Kein Herz

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Autor: A. Godin
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Titel: Kein Herz
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 40–45, S. 659–662, 679–682, 699–704, 728–730, 744–747, 760–763
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1876
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[659]
Kein Herz.
1.

Orte haben, gleich den Menschen, ihre Geschicke. Mitunter zieht sich das Leben vor ihnen zurück, dann überschüttet es sie wieder mit unerwarteten Gaben, zuströmendem Neuen. Sie können sogar sterben. Meist ist es aber nur ein Scheintod, und aus Grabesruhe und Verlassenheit quillt urplötzlich frisches, volleres Dasein hervor. Man könnte ihre Biographie schreiben. Das geschieht auch mitunter, wenn sie der gewaltige Gang der Weltgeschichte im Vorüberstreifen berührt, oder gar einen Augenblick in ihrem Umkreise gerastet hat, aber nur selten finden sie ihren Chronisten. Und doch bergen diese „Stillen im Lande“ mehr eigenthümliches Leben, als manche Orte, deren Namen die Fama mit schallender Trompete in die Welt hinausposaunt.

Eine solche durch Natur und Geschick begrenzte Stätte ist der Schauplatz unserer Erzählung. Inmitten eines der schönsten bairischen Seen liegt eine Insel von so mäßigem Flächenraum, daß sich ihr ganzer Bering im Laufe einer halben Stunde umschreiten läßt. Seit dort vor grauen Zeiten ein Nonnenkloster erbaut worden, dessen erste Aebtissin eine Königstochter war, hat die Fraueninsel manche Wandlung erfahren: Jahrhundertelang war sie der Mittelpunkt geistlichen Besitzthums, das sich unter der Herrschaft kluger Frauen vielfach mehrte, bis die Ungunst der Zeiten das Erworbene wieder losriß, um endlich im Beginn unseres Säculums die Pforten strenger Clausur völlig zu sprengen – dann, unter raschem Zudringen des Weltlichen, fiel die Insel der fröhlichen Zunft der Maler anheim, der sie als Künstlerherberge ungestört verblieb, bis das kleine Eiland mit dem Anlanden des ersten Dampfschiffes in seine letzte Phase trat: ein Ziel für Touristen zu werden.

Seit jenem Tage wird unter den künstlerischen Stammältesten, welche als erste Pioniere moderner Cultur auf Frauenwörth gewirkt, mancher Stoßseufzer vernehmbar. Noch bewahrt der Ort seine reizvolle Eigenart, aber der köstliche Alleinbesitz hat seine Endschaft erreicht, und manches deutliche Zeichen verräth den stillen Protest der Malerzunft. Kein lustiger Mummenschanz, keine funkelnden Tollheiten mehr, wie dereinst, als man „unter sich“ gewesen. Während der erste Band der originellen, von den Stiftern gegründeten Chronik in Lied, Bild und Humor der Ausdruck echten Kunstsinnes ist, füllt sich manches Blatt des zweiten mit höchst fragwürdigem Inhalt, und die Wehklage der Gründer ist dazwischen zu lesen. Allerlei fahrendes Volk landet, streift umher und läßt sich sogar mitunter häuslich dort nieder. – So ist der Lauf der Welt.

Es war an einem Septembermorgen des Jahres 1866, in den ersten Tagen des Monats und zu ziemlich früher Stunde, als eine Dame auf den Balcon hinaustrat, welcher die Fronte des neben dem alten Wirthschaftsgebäude stehenden Gasthauses schmückt. Ein junges, schlicht gekleidetes Mädchen folgte ihr eilig mit Sessel, und Fußbänkchen und kehrte dann in das Zimmer zurück, zu dem sie auf einen Wink der Dame die Flügelthür geöffnet ließ. Die schlanke Gestalt, welche sich, ohne den Sitz zu benutzen, über die Brüstung des Balcons lehnte, war nicht mehr in der ersten Jugend, doch entschädigte Grazie der Erscheinung für die mangelnde Frische. In der Weise, wie sie [660] sich bewegte, den Kopf wandte und die feinen Hände ruhen ließ, lag große Anmuth. Die sinnenden, etwas müden Augen verweilten einen Moment auf der sonnbeglänzten Wasserfläche, und senkten sich dann zu der Lindengruppe, welche den Platz nächst dem Hause beschattete. Leiser Lufthauch bewegte die Zweige und ließ die Blätterschatten auf dem hellen Boden tanzen.

Die Einsame wandte sich mit schwachem Seufzer von der Landschaft ab, ließ sich im Sessel nieder und blickte in das Zimmer, wo das junge Mädchen aufräumte und das Bett ordnete – eine voll erblühte, stattliche Gestalt mit lebensfrischen Zügen, herrlichem Blondhaar und lachenden Augen. Ihrer Geschäftigkeit zuzuschauen, war ein Vergnügen; jede Bewegung gelang der flinken Sicherheit, welche vollkommene Gesundheit des Körpers und Geistes zu begleiten pflegt.

„Monika!“

„Gnädiges Fräulein?“

„Reichen Sie mir den Arbeitskorb heraus – danke! Sagen Sie doch, könnte man nachher ein Schiffchen bekommen, um nach Gstad hinüberzurudern? Der Tag ist so schön!“

„Wenn es dem Fräulein gefällig ist, selbst zu rudern, dann schon. So viel ich weiß, ist das Wirthshausschiff nicht bestellt.“

Sie schüttelte den Kopf. „Heute nicht, Papa wird mitfahren.“

„Ei, dann könnte ja der Herr Wilhelm rudern.“

Das Fräulein lachte. „Nicht sein Fall, Monika. Der ist wohl auf dem festen Lande überall zu Hause, auf das Wasser versteht er sich aber schlecht. Wir müssen uns schon nach einem richtigen Schiffer umsehen.“

„Das wird schwer halten,“ sagte das junge Mädchen kopfschüttelnd. „Es ist Markttag in Prien; da haben die Leute drüben zu thun. Wenn das Fräulein Geduld haben mögen, bis ich mit den Zimmern fertig bin, könnte ich nachher laufen und den Vater fragen, ob er Zeit hat, glaub’ es aber schwerlich. Vielleicht kann der Bub’ fahren.“

„Sind Sie von hier zu Hause?“ fragte das Fräulein überrascht.

„Freilich,“ entgegnete Monika, indem sie, das Staubtuch in der Hand, mit ihrer Beschäftigung fortfuhr; „mein Vater ist ja der Wendelfischer, bei dem der Herr Wilhelm immer das Geräucherte für den Herrn General holt. Dort unten steht unser Haus.“

Des Fräuleins Auge kehrte von der malerischen Häusergruppe des Strandes zur Sprecherin zurück. „Aber Sie waren nicht immer auf der Insel? oder doch? Ich meine, Ihre Sprache klingt anders, als die der hiesigen Leute.“

Monika lachte. „Ja, wissen Sie, Fräulein, das hat seine Ursachen. Als ich zwölf Jahre alt war und meine heilige Communion und die Firmung empfangen hatte, kam ich natürlich aus der Schule und sollte etwas verdienen helfen, denn wir sind eher arm als reich. Da hat es meine Mutter, die damals noch lebte, fertig gebracht, daß ich als Spülmädel im Kloster angenommen worden bin, für das Institut, wissen Sie, denn in das eigentliche Kloster darf keine Seele hinein, und kommt auch Niemand heraus, außer den Nonnen, die im Institute Stunden geben. Die haben auf mich Acht gehabt und mich gefragt, ob ich etwas Ordenliches lernen wollte, und weil mir das recht war und auch meinen Leuten, nahmen sie mich alle Nachmittage in die Classe. Sie haben es gar gut mit mir vorgehabt und gemeint, ich konnte selbst eine Klosterfrau und eine Lehrerin werden, wenn ich groß würde. Das gefiel mir prächtig.“

„Es ist aber Nichts daraus geworden?“ sagte das Fräulein lächelnd.

„Nein!“ entgegnete Monika mit offenem Aufblicke, während ihre herrlichen Zähne zwischen den getrennten Lippen blitzten. „Es ist ja keine Sünde, wenn ich es sage – wissen Sie, Fräulein, ich taugte nicht recht dazu, nicht zum Lernen und auch nicht zur Klosterfrau. Wie ich größer wurde, schauerte mich’s bei dem Gedanken, lebenslang immer in dem alten grauen Gemäuer bleiben zu müssen und nie, aber auch gar nie heraus zu dürfen, und dann hab’ ich für die Bücher und die Schreiberei auch kein rechtes Sitzfleisch gehabt. Wenn ich mich nicht rühren darf und springen und singen, dann plustere ich mich auf wie ein Spatz bei Regenwetter. Trotzdem bin ich aber froh, daß ich dort in die Classen gekommen bin; im Winter, wenn wir hier zwischen Schnee und Eis sitzen, freut’s mich und meine Leute, daß ich ihnen Sonntags schöne Geschichten vorlesen und auch daraus mancherlei expliciren kann, so von fremden Ländern und allerlei Sachen, die man nicht weiß, wenn man sie nicht gelernt hat.“

„Und jetzt sind Sie also Zimmermädchen in der Gastwirthschaft?“

„Nicht für gewöhnlich, Fräulein. Nur zur Aushülfe, weil die Gustel, die sonst da ist, zu ihrer kranken Mutter fortgemußt hat. Sie war noch nicht lange fort, als Sie mit dem Herrn General herkamen, und bleibt länger aus, als der Wirthin lieb ist. Kommt so etwas vor, dann helfe ich immer aus, und die Wirthin säh’ es gern, wenn ich ganz da bliebe. Mein Vater will aber nicht, und es ginge auch schwer, denn seit vor zwei Jahren die Mutter gestorben ist, giebt es daheim vollauf für mich zu thun.“

„Nun, wenn Sie heirathen, Monika – und das bleibt wohl nicht lange aus? – dann muß der Vater doch auch zusehen, wie er fertig wird.“

„Heirathen!“ Sie lachte. „Das hat gute Wege. Wer nimmt ein armes Mädchen? Ich kriege nichts mit, als Leinewand und ein bissel Hausrath. Das langt nicht. Jetzt sind ja von den ledigen Burschen ein ganz Theil im Kriege todtgeschossen worden. Und dann mag ich auch nicht Jeden, der allenfalls anfragt.“

„Angefragt wurde also doch?“

Die blauen Augen drückten sich halb zu. „Kein noch so geringes Häfele, es findet doch sein Deckele,“ sagte das Mädchen schelmisch, während sie bereits die Thürklinke erfaßte; „paßt aber der Deckel nicht, dann giebt es Scherben. – Haben das gnädige Fräulein noch etwas zu befehlen?“

Noch vor der Antwort erklang draußen behutsames Klopfen und auf das Zeichen zum Einlasse schritt ein stattlicher Mann durch die Thür, der, als er sich unerwartet Auge in Auge mit Monika sah, welche an ihm vorüber hinausschlüpfte, vor ihr zurückprallte, während über sein gebräuntes Gesicht jähe Röthe fuhr. Er drückte die Thür hinter sich zu, ohne sich weiter nach dem Mädchen umzusehen, und blieb in strammer, beinahe steifer Haltung im Zimmer stehen. Es bedurfte nicht der Uniformsbeinkleider, die er zu einem schlichten grauen Rocke trug, um ihn als Militär zu kennzeichnen; die Art, wie er den Kopf hielt, seine muskelkräftigen Hände und Arme unbeweglich an die Seiten lehne und den dichten Schnurrbart trug, war militärisch durch und durch. Gut geschnittene, aber gewöhnliche Züge, deren bestimmtester Ausdruck Kraft war, ließen nicht erkennen, ob diese Kraft mehr sei, als das Bewußtsein körperlicher Stärke. Er richtete seine ruhigen grauen Augen auf das Fräulein und sagte mit langsamer, sehr deutlicher Betonung: „Der Herr General lassen anfragen, ob Fräulein Valentine einverstanden ist, den Kaffee im Freien zu trinken?“

„Gern,“ antwortete Valentine und erhob sich, indem sie einen Blick auf den Platz hinab warf. „Lassen Sie uns an dem Tische serviren, wo wir zu Mittag speisen! Im Schatten möchte es für Papa zu kühl sein. Ich komme gleich.“

Sie trat in das Zimmer, ihre Schreib-Schatulle zu schließen und eine leichte Hülle über die Schultern zu werfen; dann ging sie hinab. Da noch etwas Zeit vergehen mußte, bis ihr Vater erschien, schritt sie dem Dampfschiffstege zu, um den erweiterten Ausblick auf die Berge zu genießen. Als sie die schmale Brücke betrat, so leichten Fußes, daß ein scharfes Ohr dazu gehörte, ihren Schritt zu vernehmen, wandte ein hochgewachsener Mann, der am äußersten Ende des Steggeländers lehnte, den Kopf, und kam ihr entgegen.

„Guten Morgen, gnädiges Fräulein!“ sagte er, und lüftete den breitkrämpigen Filz. „Sie kommen zur rechten Zeit, um zu schauen, was unsere jungen Leute ‚Stimmung‘ nennen.“

Sie legte ihre Hand in die breite, schöngeformte Rechte, welche sich mit leichtem Drucke um ihre Finger schloß, und sah zu dem Manne auf. Er war alt; das weiße Haar, die Linien, welche das Leben in manche Gesichter so scharf einzeichnet, daß man sich auf den ersten Blick versucht fühlt, dem Räthsel ihres Entstehens nachzusinnen, wurden zum Zeugniß seiner Jahre. In dem feingeschnittenen Profil, dem feurigen Auge, den beredt geschwungenen Lippen des Mannes lag aber so viel Leben, daß es Keinem zum Bewußtsein kam, einem Sechsziger gegenüber zu stehen.

Mit leiser Bewegung der starken, noch dunklen Brauen lenkte er die Aufmerksamkeit seiner Gefährtin auf das Gebirge. Die mächtigen Bergriesen, über welchen die Sonne stand, ruhten in voller Klarheit; nur gleichsam zu ihrem Schmuck hingen zerflatternde [661] Wölkchen an ihren Kanten; ein schwerer Nebelstreif lagerte zu ihren Füßen auf dem See. Nach Westen zu war aber die Gebirgskette noch von breiten Dunstmassen umwogt; nur hier und dort hob sich eine leuchtende Kuppe befreit empor.

„Wie lockt doch alles Geheimnißvolle!“ sagte Valentine. „So oft ich den Morgennebel schaue und auf das Hervortreten der Berge warte, überkommt mich dieselbe Empfindung, wie als Kind, wo man hinter verschlossener Thür auf den Christbaum harrte. Und so steht man immer im Leben vor irgend einer niedergelassenen Gardine, wartet auf irgend eine Erfüllung.“

„Ja, es gleicht dem Leben,“ stimmte er zu. „Hier ein wenig Glanz, dort ein wenig Glanz, zuweilen alle Höhen verhüllt, dann wieder ein glorreicher Augenblick. Sinken die Nebel – gut. Steigen sie, dann verschwinden Himmel und Höhen ein für allemal.“

„Das Himmelreich aber bleibt, und die Erde,“ sagte Valentine ruhig. „Wer dürfte auf ewigen Sonnenschein rechnen? Auch an sonnenlosen Tagen und Orten blüht und reift, was gepflegt wird. Als Kind verlangt man Weihnachtskerzen, und sammelt Muscheln und Blümchen; später verlangt man gar die Sterne vom Himmel und sammelt Schmerzen – zuletzt hält man gelassen Umschau, und sammelt Menschen.“

„Dazu gehört eine Toleranz der Stimmung, wofür Sie beinahe zu jung sind, Fräulein.“

„Zu jung? Ich? Uebrigens ist das, was Sie Toleranz nennen, wohl mehr eine Frucht der Erfahrung, und mit solcher haben die Jahre nichts zu schaffen. Man kann früh wie spät an eine Grenze gelangen, wo sich von selbst ein Halt gebietet, und ich glaube, Jeder, der dem Leben einmal fest in die Augen geschaut hat, wird Anderen Gerechtigkeit widerfahren lassen.“

„Und Sie sprechen aus Erfahrung?“

„Ja.“ Ein leiser Zug von Strenge legte sich um ihre feinen Lippen dann sah sie mit sympathischem Blicke zu ihm auf. „Sie sind Künstler,“ sagte sie herzlich, „Ihr Theil ist ewige Jugend. Die Welt gehört Ihnen anders, besser als uns Uebrigen. Ich darf nicht sagen, daß ich Sie darum beneide, denn nichts in mir ist großartig genug, um auch nur in Gedanken solche Höhen zu erstreben, aber ich kann Ihre Schöpfungen nachfühlen, und danke Ihnen, daß Sie mir den Blick in eine weite, nie der Klarheit entbehrende Welt aufgethan.“

Er richtete sein tiefes Auge mit eigenthümlichem Ausdrucke auf sie. „Sie gaben mir weit mehr durch Ihr Verständniß, Fräulein Valentine. Kein Mensch hat je Ursache, einen anderen zu beneiden, am wenigsten, wenn dieser Andere ein Künstler ist. Die eigene Kraft zu fühlen, und dabei in der eigenen Schwäche erlahmen, immer nach einem Spiegelbilde der Schönheit ringen, das dem Erfassen entflieht – ist ein Geschick, das vom gegenwärtigen Augenblicke jeden Genuß wegzehrt.“

„Und das dennoch keiner der Begnadigten freiwillig mit einem anderen vertauschen würde,“ entgegnete Valentine, indem sie dem Ufer zuschritt.

„Sie gehen schon hinein?“

„Papa erwartet mich zum Kaffee.“

„Noch nicht gefrühstückt? Und doch sah ich Sie schon vor einer Stunde auf dem Balcon!“

„Papa nimmt seine Mahlzeiten ungern allein. Wollen Sie mich zu ihm begleiten, dann wird er doppelt zufrieden sein.“

Als Beide die Terrasse betraten, erschien der General eben, auf seines Dieners Arm gestützt, an der Ecke des Hauses. Er ging mühsam; eine in der ersten Schlacht des diesjährigen Krieges erhaltene Fußwunde war nun zwar geheilt, hatte aber bedeutende Schwäche zurückgelassen, und es ward ihm schwer, ohne Beistand auch nur wenige Schritte zu machen. Sein Führer stützte die gedrungene, schwerfällige Gestalt mit großer Sorgfalt, und Vater und Tochter langten zu gleicher Zeit an dem unmittelbar vor der Hauswand stehenden, vor Wind geschützten Tische an, auf welchem bereits das Kaffeegeschirr stand.

„Gut geschlafen?“ fragte Valentine freundlich und bot ihrem Vater die Hand.

Der eigensinnige Zug, welcher um die schmalen Lippen des Generals lagerte, verschärfte sich, während er gereizt entgegnete: „Ich schlafe nie gut – das könntest Du wissen. Guten Tag, Herr Bernardin! Sie kommen, wie mir scheint, schon von einer Promenade durch Thau und Nebel zurück – nicht wahr? Was doch manche Leute Alles vertragen! Wird auch nicht ewig dauern.“

Sein mürrischer Blick maß die kraftvolle Gestalt des Künstlers mit einem Ausdruck von Neid, während er sich ächzend niederließ. „Wenn man sich freilich eines so guten Appetits zu erfreuen hat, wie Sie –“

„Nun, Papa,“ sagte Valentine mit heiterem Auge, während sie ihm einschenkte; „was diesen Punkt betrifft, hast Du doch auch nicht zu klagen.“

„Meinst Du? Ich lebe freilich nicht blos von Vergißmeinnichtsalat, wie Du, aber seit ich herumkriechen muß, wie eine Schnecke, kann ich mir nichts Ordentliches mehr zumuthen – ein miserables Leben, das!“

„Auch dies, Herr General, wird nicht ewig dauern,“ tröstete Bernardin lächelnd, während er am Tische Platz nahm und sich eine Cigarre ansteckte. „Ich finde Sie seit Ihrem Hiersein bedeutend gekräftigt; das Bad, die Landluft haben offenbar ihre Schuldigkeit gethan – noch kurze Geduld, und Sie sind wieder fest im Sattel.“

„Haben gut reden,“ sagte der alte Herr ärgerlich. „Mein Lebtag komme ich nicht wieder auf Sattel und Gaul – das weiß ich besser. Ein armseliger Invalide, zu nichts gut, als herumzuhumpeln und dem Herrgott seinen Tag abzustehlen. Sind Morgens meine Stiefeln angezogen, dann bin ich fertig mit allen Geschäften. Da wäre ein ehrlicher Soldatentod tausendmal besser gewesen –“

„Papa!“ unterbrach ihn Valentine sanft.

„Nun ja – Du hättest dabei auch weiter nichts eingebüßt; jetzt wär’s verwunden. Nützen können wir einander doch nicht viel.“

Ihre Lippen zuckten; sie schwieg aber.

Bernardin’s Auge streifte einen Moment über ihr Gesicht hin; es war schon wieder ruhig, doch zitterte ein Tropfen in den gesenkten Wimpern.

Auf der Terrasse wurde es lebendiger. Hier und dort besetzte sich einer der Tische mit frühstückenden Langschläfern; frischgewaschene, glänzende Kindergesichter kamen zum Vorschein und eilten der unter den Bäumen hängenden Schaukel zu. Mit all ihrem Handwerkszeug ausgerüstet, strebten bärtige und unbärtige Künstler ihren auserwählten Standpunkten entgegen. Der Eine trug seine Staffelei auf dem Rücken, wie die Schnecke ihr Haus; der Nächste erschien, zur Kahnfahrt nach der jenseitigen Waldspitze ausgerüstet, Ränzel und Malerstock auf den Schultern, gleich einem fahrenden Schüler. Drunten am Strande tauchte hier und dort zwischen Büschen und Bäumen ein ausgespannter Sonnenschirm auf, wie ein gelber Riesenpilz, unter welchem ein Erdmännlein hockt. Es war ein Morgen, geschaffen für Kinder, für Künstler, für das Genießen. Die Sonne tagte immer flammender. Himmel und See blickten einander mit klarblauen Augen an. Hoch mit dem letzten Heu beladen, schiffte der morsche Einbaum schwerfällig dem Lande zu. Ein Segelschiffchen flog gleich einer Schwalbe über das schimmernde Wasser, vom Ostwinde getrieben. Zwei junge Mädchen in sommerlichen Gewändern huschten aus dem Hause, und streiften dicht am Frühstückstische des Generals Wittstein vorüber. Während sie sich verbeugten, grüßte die Schönste, Lachendste der Beiden Bernardin mit den Wimpern und wandte im Vorübergehen das feine Hälschen nach ihm zurück, indem sie aus dem kleinen Armkorbe eine angebrochene Semmel nahm und zeigte. Er schüttelte lachend den Kopf und klopfte mit dem Finger auf das Skizzenbuch, welches aus der Tasche seiner Joppe hervorragte.

„Haben Sie wirklich den Muth, nicht zu folgen, wenn die schöne Resi lockt?“ scherzte Valentine.

„Wenn die schöne Resi auf dem Wege ist, die Klosterenten zu füttern, sehnt sie sich weniger nach meiner Begleitung, als nach dem Rest meiner Frühstückssemmel,“ entgegnete Bernardin, indem er aufstand, sich zu verabschieden. „Heute habe ich weder Brod noch Zeit auszustreuen; ich will an die Arbeit. – Werden Sie den günstigen Tag zu einem Ausfluge benützen?“

„Papa äußerte gestern Lust, nach dem rothen Kreuze hinüber zu fahren,“ sagte Valentine mit halb fragendem Blick auf ihren Vater. „Bleibt es dabei?“

„Hast Du für einen Fährmann gesorgt?“ fragte der General zurück. „Sonst danke ich. Es bringt mich um den Athem, wenn ich zuschauen muß, wie Du Dich selbst mit dem Rudern abquälst.“

„Ich erwarte Bescheid. Da kommt meine Sendbotin eben [662] vom Fischerhause, und wir werden gleich erfahren, ob wir Aussichten haben.“

Im Begriff, nach dem Wirthshause einzubiegen, hörte Monika den Ruf des Fräuleins und eilte flink herbei. Ihre prächtige Gestalt erschien stets am vortheilhaftesten in der Bewegung; der elastische Schritt, die freie Haltung des Kopfes hoben noch ihre Stattlichkeit. Das reiche Blondhaar schimmerte in der Sonne.

„Der Vater muß nach Prien, Fräulein, und der Bube ist schon mit dem kleinen Boote voraus,“ sagte sie eilig; „aber ich habe zuvor schon mit der Wirthin geredet. Wenn die Herrschaften bis Mittag zurück sein wollen, darf ich Sie fahren.“

Der General blickte wohlgefällig auf die blühende Erscheinung. „Ganz schön, Monika,“ sagte er zustimmend; „wird die Ladung aber nicht zu schwer für zwei Arme? Sie bekommen dreifache Fracht; wenn wir drüben bis zum rothen Kreuze wollen, brauche ich den Wilhelm.“

„Hat keine Gefahr, gnädiger Herr,“ sagte sie munter. „Drei machen mir nicht bange, und wenn der Herr Wilhelm mitfährt, lege ich doppelte Ruder in’s Schiff, oder er soll steuern. Was man nicht kann, lernt man. Um welche Zeit soll ich unten sein?“

Herr von Wittstein sah nach der Uhr. „Wenn es angeht, so fahren wir gleich. Und hören Sie, Monika, da Sie jetzt hineingehen, können Sie dem Wilhelm sagen, was wir ausgemacht haben – vergessen Sie aber nicht, ihm auch zu vermelden, wer die Schifferin ist! Wir kommen bald nach.“

Er lachte. Der mürrische Zug verschwand für einen Moment aus dem bärtigen Gesichte, und aus dessen hundert Falten lachte eine Jovialität, die man vor wenig Augenblicken nicht in ihrem Versteck errathen haben würde. Der Anflug gemüthlicher Heiterkeit warf gleichsam einen Reflex. Valentinens Auge hing freudig und zärtlich an den belebten Zügen des Vaters. So blickt man in eine traulich bekannte, von Nebeln verhüllte Landschaft, wenn ein vorübergehender Sonnenstrahl sie beleuchtet.

Monika begab sich inzwischen nach der Gaststube, wo die Wirthin saß und ihrer Gäste „Beichte hörte“, das heißt mit Jedem, der da kam, reihum die Rechnung des vorigen Tages richtig machte. Dort fand sich sogleich Gelegenheit, ihre Botschaft an den Diener des Generals auszurichten, welcher sich eben im Interesse seiner Herrschaft nach dem heutigen Küchenzettel erkundigte. Nach geschehener Meldung an die Wirthin nahm das Mädchen den Bootschlüssel vom Haken belud sich mit ein paar Rudern und eilte hinter dem Hause hügelabwärts nach der kleinen Bucht, in welcher die Badehütten standen und an deren Eingange die beiden dem Wirthshause zugehörenden Boote angekettet lagen. Sie war noch geschäftig, das kleinere derselben sorgsam auszuschöpfen, als der Bediente, mit Plaids und Fußkissen beladen, gleichfalls hinabkam, ihr, ohne ein Wort zu sprechen, mit freundlichem Gesicht die Schöpfkelle aus der Hand nahm und das Geschäft gewandt vollendete.

„Wie Ihnen das von der Hand geht, Herr Wilhelm!“ sagte Monika neckend. „Ist’s denn wahr, daß Sie nicht rudern können? Ich glaube, Sie stellen sich nur so, um auf dem Wasser Feiertag zu haben.“

„Bin wirklich so ungeschickt, hab’s wenigstens noch nicht probirt,“ erwiderte der junge Mann treuherzig. „Das kommt eben, weil ich nie am Wasser gehaust hab’. Zur Noth, daß ich ein wenig schwimmen kann, und auch das hab’ ich erst als Soldat gelernt, und es geht damit nur so, so.“

„Wie lange sind Sie denn schon beim Militär?“ fragte Monika, während sie den Schiffsboden vollends trocken rieb.

„Just zwei Jahre. In ein paar Wochen ist meine Zeit um, und ich darf wieder heim.“

„Da sind Sie gewiß froh. Nun gar nach der gräulichen Kriegszeit!“

„Na, davon bin ich gerade nicht viel gewahr worden. Der Herr General hat ja den Schuß gleich zu Anfang abbekommen, und weil ich dazumal schon lange als Bursche bei ihm war, bin ich commandirt worden, mit ihm in’s Feldlazareth und dann in sein Haus zu gehen. Dort ist mir’s gut genug ergangen, besser, als ich’s daheim haben kann. Man ist aber doch lieber sein eigener Herr. Ich hab’ zwar kein Vater und Mutter mehr, aber doch ein Häuserl und ein bissel Feld, was mein ist; drum freu’ ich mich heim, wo man doch wieder ordentlich die Arme rühren kann.“

„Wo sind Sie denn zu Haus, Herr Wilhelm? Sie sagen, daß da kein Wasser wäre – das kann ich mir schon gar nicht vorstellen, wie die Welt ohne Wasser ausschauen mag. So schön wie bei uns kann’s da gewiß nicht sein.“

Sie ließ ihr Auge über den See hinschweifen, und der durch täglichen Ausdruck fremder Bewunderung genährte Heimathstolz leuchtete darin auf. Mit ihr zugleich sah Wilhelm auf das Wasser, und Beide machten, ehe er noch ihre Frage beantwortet, eine Bewegung des Erschreckens. Mitten im See schwamm ein mit Heu beladenes Boot, welches von einem etwa vierzehnjährigen Mädchen regiert wurde. Auf dem Heuhaufen saßen ein paar Kinder, im Alter von ungefähr vier bis sechs Jahren, die sich balgten. Das kleinste Mädchen kam in diesem Moment aus dem Gleichgewichte und kugelte kopfüber hinab in das Wasser. Bei diesem Anblicke verlor die Schifferin offenbar den Kopf; das Ruder glitt ihr aus der Hand; hülfloses Geschrei der Kinder schallte kläglich über den See hin.

Monika machte mit rascher Geistesgegenwart ihren noch festgeschlossenen Kahn von der Kette los, ehe sie aber damit zu Stande war, hatte Wilhelm bereits den Rock abgestreift, schritt in dem seichten Wasser auf dem Kiesgrunde weit aus und schwamm, sobald er die nöthige Tiefe erreicht, rüstig in der Richtung des Unfalls vorwärts. Das durch den Ostwind nach dem jenseitigen Ufer zugetriebene Heuschiffchen entfernte sich immer weiter von dem Kinde, welches bis jetzt durch seine Röcke auf der Oberfläche erhalten ward. Trotz Monika’s Anstrengung, die mit eifrigem Ruderschlage vorwärts strebte, machte ihr der ungünstige Wind viel zu schaffen und sie kam ihrem Ziele nur langsam näher. Schon war es aber dem jungen Manne geglückt, das Kind zu fassen und über Wasser zu halten. Nun aber schienen seine Bewegungen unsicher zu werden. Monika besann sich, daß er sich erst vor wenig Minuten als ungeübter Schwimmer bekannt hatte, und ward von Angst erfaßt. Das Kind im Arme, in unbekanntem Gewässer, das gerade an jener Stelle nicht nur besonders tief, sondern auch von Strömungen durchkreuzt wurde; wie leicht konnte der brave Mensch seinen guten Willen mit dem Leben bezahlen!

Sie rief ihm ermuthigende Worte zu und setzte all ihre junge Kraft ein. Mit äußerster Anstrengung strebte sie ihm entgegen. Jetzt glückte es. Sie gelangte in seine Nähe, konnte ihm das Kind aus den Armen nehmen, ihm in ihr Schiff helfen. Als sie Beide geborgen sah, strömten ihr die Augen über. Das kleine Mädchen lebte und bewies dies durch mächtiges Schreien, nachdem Monika es mit einem der warmen Plaids umwickelt hatte, die auf der Schiffsbank lagen. Als sie Wilhelm den zweiten hinreichte, schüttelte er den Kopf und erfaßte statt dessen ihre Hand mit starkem Drucke.

„Ein Glück, daß Sie besser rudern, als ich schwimme,“ sagte er mit tiefem Athemzug.

„Mehr Glück noch für das böse Mädel da, daß Sie sich darauf erst jetzt besinnen,“ rief Monika lebhaft. „Bis ich mit dem Schiffe hingekommen wär’, hätte sie drunten bei den Fischen gelegen. Und jetzt hör’ auf zu heulen, Mädi, und ein andermal sitz’ still, wenn Du auf dem See bist! Sobald wir am Lande sind, Herr Wilhelm, muß ich den Nichtsnutz heim tragen; es ist ein Nachbarskind, und seine Mutter wird einen schönen Schrecken haben. Geschieht ihr aber schon recht; warum giebt sie die wilden Dinger mit, wenn die Zenz Heu fahren soll; die ist ja selber noch nicht lang gefirmelt. Und Sie, Herr Wilhelm, müssen halt geschwind in’s Haus und sich aus dem nassen Zeuge schälen – sagen Sie nur den Herrschaften, ich wär’ gleich wieder da.“

Das Boot landete.

„Der Herr General wird schön wettern, daß ich nicht am Platze bin,“ sagte Wilhelm. „Könnte er allein fortkommen, dann wär’ er längst unten. Grüß Gott, bis nachher, und – vergelt’s Gott!“ Noch einmal umschloß er fest des Mädchens Hand und sah sie an. Beide wurden in demselben Moment dunkelroth bis unter die Haare.

Monika antwortete nichts auf sein Dankeswort. Sie nickte nur flüchtig mit dem Kopfe und eilte, das Kind im Arme, aufwärts. Ohne an seinen triefenden Zustand zu denken, sah ihr der junge Mann nach, so lange eine Spur von ihr zu unterscheiden war, dann athmete er tief auf. Ueber seine einfachen Züge ging ein Glanz.

[679] Ein Regentag, nun gar ein Regensonntag auf dem Lande, hat eine ganz andere Physiognomie, als ein gleicher in der Stadt. Schon Morgens, beim Oeffnen der Läden, erscheinen im Rahmen der Fenster Portraits, die sich von den bei Sonnenschein zu erschauenden bedeutend unterscheiden. Mißfälligen Blickes wird das Grau in Grau schattirte Landschaftsbild gemustert. Alle Sonntagspläne sind umgestoßen; keine Programmänderung ist erreichbar. Ergebung in das Unabänderliche wird zum Begriffe höchster Tugend. Jede Spur der Berge ist verschwunden, als wären sie aus der Welt fortescamotirt; der aschfarbige Himmel hat sich mit dem bleifarbenen See in nasse Verbindung gesetzt – nirgend ein noch so kleines Fleckchen, dessen hellere Färbung hoffnungsvolle Gemüther nahendes Himmelblau wittern lassen könnte. Wäre es noch ein interessantes schlechtes Wetter mit Gewittersturm und brandender Welle, wo jagende, farbenwechselnde Wolken Wald und Gebirge an den Horizont malen, dann fänden wenigstens Künstler und Poeten ihre Rechnung. Aber nein! mit nie endendem Geplätscher zieht sich der Regen in dicken, schrägen Strichen nieder, wie auf einer Illustration; im Rinngusse brodelt, auf den Dächern rasselt es ohne Aufhören.

Das Geläute der Glocken hallt melancholisch vom grauen Thurme; unter aufgespannten Regenschirmen ziehen ländliche und städtische Gestalten in die alte Kirche; die Frommen, um zu beten, die Unfrommen, um dem süßen Gesange der Klosterfrauen zu lauschen, welcher vom hohen Chore niedertönt, hold und unsichtbar, als sängen die leibhaftigen lieben Engelein. Nach dieser Stunde begiebt sich nichts mehr. Am Sonntage hat der Landpostbote Feiertag: weder Brief noch Zeitung ist zu erhoffen. Zwar erscheint das Dampfschiff pünktlich zu den gewöhnlichen Stunden, aber Niemand schaut nach ihm aus, weder Wirthin noch Gäste. Man weiß, es bringt nichts, trotz seines schrill locomotivenhaften Pfeifens. Es zeigt eine unheimliche Verwandtschaft mit dem fliegenden Holländer: Niemand ist darauf zu schauen, als Capitain und Steuermann.

Die Gäste bleiben in ihren Zimmern. Briefe von sehr altem Datum, welche mit frischen Vorsätzen zur That aus der Stadt mitgenommen worden und langen Frieden genossen haben, werden beantwortet. Die vereinzelten glücklichen Besitzer irgend eines Buches fallen darüber her und lesen das bereits früher Genossene so scharf durch, als sei es ihnen eben vom Himmel gefallen. Von Zeit zu Zeit tritt ein arbeitslustiger Claude Lorrain aus dem Hause auf die Terrasse, späht in das Aschgrau und kehrt achselzuckend in seine Klause zurück. Die Mittagsstunde ist gekommen, zu Lob und Preis. Heute giebt es Gebratenes und Gebackenes, nicht blos weil Sonntag ist, sondern auch weil Enten und Hühner, theilweise auf Dampfschiffgäste berechnet, nun den Einheimischen zu Gute kommen. Nach Tische geht Jedermann zur Siesta; den Kindern wird eingeschärft, sie müßten heute einen Nachmittagsschlaf von dreistündiger Dauer leisten, und die Gäste thun desgleichen. Hiermit ist der Regentag besiegt, denn mit Herannahen des Abends heben sich die Lebensgeister. Sobald die Lampen des Eßzimmers entzündet werden, weiß Jeder, was er soll und was er muß. Der ländlich ausgestattete Raum füllt sich nicht nur früher, sondern auch mehr als gewöhnlich. Obgleich es noch immer niederrieselt, finden sich, mit Schirmen und Laternen bewaffnet, sämmtliche Insassen der Privatwohnungen ein, um nach dem langweiligen Tage auch ihr Theil abendlicher Geselligkeit zu genießen. Lust und Leben schäumen auf wie Perlen in lange verkorktem Wein. Während die „Herrschen“ im Speisezimmer lachen und plaudern, sitzen Ackerbürger und Handwerker im Gange bei ihrem Maße Bier, und zwischen ihnen concertirt das aus Violine, Cither und Guitarre bestehende Orchester der Tafel.

Die Gesellschaftsspiele der Jugend waren bei diesen verlockenden Tönen heute in ein Tänzchen übergegangen, und die nun einmal in Zug gerathenen jüngen Künstler und Professoren gaben diese Lust keineswegs auf, nachdem sich ihre Damen zur Ruhe zurückgezogen hatten, sondern wählten sich neue Partnerinnen, unter welchen Monika offenbar die Gesuchteste war. Ohne Zweifel mußte es ein Vergnügen sein, mit ihr zu tanzen; sie nur tanzen zu sehen, war eine Augenweide. Das mochte wohl auch „Herr Wilhelm“ finden, denn obgleich sein Gesicht den gleichgültigsten Ausdruck zeigte, folgten seine Augen doch beständig dem gleichen Ziele, während er in kerzengerader Haltung unter der Zimmerthür stand.

Monika kam mit ihrem Tänzer neben ihm zu stehen; trotz des unermüdlichen Walzens war sie nicht athemlos; die Bewegung schien ihr so natürlich, wie dem Vogel der Flug. Sie schien ihren Nachbar nicht bemerkt zu haben; plötzlich drehte sie den Kopf nach ihm und sagte in ihrer frischem Weise:

„Warum tanzen Sie denn gar nicht, Herr Wilhelm?“

Er machte eine etwas linkische Bewegung. „Ich kann nicht tanzen, Fräulein Monika.“

„Hier bei uns giebt es keine Fräuleins,“ lachte das Mädchen. „Ich bin Monika ohne Zubehör – das müssen Sie [680] sich einmal merken. Sie können nicht tanzen? Schöne Ausrede! Jeder kann tanzen, der gesunde Füße hat und Lust und Musik dazu. Wollen wir nachher einmal?“

„Wahrhaftig, ich kann nicht,“ betheuerte er, „ich würde Ihnen nur auf die Füße treten, und dann werden Sie böse. Wenn Sie aber statt dessen –“

Er stockte.

„Wenn ich aber –?“

Er richtete die ehrlichen Augen klar auf ihr Gesicht. „Wenn Sie mir statt dem Tanzen die Ehre anthun und zu einem Schoppen mit mir niedersitzen mögen, dann würde ich Ihnen das viel höher anrechnen, Monika,“ sagte er treuherzig. „Ich weiß freilich nicht, ob Sie dazu Lust haben. Bei mir daheim ist so der Brauch; meinen Sie vielleicht, daß es hierorts auffällig wäre, dann will ich nichts gesagt haben – Sie thäten mir aber einen großen Gefallen.“

„Alles, was mit Ehren geschieht, ist überall der Brauch,“ sagte das Mädchen freundlich; „ich tanze nur gerade noch einmal herum, dann komme ich hinein und bringe Ihnen selbst den Schoppen, Herr Wilhelm.“

Sie saßen einander gegenüber, des Tisches Breite zwischen sich. Nur wenige vereinzelte Gäste waren im Zimmer zurückgeblieben. Die Wirthin schlief auf einem Stuhle und nickte wie im Tact mit dem Kopfe. Ohne die vom Gange hereintönende Musik wäre es drinnen ganz stille gewesen. Auch das junge Paar verhielt sich schweigsam.

Monika, hatte, nachdem sie das Bier herbeigebracht und sich niedergesetzt, eine muntere Rede begonnen, war aber mitten im Satze stecken geblieben, als sie dem stillen Blick begegnete, womit ihr Gegenüber sie ansah. Ihr wurde plötzlich zu Muthe, als striche eine weiche Hand über ihr Haar. Sie mußte an ihre todte Mutter denken, und doch war ihr so vogelleicht um das Herz, als könnte sie geradezu in den Himmel fliegen. Sie verstummte und sah vor sich hin. Zum ersten Mal in ihrem Leben wagte sie es nicht, ihr offenes Auge zu dem eines Anderen zu erheben.

„Monika!“

„Herr Wilhelm?“

„Haben Sie gehört, daß wir übermorgen oder spätestens am Mittwoch abreisen?“

Sie machte eine rasche Bewegung und schlug plötzlich die Augen zu ihm auf. Der lachende Schelm, welcher meist darin blitzte, war weit entwichen; ein dringender, feuriger Blick schien ihre Antwort auf seine Frage zu sein. Sie schüttelte den Kopf, ohne ein Wort zu erwidern.

„Der Herr General will nach Hause, und früher hatte ich mich auf die Zeit gefreut, weil ich dann loskomme. Jetzt freue ich mich aber nicht. Wissen Sie, warum?“

„Wie könnte ich das wissen, Herr Wilhelm?“ antwortete sie zögernd, während ihr ein verrätherisches Feuer heiß auf den Wangen brannte.

„Ich glaube doch, Sie wissen es, Monika,“ sagte er beherzter und beugte sich über den Tisch hinweg ihr näher zu. „Monika, ich habe Sie gern. Eigentlich wollte ich fort und nichts sagen, denn was kann ein armer Schlucker meiner Art Ihnen anbieten? Aber, Gott weiß, wie es zugeht – Sie haben es mir angethan; es muß heraus. Mit einem Wort, Monika, mein Hab’ und Gut ist nur gering, aber mir gehören wenigstens ein paar gesunde Arme und eigenes Dach und Fach, und möchten Sie mit dem einfachen Haus und dem einfachen Mann vorlieb nehmen – dann, Monika, wär’ ich glücklicher als alle Kaiser und Könige auf der ganzen Welt.“

Er streckte ihr seine Hand entgegen. Sie saß einige Augenblicke wie verzaubert, ohne sich zu rühren, und schien immer noch zuzuhorchen, als er schon eine ganze Weile aufgehört hatte zu sprechen. Als er mit einem schweren Seufzer seine Hand zurückziehen wollte, kam aber Leben in des Mädchens Gestalt. Sie schlug mit ihrer Rechten ein, und legte, wie zur Bekräftigung, noch ihre Linke auf die festverschlungenen Hände.

„Du willst –“ rief er mir gedämpftem Freudenlaut, dessen warmer Klang Monika bis in das Herz traf.

Ein sonniges Lächeln ging in ihrem jungen Gesicht auf; ihre Augen blitzten durch große Thränen, und die sonst so muthwilligen, heute so stummen Lippen öffneten sich endlich zu einem Worte: „Wilhelm – Wilhelm, ich hab’ Dich lebensgern.“

Da schlug es an der großen Wanduhr Elf. Wie mit einem Ruck wachte die Wirthin auf, rieb sich die Augen, zählte die Schläge und erhob ihre füllreiche Gestalt. Mit kräftiger, wenn auch durch das Schlummerstündchen etwas belegter Stimme rief sie zur Thür hinaus: „Basta! Trollt Euch Alle heim – es ist Schlafenszeit.“


Dem regnerischen Sonntage folgte ein klarer Morgen. Es wurde um die Mittagszeit sehr heiß. Monika war beschäftigt, mit Lisi die Eßtische im Freien zu decken; letztere drehte alle Augenblicke den Kopf nach ihr um; sie kannte doch die Monika, seit Beide mit einander in die Schule gelaufen waren, so wie heute hatte sie aber das Mädel nie gesehen. Sie sprang wie ein Reh zwischen Haus und Terrasse hin und wieder und war dabei wunderlich ungeschickt; erst ließ sie die Bestecke aus den Händen fallen, dann gar einen Teller, was ihr noch nie passirt war. Wundern konnte man sich darüber freilich nicht, denn statt vor sich hinzuschauen, wandte sie die Augen immerfort nach links, dem Wege in’s Dorf zu.

„Was ist denn heut’ mit Dir?“ sagte Lisi neugierig, als Beide im Wirthszimmer neuen Vorrath von Geschirr holten und Monika wie ein steinernes Bild am Schenktische stehen blieb und zum Fenster hinausspähte. „Du bist ja wie verhext.“

Monika fuhr herum und lachte. Auf einmal stellte sie ihren Stoß von Tellern nieder, fiel ihrer Camerädin um den Hals und fing an zu schluchzen.

„Um Gotteswillen, was ist denn?“

„Lisi, es drückt mir das Herz ab, wenn ich es nicht sagen darf. Ich und der Wilhelm, der Herr Wilhelm, wir sind seit gestern Abend ein Paar.“

„Was?!“ rief Lisi verblüfft. „Das ist doch nur Spaß, Mädel. Den steifen Ladstecken hast Du Dir ausgesucht, nachdem Dir allfort Keiner recht war? Geh weg – das kann nicht sein. Wie? Ist’s am Ende doch wahr? Jetzt sag’ ich aber nichts mehr – da hätt’ ich doch eher gemeint, der Himmel fällt ein. Was Dir an Dem gefallen kann, das find’ ich nicht aus.“

„Er hat so gute Augen,“ sagte Monika und lächelte in sich hinein; „ich hab’ ihn gern.“

„Sieh nur zu, daß er Dich auch gern hat,“ meinte Lisi. „Gute Augen? Na, dann hat er Dich besonders angeschaut. Ich weiß freilich nichts davon, denn wenn er nicht seinen Herrgott, den General anguckt – und auch das thut er, als wär’ er dazu commandirt – dann weiß man nie recht, wo er hinschaut. Er macht ja immerfort dasselbige Gesicht, als wär’ ihm Alles einerlei, und will man ein Bischen Spaß mit ihm machen, dann steht er da, wie eine geschnitzte Figur. Den möcht’ ich nicht geschenkt.“

„Er Dich auch nicht,“ sagte Monika, roth vor Verdruß; „und jetzt sei still! Ich hab’ ihn einmal gern, und er wird mein Mann, ob es Dir recht ist oder nicht.“

„Aergere Dich nicht, Monika!“ sagte Lisi gutmüthig; „es ist ja nicht bös gemeint, ich wundere mich nur. Aber jetzt sag’, hat er denn etwas, worauf Ihr heirathen könnt?“

„Freilich; er hat ein Häusle und ein Stückel Feld, ganz schuldenfrei, d’rin im Oberland. Jetzt weißt Du’s und jetzt laß mich in Ruh, und halt’ vorläufig reinen Mund, denn ich hab’ noch nicht einmal mit meinen Leuten davon geredet. Der Wilhelm ist gerad’ jetzt bei meinem Vater und setzt dem die Sach’ auseinander. Nachmittag, wenn Zeit ist, geh’ ich selbst hinunter. Bis dahin darf Keiner was erfahren –“ sie brach ab und trat hastig vom Fenster zurück. Draußen war hinter den Scheiben Wilhelm Huber’s stattliche Figur sichtbar geworden. Er nickte herein; im nächsten Augenblicke war Monika aus dem Zimmer verschwunden. Lisi sah die Beiden eifrig mit einander reden. „Curios!“ sagte sie vor sich hin und schüttelte den Kopf.

Sobald abgegessen war, lief Monika zu ihrem Vater. Des Wendelfischers Haus stand hart am Strande; es war niedrig, seiner Tiefe nach aber ziemlich geräumig. Das graue Schindeldach war mit großen Steinen beschwert; neben der Hausthür lehnte ein in Ruhestand versetzter Heiliger von Stein, dem die Nase abhanden gekommen war und der es sich gefallen lassen mußte, daß sein segnend ausgestreckter Arm jetzt als Träger von [681] Körben diente, während ein feuchtes Netz über seine kolossale Figur niederhing. Das junge Mädchen schlüpfte behende durch die Thür, doch wurde ihr Schritt langsamer, als sie die Stube betrat und dort den Vater sitzen sah. Der Wendelfischer, ein sehniger, schmal gebauter Mann mit scharfem Vogelgesichte, sah ihr mit so eigenthümlichen Ausdrucke entgegen, daß sie verwirrt an der Schwelle stehen blieb, ohne ein Wort herauszubringen.

„Das sind mir Sachen!“ sagte der Vater, indem er die Pfeife aus den Munde nahm. „Ist das neumodisch, daß man von so was daheim kein Schnauferle thut und schickt ohne Weiteres den Hochzeiter in’s Haus? Ist’s wirklich Dein Ernst, Monika?“

„Freilich, Vater! Und was war da im Voraus zu reden? Ich hab’s selber erst gestern erfahren, daß mich der Wilhelm gern hat.“

„Wenn doch einmal geheirathet sein muß, warum nimmst Du nicht lieber den Hafner in Chieming? Der hat ein gutes Geschäft, das brav Geld einträgt. Dem Huber sein Anwesen ist gering und Du mußt Dein Lebtag auf dem Dorfe hocken bleiben.“

„Das ist meine Sache,“ antwortete das Mädchen. „Wenn Ihr nichts weiter einzuwenden habt, dann ist’s abgemacht.“

„Einzuwendenden hätt’ ich gerade nichts. Der Huber hat mir seine Militärpapiere gezeigt, und ich war vorhin droben und hab’ mit dem General geredet; der ist ein zuverlässiger Mann und hat dem Wilhelm zu Gunsten gesprochen. Daß Du nicht ewig daheim bleibst, weiß ich auch. Wie Ihr Zwei miteinander auskommen werdet, geht Euch selber an. Soll mich wundern! Du hast immer den Schnabel in Bewegung, und der Huber redet so sparsam, als kostete jedes Wort einen Batzen. Du geräthst so leicht in Brand wie ein Pulverfaß, und der sieht so einerlei aus, als könnt’ die Welt in Stücke gehen, ohne daß er nur den Kopf herumdreht. Wie Ihr nur aufeinander verfallen seid? – Basta! Wann soll denn Hochzeit sein? Habt Ihr das auch schon ausgemacht?“

„Soll auf der Stelle ausgemacht werden,“ rief eine kräftige Stimme, und als Monika erschrocken herumfuhr, stand Wilhelm auf der Schwelle der Zimmerthür. Er mußte sich bücken, um eintreten zu können; zwei Schritte, und er stand neben Monika und drückte ihr einen herzhaften Kuß auf die Lippen.

Im nächsten Momente ließ er sie los. Stramm aufgerichtet stand er vor dem Wendelfischer und sagte in seiner knappen Weise: „Mit Verlaub könnte ich in ein paar Wochen wieder herkommen und die Monika holen, wenn es Ihnen recht ist. Meine Dienstzeit ist am ersten October um, der Herr General entläßt mich aber gleich, wenn er wieder daheim ist – das hat er mir versprochen. Ich komme also nächste Woche schon in meinen Ort und kann nach den Rechten sehen. Hauseinrichtung ist da, so viel wir vorerst nöthig haben. Wir brauchen also nicht zu warten. Blos ein Umstand ist’s, der mir Gedanken macht. Kann aber nicht geändert werden.“

„Was denn?“ sagte das junge Mädchen heiteren Auges.

„Du hältst so viel vom Wasser, Monika,“ sagte er bedenklich. „Daheim bei mir giebt’s keins, als im Brunnen.“

„Schadet nichts,“ rief Monika mit frischem Lächeln; „dafür giebt’s sonst Allerlei. Ich hab’ mir lange gewünscht, einmal was Anderes zu sehen und zu hören, als unsere Insel, die ich auswendig weiß. Jetzt setz’ Dich aber! Ich koch’ uns einen Kaffee.“

„Kann nicht sein; ich muß gleich wieder hinauf. Der Herr General will im Rollstuhle fahren. Ich hab’ mich nur gerade fortgemacht, während er seine Mittagsruhe hält. Das dauert aber nie lange.“

„Laß ihn halt ein Bissel warten!“ schmeichelte Monika. „Heut’ wird er’s schon nicht so genau nehmen. Lange darf ich ja auch nicht dableiben. Bis die Herrschaften ihren Kaffee verlangen, muß ich wieder droben sein. Das halbe Stündchen dürfen wir uns doch gönnen?“

Er schüttelte den Kopf. „Es geht nicht, Monika; meine Schuldigkeit muß gethan werden. Heut’ Abend, wenn der Herr im Bett ist, können wir beisammen bleiben; jetzt muß ich fort.“

Sie schmollte. „Morgen gehst Du fort und willst mir heute nicht den kleinen Gefallen thun? Giebt’s auch ein Bissel Verdruß, den Kopf wird’s nicht kosten. Na, sieh nicht gar so ernsthaft drein, Wilhelm! Ich bin schon still – geh’ nur! Ich red’ mit der Wirthin, daß sie mich heut’ Abend frühzeitig fort läßt, dann kommen wir alle Zwei herunter – gelt? Nun sag aber einmal – Du hast vom General geredet – weiß denn das Fräulein auch schon, wie es mit uns steht? Nicht? O, dann sag ich’s ihr selber, und gleich. Grüß Gott!“

Auf dem sonnigen Gesichte lag noch ein wenig von dem Schatten, der eben darauf gefallen, während sie an Wilhelm vorbei aus dem Zimmer und Hause schlüpfte und eilig hügel-aufwärts sprang, als wollte sie sich nicht einholen lassen. Als sie die Höhe erreicht hatte, wo uralte Linden einen kreisförmigen Grasplatz umgeben und inmitten des rührigen Lebens ringsum eine Stätte grüner, wunderbarer Einsamkeit schaffen, stand sie vor einem der mächtigen Stämme still. Dort war ein Madonnenbild in die Rinde eingelassen, dessen Angesicht auf die Häuser am Strande niederlächelte, welche im Sonnenglanze ruhten. Monika faltete die Hände. Der zwischen Empfindlichkeit und Schelmerei gemischte Ausdruck ihrer Züge wandelte sich in Ernst. Ihre Gedanken bekamen Flügel; sie murmelte leise Worte, ohne selbst recht zu wissen, was sie sprach. Sie gab ihr neues Glück der Muttergottes zum Aufheben.

Als ihre Augen sich senkten, sah sie zu Füßen der schattenreichsten Linde Valentine Wittstein im Grase ruhen; den Kopf leicht an der Stamm gelehnt, war dieselbe in ein Buch vertieft. Im nächsten Augenblicke stand Monika vor ihr. „Fräulein – Fräulein! Ich muß Ihnen etwas sagen. Fräulein, denken Sie doch – ich heirathe den Wilhelm.“


Der Vollmond war in seiner ganzen Pracht aufgetaucht und hob sich langsam über den See. Valentine saß auf ihrem Lieblingsplatze, den breiten Stufen, welche den Endpunkt des Dampfschiffsteges erhöhten, und genoß das Schweigen. Der leise Ruf der Unken vom Ufersaum störte nicht, sondern erhöhte noch den Eindruck der Stille. Das Mondlicht lag wie eine Brücke von Silber und Perlen über dem ruhigen Wasser, und die Wasserfäden, welche ihre feinen Ranken hinab in die Tiefe spannen, schienen es durstig einzutrinken. Schilf und Binsen schillerten bläulich; an den Aesten der Uferbäume blinkte silbernes Licht. Das geistliche Haus drüben im Klosterbering, das seine freie Ostseite dem See zuwendet, war gleichsam gebadet im weißen Schimmer; jedes einzelne Blatt des Obstspaliers, das es bis unter den Dachgiebel umflicht, ließ sich zählen. Jenseits hielten die Berge geisterhafte Wacht, umwogt von Nebeldünsten, die sich auf und niederbewegten wie riesige Phantome. Einzelne Gipfel hoben sich in voller Klarheit gegen den Sternenhimmel ab, bis ihnen die aufsteigenden Nebelschemen den Schleier über das Haupt warfen und sie vergingen. Der wallende Brodem verhüllte, was er umfing, und erschien doch schimmernd und durchsichtig, wie ein silbergewirktes Gewebe.

Valentinens Auge war von dem glänzenden Wasser abgewandt; es hing an den dunstigen Höhen. Sie war so tief in Gedanken, daß sie das Nahen eines Schrittes überhörte und zusammenfuhr, als Bernardin sie begrüßte.

„Störe ich Sie, Fräulein Valentine? Dann gehe ich wieder.“

Sie wandte ihm ihr Gesicht zu, ohne die Thränen zu entfernen, welche schwer in den Wimpern hingen. „Sie stören mich nie, lieber Freund,“ sagte sie ruhig. „Im Gegentheil bin ich dem Zufall oder dem freundlichen Willen, der Sie hergeführt recht dankbar, denn ich befinde mich heute nicht in zuträglicher Gesellschaft, wenn ich allein bleibe.“

„Ich sah Ihnen den ganzen Tag über an, daß Sie in irgend einer Weise leiden, deshalb kam ich Ihnen nach,“ entgegnete er einfach. „Ich weiß, daß Sie offen sein würden, wenn Sie lieber allein bleiben möchten. In bedrückter Stimmung ist das aber nur ein süßes Gift, und es freut mich, daß Sie sich dies selbst zugeben. Es ist sonst nicht der Frauen Art, noch weniger die der Jugend. Erst wenn man viel Leben hinter sich hat, fürchtet man die Schmerzen und weicht ihnen aus.“

„Hätten Sie eine Vorstellung, wie alt ich mich fühle, Bernardin, dann wüßten Sie auch, daß ich mit der Art der Jugend überhaupt nichts mehr gemein habe. Weit weniger als Sie – glauben Sie mir das?“

Er lächelte. „Nein, Fräulein, ich glaube das nicht. Sehen [682] Sie, ich besaß mit vierzig Jahren noch dieselbe körperliche und geistige Frische wie mit zwanzig, doch sagte ich mir: Jetzt ist es Zeit, allem Aeußerlichen den Rücken zu wenden um nur dem Ernste zu leben, und that so. In dem, was den inneren Menschen jung erhält, fühlen und sehen wir Beide gleich: es gilt da nur Kraft zum Erfassen des Guten und Schönen. Das ist die Poesie, also Jugend.“

Sie blickte warm zu ihm auf.

„Sie, lieber Freund, haben mich erst ein Wort begreifen gelehrt, das ich vor Zeiten irgendwo las: daß die Größe jedes Künstlers von der Größe seines Herzens abhängt. Ihr Schaffen ist Eins mit Ihrem Empfinden. Ihnen begegnet zu sein, erschien mir von Anfang an als eine große Gabe des Lebens, und ich frage mich nur immer wieder, wie es zugeht, daß Sie einem engbegrenzten Wesen gleich mir so viel Anteil zugewendet, daß Sie sich für mich irgendwie interessiren konnten.“

„Seltsam, wie wenig sich die Menschen selbst kennen!“ sagte Bernardin. „Frauen sind im Allgemeinen schon interessanter als wir Männer, weil sie meist auch alles Geistige aus dem Gemüthe schöpfen, und deshalb im Verkehr, namentlich im täglichen und häuslichen, immer neu bleiben. Dem geistvollsten, kenntnißreichsten Manne gebe ich allenfalls etliche Jahre, in welchen er Andern Neues zu bieten vermag. Dann wird er sich wiederholen, wie jeder Mittelmäßige auch. Wie aber das Meer in seinen Farben und Lichtern beständig wechselt, und man nicht müde wird, es in dem steten Wandel zu beobachten, so ist es mit dem Herzensleben der Frau und dessen Aeußerungen. Heute kann der Barometer heiteres Wetter zeigen, und die Beleuchtung ist so – morgen zeigt er dasselbe an, und doch ist die Beleuchtung eine ganz neue, weil sich vielleicht der Wind kaum merklich gewendet hat. Wollen Sie aber wissen, weshalb Sie mich von der ersten Stunde an besonders interessirt haben, Valentine, so kann ich Ihnen darauf antworten. Sie sind einfach, und Sie schätzen die Wahrheit.“

„Das Erste ist kein Verdienst – das Andere natürlich.“

„Einfachheit ist bei jedem Menschen ein Verdienst, bei Frauen mehr als das – eine Eigenschaft. Stets ergreift mich Bedauern, wenn ich eine Frau über Politik, Philosophie und abstracte Dinge reden höre. Die Geistvollste wird über solche Themata stundenlang sprechen ohne mir etwas zu sagen, das ich nicht bereits gehört oder gelesen hätte. Und die Wahrheit zu schätzen, halten Sie für etwas Natürliches? O, liebe Freundin! Diese Göttin sitzt nackt in einer reinen Quelle. Wird sie von dem Einen oder Andern herausgeführt in die Welt, dann sieht er ein, daß er sie doch nicht so in ihrer heiligen Blöße präsentiren darf, und hängt ihr etwas um – der Eine nur einen Flor, der Andere einen dichten Mantel. Dann ist sie recht anständig, aber es ist nicht mehr die freie Wahrheit, wie Gott sie erschaffen, wie der Mensch ihrer bedarf, soll er an ihrer Hand bis in den Himmel gehen. Und nur an dieser Hand läßt sich das Höchste erreichen, im Leben wie in der Kunst. Nichts Anderes aber muß man wollen und bedürfen, als das Höchste. Wenn sich auch unser Dasein verzehrt, ohne das Ziel zu erreichen – nur nicht vorlieb nehmen, nicht von Almosen leben, die man von Andern nimmt, oder sich selber giebt!“

Valentine hatte sich während seiner Worte erhoben und stand nun neben ihm, den Blick auf sein wie von verborgenem Feuer durchglühtes Gesicht geheftet. „Ich danke Ihnen,“ sagte sie tief ernst, indem sie ihre Hand leicht auf die seinige legte. „Ihr Wort giebt mir die Kraft zurück, welche mir in einer schwachen Stunde abhanden zu kommen drohte. Sie wissen nicht, welche Saiten es berührt hat – ich glaubte sie gerissen, und fand heute mit Schrecken, daß sie noch tönen, in Dissonanzen tönen, denn junges Glück hat mich, statt mir das Herz zu erquicken, in egoistische Schmerzen zurückgestürzt.“

„Sie haben Schweres erlebt?“ sagte Bernardin und heftete sein schwermüthiges Auge voll Innigkeit auf ihre bewegten Züge.

„Meine Geschichte ist nur alltäglich,“ entgegnete Valentine. „Sie hat sich ganz im Stillen abgespielt; es giebt Wenige, die sie kennen. Erzählt habe ich sie noch Keinem.“

Sie schwieg einen Augenblick, dann sagte sie ruhiger: „Begleiten Sie mich auf die Terrasse! Wir wollen dort auf- und abgehen, und Sie sollen erfahren, was hinter mir liegt.“

Er bot ihr schweigend seinen Arm. Ohne ein Wort zu tauschen, überschritten Beide den Steg und gingen dem Kloster entlang den Linden zu. Wie ein grauer Schwan sich zu glänzendem Weiß entwickelt, so schimmerte heute das graue Gemäuer silberhell im vollen Licht des Mondes; der Thurm ragte so licht empor, als sei er aus Marmor gemeißelt. Auf der Terrasse war es still und leer.

„Vor einigen Jahren,“ sagte Valentine, „verlobte ich mich mit einem Manne, von dessen Charakter ich die höchste Meinung hatte. Ich lernte ihn im Hause meiner Freundin kennen und sah ihn längere Zeit nur dort, da er die Kreise der großen Welt mied. Sein Name hatte Klang in den ernsten Wissenschaften, welche er als Universitätslehrer vertrat; ich lernte ihn zuerst von einer anderen Seite kennen, denn ehe ich mit ihm selbst zusammentraf, war mir ein Band seiner früher veröffentlichten Gedichte zur Hand gekommen und hatte mich für ihn interessirt. Wir liebten uns – so schien es wenigstens – und er warb um meine Hand. Damals war der Gesundheitszustand meiner lieben Mutter schon so erschüttert, daß sie nicht ohne sorgliche Umgebung und Pflege bleiben durfte; deshalb sollte unsere Hochzeit bis zum künftigen Jahre verschoben bleiben, wo meine jüngere Schwester aus dem Pensionate heimkehrte und meine Stelle vertreten konnte. Es war mein eigener Wunsch, unsere Verlobung vorerst noch nicht zu veröffentlichen. Wir lebten in Kreisen, die meinem Bräutigam äußerst unsympathisch waren und denen ich mich, der Kränklichkeit meiner Mutter wegen, bei der Stellung des Vaters um so weniger ganz entziehen durfte, als dieser auf Repräsentation seines Hauses stets Werth legte. Mein Verlobter dankte mir die äußere Freiheit, welche ihm auf diese Weise bewahrt blieb, und wir konnten uns im Stillen daheim, wie bei meiner Freundin, oft und ungehindert sehen. Meine Mutter hatte ihn lieb; dem Vater war er weniger angenehm.

Einst, als er mich bei seinen Gedichten traf, fragte ich ihn nach der Bedeutung eines Abschnittes derselben, der mir schon viel zu denken gegeben. Er bekannte freimüthig, daß diese Lieder einer Periode seines Lebens angehörten, die ihn außer sich selbst geführt. Es waren glühende Strophen; sie feierten eine Frau, und ich erfuhr nun, daß ich dieselbe kannte. Es war eine Dame aus der vornehmen Gesellschaft; während ihres Aufenthaltes in unserem Wohnorte war viel von ihr gesprochen worden; seit ein paar Jahren lebte sie, wie es hieß, in Italien. Mein Verlobter gestand, daß sie einen verhängnißvollen Einfluß auf ihn geübt, ihm sehr nahe gestanden und ihn während dieser Zeit häufiger gequält als beglückt habe.

Nach einer jener stürmischen Scenen riß er sich endlich los und fühlte sich, wie er lebhaft versicherte, durch die wiedergewonnene Freiheit wie begnadigt. Während er mir dies Alles beichtete, schwur er, erst jetzt erfahren zu haben, was echte Liebe sei. Trotzdem hatte ich damals innerlich viel zu überwinden. Ich glaube nicht, daß ein Mann nachfühlen kann, was Eifersucht auf die Vergangenheit für eine Frau bedeutet. Doch verbarg ich ihm ängstlich die egoistischen, überflüssigen Schmerzen.“

[699] „Im Sommer begleitete ich meine Mutter, wie alljährlich, nach Wiesbaden,“ fuhr Valentine in ihrer Erzählung fort, „dessen monatelanger Curgebrauch ihr den folgenden Winter zu überstehen helfen sollte. Mit Beginn der Ferien folgte uns mein Verlobter dorthin. Es waren selige Tage; jede Stunde war mit Glück erfüllt, dessen Bestätigung für alle Zukunft schon so nahe. Da erschien dort jene schöne Frau. Was soll ich Ihnen sagen? Sie lockte; er widerstand zu Anfang und war seiner selbst so sicher, daß seine Zuversicht auch mir die Gelassenheit erhielt oder vielmehr sie mir gab. Später kam es anders. Ich sah seine schöne Ruhe scheitern; ich sah, wie sie ihn Zug um Zug von Neuem an sich riß. Meine Mutter drang in mich, wir sollten abreisen, in der Ueberzeugung, daß ihn dies zur Besinnung bringen, daß er uns folgen würde. Ich widerstand. Ihre Cur plötzlich zu unterbrechen, war bedenklich; ein Erfolg solchen Schrittes erschien höchst zweifelhaft. Auch wollte ich mein Schicksal kennen. Es endete damit, daß ich ihn frei gab.“

„Vielleicht handelten Sie zu rasch,“ sagte Bernardin. „Ueber uns Männer geht zuweilen Unwiderstehliches hinweg, wie eine hohe Woge, aber jede Brandung sinkt, und hält uns eine liebe Hand in Treuen fest, so finden wir uns zum rettenden Ufer zurück.“

„Wäre ich schon sein Weib gewesen, dann hätten Sie Recht, tausendmal Recht. Aber eine Hand festhalten, die in der unserigen zuckt und sie als Fessel empfindet, erscheint mir unmöglich, wo Freiheit noch in Frage stehen kann. Ich fühle noch heute, daß ich gehandelt, wie ich mußte.“

„Und er?“ fragte Bernardin nach kurzer Pause.

„Er verließ Wiesbaden noch vor uns; ich hörte nichts mehr von ihm und über ihn. Meines Vaters Versetzung nach München traf mit unserer Heimkehr zusammen. Noch im Laufe desselben Jahres verlor ich meine Mutter. Es ist gut so, wie es ist. Meine Schwester hat sich sehr jung verheiratet; ich bin dem Vater nothwendig, wenn er es auch nicht Wort haben will. Mein Leben verzehrt sich nicht ohne Nutzen und Inhalt; mehr hat der Mensch nicht zu fordern.“

„Sie hätten also mit jedem eigenen Anspruch an das Geschick abgeschlossen, Valentine?“ fragte Bernardin. „Ohne Zweifel täuschen Sie sich. Man denkt zuweilen mit Allem fertig zu sein und hat doch erst ein farbensattes, aber nicht unverlöschliches Vorspiel seines wirklichen Schicksals erfahren. Sie nennen sich alt, weil Sie müde sind. Ich sehe Sie noch jung, voll Fähigkeit glücklich zu machen, und das heißt nichts Anderes, als das Anrecht, glücklich zu sein.“

„Ich habe sagen hören, man könnte mehr als einmal lieben,“ entgegnete Valentine nachdenklich. „Es muß wohl wahr sein, denn ich habe das auch öfters mit angesehen. Was mich selbst betrifft, so könnte ich es nicht. Jeder folgt seinem Wesen. Mir ist es innerstes Bedürfniß, wenigstens mir selbst treu zu bleiben, da ich mir keine Treue gewinnen konnte.“

Bernardin ergriff schweigend ihre Hand und behielt sie einen Augenblick in der seinen.

„Gute Nacht, mein Freund!“ sagte Valentine, als sich Beide im Vorwärtsschreiten wieder den Häusern genähert hatten. „Was ich Ihnen erzählt habe, sei vergessen! Und – halten Sie mich nicht für unglücklich, denn ich bin es nicht.“

„Das glaube ich in der That, Valentine. Schwache Charaktere überwinden schwer und vergessen leicht. Kraftvolle Naturen vergessen Nichts, aber sie überwinden. Ich sehe Sie morgen noch vor Ihrer Abfahrt. Lassen Sie mich Ihnen aber jetzt Lebewohl sagen! Gott sei mit Ihnen! Vergessen Sie nicht die Stunden, welche wir gemeinschaftlich verlebt haben!“

„Sie gehören nicht zu denen, die man vergißt. Auf Wiedersehen! Nicht nur morgen – hoffentlich auch an gleicher Stelle über’s Jahr!“




2.

Vier Jahre sind vergangen. Um den Menschen wieder zu begegnen, welche wir auf der kleinen Insel des „baierischen Meeres“ verließen, müssen wir stille Thäler aufsuchen, die zur Zeit des Beginns unserer Erzählung weit einsamer und unbekannter waren, als jenes Eiland. Doch hatte die oft geschmähte Verderberin landschaftlicher Reize, die öfter noch gepriesene Schöpferin öffentlichen Verkehrs, die Locomotive, jener Thalstrecke während dieser letzten Jahre lebendige Spuren aufgedrückt. Seit eine noch kaum beendete, dem Betriebe erst theilweise übergebene Bahnlinie dieselbe fast ihrer ganzen Längenausdehnung nach durchzog, machte sich der namentlich für Dörfer und Marktflecken auch durch gleichzeitigen Bau neuer Poststraßen erschlossene Zusammenhang mit der Außenwelt durch vermehrten Wohlstand bemerklich.

Es war zu Anfang Juli 1870. Heiße Sonnengluth lag über dem Thale. Obgleich der Abend schon hereinbrach, brachte er doch keine Kühlung; man empfand, daß die Sonne ihre glühende Herrschaft seit manchem Tage ununterbrochen geübt und jeden frischeren Athemzug in sich gesogen hatte. Dennoch prangte die anmuthigste Landschaft im üppigsten Grün; der [700] lebendige Bergstrom, welcher sie durchschneidet, schien der ganzen Umgebung seine eigene Frische mitzutheilen. An beiden Ufern desselben dehnte sich, durch eine steinerne Brücke verbunden, eine freundliche Ortschaft in der Thalerweiterung hin. Es begann schon zu dunkeln, als eine junge Frau, den gefüllten Henkelkorb am Arme, flinken Fußes die Brücke überschritt und sich der am rechten Ufer gelegenen Häuserreihe zuwandte, welche der Bahnlinie entgegenführte. Als sie eben im Begriffe war, an der letzten, einzeln gelegenen und dürftigen Behausung vorbeizuschreiten, rief ihr von drinnen eine Stimme durch das Fenster zu: „Huberin! Warte Sie nur einen Augenblick, Huberin!“

Der angstvolle Ton, womit Monika gerufen wurde, hemmte ihren eiligen Schritt. Sie wandte den Kopf verwundert, nach dem Hause zurück, unter dessen schiefer Thür ein ärmlich gekleidetes Weib erschien, das hagere Gesicht in Thränen gebadet, die Hände winkend und bittend erhoben. „Um Jesu willen, komm’ Sie herein! Ich muß mit Ihr reden – jetzt gleich, noch heut’ muß es sein. Die heilige Muttergottes selbst schickt Sie des Weges, daß ich mit Ihr allein reden kann. Sie muß uns helfen in unserem Elende.“

„Was ist denn passirt?“ fragte die junge Frau gutherzig, indem sie das niedrige, von einem dunstigen Oellämpchen schwach erhellte Zimmer betrat, wohin sie die Andere an den Rockfalten zog. Auch dort angelangt, hielt die Andere sie noch fest, als besorgte sie ihr Entrinnen. „Ist eines von den Kindern krank? Oder hat’s sonst ein Unglück gegeben?“

„O Du mein blutiger Heiland! Freilich hat es ein Unglück gegeben. Hat Ihr denn Ihr Mann nicht gesagt, was mein alter Tolpatsch wieder angestellt hat?“

„Nichts weiß ich, gar nichts,“ sagte Monika. „Ich habe meinen Mann seit Mittag nur eine Minute gesehen; er war draußen bis zur Ablösung, und als er heimkam, hab’ ich nur gefragt, ob er jetzt zu Haus bei dem Kinde bleiben könnte, weil ich nothwendig in den Ort mußte, um einzukaufen, und hab’ mich dann getummelt, fortzukommen. Uebrigens redet mein Mann überhaupt nicht viel, von Dienstsachen schon gar nicht. Was giebt es denn eigentlich?“

„Mein Alter wird fortgejagt, und dann können wir Alle am Hungertuche nagen,“ jammerte das Weib. „Wenn der Bahnwärter auch nicht viel redet, so wird Sie doch schon von ihm erfahren haben, daß der Bahnmeister Meinem nicht grün ist und daß es schon mehr als einmal Verdruß gesetzt hat. Freilich war immer Ursach’! Mein Alter ist der Bravste und Fleißigste, den es giebt, hat er aber einen Tropfen über den Durst getrunken, dann macht er Dummheiten. Seit ihm so scharf auf den Dienst gepaßt wird, ist er ganz ordentlich gewesen, nun denke Sie aber, was heut’ passiren muß! In der Früh’ ist der Wochenlohn ausgezahlt worden – da geht er hin und versäuft ein paar Batzen. Und Nachmittags läßt er im Dusel sein Geräth am Geleise liegen, und wie ihn der Bahnwärter deswegen hernimmt, wird er grob. Dafür soll er aus der Rotte fort, und geschieht das, dann sind wir geschlagene Leute. Wovon sollen wir leben mit den fünf Würmern, wenn der Müller die Arbeit auf der Bahn einbüßt? Erbarmt Sie sich nicht, Huberin, dann geh’ ich in’s Wasser, wo es am tiefsten ist.“

„Ja, was kann ich da helfen?“ sagte Monika mitleidig. „Sie dauert mich bis in die Seele hinein, aber ich seh’ nicht, was da zu machen wär’.“

„Fürbitten kann Sie. Ein gutes Wort kann Sie für uns einlegen, daß der Bahnwärter meinen Alten nicht anzeigt. Meiner hat sich hoch und theuer verschworen, daß kein unrechter Tropfen mehr in seine Kehle soll. Laßt uns nicht im Stiche, Frau! Die Mutter Gottes wird’s vergelten.“

Monika schüttelte betrübt den Kopf. „Das kann nichts nützen, Müllerin; mein Mann ist gut, in solchen Sachen nimmt er aber keine Einreden an.“

„Müssen wir elend umkommen, weil mein Alter eine Unglücksstunde gehabt hat? Frau, Frau, denke Sie an Ihren kleinen Buben und erbarme sich meiner armen Würmer! Sie hat ja allzeit ein gutes Herz für uns gehabt, ist mir noch neulich in dem harten Kindbette beigesprungen. Auf Sie hab’ ich meine letzte Hoffnung gesetzt, nächst den lieben Heiligen. Sie fiel schluchzend auf die Kniee und drückte ihr Gesicht in Monika’s Gewand.

„Um Gotteswillen, seid still!“ sagte die junge Frau, tief athmend; „ich will’s probiren; vielleicht glückt es doch. Steh’ Sie nur vom Boden auf! Ich versprech’, daß ich meinem Manne aus allen Kräften zureden will. Und jetzt laßt mich heim! Es wird finstere Nacht. Morgen früh geh’ ich in die Kirche, dann sag’ ich Ihr, was ich ausgerichtet hab’.“

„Gott vergelt’s!“ sagte das Weib getröstet, und ihr kummervolles Auge hing fest an der Gestalt der jungen Frau, während sie ihr hinausleuchtete. Als sich Monika unter der Thür mit einem letzten Nicken zurückwandte, fiel der Lampenschein hell auf ihr Gesicht; es war länglicher geworden, seit uns die glückliche Braut aus den Augen verschwand; dem Ausdrucke der Züge hatte sich eine Veränderung aufgeprägt, die übrigens schwer zu bezeichnen wäre, denn heute wie damals blühte die schönste Jugendlichkeit daraus hervor. Vielleicht war es nur ihre Mütterlichkeit, welche den schalkhaften Blick zum sinnenden verwandelt hatte.

Sie eilte raschen Schrittes den Weg entlang, der Bahnlinie entgegen, deren im Abenddunkel verschwindende Spur durch das in einiger Entfernung von der Ortschaft gelegene Wohnhaus des Bahnwärters um so deutlicher bezeichnet wurde, als dasselbe von innen hell beleuchtet war.

Schon im Begriffe, die eben erreichte Hausthür aufzuklinken wandte sich Monika mit rascher Biegung seitwärts nach dem erhellten Fenster zur Linken des Eingangs und drückte ihr Gesicht gegen die Scheiben. Wer zugleich mit ihr hineingeschaut hätte, würde es begreiflich gefunden haben, daß sie den Platz minutenlang nicht verließ; das Innere des kleinen Wohngemaches, welches sie überschaute, bot das freundlichste Bild.

Die schlichten Möbel, welche den hellgetünchten Wänden entlang standen, das auf ein paar Regalen geordnete Hausgeräth blitzten von Sauberkeit. Neben dem weißgescheuerten Tische, der die Lampe trug, saß der Hausvater, welcher ein etwa dreijähriges Kind auf seinen Knieen reiten ließ. Wilhelm Huber’s Gesicht war ebenso lachend wie das des kleinen Buben, der in hellem Jauchzen bald die beiden Aermchen in die Luft warf, bald die kleinen Hände in den dichten Vollbart des Vaters wühlte. Während Wilhelm’s Knie auf und nieder segelte, pfiff er die Melodie eines Marsches; sein linker Arm hielt das rundliche Kind umfaßt, dessen Seidenhärchen den stets in Bewegung erhaltenen Kopf umflatterten. Beide waren so erfüllt von ihrem Spiele, daß sie kein Auge voneinander wandten, bis der Finger der Lauscherin lebhaft gegen die Scheiben trommelte. Das Blondköpfchen fuhr herum wie ein Blitz, und die strahlenden Augen trafen ihr eigenes Spiegelbild.

„Mutterle! Mutterle!“ Der Jubellaut war noch kaum verklungen, als der lebhafte Kleine schon vom Schooße des Vaters niedergeklettert war, um dem Fenster und von dort der Thür zuzulaufen, auf deren Schwelle die junge Frau im nächsten Augenblicke kauerte und dem Lieblinge beide Arme entgegenstreckte. Das Kind war der Mutter wie aus den Augen geschnitten. Sie fing es auf, hob es in die Höhe, tänzelte mit ihm durch das Zimmer, Wange an Wange geschmiegt, und ließ es dann wieder auf den Boden gleiten, um zu ihrem Armkorbe zu laufen und sich dem zappelnden, jauchzenden Buben leuchtenden Auges zuzuwenden, in der einen Hand einen Johannisbeerzweig voll rother Früchte und grüner Blätter, in der andern ein mürbes Brödchen, zwischen den Lippen ein schrillendes Pfeifchen – ganz und gar, bis in jedes Haar ihrer Augenwimpern die alte Monika! Der Kleine reckte beide Arme nach den mitgebrachten Schätzen, begegnete aber nur lachendem Kopfschütteln. „Erst aufsagen! Kannst Du’s noch, Fritzel?“

Ein verdutzter Ausdruck huschte über das glückselige Kindergesicht; die dunkeln Wimpern flatterten einen Moment auf und nieder, dann theilte sich das kirschrothe Mündchen so weit, daß der ganze Vorrath kleiner Milchzähne zum Vorscheine kam. Fritzel ballte seine dicken Fäustchen, stellte sich stramm auf die Beine und ließ sich vernehmen:

„I bin a kleiner Pumpernickel;
I bin a kleiner Bär,
Und wie mi Gott erschaffen hat,
So trampl’ i halt daher.“

„Er kann’s wirklich noch. O Du Herzensschatz! Jetzt kriegst Du auch Alles, was ich Dir mitgebracht hab’.“ Sie hob das [701] Kind auf ihren Schooß, während sie sich Wilhelm gegenübersetzte, dessen heiteres Auge die Beiden keinen Augenblick verließ, obgleich er sich schweigend verhielt. „War er brav?“

„Ganz brav, Mutter! Deswegen hab’ ich ihn auch noch aufbleiben lassen, trotz Deinem strengen Geheiß, daß er um sieben Uhr in’s Nest müßte. Er hat gemeint, ich könnte ihn nicht so schön niederlegen, wie sein Mutterl, und wie mir’s vorkommt, bist Du gerade nicht bös darüber, daß er noch munter ist.“

„Ja so!“ sagte die junge Frau. „Ich habe gar nicht mehr an die Zeit gedacht. Jetzt ist’s aber auch aus, Fritzel; geschwind iß Dein Brödchen auf und marschir’ in Dein Bett! Tausend noch einmal, wenn die kleinen Buben so lange wach bleiben, kommt zuletzt der Sandmann und streut ihnen so viel goldigen Staub in die Augen, daß sie in der Frühe gar nicht mehr aufhören können zu schlafen.“

Während des Plauderns entkleidete sie das Kind und hielt es dann dem Vater zum Gutenachtkuß entgegen. Der entzückte Mutterblick, womit dies geschah, war berechtigt; das aus den leichten Hüllen geschälte glänzende Kind, von dessen Schultern das blühweiße Hemd niederglitt, das frische, lächelnde Gesicht glich einem freudigen Engelsgebilde.

Sobald der Kleine unter die Decke geschlüpft war, glitt Monika neben seinem Bettchen nieder und faltete die Hände, was Fritzel sofort nachahmte. Nichts Holderes auf Erden, als ein kleines Kind, das auf seinem Lager kniet und seinen Abendsegen spricht! Von Vertrauen nimmt es den Gott, von dem es noch nichts begreift, von der Mutter hin und schlägt die klaren Augen so gläubig zur Höhe, als könnte es damit bis in den Himmel dringen.

Fritzel’s frommer Spruch war derselbe, den auch Monika als Kind im Fischerhäuschen am See aufgesagt hatte; einer jener Reime, die in ihrer warmen Einfachheit nur von einer Mutter erdacht werden konnten, und sich, gleich dem echten Volksliede, von Mund zu Mund, von Haus zu Haus spinnen, bis Keiner mehr nach ihrem Ursprung fragt, weil sie Tausenden zu eigen geworden sind, wie ein Naturlaut:

„Müde bin ich, geh zur Ruh,
Schließe meine Augen zu.
Lieber Gott, die Augen Dein
Laß auf meinem Bettchen sein!

Alle, die mir sind verwandt,
Gott, laß ruhn in Deiner Hand!
Alle Menschen, groß und klein
Sollen Dir befohlen sein!

Hab’ ich Unrecht heut’ gethan –“

„Fritzel! Fritzel!“ unterbrach Monika hier die langsam und ernsthaft betonten Worte; „Du denkst wieder nicht an das, was Du betest. Du weißt doch, daß man den letzten Reim nur sagt, wenn man nicht brav war. Heut’ brauchst Du den lieben Gott nicht um Verzeihung zu bitten. Du hast schön gefolgt, und der Vater hat ja auch gesagt, Du wärest brav gewesen.“

Fritzel wurde dunkelroth. „Ich muß doch so beten wegen dem Esel.“

„Wegen was für einem Esel?“

Das rothe Mündchen verzog sich wie zum Weinen. „Ja, wie Du fort warst, Mutterl, da hab’ ich mir aus der Schachtel das Dorf aufgebaut auf dem Boden, und da ist der Vater durch’s Zimmer ’gangen, und der hat mit seinem Fuß an die Häuser gestoßen, daß sie alle umgefallen sind, und da hab’ ich ganz leis gesagt: „Du Esel.“

Um Monika’s Auge und Lippen zuckte verhaltenes Lachen, doch sagte sie ernsthaft: „Dann müssen wir freilich weiter beten.“

„Hab’ ich Unrecht heut’ gethan,
Sieh es, lieber Gott, nicht an!
Nimmer will ich’s wieder thun –
Laß in Deiner Huld mich ruhn!“

Dicke Thränen rollten dem reuigen kleinen Sünder über die Bäckchen, während er den Reim stockend aufsagte. Als er aber die Lippen der Mutter auf seinen Augen fühlte und sie seinen Kopf in die Kissen drückte und ihn liebkosend in das Deckchen hüllte, wie gewohnt, ward er wieder getrost und schloß die Augen.

Monika betrachtete ihn noch einen Moment bei der schwachen Helle, die vom Wohnzimmer aus in die Kammer fiel, und kehrte dann, die Thür leise anlehnend, zu ihrem Manne zurück. Ihr ganzes Gesicht strahlte. „Hast Du zugehört?“ sagte sie halblaut.

„Freilich!“ lachte Wilhelm. „Der schöne Ehrentitel, den ich mir heute bei meinem eigenen Fleisch und Blut verdient habe, ist mir deutlich zu Ohren gekommen. Ein Wetterjunge!“

„Wie gescheit er ist!“ sagte Monika stolz; „wie schön er auswendig lernt und Alles im Kopf behält, und ist doch erst drei Jahre alt.“

„Ja, aus dem wird einmal ein ganzer Kerl,“ nickte Wilhelm, „hoffentlich mehr, als bis heut’ aus seinem Vater geworden ist.“

Die junge Frau, welche, ab- und zugehend, ihre Marktkorb entleerte und Zurüstungen zum Abendbrod traf, wandte bei dieser Aeußerung plötzlich den Kopf und blickte nach ihrem Manne um, der mit aufgestütztem Arm am Tische sitzen geblieben war und ernsthaft dreinschaute. Sie nahm ein Deckelglas vom Regal und stellte es nebst dem mitgebrachten Bierkruge vor ihm hin. „Wozu machst Du Dir wieder Gedanken, Wilhelm?! Es ist ja nicht Deine Schuld, daß Du für den Augenblick diesen geringen Posten hast annehmen müssen; wird schon wieder bessere Zeit kommen.“

Der Ton, in welchem sie sprach, klang weniger frisch, als die Worte. Ein halber Seufzer war hindurch zu vernehmen.

Er antwortete nicht.

„Freilich wären wir besser daran, wenn Du auf mich hättest hören mögen,“ fuhr Monika zaudernd fort. „Noch heut’ bin ich der Meinung, daß Dir der Herr General einen Vorschuß nicht abgeschlagen hätte, wenn Du ihn darum angegangen wärest, nachdem uns Haus und Scheuer niedergebrannt sind. Der Herr war Dir allezeit so gewogen; das Fräulein hätte mir zu Liebe auch ihr Fürwort eingelegt, und wir könnten wieder im Eigenen sitzen.“

„Und wenn mir dann etwas Menschliches zustieße, wer sollte wohl die Schuld heimzahlen?“ sagte Wilhelm lebhafter, als sonst seine Art war. „Daß Du das nie begreifen wolltest!“

„Wer wird gleich an’s Sterben denken, wenn man jung ist und gesund wie Du! Und käme wirklich einmal das Schlimmste zum Schlimmen – was würde es den reichen Leuten schaden, ein paar hundert Thaler einzubüßen? Frau und Kind sind Dir näher.“

„Ist mir leid, Monika, daß wir da nicht gleicher Meinung sind. Freilich ist’s hart, wenn man in seinem Hausstande herunter kommt, statt vorwärts, und es wurmt mich genug, daß ich unsere Sach’ nicht in die Assecuranz habe einschreiben lassen, womit uns geholfen wäre. Aber was nützt alles Lamentiren, jetzt, wo nichts mehr zu ändern ist! Meinst Du, es wäre mir einerlei? Das heißt, mir selber läge im Grunde nicht so viel daran, aber Du dauerst mich. Wenn ich bedenke, wie vergnügt Du auf unserm kleinen Anwesen herumgewirthschaftet hast, und wie Du Dich jetzt behelfen mußt – es ist nun einmal so! Borgen und Betteln geht mir wider die Natur. Der Mann muß auf eigenen Füßen stehen – das ist seine Pflicht und Schuldigkeit. Ich habe keinen Anstand genommen, den Herrn General darum anzugehen, daß er mir zu irgend einem Posten verhilft. So was bricht sich aber nicht über’s Knie, wenn’s etwas für die Dauer sein soll, und in der Zwischenzeit dürfen wir froh sein, daß sich hier Dach und Fach und ehrlich verdientes Brod gefunden hat. Für ein erstes Unterkommen reicht das aus, und ewig wird es nicht dauern. Einstweilen muß man sich zufrieden geben.

Monika bedurfte nicht erst des Blickes auf seine gefurchte Stirn; sie wußte längst, daß ihr Mann nicht in guter Stimmung war, wenn er sich auf Auseinandersetzungen einließ. „Sei nicht bös! sagte sie, indem sie die dampfende Schüssel auftrug, „ich gebe mich ja zufrieden. Es thut mir nur alle Tage leid, daß Du, der etwas Besseres vermag, auf dem geringen Posten aushalten mußt, wo es noch dazu alle Augenblicke Verdruß giebt und Du ohne Dein Verschulden in Ungelegenheiten kommen kannst.“

„Was meinst Du?“

„Nun, die Müllerin hat mir vorhin erzählt, was heute mit ihrem Manne vorgekommen ist. Hättest Du übersehen, daß Der sein Arbeitsgerät auf dem Geleis hat liegen lassen, so wärst Du doch gewiß in große Ungelegenheiten gekommen?“

„Warum nicht gar!“ sagte Wilhelm.

„Nun, um so besser, wenn es nicht so arg war! Weißt [702] Du, Wilhelm, ich habe der armen Seele versprochen, daß ich bei Dir ein gutes Wort einlegen will. Sie war ganz auseinander, weil sie meint, Du würdest ihren Mann anzeigen. Du weißt ja selber, was für ein kümmerliches Ding sie ist, ewig krank – das Haus voll Kinder. Was sollte aus den Leuten werden, wenn sie vom Brode kommen! Nicht wahr, Du bist still? Er wird sich in Zukunft gewiß und wahrhaftig zusammennehmen.“

„Nein,“ sagte Wilhelm nachdrücklich, „davon kann keine Rede sein. Es ist nun schon das dritte Mal, daß sich der Müller grobe Fahrlässigkeit zu Schulden kommen läßt. Hier auf der Bahn handelt es sich nicht um einen Pappenstiel; wird etwas versehen, so kann es heilloses Unglück geben. Der Mann muß fort. Es ist mir leid um die Frau, läßt sich aber nicht ändern. Wäre der Bahnmeister nicht gerade außerhalb gewesen, dann hätte ich es gleich gesagt; der Kerl war noch dazu ganz unverschämt.“

„Wilhelm,“ bat die junge Frau im schmeichelnden Tone, „sei nicht so hart! Schau, die Müllerin hat mir gesagt, ich soll an unser Büble denken und deswegen für ihre Kinder bitten – das Nämliche sag’ ich Dir jetzt. Gieb nach, thu es mir zu lieb! Das arme Weib ist auf den Knieen vor mir herumgerutscht – ich hab’s gar nicht mit ansehen können vor Herzweh. Fort können die Leute nicht; das baufällige Häusle ist ihr Ein’ und Alles, und am Orte bekommt der Mann keine Arbeit.“

„Weil er ein Grobian und ein Säufer ist. Eine Zeitlang hatte er sich ordentlich angelassen; jetzt treibt er es wie zuvor, und das thut kein gut. Basta! Plage mich nicht – so etwas hingehen zu lassen, wäre gegen meine Pflicht und Schuldigkeit.“

„Das Wort ist Dein Morgen- und Abendsegen,“ rief Monika mit flammendem Gesicht. „So oft mir etwas recht am Herzen liegt, redest Du mir von Deiner Schuldigkeit. Daß Du brav sein mußt, versteht sich von selbst, aber Du übertreibst die Sachen. Man kann die Bravheit selber sein und deswegen doch ein gutes Herz haben.“

Wilhelm sah ernsthaft zu seiner Frau hinüber. „Meinst Du, ich hätte keins?“

Sie schüttelte abwehrend den Kopf. „Was redest Du da!“ sagte sie in weniger lebhaftem Tone. „Du bist gut – das weiß ich. Aber siehst Du, manchmal möcht’ es mir das Herz abdrücken, daß ich so gar nichts über Dich vermag und daß Du bei Allem und Jedem immer nur an Deine Schuldigkeit denkst, wie Du sie meinst. Gott soll mich behüten, daß ich, für mein Theil, jemals etwas Unrechtes thun oder verlangen möchte – aber mein Mann und mein Bube kommen für mich zuerst, und dann kommt erst alles Uebrige, was es sonst in der Welt giebt. Und so bist Du nicht.“

„Wie ich bin, kann ich Dir nicht sagen, wenn Du es nicht selber weißt,“ entgegnete Wilhelm nach einer kleinen Weile. „Gott ist mein Zeuge, daß ich Frau und Kind lieb habe, wie Einer.“

Monika sah mit flüchtigem Blicke zu ihm hinüber; dann erhob sie sich in ihrer raschen Weise und gab ihm einen Kuß. Die Freudigkeit, welche dem Kinde gegenüber ihr Gesicht durchleuchtet hatte, kehrte aber im Verlaufe des Abends nicht wieder bei ihr ein. Jetzt hätte, wer sie einst gekannt, die Veränderung, welche in ihren Zügen fühlbar wurde, bestimmter bezeichnen können – jene Art von Lachen, welche das junge Mädchen im Grunde ihrer Augen getragen, war aus dem Blicke der jungen Frau verschwunden.


Ein heller Morgen tagte. Die Glocken der Ortschaft läuteten zur Frühkirche; der Klang zitterte weithin durch die weiche, schon jetzt heiße Luft. Monika stand im dunkeln Kleide, das kleine Gebetbuch in der Hand, zum Ausgehen gerüstet, zögerte aber noch auf der Schwelle.

„Du nimmst Fritzel also gern mit?“ sagte sie zu ihrem Manne, der, obgleich gestiefelt und mit bedecktem Kopfe, noch im Zimmer verweilte. „Er könnte wohl mit mir gehen; nur langweilt sich das Kind in der Kirche, auch ist es schon ein bischen spät; ich muß rasch vorwärts, denn heut’, am Sterbetage meiner seligen Mutter, möcht’ ich die heilige Messe nicht versäumen; ich hab’ noch alle Jahre für die liebe Seele gebetet. Gelt, Du giebst gut auf ihn Acht?“

„Ohne Sorge!“ sagte Wilhelm. „So lang’ ich auf dem Posten sein muß, bleibt er in der Bude. Die übrige Zeit kann er in der Kiesgrube mit Steinchen spielen – das ist sein Hauptvergnügen. Er war ja schon oft mit.“

„Bring’ Dir auch Steinchen heim! Ein’n ganzen Sack voll schön blaue Steinchen, Mutterl!“ nickte der Kleine und klatschte fröhlich in die Hände.

Monika lief noch einmal zurück, das Kind zu herzen, gab ihrem Manne einen Kuß und eilte dann raschen Schrittes querfeldein, der Ortschaft entgegen. Wenige Augenblicke nachher verließen auch Vater und Kind das Haus. Während Beide den Schienenweg entlang gingen, beugte sich Wilhelm’s stattliche Gestalt alle Augenblicke zu dem plaudernden Söhnchen nieder und ließ ihn nicht von der Hand, obgleich Fritzel, dessen lebhafter Blick jedes Blümchen am nahen Rain erfaßte, oft genug loszustreben versuchte. Das unbewußte Behagen, welches uns Alle, am vollsten aber das Kind, an einem schönen Tage im Freien überkommt, sprach sich in jeder Bewegung des Kleinen aus, dem überhaupt jene besondere Süßigkeit des Lächelns, jenes reizende Geberdenspiel eigen war, das man Engelsmanieren nennen dürfte.

Noch war die neu erbaute Bahn dem Verkehre erst theilweise übergeben, und die linienhafte Regelmäßigkeit, welche fertiggestellten Bahnen eigen ist, erfuhr vorerst manche Beeinträchtigung. So befand sich hier in nächster Nähe der kleinen, zur Aufnahme der gebräuchlichen Werkzeuge und zum Unterkommen des Wärters errichteten Bude jenes tiefer liegende Kiesfeld, auf dessen Steinchen Fritzel sich schon zu Hause gefreut hatte; ein kurzes Geleisstück verband diese Grube mit den Bahnschienen, um sie während der Zwischenzeit, die keinen fahrplanmäßigen Zug brachte, den Arbeitszügen zugänglich zu machen. Zu diesem Behufe war neben der Wärterbude, hier in das durchgehende Geleise, provisorisch eine Weiche eingelegt, deren Bedienung Wilhelm Huber oblag. Er hatte dieselbe bereits für den zunächst zu erwartenden Personenzug richtig gestellt, ehe er die freie Zwischenzeit nach Eintreffen des letzten Arbeitszuges benutzt hatte, Fritzel daheim abzuholen. Nun war sein erster Gang, sich zu überzeugen, ob sich dort noch Alles in Ordnung befand; dann gab er dem Bitten und Schmeicheln des Kindes nach, sogleich mit ihm hinab in die Kiesgrube zu gehen, welche von Menschen und Wagen leer war, und gönnte es sich, dem fröhlichen Spiel Fritzel’s zuzuschauen, der mit Wonne im sonnendurchglühten Sande herumwühlte, sich aus Steinen und Holzspähnchen Häuser baute und aus seiner freudigen Kinderphantasie eine Welt erschuf.

Der in der Richtung thalauswärts erwartete Zug wurde signalisirt.

„Komm, Fritzel!“ sagte der Vater; „ich muß jetzt hinauf. Du gehst mit und guckst zum Fester hinaus.“

„Laß mich doch da, Vaterle!“ schmeichelte Fritzel und schlug die strahlenden Blauaugen bittend auf, ohne sein Spiel zu verlassen. „Das Gepfiff ist so arg, und die Wagen fahren so geschwind; ich bleib’ lieber da, als daß ich zum Fester hinausgucke. Gelt, Vaterl, Du läßt mich?“

Wilhelm warf einen raschen Blick um sich. Das Kiesfeld war um diese Zeit verlassen, der Spielplatz für das Kind so sicher, als wäre er im Gärtchen des eigenen Hauses gewesen. Von seinem Posten aus konnte der Vater den Kleinen sehen, ihm zurufen. Er nickte freundlich Gewährung, strich mit der Hand liebkosend über die blonden Löckchen und begab sich auf seinen Posten.

Noch war der nahende Zug von der unterhalb gelegenen Haltestelle aus nicht signalisirt, als ein von der entgegengesetzten Seite des Schienenweges vernehmbares Rollen den Wärter jäh herumfahren ließ. Bei dem ersten Blicke dorthin wurde Wilhelm weiß, wie ein Todtengesicht. In der Richtung von der thalaufwärts in ziemlicher Entfernung befindlichen Station sauste ein einzelner, schwerbeladener Arbeitswagen auf dem Geleise bergab. In vollem Schusse begriffen, mußte er unaufhaltsam die kurze, nahe Station durchjagen und jenseits derselben mit dem unterwegs befindlichen Zuge zusammenprallen.

Eine Secunde lang ging es über Wilhelm’s Auge hin, wie eine Wolke. Er sah nichts mehr, weder das heranrollende Verhängniß, noch sein spielendes Kind. In der nächsten Secunde zuckte es durch sein Gehirn, scharf und jäh. Ohne Besinnen [703] legte er den Wechsel um. Der belastete Wagen schoß aus dem Hauptgeleise in das Nebengeleise und niederwärts in das Kiesfeld. Wilhelm sank schlotternd in die Kniee und stellte mit eiskalten Händen die Weiche wieder richtig. Kaum hatte er dies zu Stande gebracht, als der Zug von drunten signalisirt wurde und die Station passirte, ohne dort anzuhalten. Brausend fuhr die Wagenreihe an dem wie ein Bild von Stein auf seinem Posten Ausharrenden vorüber. Dann stürmte Wilhelm hinab in die Grube.

[704] Da lag sein Glück, sein Stolz, sein einziges Kind. Die Brust war zerschmettert, die weichen Glieder zermalmt, das süße Gesichtchen aber unverletzt. Noch zögerte darauf ein lächelnder Ausdruck; die göttliche Zuversicht der Kinderseele war von Gefahr und Angst unberührt geblieben. Wilhelm streckte beide Arme aus, als wollte er an sich raffen, was er nicht hatte behüten können, doch erstarrten ihm die Glieder in der Bewegung; ein rauher, gebrochener Ton rang sich aus seiner Kehle, dann stürzte der starke Mann neben dem Kinde nieder. Die Sinne vergingen ihm.

So fand man die Beiden, als Arbeiter aus der Nähe hinzuliefen. Doch währte die Bewußtlosigkeit des Unglücklichen nicht lange. Starr und eisig, als gehörte er nicht mehr den Lebenden an, gab er auf Aeußerung der Theilnahme und der Bewunderung seiner Pflichttreue weder Wort noch Zeichen. Der einzige Laut, der über seine Lippen kam, war die Forderung eines Tuches. Dahinein hüllte er, was ihm übrig geblieben, und trug sein entseeltes Kind auf seinen Armen nach Hause. Er bettete es dort auf dem Kissen, das, bei der Eile, womit heute die Hausfrau ihre Morgengeschäfte beschickt hatte, noch den Eindruck des Köpfchens trug, welches so lebensfrisch erwacht war. Er umhüllte die zerschmetterten Glieder sorgfältig mit den Decken, und saß dann neben dem kleinen Bette. Er wartete auf die Heimkunft seiner Frau. –

Monika hatte ihre Andacht vollendet, war auf dem Rückwege bei den Müller’s eingetreten und verließ die Hütte, worin sie ungetrösteter Jammer empfangen hatte, mit unbehaglichem Gefühl, dem sich eine leise persönliche Bitterkeit beimischte. So in Gedanken ging sie vor sich hin, ohne nach rechts oder links zu schauen. Bei einem flüchtigen Blick auf ein paar Leute der Ortschaft, die ihr, vom Felde kommend, begegneten, fiel ihr aber die sonderbare Art auf, womit sie angeschaut und begrüßt wurde. Während sie mit der ihr angeborenen Freundlichkeit ihr heimathliches: „Grüß Gott!“ sprach, unterschied ihr Ohr im Vorübergehen ein Gemurmel, das ihr befremdend vorkam. Wie es mitunter geschieht, daß man, von eigenen Gedanken zerstreut, ein Wort auffängt, welches im ersten Moment nicht viel anders hingenommen wird, als ein Schall, und sich erst nachher auf dessen Inhalt besinnt, war sie schon einige Schritte vorwärts gelangt, bis ihr deutlich zum Bewußtsein kam, daß gesagt worden: „Sie weiß noch nichts.“ Plötzlich wandte sie sich um und sah die Leute auf demselben Flecke, wo sie ihnen begegnet war, stille stehen und ihr in einer Weise nachstarren, die ihr das Blut in den Adern stocken machte. Mit einem Sprunge stand sie dicht vor ihnen und athmete hastig: „Was weiß ich nicht? – was ist passirt?!“

Die ihr kaum bekannte Bauernfrau, deren Arm sie bei dieser Frage erfaßt hatte, wandte sich ab und fing an zu schluchzen. Der Mann schüttelte ernsthaft den Kopf und sagte, indem er nach der Bahn zu deutete: „Geht heim, Huberin! Ihr werdet’s zeitig genug erfahren. Es hat ein Unglück gegeben – nehmt’s christlich und tröstet Euch damit, daß Ihr einen Mann habt, der braver ist, als irgend Wer auf der Welt!“

Monika that keine Frage mehr. Ihre Augen spannten sich und wurden weit. Sie stand einen Augenblick wie eine Säule. Dann flog sie wie ein gehetztes Wild den Weg entlang, ihrem Hause zu. Als sie die Thür aufklinkte und das sonndurchhellte Wohngemach in gewohnter Ordnung und leer sah, fuhr ihr helles Roth wie ein Schimmer über das Gesicht. Im nächsten Augenblick sah sie durch die offen stehende Thür Wilhelm neben Fritzel’s Bette sitzen. Zugleich sah sie das weiße, stille Gesichtchen.

Mit einem Schrei, als wollte sich die eigene Seele gewaltsam dem Körper entreißen, war die Mutter neben ihrem Kinde. Sie tastete die weiche, kalte Wange an, schlug dann die Decke mit jäher Bewegung zurück und hatte mit einem einzigen Blicke Alles begriffen. Dann wandte sie den Kopf und sah ihren Mann an – nur eine Secunde lang, aber ihr Auge drang erstarrend in sein Herz. Ohne ein Wort zu sprechen, stand er auf und trat zurück, als wollte er der Mutter Raum geben. Sein heißes, trockenes Auge, das zuvor unverwandt auf dem Kinde gehaftet hatte, hing jetzt gleich unablässig an Monika. Mit einer halb mechanischen Bewegung streckte er den Arm aus, aber es schien nicht mit der Absicht zu geschehen, seine Frau an sich zu ziehen, sondern mit der, sie zu stützen, wenn es nöthig sei. – Es war nicht nöthig. Monika brach nicht zusammen angesichts des namenlosen Schicksals, das sie betroffen; das Bewußtsein verließ sie nicht einen Augenblick. Sie hing über dem Bettchen, streichelte an ihrem todten Liebling herum und murmelte unverständliche Worte.

Wilhelm trug es nicht mehr. Die glühenden Thränen, welche sich ihm bis zu diesem Augenblicke versagt, stürzten ihm aus der Seele in die Augen; er breitete seine beiden Arme aus und rief mit einem Tone, wie ein Ertrinkender um Hülfe ruft: „Monika!“

Sie richtete sich auf und wandte den Kopf nach ihm. Als seine Arme sie berührten, fuhr sie zurück: „Rühr’ mich nicht an!“

[728] Als Fritzel zu Grabe getragen wurde, gab nicht nur die ganze Ortschaft, sondern auch das ganze Bahnpersonal dem Kinde das Geleite.

Die verhängnißschwere Folge der Unvorsichtigkeit einiger Arbeiter, wodurch jener mit Schienen beladene Wagen am nördlichen Bahnhof in das Rollen gebracht worden, als sie im Begriff standen, ihn abzuladen – die äußerste Gefahr, welche hierdurch einem starkbesetzten Personenzug gedroht – die heroische Geistesgegenwart des Wärters – all dies hatte weittragendes Aufsehen erregt.

Der kleine Sarg wurde auf leichter Bahre von Knaben aus dem Dorfe getragen und blieb vom Elternhause bis zur Kirche unverschlossen. Einen Kranz von Vergißmeinnicht im blonden Haar, lächelte das Köpfchen inmitten der Fülle farbiger Blumen, worauf es gebettet war, so freundlich, als schlummerte es nur. Die Schulkinder sangen auf dem Friedhofe an der geöffneten Gruft, dann sprach der alte Pfarrer kurze Worte, so warme, herzliche Worte, daß von allen Augen, die sich auf das dunkle, letzte Bettchen hefteten, keine trocken blieben, als die der Mutter des armen Kindes. Monika war an der Seite ihres Mannes hinter dem Sarge hergeschritten, ohne zu schwanken; auch jetzt stand sie aufrecht und machte nur dann eine hastige Bewegung, als der Pfarrer, nachdem er die erste Schaufel Erde in das Grab geworfen, dem Vater das Geräth reichen wollte. Sie hielt seinen Arm auf und nahm ihm die Schaufel selbst aus der Hand; als der Klang der Erdschollen, die sie niedergleiten ließ, ihr Ohr traf, schauderte sie zusammen, und ihre Lippen wurden so weiß, wie ihre Wangen. Sie ließ die Schaufel fallen und trat zurück, ohne den Kreis zu verlassen, der das Grab umstand. Ihr Auge bohrte sich in den Boden, während Wilhelm und die Andern die letzte Pflicht erfüllten, und sie blickte auch nicht auf, noch sprach sie eine Silbe, als der Pfarrer und einige der Frauen sie anredeten, nachdem Alles vorüber war; sie nickte nur wie mechanisch mit dem Kopfe und ging dabei vorwärts, dem Wege nach daheim zu.

Ein Geflüster entstand hinter ihr her; die Veränderung, welche mit der von Leben sprühenden Frau vorgegangen, erschien trotz des Erlebten allzu auffallend, fast unheimlich. Auch daß Wilhelm Huber seiner Frau zwar folgte, ihr aber nicht zur Seite ging, kam Vielen sonderbar vor. Der Ortsgeistliche beschleunigte seinen Schritt, nachdem er den Ornat abgestreift, und holte den Bahnwärter ein. „Der Herrgott hat Sie schwer geprüft, Huber,“ sagte er, „und wenn es auch immer der höchste Trost bleibt seine Schuldigkeit bis zum Aeußersten gethan zu haben, kann ich begreifen, daß in Ihrem Falle Ergebung schwerer fällt, als sonst. Lassen Sie jetzt aber das arme Kind bei Gott, wo ihm wohl ist, und haben Sie zunächst ein Auge auf Ihre Frau! Ihr Aussehen gefällt mir nicht. Sie müssen Alles aufwenden, sie zu beruhigen.“

„Ich?“ sagte Huber in schmerzlicher Bitterkeit. „Seit – seit dem Unglück hat sie keine Silbe mit mir geredet, und sprech’ ich sie an, dann geht sie aus der Stube oder gar aus den Haus. Sie kann es mir nicht verzeihen.“

Der Pfarrer drückte ihm die Hand. „Heute habe ich Amtspflichten; morgen früh komme ich aber zu Euch hinüber und will versuchen, was Gottes Wort vermag.“

Wilhelm seufzte schwer auf. „Hochwürden, wenn Sie das arme Weib auch nur dazu bringen könnten, daß sie weint und schreit, wie eine Andere thäte, dann wär’s schon gut. Sie ist wie von Stein. Ich weiß mir keinen Rath mehr.“

Als er zu Hause anlangte, fand er dort die Frau des Bahnmeisters, welche Monika in deren Wohnung erwartet hatte und dringend zu ihr sprach. „Helfen Sie mir doch zureden, Huber!“ sagte die schon ältliche, gutherzig blickende Frau, „daß ich dableiben darf. Sie haben gewiß heute noch allerlei zu besorgen; jedenfalls ist’s gut, wenn Sie jetzt einen Augenblick nach der Station gehen; der Vorsteher möchte wegen der Dauer Ihrer Beurlaubung selbst mit Ihnen reden. So lange wollte ich der armen Seele Gesellschaft leisten, Ihre Frau mag mich aber nicht hier haben.“

„Thu’ es mir zu lieb, Monika!“ sagte Wilhelm in gepreßtem Tone. „Ich habe wirklich einen Gang zu machen, und wenn ich Dich in dem leeren Hause ganz allein lassen müßte, hielt’ ich’s nicht aus.“

Die junge Frau zuckte mit den Wimpern. „Du hältst es schon aus,“ sagte sie trocken. Dann wandte sie sich zur Bahnmeisterin und legte beide Hände auf deren Arm; etwas von der alten Raschheit lag in ihrem Tone: „Ich habe es Ihnen ja vorhin schon gesagt, daß ich mich hinlegen und schlafen will. Ich habe seit vorgestern kein Auge zugethan; jetzt bin ich müde und muß Ruhe haben. Wenn ich weiß, daß Sie hierinnen sitzen, [729] läßt’s mich aber nicht ruhen. Ich bin froh, wenn sich nichts, gar nichts Lebendiges mehr im Hause regt, dann schlafe ich augenblicklich ein – das weiß ich.“

„Zwingen kann ich Sie nicht, Huberin,“ entgegnete die gute Frau sorgenvoll. „Vielleicht ist’s wirklich am besten, wenn Sie sich zur Ruhe begeben. Gott behüt’ Euch Alle miteinander!“

Sie hatte kaum das Haus verlassen, als Monika in die Kammer ging und ihr Kleid losmachte. Wilhelm folgte ihr auf denn Fuße. „Frau!“ rief er mit gebrochener Stimme, „soll das so fortgehen? Willst Du nie mehr mit mir reden? Denkst Du denn gar nicht an mich und wie mir zu Muth ist?“

„Dir? Du hast Deine Pflicht und Schuldigkeit gethan. Dann ist Dir allzeit recht zu Muth; das hast Du oft genug gesagt, daß ich’s wissen kann.“

Wilhelm erblaßte und preßte seine Lippen fest aufeinander, als wollte er ein Wort ersticken, das sich herauszudrängen versuchte. Stumm wandte er sich und verließ Zimmer und Haus. Schweren, trägen Schrittes, wie ein Mensch, der allzuweite Wege gewandert ist und doch noch vorwärts muß, schritt er der Station zu. Es war ihm recht, daß man ihn dort verlangte, denn zu Hause hätte er um keinen Preis bleiben mögen. Auch nahm er sich vor, sich für den nächsten Tag freiwillig wieder zum Dienst zu melden. Man hatte ihn in seiner Unglücksstunde sofort abgelöst und ihm einen Mann aus der Arbeitsrotte zum Stellvertreter gegeben, was sollte er aber jetzt weiter mit der müßigen Zeit? Der Stationsvorsteher kam auf ihn zu, sobald er ihn sah, schüttelte ihm die Hand und sprach von geschehener Meldung höheren Orts, von Belobigung und Anerkennung. Wilhelm entgegnete kein Wort, meldete sich nur zum Dienst bereit und ging dann nach der Wärterbude, um seine Jacke zu holen, die an dem Unglückstage dort zurückgeblieben war. Müde saß er in dem engen Geviert auf dem hölzernen Schemel nieder, und sah, die Hände ineinander gefaltet, vor sich hin. Ein zufälliges Geräusch von draußen ließ ihn aufschauen; sein Blick irrte nach dem Fenster, durch welches ihm die Kiesgrube in die Augen fiel. Ein Stöhnen rang sich aus der Brust, die sich ein paar Augenblicke arbeitend hob und senkte, bis die lang auf Foltern gespannte Manneskraft endlich in unaufhaltsamem Schluchzen brach. Hier stehen! Von Neuem auf diesem Platze Posten stehen! Tag für Tag die Stätte schauen, wo ihn die lächelnden Augen zuletzt angeblickt, das helle Stimmchen ihm zuletzt erklungen war! Tag für Tag den folternden Moment neu erleben, ewig diese Signale hören, das schrille Pfeifen durch die Seele schneiden lassen – nein, das hatte er nicht bedacht, das war nicht möglich, nicht menschlich. Das mußte anders werden, wenn er seinen Verstand behalten sollte. Noch eben war ihm von Belobigung und Anerkennung höheren Orts gesprochen worden, und es hatte ihm dabei innerlich geschaudert, wie vor dem Schlimmsten, was ihm angethan werden könnte, aber Eins mußte man ihm gewähren – augenblickliche Versetzung. Die wollte er fordern, und auch das nur für den Moment. Sobald sich irgendwo in der Welt ein Stück Brod für ihn fand, und die ärmlichste Hütte zu Dach und Fach, dann fort, weit fort, irgendwo hin, wo es keine Bahnen gab und keine sausenden Locomotiven. Auch Monika würde so denken und lieber darben, als in dem öden Hause weiter leben, Monika? Wer weiß, ob er Die nicht gerade so gut für ewig eingebüßt hatte, wie seinen Fritzel. Weit fort von seinem Herzen war sie heut – weit fort er von dem ihrigen; das Kind viel näher, obwohl es im dunklen Grabe lag, durch ihn selbst darinnen lag, fühlte er sich nicht von ihm geschieden, wie von dessen Mutter, seit sie ihm die letzten bösen Worte gesagt. Er schüttelte den Kopf, wie Einer, dem der Sinn für ein Dunkles, das ihm zu rathen aufgegeben, nicht aufgehen will, und trat hinaus in’s Freie.

Als er eine Stunde später seiner Wohnung zuwanderte, geschah dies mit dem festen Schritte, der straffen Haltung, die ihm eigen waren. Auf seinen männlichen Zügen lag tiefe Trauer, aber die Ruhe der in sich gesammelten Kraft. Er beschleunigte seine Schritte, indem er dem Hause näher kam, und betrat das Zimmer mit einem Blick im Auge, der aussah, wie ein gutes Wort auf den Lippen. Innerhalb der Schwelle blieb er betroffen stehen. Das Zimmer war sorgfältig aufgeräumt. Monika saß, ihr Umschlagetuch auf dem Schooße, neben dem kleinen, alten Lederkoffer, welchen sie aus ihrer Heimath mitgebracht hatte; derselbe war vollgepackt und fest zugeschnallt.

„Was soll der Koffer, Frau?“ sagte Wilhelm mit bewegtem Tone. „Willst Du fort? Was soll das heißen?“

„Ich gehe heim,“ entgegnete Monika, ohne ihn anzusehen; „ich habe auf Dich gewartet, um es Dir zu sagen. Von hier aus will ich nicht weg; ich gehe jetzt zu Fuß bis zur nächsten Station und fahre dann mit dem Nachtzuge. Den Koffer kannst Du mir nach Frauenwörth schicken. Was ich für die ersten Tage nöthig hab’, trag’ ich auf dem Leibe und im Armkorbe. Was das Fahrgeld angeht, so hab’ ich mir aus dem Kasten fünfzehn Gulden genommen; das langt. Du weißt wohl noch, daß Du mir aus dem Erlöse von dem, was nach dem Brande übrig geblieben, wieder hast anschaffen wollen, was ich an gutem Zeuge mitgebracht hatte. Wir brauchten das hier nicht, und das war gut, denn jetzt hab’ ich das Geld nöthiger, als ein paar Röcke.“

Sie hatte ganz still und langsam vor sich hingeredet, als gäbe sie Acht darauf, von allerlei gleichgültigen Sachen, die zu berichten wären, nichts zu vergessen. Wilhelm hörte sie an, als traute er seinen Sinnen nicht.

„Du willst heim,“ sagte er endlich in kummervollem Tone, „und sagst mir das so, im letzten Augenblicke, mit dem Fuße fast schon aus dem Hause, ohne darüber mit mir geredet zu haben, ohne nur zu fragen, ob es mir recht ist? Monika, das hätt’ ich Dir nicht zugetraut. Ein gutes Wort, und ich wär’ mit Allem zufrieden, was Dich trösten kann – gewiß hätt’ ich Dir keine Einreden gemacht.“ Er ging, die Hände auf dem Rücken, mit starken Schritten in der Stube auf und nieder. „Ich will Dir auch jetzt nicht zuwider sein,“ sagte er plötzlich und blieb vor ihr stehen, „nur bleib’ wenigstens noch heut’ Nacht im Hause! Was werden Deine Leute sagen, wenn Du so Hals über Kopf heimkommst? Schreib’ wenigstens zuvor! Und wie lange soll es dauern, bis Du wieder zu Deinem Manne zurück willst?“

Er war ihr ganz nahe getreten und blickte ihr fest in das Gesicht. Dunkle Röthe glomm in ihren aschfarbigen Wangen auf; ihre Augen hoben sich mit einem Male und begegneten den seinigen mit heißem, glühendem Blicke.

„Nie wieder will ich zurück zu Dir,“ rief sie mit einem Feuer, das nach der todtenhaften Starrheit der letzten Tage emporloderte wie Flammen aus dem Schutte.

„Monika!“ Sein mildes Auge wurde finster. Ein strenger Zug, der selten des Mannes gelassenen Ausdruck verschärfte, trat in sein Gesicht. „Du sprichst, was Du nicht verantworten kannst. Ich weiß, wie Dir jetzt zu Muthe ist, aber Alles muß seine Grenzen haben. Hättest Du Deinen Mann auch nur ein Bischen gern, dann müßtest Du mich jetzt trösten in meiner Noth, die größer ist, als die Deinige. Was geschehen ist, hat sein müssen. Durften hundert Menschen und mehr elend zu Grunde gehen? Und weil ich auf meinen Posten ausgehalten hab’ bis zum Letzten, willst Du mich jetzt allein lassen und hast doch heilig versprochen, in Noth und Tod mir treu zu sein?“

„Das hab’ ich versprochen, und das hätt’ ich gehalten,“ rief die junge Frau in leidenschaftlichem Schmerze, „wärst Du ein Mensch wie ein Anderer, mit dem man trägt, was unser Herrgott schickt. Aber Du – Dein eigenes Kind war Dir nicht so lieb wie Dein Posten. Wo gäb’s noch einen Vater, der sich da nur besinnt, was er darf und was er soll! Du hast’s gekonnt, weil – weil –“ Der Ton erstickte ihr in der Kehle; sie rang die Hände, dann brach es heraus wie ein Schrei: „Du hast kein Herz.“ Sie schlug die flatternden Hände vor die Augen. Es ward still um die Beiden, wie im Grabe. Wilhelm regte sich nicht, bis Monika in fieberischer Erregung in die Höhe sprang. „Ich geh’,“ sagte sie hastig und raffte ihr Tuch an sich. „Ich kann nicht mehr bei Dir sein. Kein zweites Kind sollst Du haben, um es hinzumorden, wie meinen Fritzel.“

„Geh denn!“ sagte Wilhelm, und die Worte kamen mühsam aus seiner Kehle. „Ich halte Dich nicht. Gott verzeih’ Dir, was Du mir thust!“

Sie hörte die Worte, wendete aber den Kopf nicht mehr nach ihm, sondern ging unaufhaltsam vorwärts, ohne einen Blick auf die Räume zu werfen, die sie durchschritt, zum Hause hinaus, querfeldein durch die bereits von Dämmerung umschatteten Wiesen, immer rascher, immer weiter, bis ihre Gestalt aus dem Bereiche der bisherigen Heimath verschwunden war.

Niemand blickte ihr nach.


[730]
3.

Wenn die Waffen klirren, und das Vaterland um seine Ehre, sein Dasein kämpft, bleibt Denen, welche außerhalb der That stehen, nur zweierlei, um sich mit dem Weltgedanken in Harmonie zu erhalten: Studium oder Andacht. Nur hierin ist persönliche Vertiefung noch möglich, während fiebernder Pulsschlag durch eine ganze Nation geht. So wurde denn auch auf Frauenwörth Studium und Andacht gepflegt, wie gewohnt, während in den ersten blutigen Schlachten des deutsch-französischen Krieges Tausende den Tod fanden. Im Kloster schallten die Gesänge, wurden Lehre und Arbeit geübt, wie zur Zeit tiefsten Friedens, und zwischen den alten Uferweiden lauschten die Künstler auf die Offenbarungen der Natur, welche nach jedem Orkane immer wieder lächelt und harmonisch ruht.

Blieben auch in diesem Sommer die Touristen aus, wenigstens seit den letzten Wochen, so fehlte von den Stammgästen der Insel kaum einer. Unter ihnen erkennen wir Bernardin, der aber in dem Augenblicke, wo wir ihn treffen, nicht mit Pinsel und Palette beschäftigt ist, sondern auf der Bank unter dem Kirschbaume sitzt, welcher für den Dampfschiffsteg gleichsam den Wartesalon darstellt.

Es war um Mittagszeit; die Mehrzahl der Wirthshausgäste weilte noch an dem im Freien gedeckten Tische. Das Dampfschiff mußte im nächsten Augenblicke kommen. Als sein schrilles Pfeifen sich vernehmen ließ, stand Bernardin rasch auf und trat auf den Steg; er spähte mit scharfem Blicke in den See hinaus, und ein heller Zug von Befriedigung ging über sein Gesicht, sobald er im Stande war, die Gestalten auf dem Verdecke des nahenden Dampfers zu unterscheiden. Auch er war von dort aus schon gesehen worden; ein flatterndes Tuch wehte einen Augenblick auf. Er lüftete den Hut und trat bis an die Stufen vor.

„Also wirklich!“ sagte er in warmem Tone, indem er Valentine Wittstein die Hand zum Aussteigen entgegen bot. „Doppelt willkommen! Denn Sie hatten geringe Hoffnung für Ihre Wiederkehr gegeben, und ich wünschte diesen Entschluß sehr, namentlich um Ihretwillen. Was hat ihn so glücklich bestimmt?“

„Die Umstände,“ sagte Valentine, und schritt an seiner Seite dem Wirthshause entgegen. „Meine Schwester, bei der ich zu bleiben dachte, erhielt von ihren Schwiegereltern dringende Aufforderung, zu ihnen zu ziehen, so lange mein Schwager im Felde bleibt; es wäre lieblos gewesen, den alten Leuten diesen Trost zu versagen, und die Aufgabe, sich ihnen zu widmen, ist für Minna eine günstige Zerstreuung. Sie luden auch mich ein, aber das war wohl mehr freundliche Form; der Raum würde sich dort sehr beengt haben, und so zog ich vor, wenigstens vorerst dies liebe Asyl aufzusuchen, wo ich Freunde und mehr Ruhe treffe, als in München. Dort ist jetzt alle Welt gleichsam im Fieber.“

„Hatten Sie neuerdings Nachricht vom Herrn General?“

„Ja, und gute! Papa ist wie neugeboren, seit er wieder in Action gelangte. Aus seinen Briefen, die freilich immer sehr aphoristisch sind, spricht eine Frische des Geistes und der Stimmung, welche für alle Sorgen um ihn einigen Ausgleich bietet. Er rühmt seine Gesundheit; im Uebrigen ist er mit Leib und Seele Soldat. – Wie steht es hier?“

„Sie finden uns so ziemlich, wie Sie uns verlassen haben. Aschens sind zufällig heute nach Seern; sie werden überrascht sein, da sie für den Fall Ihrer Ankunft noch Mittheilung erwarteten.“

„Wozu schreiben? An Unterkommen wird es ja gegenwärtig nicht fehlen.“

„Ihr Balconzimmer ist frei geblieben. Mein Gott – wie kurz die Zeit, seit Sie uns so plötzlich verließen, und wie inhaltsschwer!“

Valentine neigte gedankenvoll den Kopf. „Wohl hätte man sich dies Alles nicht träumen lassen, als Papa seine Inspicirungsreise antrat, und ich mit Aschens hierher ging. Die Ereignisse haben sich überstürzt. Noch schwebt mir die Woche der Kriegserklärung vor den Augen, wie Gegenwart. Meine Abreise von hier, das Zusammentreffen mit dem Vater, der Ausmarsch meines Schwagers, Alles das folgte sich unaufhaltsam; es kam wie eine hohe Woge, von der man vorwärts geworfen wird, fast ohne die Möglichkeit persönlichen Wollens und Könnens. Und – glauben Sie mir! – so gern ich hierher zurückkehrte, es geschieht doch mit einer Art von Beschämung. Wo so Viele thätig sind, sei es selbst nur durch Leiden, da erscheint Genuß der Ruhe fast wie ein Unrecht.“

„Was könnten Sie leisten?“

„Allerdings nirgends etwas Anderes, als was ich hier thun kann: die Hände mit Verbandzeug beschäftigen, dessen man ja schon jetzt so viel, so viel bedarf.“

Die Terrasse war erreicht. Valentine wurde umringt und mit sichtlicher Freude begrüßt. Wittsteins gehörten nun schon seit mehreren Jahren zu den Stammgästen, und „das Fräulein“, wie Valentine einfach bezeichnet wurde, war ein allgemeiner Liebling, obgleich nur Wenige ihr persönlich näher standen. Jedermann sprach gut von ihr. Die vielbeschäftigte Wirthin hatte für sie besondere, zarte Aufmerksamkeiten; gewisse Gerichte, welche sie gelegentlich gerühmt, kamen zur Zeit ihrer Anwesenheit häufiger auf die Tafel; das erste Obst, welches reifte, wurde dem Fräulein gebracht; selbst der bekannte Humor der allbeliebten Herbergsmutter gewann liebreiche Wendung, sobald sie ihr Wort an Valentine richtete. Alt und Jung fühlte sich von dieser angezogen; wer mit ihr gesprochen hatte, verließ sie in Zufriedenheit mit sich selbst und mit ihr. Es lag in Valentinens Wesen etwas vom Mondlichte, das alle Linien sänftigt, auf die es fällt.

So wohlthuend der herzliche Empfang sie berührte, sehnte sie sich doch nach der Einsamkeit ihres Zimmers und suchte es auf, sobald sie etwas genossen. Die ersten, noch in München verlebten Morgenstunden hatten manches Bewegende mit sich gebracht. Der Abschied von der Schwester war ihr schwer geworden; selbst der Contrast, welcher ihr aus der Weltverlorenheit dieser kleinen Insel und dem brausenden Vorwärtsrollen der Weltgeschichte vor Augen trat, übte einen Rückschlag auf ihre Stimmung. Sie ordnete ihr Gepäck und trat dann hinaus auf den Balcon, auf dem sie nun schon seit Jahren so manche einsame Stunde zugebracht hatte.

Es war Mitte August. Die Linden standen in voller Blüthe; der feine starke Duft drang zu ihr auf. Sie ruhte und sann. Während ihr Blick über die um diese Stunde immer menschenleere Terrasse schweifte, blieb er unwillkürlich an einer Gestalt hängen, die von der Ortschaft her der Hecke entlang kam und etwas Bekanntes für sie hatte, obwohl sie sich nicht sogleich auf diese Frau oder dieses Mädchen besann. Nun schritt Letztere langsam näher, quer über den Platz, den Linden zu, durch welche der Weg nach der Kirche führt. Valentine beugte sich über die Brüstung, um genauer zu sehen; fast unwillkürlich entschlüpfte ihr der Ruf: „Monika!“

[744] Die junge Frau drunten fuhr zusammen, blieb stehen und hob den Kopf. Aber konnte dies wirklich Monika sein? Dieses blasse, fast weiße Gesicht, das jede Fülle verloren hatte, diese träge Bewegung stimmte so gar nicht zu dem Bilde, das in Valentinens Gedächtniß lebte. Und doch, sie hatte sich nicht getäuscht. Nachdem die junge Frau zu ihr aufgeschaut, ging mit einem Mal ein Erkennen in diesem Gesichte auf, das ihm etwas von seinem natürlichen Ausdrucke zurückgab. Der stets bereite Gedanke an den Krieg und seine Opfer durchblitzte Valentinens Kopf. Weshalb war Monika hier? Sollte sie Wittwe geworden sein? In diese verstörten Züge war ein frischer, noch in voller Herbe wühlender Kummer allzu leserlich eingeschrieben. Mit jenem unwiderstehlichen Tone, der innigen Gemüthern zu Gebote steht, rief sie ihr zu: „Kommen Sie doch herauf, bitte! Erst seit einer Stunde bin ich hier –“

Monika zögerte einen Augenblick, dann wandte sie sich um und ging dem Hauseingange zu. Valentine empfing sie mit herzlichem Worte:

„Welche Ueberraschung, Sie hier zu treffen, Frau Huber! Sind Sie zu Besuch beim Vater? Vielleicht in Folge des Brandes, der Ihnen die eigene Heimath zerstört hat? Ihr Mann, Ihr Kind sind gesund?“

Die junge Frau, welche stumm vor ihr stand und sie mit [745] den größer gewordenen, tief umschatteten Augen nur immer ansah, zuckte bei dieser Frage zusammen.

Valentine ergriff ihre beiden Hände und zog sie neben sich auf einen Sitz. „Was ist Ihnen widerfahren, mein Kind?“ fragte sie leise.

Monika sah die unverfälschte Theilnahme, die sich in jedem Zuge des Gesichtes aussprach, welches sich ihr entgegenbeugte; ihre Seele zerschmolz vor diesen milden Augen. Sie warf sich mit ungestümer Bewegung auf die Kniee und drückte ihren Kopf in des Fräuleins Schooß.

„Mein Fritzel ist todt, Fräulein. Ueberfahren ist er worden, auf der Bahn. Sein eigener Vater – sein Vater legte selbst den Wechsel um, der den Zug vor Schaden bewahrte, und das Kind –“

„Das seid Ihr gewesen?“ rief Valentine erbebend; „mein Gott, das habe ich mir nicht träumen lassen. Wir hörten vor einigen Wochen davon erzählen; die heroische That des Bahnwärters ging ja wohl durch alle Zeitungen. Als ich davon erfuhr, wurde kein Name bezeichnet, und ich selbst nehme selten eine Zeitung in die Hand. Arme, ärmste Monika! Und unser braver Huber – kaum faß’ ich noch so Schreckliches! Wo blieb Ihr Mann? Er ist wohl schon zum Felddienst eingezogen?“

Monika sah auf. „Mein Mann – ja, der ist eingezogen, der ist im Kriege. Ich hab’s gestern erfahren. Der Bahnmeister hat mir das Geld für unsern Hausrath geschickt, den sie dort verkauft haben. Dabei schreibt er, daß der Huber zu seinem Regimente ist.“

„Sie waren also schon zuvor hier?“ fragte Valentine mit leisem Befremden. „Freilich kann ich mir denken, daß es Ihnen schwer fiel dort auszuhalten. Huber sah es wohl selbst gern, daß Sie für eine Weile nach Hause gingen – wer konnte voraus wissen, was geschehen würde! Wie hart nun aber für Sie! All den Jammer allein tragen, auch noch Angst um den Mann auf der Seele, ihn selbst so trostlos in der Fremde zu wissen – arme, gute Monika, wie fühle ich all Ihr Leid mit! Nicht einmal Abschied durften Sie nehmen vor solcher Trennung auf Leben und Tod.“

Monika stand auf. „Wir haben schon von einander Abschied genommen, Fräulein,“ sagte sie in verändertem Tone und strich sich das wirre Haar von der Stirn zurück. „Ich bin von ihm fortgegangen, und wäre weggeblieben auch ohne den Krieg.“

„Ich verstehe Sie nicht.“

„Sie verstehen das nicht? Fräulein, wenn Ihr Liebstes auf der Welt todt und kalt vor Ihnen läge, elend verstümmelt – und Sie wüßten Einen, der schuld daran ist, könnten Sie mit Dem zusammen bleiben, oder gar ihn noch – noch – gern haben?“

„Monika, welche Gedanken!“ rief Valentine erschrocken. „Ist es möglich, daß Sie Ihrem braven Mann sein grenzenloses Unglück zum Vorwurfe machen! Jeder, der von seiner That hörte, hat seine Opferwilligkeit, seine großartige Geistesgegenwart bewundert –“

„Das ist’s,“ sagte die junge Frau herbe. „In dem Augenblick hätte ihm die Geistesgegenwart ausbleiben müssen, da hätte ihm höchstens der Gedanke kommen dürfen: Gottlob, daß mein Kind in Sicherheit ist. So wär’ einem Vater zu Muthe gewesen, der ein Herz im Leibe hat. Er hat sich aber besonnen und hat seine Wahl getroffen, und mit Geistesgegenwart, wie Sie eben sagten, hat er an die Fremden gedacht, und nicht an uns.“

„An seine Pflicht hat er gedacht,“ sagte Valentine ernst und legte beide Hände auf Monika’s Schultern, indem sie ihr eindringlich in die Augen sah. „Tief in uns giebt es doppelten Willen, den eigenen und den Gottes – diesen nennen wir Pflicht. Wem sie einmal innerliche Richtschnur geworden, der besinnt sich nicht erst, der schaut ihr nicht erst prüfend in’s Gesicht; er hört den deutlichen Ruf und gehorcht.“

Monika schüttelte finster den Kopf. „Sie haben kein Kind, Fräulein. Sie wissen nicht, was das heißt.“ Valentinens Augen standen voll Thränen. „Ich weiß wenigstens, daß Sie unglücklich sind, und daß mein Herz von Antheil für Sie voll ist bis zum Rande. Und noch Eins weiß ich, Monika – und weiß es gut – daß Bitterkeit gegen Einen, den man fast lieber gehabt, als die ganze Welt, weher thut, als jedes Unglück. Denken Sie an die Tage, als wir uns zuletzt sahen, wo Ihr Wilhelm Eins und Alles für Sie war, und denken Sie, daß er jetzt jede Minute von Ihnen genommen werden kann – nicht nach Ihrem Willen, der Sie von ihm fortgehen ließ, der sich dann aber nimmer wenden könnte, um zu ihm heimzukehren.“

Die junge Frau zuckte heftig zusammen. „Ich kann an nichts Anderes denken, als an meinen Fritzel,“ sagte sie in beinahe scheuem Tone. „Ich sehe ihn, immer – immer. Aber Sie sind gut zu mir, Fräulein, gut wie ein Engel – vergelt’s Ihnen Gott! Es ist mir eine Wohlthat gewesen, Ihr Gesicht wieder zu sehen und mit Ihnen zu reden. Bis heute hab’ ich mit keinem Menschen davon reden können, auch nicht mit meinem Vater. Ehe ich hergekommen bin, hab’ ich meinen Leuten sagen lassen, was passirt ist und daß ich heim wollte; daß ich im Unfrieden von Wilhelm fort bin, weiß aber Keiner. Wissen Sie, Fräulein, ich hab’ gedacht, ich wollt’ in’s Kloster – da hab’ ich ja schon als Kind hinkommen sollen. Jetzt wird’s mir dort nicht mehr zu still sein; ich bin froh, wenn ich von der ganzen Welt nichts sehen und hören muß. Dann ist mir aber eingefallen, daß ich dazu dem Wilhelm seine Erlaubniß nöthig hab’, und schreiben hab’ ich nicht mögen, und jetzt ist er ja im Kriege. Da muß ich noch warten und weiß nicht, wie ich die Zeit herumbringen soll. Mein Bruder hat inzwischen geheirathet, da giebt’s daheim für mich wenig Arbeit, und wenn ich hinsitze und nähe, mein’ ich, der Kopf zerspringt mir vor Angst.“

„Kommen Sie alle Tage ein paar Stunden zu mir, Monika! Ich bleibe wahrscheinlich lange hier, und wir wollen dann zusammen arbeiten für die armen Verwundeten, für die sich jetzt alle Hände rühren müssen, den es fehlt aller Orten an Verbandzeug. Wollen Sie?“

Ein milderer Ausdruck löste die Spannung, welche alle Züge der jungen Frau gleichsam in Gefangenschaft hielt. Sie beugte sich und küßte Valentinens Hand. „Sie sind gut,“ wiederholte sie.


Schon begannen sich die Bäume herbstlich zu färben. In diesen Jahre lichtete sich das Laub ungewöhnlich früh, denn anhaltende Regenzeit war dem heißen Hochsommer gefolgt. Auch die Zahl der Gäste auf Frauenwörth hatte sich wesentlich gelichtet; nur Wenige hielten trotz der Ungunst des Wetters bis Ende September dort aus.

Heute war einer jener sonnigen, seltenen Tage, die zuweilen den grauen Regenschleier plötzlich von sich werfen, wie eine lächelnde Schönheit dunkle Maskenhüllen. Die Luft war von magischer Durchsichtigkeit; jede fernste Linie erschimmerte. Noch war das Vergehen der Natur so voll Anmuth, daß es den Genuß des Augenblickes steigerte. Obgleich Valentine, welche in ziemlich früher Morgenstunde durch den Klosterhof in den „Frauengang“ gewandert, tief in Gedanken schien, wurde sie doch gerade dort von dem lieblichen Lebewohl zwischen Herbst und Erde eigenthümlich berührt. Zwischen der alten Klostermauer, welche sich der einen Seite des Pfades entlang zieht, und den seltsam gestalteten Uferweiden, durch deren Lücken das bläuliche Schilf hereinnickte, war es wundersam still. Der dichte Rasen war noch immer maiengrün; an der grauen Steinwand kletterte Epheu empor; aus jeder Ritze drängten sich Mauerblümchen, und aus dem verborgenen Klostergarten drang der strenge Duft der reifenden Quitten. Kein Bienchen summte, keine Grille zirpte, und doch war in all der Stille nichts von Trauer, denn durch jede Lichtung lachte der sonnbeglänzte See herein.

In einer dieser kleinen Buchten, ganz in der Nähe einer schmalen Bank, welche dicht am Uferrande unter tiefhängenden Zweigen eines uralten Stammes halb verschwand, saß Bernardin im Grase bei der Arbeit. Doch war er nicht so vertieft, um den bekannten Schritt zu überhören, so leise auch Valentinens Fuß auf dem Rasen klang; er hob den Kopf und nickte der Freundin zu, ohne sich stören zu lassen.

„Pünktlich beim Rendez-vous!“ sagte sie lächelnd; „wir haben aber Zeit.“

Sie blieb hinter ihm stehen und folgte mit dem Blicke seiner Hand. Das Wunder künstlerischen Schaffens übte unbeschreiblichen Reiz auf sie; dennoch gestattete sie sich höchst selten eine [746] Freiheit, welche ihr zugestanden war, durch deren Gebrauch sie aber stets fürchtete, den Genius zu verscheuchen. Vielleicht war es diese an ihr gewohnte Zurückhaltung, welche den Künstler nach einiger Zeit zu ihr umschauen ließ, obgleich sie ihn nicht durch die leiseste Bewegung an sich erinnerte.

„Ich störe Sie – Vergebung!“ sagte Valentine, und zog sich, trotz seines ermuthigenden Kopfschüttelns, zurück nach der nahen Bank. Obgleich sie dort eine leichte Näherei zur Hand nahm, wanderte doch ihr Auge oft von der Arbeit fort und hing an Himmel und See. Die Abtei der Herreninsel stand in vollem Sonnenglanze. Harmonische Ruhe erfüllte das einfache und doch so großartige Bild, welches sich hier von dem stillsten aller Plätzchen aus darbot. Sie mochte zuletzt über dem Sinnen und Schauen Zeit und Ort ganz vergessen haben, denn die Arbeit ruhte müßig in ihrem Schoße, und sie schrak leicht zusammen als nach geraumer Pause Bernardin’s Stimme sich dicht an ihrem Ohr vernehmen ließ: „Fertig! – Ich hatte Sie kaum so früh erwartet.“

Das Fräulein rückte auf der Bank ein wenig weiter, um dem Freunde neben sich Platz zu machen: „Und nun, was haben Sie mir zu berichten? Wissen Sie wohl, daß es Ihnen geglückt ist, mich neugierig zu machen? Gestern Abend bleiben Sie nach Ihrer Ankunft stundenlang in meiner Gesellschaft, erzählen, wie es einem Reisenden geziemt, von Allem, was sich binnen einer Woche unserer ereignißvollen Zeit erleben läßt, und sagen mir dann an der Hausthür mit stillem Theaterflüstern, daß Sie mich heute zu sprechen wünschen – das hat Großes zu bedeuten.“

Bernardin erwiderte ihr Lächeln, ohne doch auf ihr Scherzwort einzugehen. „Ich habe Ihnen in der That etwas zu sagen, Valentine.“ Sein tiefes Auge verweilte einen Moment mit eigenthümlichem Ausdruck auf ihrem Gesicht, dann lehnte er sich gegen den Weidenstamm zurück, verschränkte die Arme und fuhr fort, ohne sie anzusehen: „Gleich am ersten Tage, als ich nach München kam, hatte ich Veranlassung, Herrn von Rother zu besuchen. Man forderte mich auf, den Abend über zu bleiben, und es fanden sich noch einige Personen ein, darunter ein mir Unbekannter, welcher mir als kürzlich berufener Professor der Münchner Universität bezeichnet wurde. Dieser noch junge Mann interessirte mich sogleich durch seine bedeutende Persönlichkeit, und wir unterhielten uns viel mit einander. Im Verlaufe des Abends fragte mich Frau von Rother über den Tisch hinweg nach Ihrem Ergehen. Völlig unbefangen, wie ich war, konnte ich trotzdem nicht übersehen, daß Professor Hartung, mit dem ich eben sprach, als diese Frage an mich gerichtet wurde, jäh die Farbe wechselte. Ja, Valentine – Dieser ist es, über welchen ich mit Ihnen zu sprechen habe,“ sagte er mit festen Blick in seiner Gefährtin ernstes Gesicht. „Erlauben Sie mir, fortzufahren?“

Valentine nickte nur.

„Ich weiß kaum, wie es zuging,“ fuhr Bernardin fort, „aber in demselben Moment schoß mir der Gedanke durch den Kopf, daß ich hier den Mann vor mir sähe, von dem Sie mir einst gesprochen, ohne ihn mir zu nennen. Während ich die Frage der Dame eingehender beantwortete, als es sonst wohl geschehen wäre, beobachtete ich meinen Nachbar. Da der kleine Kreis meist aus Ihren Bekannten bestand, bewegte sich das Gespräch eine Zeit lang um Sie und Ihren Vater; der Professor verhielt sich dabei wie ein Fremder und blieb auch von diesem Augenblicke an einsilbig, als man aber auseinander ging, fragte er bei mir an, ob er mich im Atelier aufsuchen dürfe. Schon am folgenden Morgen fand er sich dort ein, und ich leugne nicht, daß seine Persönlichkeit großen Reiz auf mich übte, trotz des Vorurtheils, welches meine Vermuthung mich gegen ihn hatte fassen lassen. Wir sahen uns während der Woche meines Dortseins täglich, bald Abends am dritten Orte, bald im Hôtel bei Tische, woran sich meist ein gemeinsamer Spaziergang schloß. Er suchte unverkennbar meine Gesellschaft, und ich ließ mich finden. Gestern nun kam er des Morgens zu mir in das Atelier; er wußte, daß ich Nachmittags hierher zurückkehren würde, und begrüßte mich sogleich mit dem Worte, daß er sich nicht nur verabschieden, sondern mich um eine Gefälligkeit ersuchen wollte. Ganz gelassen sagte er mir dann, daß er in früherer Zeit die Ehre genossen, Ihrem Hause näher zu stehen, daß ein Zerwürfniß, dessen Schuld einzig auf seiner Seite gelegen, ihn dieses Vorzugs beraubt habe und daß ihm nun der Gedanke peinlich sei, Ihnen, vielleicht wider Ihren Wunsch, zu begegnen, nachdem er ohne sein Zuthun die gleiche Stadt mit Ihnen bewohnen und sich in gleichen Kreisen bewegen würde. Er habe sich deshalb erlaubt, einige Zeiten an Sie zu richten, wodurch er sich, wenn nicht Ihre Vergebung, doch eine Richtschnur für sein Verhalten erbitten wolle, und wünschte dieselben durch eine Ihnen befreundete Hand an Sie zu übergeben, da er befürchten müßte, einen Brief durch die Post uneröffnet zurück zu erhalten.“

„Was antworteten Sie?“ fragte Valentine nach einer Pause, kaum hörbar.

„Natürlich konnte es mir nicht in den Sinn kommen, ein Vertrauen, welches Sie mir einst gönnten, auch nur durch eine Andeutung zu berühren; um so weniger, als meine Vermuthung zwar bestärkt, aber doch nicht unbedingt bestätigt worden war. Wie Sie gegenwärtig denken, Valentine, weiß ich nicht. Nach Ihrem Wunsch ist jenes Thema nicht wieder zwischen uns berührt worden. Ein im Grunde einfaches Ersuchen, das mir in ruhiger, würdiger Form ausgesprochen war, zurückzuweisen, hatte ich weder Ursache noch Recht; ich stimmte also zu ohne jede Bemerkung über die erhaltene Mittheilung, und hier übergebe ich Ihnen, was mir anvertraut worden.“ Er nahm einen versiegelten Brief aus seiner Brusttasche und legte ihn auf das Tischbrettchen vor Valentine nieder.

Sie blickte wortlos auf die festen, charakteristischen Schriftzüge der Adresse, ohne den Brief zu berühren. Feines Roth stieg ihr langsam bis zu den Haarwurzeln; in ihrem Auge ging ein wunderbares Glänzen auf. Bernardin warf einen schnellen Blick auf sie und machte dann eine Bewegung, um aufzustehen und sie allein zu lassen, doch hielt sie ihn durch leise Berührung seines Armes neben sich zurück:

„Bleiben Sie noch, lieber Freund! Ich möchte Ihnen Manches sagen. Dies kam überraschend – was ich Ihnen aussprechen möchte, ist aber allmählich gekommen. Es bedarf dazu nicht erst einsamen Besinnens. So wissen Sie denn vor Allem: Sie haben mir tiefe Freude, Sie haben mir eine Wohlthat gebracht.“

Bernardin blickte überrascht in ihr belebtes Gesicht.

„Was dieser Brief auch enthalten mag, jedenfalls bringt er mir das, was ich als einzige persönliche Gabe in jüngster Zeit oft vom Schicksale erfleht hatte, ohne doch auf Gewährung hoffen zu können; jedenfalls ist er die Brücke zur inneren Harmonie, die mir abhanden gekommen war. Oft schon war ich in Versuchung, mit Ihnen hierüber zu sprechen und doch wollte es so schwer über die Lippen – manches, was man klar empfindet, wird so anders, wenn es sich in Worte übersetzen soll.“ Sie hielt inne und schlug dann das seelenvolle Auge frei zum Freunde auf. „Es in Ihnen doch wohl befremdlich erschienen, daß Hartung voraussetzte, ein Brief an mich könnte uneröffnet an ihn zurückgehen? Nach so langer Zeit! Dies beruht auf einem Vorfall, worüber ich gegen Sie schwieg. Vor einigen Jahren, kurz nachdem ich Ihnen von Hartung gesprochen, führte uns ein Zufall auf der Reise mit ihm in das gleiche Hôtel. Ich wußte davon nichts, er hatte uns aber anfahren sehen und sandte mir seine Karte mit der Anfrage, ob ihm ein Besuch gestattet sei. Ich ließ einfach zurücksagen, wir seien im Begriff weiter zu reisen. Er verstand, und blieb unsichtbar. Ich glaubte damals recht zu handeln. Ich wollte, konnte ihm nicht wieder begegnen. Was sollte uns ein Wiedersehen frommen? Dennoch hatte die Erinnerung seitdem einen Stachel mehr. Ungesprochene Worte lasten schwerer auf der Seele, als Alles, was gesagt werden kann. Stets hielt ich aber die Ueberzeugung aufrecht, daß ich es meiner Frauenwürde, meiner Ruhe schuldig gewesen, sie nicht auf das gewagte Spiel einer Stunde zu setzen, die mit Schwäche und Niederlage enden konnte. Ich bin keine Heldin, Bernardin, und weiß das gut. So vergingen wieder Jahre –“

„Und nun?“

„Nun!“ sagte Valentine lebhafter, „nun ist mir in diesen letzten Wochen gleichsam das Herz im Leibe gewendet worden, und regt sich und ruft und sehnt sich Tag und Nacht nur nach dem einen letzten Lebensziele, einem Worte der Versöhnung. – Wie sage ich Ihnen das nur? Sie wissen ja von Monika Huber, von der armen mir so lieben Frau, und daß ich es mir zur Aufgabe gemacht, sie aus ihrer Herzensbitterniß zur rechten Anschauung zu leiten. Ich habe auch Hoffnung des Gelingens. [747] Wenn es sehr dunkel um uns ist, tasten wir ja aus unaussprechlicher Bangigkeit umher nach irgend einem Halt in all der Noth und Wirrniß. So hat sich das arme Weib an mich geklammert, denn selbst ihr Kinderglaube an einen Gott des Erbarmens ist erschüttert. Gerade ihr wahrhaftiges, feuriges Naturell, das die unmittelbarsten Begriffe stark erfaßt, ist für ein complicirtes Geschick nicht erschaffen, nur mühsam ringt sie sich zu einem weiteren Blicke, zum Erkennen durch – doch jetzt schon fühle ich, es wird nicht ausbleiben. Indem es aber mein tägliches Sinnen geworden, ihr den scharfen Stachel aus dem Herzen zu ziehen, das zarte Pflänzchen Liebe in ihr zu pflegen, dessen Blüthe jetzt zertreten, dessen Wurzel aber hoffentlich unbeschädigt ist – da, Freund, kam das Erkennen über mich selbst. Da kam das Vergleichen, was sie nach ihrem Bewußtsein zu vergeben hätte, was ich? Mutterliebe dort, Selbstliebe hier – oder wie nenne ich es sonst, das mich hieß die Hand, welche sich nach mir ausstreckte, nicht zu berühren? ‚Unrecht hast Du gethan, an ihm, an Dir,‘ so ruft es in mir laut und lauter – mit heißen Thränen sehnte ich tausendmal die versöhnende Stunde zurück, wo die einzige Dissonanz meines Lebens sich in Harmonie hätte lösen können, wenn ich nicht feige, wenn ich nicht selbstisch gewesen wäre. Jetzt sie herbeizwingen, wäre in der That mit weiblichem Zartgefühl kaum vereinbar gewesen; so empfand ich sie denn als unwiederbringlich verloren. – Nun wissen Sie, was dieser Brief mir giebt. Ruhe, Friede mit mir selbst für alle Zeit, denn, was er auch bringen mag, es gilt Versöhnung.“

„Es gilt wohl mehr, Valentine,“ sagte Bernardin ernst. „Die alte Schuld ist verbüßt; Sie Beide sind frei, und – ich glaube, dieser Mann ist Ihrer werth. Seit Jahren erwartete ich solchen Ausgang. Nun ist er gekommen.“ Er faßte ihre Hand mit starkem Drucke, ließ sie sogleich wieder los und erhob sich. „Auf Wiedersehen!“ sagte er mit der tiefen, ruhigen Stimme, die ihm eigen war. Während er sich von ihr entfernte, ging er langsamer und stand, ehe er den Pfad zum Kirchhofe hinauf einschlug, einen Moment am Strande, das schwermüthige Auge den Bergen zugewendet. Kein Mensch wird so alt, daß er nicht noch durch das Herz leiden könnte.


Valentine war allein. Alle ihre Pulse fieberten. Noch hielt sie den Brief unerbrochen in der Hand. Ihr Blick wurzelte auf der Adresse. Wie viel Tage und Jahre waren vergangen, seit sie diese Schriftzüge zuletzt erblickt! Nachdem der Bruch ihrer Verlobung vollzogen war, hatten sie Beide einander alle Briefe zurückgegeben, die sie in glücklicheren Tagen getauscht. Von allzu heißem Weh getrieben, übergab Valentine damals den Flammen jedes Blättchen, jedes welke Reis, das ihr aus der geliebten Hand gekommen. Da fand sie einst, als sie gelegentlich eigene Aufzeichnungen durchblätterte, zwischen den Heften ein Gedicht, welches Hartung für sie aufgeschrieben. Es war nicht von ihm selbst. Er brachte es ihr nur, weil es ihm sehr gefiel. Jetzt, in diesem Augenblicke, wo Valentinens ganze Seele zagend und sehnsüchtig durch die Hülle drang, welche sie noch von Wohl oder Wehe schied, stand seltsamer Weise jedes Wort jener kurzen Strophen plötzlich vor ihrem Geiste, ihren Augen:

„Im Traume hab’ ich oft geschaut
Dein Bild im himmlischen Gewand.
Jetzt, da ich Dich auf Erden fand,
Bist Du mir innig schon vertraut.
Verschwunden ist mir alle Zeit –
Ich habe Dich von Anbeginn
Und weiß, daß ich Dein eigen bin
In alle künft’ge Ewigkeit.“

„In alle künft’ge Ewigkeit!“ Valentinens Gesicht wurde rosig wie eine Abendwolke. Sie löste das Siegel. Das Blatt, welches in ihrer Hand bebte, enthielt nur wenige Zeilen:

„Tiefste Ueberzeugung sagt mir, daß Sie nicht vergessen haben, Valentine. Ob Sie vergeben können, ob ich Sie wiedersehen darf, weiß ich nicht. Mag Ihr Wille mich nun auch künftig von Ihnen fern halten, oder nicht, Eines muß ich Ihnen sagen, ehe wir uns wieder begegnen: Jene Tage, die uns verbanden, sind und bleiben der Inhalt meines Lebens.
Georg Hartung.“

Valentine senkte ihre Stirn auf das Blatt nieder. Sie weinte, wie es dem Menschen selten beschieden ist zu weinen. Sie weinte aus Glück.

[760] Freude und Leid der Einzelnen behält auch dann sein Recht, wenn Weltgeschicke über die Erde rollen; doch blüht und schmerzt sich’s in solcher Zeit gern in der Stille aus, fast schamhaft, denn wie gering zählt das einzelne menschliche Dasein, wo Tausende hingeben müssen, was durch lange Jahre mit Sorgfalt und Hoffnung gepflegt worden, wo sich jeder Tag mit ehernen Zügen in das Buch der Geschichte gräbt! Dies empfand Valentine lebhaft, als sie von der stillen Insel in die Hauptstadt zurückkehrte, und es war ihr wohlthuend, daß sich die Wendung ihrer Stimmung, vielleicht ihres Geschickes, vorerst nur innerlich ausklingen durfte. Ein Wiedersehen Hartung’s stand nicht unmittelbar bevor; noch war er in Norddeutschland gebunden und konnte dem ehrenvollen Rufe in die Heimath erst im Frühjahre entsprechen. Alles war gut, so wie es war.

Den wenigen, aber guten Worten, mit denen Valentine seine Zeilen beantwortet, war eine Correspondenz gefolgt, die, von beiden Seiten mit leiser Zurückhaltung begonnen, im Laufe der Wochen und Monate so rege ward, daß an jedem Briefe für den Empfänger ein glücklicher Tag hing. Noch ward mit keinem Laut einer gemeinschaftlichen Zukunft gedacht. Beide empfanden aber klar, daß ein Wiedersehen zugleich ein Wiedererfassen sein müßte. Bot Valentinens Erscheinung in dieser Zeit auch äußerlich die gewohnte, schöne Reife, so war doch ihr ganzes Wesen von neuer Anmuth erfüllt, wie die Rose vom Dufte, und die unablässige Thätigkeit, womit sie von früh bis spät wirkte, verrieth gleichfalls den frischen Lebensquell, der in ihr strömte.

Von General Wittstein, dessen Brigade im Südosten Frankreichs stand, liefen stets gute Nachrichten ein. Das Jahr ging zu Ende. Schon war die Zahl der Verwundeten, welche die Armee als Zeugen ihrer Thaten in die Heimath sandte, so bedeutend geworden, daß alle Transportfähigen von Etappe zu Etappe weiter geschafft werden mußten. Auch das dem Kriegsschauplatze so ferne München erhielt eine namhafte Anzahl von Pfleglingen, die in Lazarethen und Privatwohnungen Aufnahme fanden. Jeder Stadt, jeder kleinsten Ortschaft war es Ehrensache, an so heiliger Pflicht Antheil zu gewinnen, Ehrensache jedem Einzelnen, nach Kräften und Vermögen hülfreich zu sein. Valentinens reiche Mittel flossen in mannigfaltiger Form den Wittwen und Waisen, den Verwundeten, den Leinwandkammern der Spitäler zu; sie gab und half unaufhörlich, und ihre fleißigen Hände, ihr opferbereites Herz regten sich zwiefach, denn gleich ihrem Schatten begleitete sie Monika, welche ihr von Frauenwörth nach München gefolgt war. Valentinens Vorschlag hierzu hatte nicht nur willige, sondern auch lebhafte Zustimmung gefunden. Auch den Angehörigen der jungen Frau war es erwünscht, daß Monika bei dem Fräulein blieb, so lange Huber im Felde war: dort wußte man sie wohl versorgt, und zu Hause gab es, nun gar im Winter, nichts für sie zu thun.

Wenn der Gedanke, Monika mit sich zu nehmen, auch nur aus Valentinens gutem Herzen und ihrem Interesse für die junge Frau entstanden war, ergab es sich bald, daß deren Anwesenheit eine große Erleichterung für sie selbst bot. Valentinens Schwester verweilte noch immer mit ihrem Kinde in Passau bei den Schwiegereltern; mit der Dienerschaft allein in der großen Wohnung auszuhalten, welche Wittstein’s in München inne hatten, würde für die Herrin des Hauses um so ungemüthlicher gewesen sein, als in jenen Tagen Jeder von seinen eigenen Interessen zu sehr in Anspruch genommen, zu vielfach beschäftigt war, um mit Anderen viel zu verkehren.

So einfach und ungelehrt Monika auch war, hatte sie durch ihre Eigenart von jeher Valentine interessirt und angezogen. Da sie eine verheirathete Frau war und als Gast mit ihr kam, ließ sich von vornherein leicht eine Stellung für sie im Hause schaffen, die von der Dienerschaft respectirt wurde. Trotz ihres anspruchslosen Standes und Wesens hatte es nichts Auffallendes, daß die junge Frau in solcher Zeit immer um die Herrin des Hauses war und ihr in allen Geschäften beistand. Monika’s Geschick, ihr heller Verstand machten sie zu jeder Leistung brauchbar; an der stets unmittelbarem Zweck dienenden Thätigkeit richtete sich ihr Gemüth auf, und der erschütterte Körper begann sich wieder zu der alten, schönen Gesundheit zu erheben.

Valentine verlor die Aufgabe, welche sie sich der jungen Frau gegenüber gestellt hatte, niemals aus dem Sinne und beobachtete diese leise, aber fortwährend. Monika sprach nie von ihrem Manne, doch konnte der Herrin kein Zweifel bleiben, daß sie viel an ihn dachte. Die Art, wie sie auf jede Nachricht von der Armee horchte, welche in ihrer Gegenwart zur Sprache kam, ihre unverkennbare Erschütterung, so oft sie mit einem der Verwundeten in Berührung gerieth, trug tiefe Spur persönlichen Interesses; Valentine sah mit geheimer Befriedigung, daß in dem Herzen des Weibes die Sorge um den Mann erwacht war. Sie hütete sich wohl, mit dem leisesten Worte an den sprossenden Keim zu rühren, doch jetzt ließ sich hoffen, alles Beste hoffen. Auf ihre Anfrage bei dem General hatte sie erfahren, daß Huber in der That bei seinem alten Regimente stand und bis jetzt unverwundet sei; in persönliche Berührung mit dem Chef der Brigade kam jener natürlich nicht. In der steten Sorge, durch irgend ein Eingreifen gerade das zu stören, was sie zu entwickeln wünschte, hatte Valentine um so weniger Monika’s brieflich gegen ihren Vater Erwähnung gethan, als der General sich nie für etwas interessirte, was ihn nicht persönlich anging. Wie spann sich aber des Fräuleins inniges Gemüth die Zukunft aus! Glück und Vereinigung sollte am Ende all des Kriegsgrauens, all der schweren Menschengeschicke die Lösung sein. Wie oft, wenn sie Monika heimlich die Liste der Verwundeten und Todten bei Seite legen sah, um sie in Verborgenheit zu durchforschen, wie oft wäre sie da der lieben jungen Frau gern um den Hals gefallen und hätte gerufen: „Sei nur ruhig! Habe ihn nur lieb! Es wird Alles gut; wir werden Beide glücklich sein.“

Es war kurz nach Neujahr. Valentine hatte soeben einen Brief von Hartung empfangen, der sie bis in den Nerv des Herzens traf. Welche Fülle in so leichtwiegendem Blatte! Das Sandkörnchen selbst, das am Worte hängen bleibt, hat Reiz; es macht den Brief so frisch, all die Meilen, welche er durchlaufen hat, verschwinden davor.

Sie las von Neuem und lächelte. Wo war ihr Altsein geblieben? Unwillkürlich dachte sie an Bernardin und schickte dem Freunde, welcher seit October in Florenz verweilte, einen Gruß. [762] Ja, ja, wer glaubt den Propheten? Und doch behalten sie zuweilen Recht. Daß der Geliebte dem Freunde, welchen sie unter allen am höchsten schätzte, sympathisch gewesen, that ihr auch so wohl. Sie griff zur Feder, um gleich aus dieser Stimmung einmal wieder an Bernardin zu schreiben – da öffnete sich die Thür und Monika kam herein, strauchelnd, todtenblaß. Sie öffnete die Lippen, um etwas zu sagen, das Wort erstickte ihr in der Kehle – mit verzweifelten Augen warf sie sich neben Valentinens Sessel nieder und hielt ihr einen zerknitterten Druckbogen entgegen. Des Fräuleins Blick irrte erschrocken von ihr auf das Blatt und wieder zu ihr zurück. Monika erfaßte krampfhaft ihren Arm und deutete mit der Rechten auf eine Linie des Bogens.

Dies war die Todtenliste. Unter den bei Villersexel Gefallenen stand: „Wilhelm Huber, Gefreiter. Todt.“

Valentine umschlang mit überströmenden Augen die arme junge Frau, welche halb entseelt in ihren Armen hing. Nach einigen Augenblicken wand diese sich los und sah mit geisterhaftem Blicke in das Leere.

„Jetzt kann ich nimmer heim zu ihm nach meinem Willen, wie ich fort bin nach meinem Willen – so haben Sie gesagt, Fräulein, gleich das erste Mal. Damals hab’ ich’s nicht hören mögen und hab’ doch immer an das Wort deuten müssen, von der Stund’ an. Jetzt kann ich nimmer heim, und er hat mir nicht zuvor verziehen, was ich ihm angethan hab’. Daß Gott mir’s verzeihen soll – war sein letztes Wort für mich.“

Ihr Kopf neigte sich immer tiefer. Ohne Bewußtsein sank sie vor Valentine nieder.


Die Todeskunde bestätigte sich. Valentine, die noch auf die Möglichkeit eines Irrthums gehofft und sofort an den General geschrieben hatte, erfuhr durch diesen den Hergang. Während jener Tage, in denen das vierzehnte Armeecorps dem mit überlegenen Kräften vorrückenden Feinde gegenüber wiederholt den Standort wechselte und ihm, um die Belagerung Belforts zu decken, bei Villersexel in die Flanke fiel, war der Gefreite Huber als Führer einer Patrouille ausgesandt worden und so weit vorgegangen, daß der kleine Trupp plötzlich von feindlichen Kugeln beschossen wurde. Die Mannschaft sah den Gefreiten fallen; Einer von ihnen eilte herzu, fand Huber mit einem Schusse am Kopfe todt hingestreckt und rettete sich mit den Cameraden nach seinem Corps zurück.

Wenige Wochen später wurde Monika von Seiten der Ortsgemeinde, welcher Huber angehöre, der nach ihrer Heimath gesandte Todtenschein ihres Mannes zugestellt. Sie trug das schwarze Ehrenkleid, das Tausende von Müttern, Wittwen und Waisen gleich ihr trugen.

Der Schmerz hat, gleich der Liebe, viele Gestalten. Pocht auch in aller Menschen Brust dasselbe Herz, jedes hat seine eigene Liebe, seine eigenen Schmerzen. Das eine will sich ausklagen; fühlt es auch dunkel, daß die wenigsten der Zuhörenden dabei an sein Leid denken, sondern nur an das, was sie selbst ähnlich betroffen hat oder betreffen könnte, so ist ihm dennoch schon die eigene Klage Erleichterung. Das andere hüllt seine Todespein in Schweigen. Grausam ist ihm ein Trostwort; die Wunde zuckt bei der zartesten Berührung; sie will und kann nur nach innen bluten. Das gotterfüllte Herz fühlt sich dem Himmel zwiefach verbunden; das zweifelnde klagt den Himmel an, allen aber reift die gleiche Erfahrung: von Menschen kann Trost nicht kommen, auch von den theuersten nicht, und selbst Gott hat ihn nur der Zeit aufgetragen. Das verzweifeltste Weh verliert seinen Stachel, wenn das Bewußtsein erwacht, daß man wohl das Wesen verlieren kann, woran das Herz hängt, nicht aber die Liebe. Einen Schmerz aber giebt es, über den selbst die Zeit nichts vermag: den Verlust, dem sich der Vorwurf gesellt. Ist ja doch das menschliche Herz so geschaffen daß wir uns weit mehr davor fürchten, die Todten zu betrüben, die allem Leide entrückt sind, als die Lebenden. Fordert es unsere Meinung, dann halten wir uns entschuldigt, ja berechtigt, unseren Nächsten und Liebsten wehe zu thun, aber dem letzten Wünschen oder Wollen eines Todten zuwider zu handeln, tragen wir tiefste Scheu, selbst dann, wo unsere Ansicht, wo alle Umstände widersprechen. Die Todten sind fern und wehrlos, aber sie üben höchste Gewalt. Ihre letzten Worte klingen in alle Ewigkeit nach. Und war dieses letzte Wort, das wir von ihnen gehört, eine Anklage – was auf Erden und im Himmel gäbe es wohl, um sie je wieder schweigen zu machen!

Nach jenem Ausbruch der ersten Stunde hielt Monika Alles, was in ihr vorging, tief in sich verschlossen. Nachdem sie von einer Krankheit, die ihrer Ohnmacht gefolgt, aber nur von tagelanger Dauer gewesen, wieder aufgestanden war, ging sie im Hause umher und beschäftigte sich wie gewohnt. Nur sprach sie nie, außer wenn sie um etwas befragt wurde. In ihrem Wesen war nichts von der unheimlichen Starrheit, welche nach dem Tode ihres Kindes sie versteinert hatte und trotz Valentinens liebreicher Pflege erst nach langen Wochen gewichen war. Dennoch machte sie ihr jetzt weit größere Sorge als damals. Monika erschien gleich einem Instrument, dessen Hauptsaite gerissen ist; die übrigen tönen noch, aber kein Vollklang ist möglich. Die junge Frau regte unermüdlich ihre Hände; sie weinte nicht – oft, wenn Valentine sie liebevoll anblickte, lächelte sie sogar, wenn sie aber des Morgens eintrat, zeugten ihre tiefeingesunkenen Augen, deren altes Lächeln für immer dahin zu sein schien, von trostlosen Nächten.

Tag reihte sich an Tag. Die Ereignisse waren inzwischen ihren gewaltigen Weg vorwärts gegangen. Der Ausgang Januar geschlossene Waffenstillstand war bereits bis Ende Februar verlängert worden. Um diese Zeit schrieb der General an Valentine und forderte sie zu einem Rendez-vous in Straßburg auf, da er sich für einige Tage frei machen konnte. Der Vorschlag erfüllte sie mit großer Freude; trotz all seiner selbstsüchtigen Eigenheiten hing sie mit tiefer Innigkeit an ihrem Vater, und die Sorgen um ihn hatten ihr in jüngster Zeit ihre Anhänglichkeit noch lebhafter zum Bewußtsein kommen lassen. Ihn wohlbehalten wiedersehen zu dürfen, so unverhofft, war ihr hoch willkommen, um so mehr, als man wohl den Frieden heiß ersehnte, seiner wirklichen Nähe aber noch keineswegs sicher sein konnte. Ueberdies war es Valentine höchst erwünscht, ihren Vater persönlich zu sprechen, ehe sie Hartung wiedersah. Noch hatte sie sich nicht entschließen mögen, sich über die wieder angeknüpfte Beziehung brieflich zu äußern; das Thema war so zart, die Zukunft noch so im Schleier, und vor Allem ihre Ueberzeugung, hiermit dem Vater Unwillkommenes mitzutheilen, so begründet. Daß es Kampf kosten würde, die schon früher nicht besonders gern gewährte Zustimmung zu diesem Bündniß zu gewinnen, wußte sie. Doch bangte ihr darum nicht. Hatte die Zeit eine Entscheidung nur erst gereift, so wußte sie gleichfalls, daß ihr Recht auch Billigung erringen würde. Gut aber war es, hierauf leise vorbereiten zu können.

Der nächste Gedanke des Fräuleins war Monika. Sie rief sie zu sich, sagte ihr von der nächster Tage beabsichtigten Reise und fragte, ob Monika sie begleiten wolle.

Die junge Frau sah sie dankbar an: „Fräulein, ich sehe schon, Sie möchten mich durch die Reise zerstreuen. Aber ich bitt’ schön, nehmen Sie die Anna mit, die sich ja auch besser auf alles Nöthige versteht! Mich lassen Sie lieber da!“

„Nicht gern,“ entgegnete Valentine und strich ihr leise über die Stirn.

„Machen Sie sich doch keine Sorge um mich!“ sagte Monika flüchtig erblassend. „Ich habe ja zu thun.“

„Freilich hat es auch sein Gutes, wenn Sie zu Hause bleiben. Im Verein, im Lazareth können Sie mich vertreten, und Alles bleibt im Gang.“

„Wenn ich die Sachen auch nicht so gut einzurichten weiß, wie Sie, Fräulein, will ich doch gewiß meine Schuldigkeit thun.“ Sie schrak unwillkürlich zusammen. „Ach, Fräulein, wie oft hab’ ich mich sonst über das Wort geärgert – jetzt hab’ ich’s endlich selber begriffen, was das heißt, seine Pflicht und Schuldigkeit thun. Jetzt wüßt’ ich mir nicht mehr ein und aus auf der Welt, gäb’s nicht das Wort; das ist wie Speis’ und Trank; man lebt davon, und hätte man’s nicht, dann wär’s mit Einem aus und vorbei.“

Valentine drückte ihr warm die Hand, Gottlob! Endlich ein freiwilliges Wort und das beste!

Am zweitfolgenden Morgen begleitete Monika ihr Fräulein nach der Bahn. Obgleich es noch im Februar war, herrschte doch heute jene milde Temperatur, welche sich mitunter in das als rauh berüchtigte Klima der Hauptstadt einschleicht, wie ein Vorfrühling. Die Sonne vergoldete Alles und spielte auch über Valentinens zartes, etwas geröthetes Gesicht hin. Im Begriff, [763] das Wartezimmer zu verlassen, reichte sie der jungen Frau noch einmal die Hand.

„Gott behüt’ Sie, Fräulein!“ sagte Monika und sah sie mit voller Liebe an. „Grüßen Sie den Herrn General und kommen Sie gesund wieder! Eh’ Sie aber fortgehen, lassen Sie sich noch Eins sagen – das ist mein Morgen- und Abendgebet: Vergelt’s Gott, Alles!“

Der Conducteur schloß die Thür. Monika blieb dahinter stehen und blickte durch die Scheiben, bis der Zug von dannen war. Ein schwerer Seufzer hob ihre Brust. Sie kam sich recht verlassen vor.

Als sie den bedeckten Gang des Perrons entlang ging, sah sie eine ihr bekannte Frau in einen der Wartesäle dritter Classe treten. Es war die Wittwe eines Unterofficiers, welche zu den Schützlingen Fräulein von Wittstein’s gehörte. Die Frau war mit Gepäck beladen, und Monika ging ihr nach, um zu erfahren, ob sie fortreiste und wohin; auf ihre Frage erfuhr sie, daß dieselbe zu Verwandten in’s Oberland wollte.

„Ich bin zu früh hier; der Schalter ist noch zu,“ sagte die Frau. „Wüßt’ ich, daß meine Sachen hier sicher lägen, so könnte ich gut noch einen nöthigen Gang in’s Karlsthor machen. Ich glaubte, es wär’ dafür schon zu spät.“

„Dann gehen Sie nur, Frau Kern!“ sagte Monika, „ich bleibe so lange da und hab’ Acht auf Ihr Gepäck; ich hab’ im Augenblick nichts zu versäumen.“

Das Anerbieten wurde dankbar angenommen, und Monika setzte sich ruhig in dem leeren Wartezimmer nieder und dachte an ihre Reisende. Der Kopf that ihr weh; es war ihr eine Wohlthat, vor dem grellen Sonnenschein draußen geschützt zu sein und in dem Winkel des kühlen, etwas düsteren Wartezimmers zu sitzen. Sie hatte all das Gepäck vor sich auf den Tisch gelegt, stützte ihre schmerzende Stirn dagegen und schaute auch nicht auf, als nach ein paar Minuten Jemand eintrat.

Als sie sich nach einer Weile aufrichtete, sah sie an einem der Tische des übrigens leeren Zimmers einen Mann sitzen, der einen Soldatenmantel und auf dem verbundenen Kopfe eine Militärmütze trug. Er saß mit dem Rücken gegen sie, hatte aber schon für ihren ersten, zerstreuten Blick etwas so Bekanntes. Sie sah schärfer hin – ein Stich ging ihr durch das Herz; der Soldat dort hatte gerade solch eine Figur, wie ihr Wilhelm. So pflegte er hinzusitzen, wenn er unbeschäftigt war. Das Herz schlug ihr so heftig, daß ihr fast der Athem verging – sie wußte nicht warum. Aber dem Manne, der ihrem Wilhelm so ähnlich schien, mußte sie in das Gesicht sehen – es war ein Verwundeter; sie konnte ihm vielleicht in etwas helfen. Sie stand auf und machte ein paar hastige Schritte gegen ihn hin. Der Soldat wandte bei dem Geräusch mechanisch den Kopf.

Heiliger Gott, es – war Wilhelm!

Sie stürzte auf ihn zu; sie umklammerte ihn mit beiden Armen, um ihn eben so plötzlich wieder los zu lassen und an seinem Gesicht, an seinen Händen herumzutasten, wie ein Blinder, der wissen will, ob er sich im Erkennen nicht irrt.

„Du bist am Leben?! Wilhelm, Wilhelm, Du bist wieder da?!“

Er faßte sie in seine starke Arme und hielt sie fest und dicht an seine Brust geschlossen. Große Tropfen rollten über sein männliches Gesicht. Damit saßen die Beiden zusammen nieder, sein Arm um ihren Leib, Wange an Wange, und schwiegen in den nächsten Augenblicken ganz still. Sie streichelte ihm nur die Hände. Endlich sagte er mit tiefem Athemzuge: „Jetzt ist Alles gut.“

Monika besann sich. „Ist es wirklich gut?“ sagte sie mit ängstlichem Blicke auf den Verband, welchen er am Kopfe trug. „Du bist verwundet – ist das schlimm? Wilhelm, wo kommst Du her? Bist Du von den Todten auferstanden? Sieh mein Kleid an! Ich trag’ seit vier Wochen Trauer um Dich.“

Er sah sie liebreich an und strich mit leiser Hand über ihr Gewand hin. „Das hab’ ich wohl gewußt,“ sagte er, „aber nicht, wie Dir dabei im Herzen zu Muthe war. Oft dacht’ ich daran und hätt’ ein Glied vom Leibe drum gegeben, das zu wissen. – Alles ist ganz natürlich zugegangen, Monika. Ich war für todt liegen geblieben, wie die Franzosen aber auf den Platz kamen, sahen sie wohl, daß ich mich noch regte, und nahmen mich mit. Da hab’ ich im feindlichen Lazareth gelegen, und zweimal sind Gefangene ausgewechselt worden, ohne daß ich nur davon was erfahren hätte, denn ich wußte nicht viel von mir selber, so lang ich so im Fieber dalag. Wie es besser ging – es hat gar keine Gefahr mehr, Monika – wie es also besser ging, bin ich mit noch Einigen zum Austausch an mein Regiment escortirt worden, und weil ich noch keinen Dienst thun kann, haben sie mir Urlaub gegeben, damit ich mich daheim auscurire. Bei der Gelegenheit hab’ ich auch den Herrn General gesprochen und von dem erfahren, daß Du bei dem Fräulein bist. Er hat eigens meine Reisekarte über München ausstellen lassen.“

„Und doch hast Du – weiter gewollt?“

„Wie hätt’ ich vor Dich hintreten können, Monika, nach Dem, was Du mir zuletzt gesagt hast? Ich meinte, wenn Du erführest, daß ich noch da bin, und denkst jetzt anders, dann müßtest Du mir selbst ein gutes Wort zukommen lassen. Wissen konnt’ ich ja nichts. Deßwegen hab’ ich nicht einmal in meinen Heimathsort schreiben mögen, als sie mir bei’m Regiment sagten, ich wär’ dorthin für todt gemeldet. Daß Du es jetzt bald erfahren würdest, wußt’ ich. Der Herr General hatte seinen Spaß daran, daß er mit der Nachricht das Fräulein überraschen wollte. Der Herr war gut zu mir, hat mich beschenkt und mir auch einen sicheren Civilposten in Aussicht gestellt, aber so lang er mit mir redete, war mir traurig genug zu Muth. Er wußte ja nichts, wie es mit uns Zwei stand, und machte seine Späße.“

Monika schwieg und verbarg ihr Gesicht an seiner Brust. „Hast Du mir denn verziehen, daß ich fort ’gangen bin?“ fragte sie endlich scheu.

„Ich hab’s begriffen; drum hab’ ich’s auch verzeihen müssen,“ sagte er in tief treuherzigem Tone. „Ich hab’ Dich viel zu lieb, als daß ich Dir lang hätte bös sein können. Und unser liebes Kind hat auch immer Deinen Namen gerufen, so oft es mir in den Sinn kam.“

Die junge Frau umschlang ihren Mann mit überströmenden Augen. „Und von Dir, Wilhelm, hab’ ich gemeint, Du hättest kein Herz! Verzeih’, o verzeih’ mir und vergiß für alle Zeit, daß – ich kein’s hatte, als ich Dich allein gelassen hab’! Jetzt bleiben wir beisammen in Ewigkeit.“
A. Godin.