Element ist indeß vorwiegend, sowohl in der Sprache, wie in der physischen Erscheinung der Bewohner, die größtentheils kleiner Statur sind und eine lebhaftere Beweglichkeit zeigen, als die gewöhnlichen Vlamen. Das Marollenviertel hat sogar seine eigene Literatur, die aber jetzt wohl, wie der enge, dumpfe Schauplatz, dem sie entsproßte, mit den letzten Ueberbleibseln Alt-Brüssels verschwinden wird.

Gewöhnlich erstreckt sich hier zu Lande die Pietät für das Alte so weit, daß man dort, wo man dem modernen Leben und seinen Anforderungen einen größeren Spielraum zu eröffnen bedacht war und Licht, Luft und Sonne in die engen dicht auf einander gebauten Straßen und Stadttheile brachte, vorsorglich vorher durch photographische Aufnahmen, und künstlerische Reproductionen der Nachwelt, wenigstens im Bilde, den Charakter der früheren Stadt übermachte.

Als vor fünf Jahren die großartigen Bauten in Angriff genommen wurden, welche jetzt den Südbahnhof mit dem Nordbahnhofe verbinden und durch Ueberwölbung des Senneflusses, der früher die untere Stadt durchfloß, den neuen Centralboulevard schuf – ein kostbares, reiches, steinernes Album moderner Architectur – beauftragte die brüsseler Baubehörde einen der hervorragendsten belgischen Architecturmaler, Herrn van Moer, die interessantesten und originellsten Ansichten an zu zerstörenden Straßen, die viel mit den holländischen Städten gemein hatten, in einer Reihe von größeren Gemälden, die jetzt das Rathhaus zieren, der Vergessenheit zu entreißen. Mancher alte brüsseler Bürger findet heute ein wehmüthiges Vergnügen daran, stundenlang vor diesen Gemälden zu verweilen und, die Gegenwart vergessend, der Zeit zu gedenken, wo er als Knabe und als Jüngling sich in den engen Winkelgäßchen herumtummelte oder, über das Geländer einer der zahlreichen Brücken gebeugt, die Fenster musterte, wo, nach der Senne hinaus, häufig ein reizender Blumenflor von Topfpflanzen sich entfaltete und zwischen Gelbveigelein und Rosmarin hier und da eine schnippische Stulpnase und neckisch tolle Augen hervorlugten. Kein Haus, kein Stein mahnt an Ort und Stelle mehr an das Vergangene; das beste topographische Gedächtniß wird irre, will es im Geiste das alte Brüssel reconstruiren. Es mangelt eben an einem Anhaltspunkte.

Kein Photograph und kein Künstler wird es sich indeß beikommen lassen, irgend eine Studie im Marollenviertel zu machen, ehe dasselbe spurlos verschwindet. Dort hausen eben nur Arme, und die Armuth trägt überall die gleichförmige graue Livrée des Elends und der Noth. Jahre lang war sogar die Gegend so übel beleumundet, daß Niemand sich heineinwagte. Verirrte sich durch Zufall ein mit Cylinderhut und Ueberrock bekleideter Mensch dorthin, so war das eine so ungewohnte Erscheinung, daß Klein und Groß ihn als eine Art Meerwunder beschauten und lose Zungen, namentlich weibliche, ihn in ihrer derben Art bekrittelten und durchhechelten. Das Marollenviertel erstreckt sich im südlichen Theil der Stadt, zwischen der Hochstraße und Gerberstraße, zwei bedeutenden Verkehrslinien, in der Weise, daß die genannten Straßen gleichsam die beiden Stämme einer Leiter darstellen und eine Unzahl von Sträßchen, Sackgäßchen und Winkeln der Marolle die Sprossen. Auf engem Raum zusammengepfercht, in Gäßchen, wo zumeist keine zwei Personen neben einander gehen können, wo man in die Höhe schauen muß, um einen Streifen des Himmels zu entdecken, und wo ein Sonnenstrahl als ein verwegener Eindringling betrachtet wird, lebt, webt, arbeitet, darbt und stirbt eine zahlreiche Bevölkerung, die unter allen Kümmernissen und Entbehrungen ihren guten Humor behauptet, ihre Sitten und Gebräuche hat, welche häufig an jene des Mittelalters erinnern, und sogar ihre Feste und Volksspiele feiert.

Um dies zu ermöglichen, sparen sich die Leute das Erforderlichste am Allernothwendigsten ab. Ihr Verdienst ist heute geringer als je: die Männer betreiben das höchst unergiebige Handwerk der gemeinen Pappendeckelarbeiten; die Frauen das Spitzenklöppeln, das noch weniger Gewinnst abwirft. Die gewandteste Spitzenarbeiterin, selbst wenn sie von Morgens bis Abends unausgesetzt arbeitet, vermag kaum und nur dürftig ihren Lebensunterhalt zu fristen. Das öffentliche Wohlthätigkeitsbureau zählt denn auch die meisten Bewohner unter ihren Pensionären, was aber kaum zureichen würde, die Noth zu lindern, wenn die armen Leute unter einander nicht gleichsam eine große Familie bildeten und sich gegenseitig, oft mit überraschender Zartheit und Herzensgüte, zu Hülfe kämen. Man ahnt dies allerdings nicht, wenn man das Viertel hastigen Schrittes durchschreitet: halbnackte Kinder jedes Alters wälzen sich dort im Schmutz; vor den Hausthüren sitzen alte Mütterchen, den Parzen gleich, und ihre knorrigen, schmutzigen, welken Finger schaffen emsig und geschickt jene zarten Blumen- und Arabeskengewebe, die im Auslande ein so gesuchter und hochgeschätzter Schmuck sind. Auch junge Mädchen arbeiten um die Wette, und die Unterhaltungen sind selten erbaulicher Art.

Am ersten Mai ist die Marolle in festlicher Bewegung; an diesem Tage zieht Jung und Alt aus, um, einer alten Gerechtsame zufolge, in einem Walde der Löwener Commune eine junge Maie zu holen, die dann in festlichem Aufzuge, mit Musik und berittenen, als Ritter verkleideten Leuten, nach Brüssel geführt und in der „Rue du Marais“ aufgepflanzt wird. Einige Monate später begiebt sich ein noch abenteuerlicherer Aufzug nach dem in der Nachbarschaft gelegenen Städtchen Hal, einem berühmten Wallfahrtsorte, wo die „schwarze Jungfrau“ für den, der sich ihr gläubig nähert, Wunder thun soll. In der dortigen altgothischen, höchst bemerkenswerthen Kirche liegen, gleich am Eingange, die bei einer Beschießung der Stadt von der „Jungfrau“ mit der Hand aufgegriffenen Bomben. Aber man wird vergebens suchen, sie zu zählen, sagen die Halenser, welche sich vom Aberglauben Anderer mästen, ohne selbst orthodox zu sein; jedes Mal, wenn man glaubt recht gezählt zu haben, wird man irre und muß wieder von Neuem anfangen, ohne zum Ziele zu gelangen.

Die Bewohner der Marolle ziehen übrigens weder wegen des „schwarzen Marienbildes“, noch um die Granatenkugeln zu zählen, nach Hal. Sie haben, kraft eines alten verbrieften Rechts, Anspruch an einem bestimmten Tage, von der dortigen Kirchenfabrik, mit Wein und Kuchen bewirthet zu werden, und welche Geldanerbietungen man ihnen auch gemacht, sie wollen bis jetzt nicht davon abstehen.

Am tollsten aber geht es in dem Marollenviertel zu, wenn dasselbe seine eigene Kirmeß feiert. Von einem Hause zum anderen werden dann farbige chinesische Laternen mit Tannengezweig vermischt angebracht und die originellsten unglaublichsten Wettspiele mit obligaten Preisen finden dann unter dem Vorsitz der ältesten Einwohner statt, wobei die Weiber, welche durch ergötzliche Grimassen und Späße excelliren, die Hauptrolle spielen. Der [760] Wettkampf, der hier im Bilde mitgetheilt ist, hat vor allen anderen die Eigenschaft, die Lachmuskeln der Zuschauer in steter Bewegung zu erhalten, ohne irgendwie die Sittlichkeit zu verletzen.

Der Preiskampf findet vor dem offenen Fenster einer Schenke statt; hier sitzen die Kampfesrichter. Auf der Straße stehen oder sitzen die beiden Bewerberinnen, den linken Arm an irgend einem Pfosten oder Stuhle befestigt, mit verbundenen Augen, einen ungeheuren Topf mit dicker Reismilch vor sich und einen großen Kochlöffel in der Rechten, den sie gefüllt in den Mund ihrer Rivalin zu bringen trachten.

Der Leser kann sich die Scene vorstellen und in welcher Weise diese Damen der Marolle zum großen Gaudium der Zuschauer sich gegenseitig tättowiren.

Man darf nicht allzu streng mit der Rohheit jener Spiele ins Gericht gehen. Es ist noch gar nicht so lange her, da wurden sie von oben herab begünstigt, ja der hohe Adel scheute sich nicht, bei derartigen Spielen seiner Hörigen den Vorsitz zu führen. Heute erscheinen diese gar zu derben Späße aber doch sehr wenig zeitgemäß. Man hat das Lachen oben und unten verlernt. Die Zeiten sind ernst. Sonderbar genug, daß das letzte Echo jener populären Lustigkeit der Vorzeit uns aus demjenigen Viertel Brüssels entgegenschallt, in welchem man eigentlich am wenigsten die Fröhlichkeit suchen sollte. Und doch herrscht sie zumeist in jenen Kreisen, die sorglos in den Tag hineinleben und den Augenblick in ihrer Weise genießen. Es ist das Gesetz der natürlichen Ausgleichung.
Max Sulzberger.