Ein Auserwählter der Kunst

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Autor: Rudolf Gottschall
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Titel: Ein Auserwählter der Kunst
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 40, S. 663–665
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1876
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[663]
Ein Auserwählter der Kunst.


Die Gartenlaube (1876) b 663.jpg

Friedrich Haase als König Philipp der Zweite.
Nach einer Photographie auf Holz gezeichnet von Adolf Neumann.


Emil Devrient und Bogumil Dawison sind nicht mehr. Dessoir ist ihnen nachgefolgt. Die glänzenden Berühmtheiten, welche Eduard Devrient als Träger des Virtuosenthums bezeichnet, sind ausgestorben.

Doch nein, noch lebt ja Friedrich Haase, und was auch seine Gegner sagen mögen, die Lorbeern, die er diesseits und jenseits des Oceans geerntet, der große Ruf, den er sich erworben hat, stellen ihn in eine Linie mit seinen gefeiertsten Vorgängern.

„Er ist ein Virtuos!“ so tönt es aus jenen Kreisen, in denen die Echos der Devrient’schen Schrift sich fortpflanzen. [664] Gewiß ist er das, und jeder echte Künstler soll es sein; das heißt, er soll die Technik seines Handwerks mit unerschütterlicher Sicherheit bis in ihre kleinsten und feinsten Züge hinein beherrschen. „Doch er soll sich nicht vordrängen im Ensemble; das Ensemble ist die Hauptsache“, so rufen die Anhänger des ehrwürdigen und hochverdienten Dramaturgen in Karlsruhe. Ein Ensemble vorzüglicher Künstler und Meister ist jedenfalls das Ideal der Kunst, aber wie soll es ein hervorragender Künstler machen, wenn er in das noch so gut geschulte Ensemble mittelmäßiger Kräfte eingereiht wird? Soll er zur Mittelmäßigkeit herabsinken, um sich nicht vorzudrängen? In der Armee giebt es höchstens Flügelmänner, in der Kunst aber giebt es Genies, Talente des verschiedensten Grades; jeder mag an seinem Posten stehen und ihn pflichtgemäß ausfüllen. Bis jetzt ist aber noch kein Mittel dagegen gefunden worden, daß das größere Talent sich vor dem geringeren auszeichnet und daß das Genie ganz besondere Lichtblitze von Offenbarung hat, während die Durchschnittsmenge der Darsteller für ihre Blitze nur das übliche Theaterkolophonium verwendet. Ein größeres Talent wird stets ein mittelmäßiges Ensemble durchbrechen. So wenig Goethe und Schiller mit lyrischen Albumblüthlern in Reih und Glied gestellt werden können, ohne sie zu überragen, wie die olympischen Götter die Pygmäen: so wenig können wahrhaft bedeutende Darsteller mit redlich strebenden Mittelmäßigkeiten in Reih und Glied stehen, ohne einen unharmonischen und unproportionirten Eindruck zu machen.

„Doch das beständige Gastiren,“ sagen die Gegner, „daran erkennt man eben die Virtuosen.“

Gewiß, das Gastspielwesen in seiner Uebertreibung ist bedenklich für das Gedeihen des Theaters. Die Repertoires werden gestört und unterbrochen, und die gastirenden Künstler selbst kommen nicht zu der Ruhe, neue Schöpfungen zu gestalten, aber man muß das Kind nicht mit dem Bade ausschütten. Ein bedeutender Darsteller gehört der Nation an; jeder Einzelne hat den Wunsch und das Recht, ihn kennen zu lernen. Gastreisen, wie sie jetzt durch die neuen Verkehrseinrichtungen so wesentlich erleichtert werden, dienen dazu, die Bekanntschaft der Einzelnen mit den hervorragenden Künstlern in den verschiedensten Städten zu vermitteln. Dichter und Componisten sind in der glücklichen Lage, ihre Werke an allen Bühnen zur Aufführung zu bringen, dem ganzen deutschen Publicum bekannt zu werden, ohne auch nur einen Augenblick ihren Wohnort zu verlassen. Der Schauspieler wirkt nur durch sein persönliches Auftreten; es ist dies eine Schranke seiner Kunst. Tritt er nur in einer Stadt auf, so kennt ihn auch nur das Publicum dieser Stadt. Große Künstler haben daher zu allen Zeiten „gastirt“, es liegt dies in der Natur der Sache. Nur zogen sie in früherer Zeit mit den ganzen Gesellschaften zugleich herum, während sie jetzt einzeln von Stadt zu Stadt wandern. Gastspielreisen sind daher wohl gerechtfertigt, wenn sie nicht ausarten und ausschließlich ein ganzes Künstlerleben ausfüllen.

„Doch Friedrich Haase,“ sagen die Gegner weiter, „ist vielleicht in seinem Genre groß, aber sein Genre ist klein.“

Wir meinen, Jeder ist bedeutend, der in seinem Genre groß ist, und dann reicht das Talent Haase’s weit hinaus über dasjenige, was man gewöhnlich als sein Genre bezeichnet.

So verläuft in der Regel die Debatte über Friedrich Haase zwischen Freund und Feind, unter den Kritikern von Beruf und Neigung; das große Publicum hat nie eine derartige Kritik geübt; es hat sich an den geistreichen Leistungen des Künstlers erfreut und, wenn er auftrat, stets die Häuser gefüllt. Der Name Friedrich Haase’s ist einer der größte Cassenmagnete, von denen die deutsche Theatergeschichte zu erzählen weiß.

Der Künstler ist im Jahre 1824 in Berlin geboren, wo sein Vater Kammerdiener des späteren Königs Friedrich Wilhelm des Vierten war; er ist also aus denselben Kreisen des subalternen preußischen Hofdienstes hervorgegangen, aus denen auch Karl Gutzkow stammt. Der Dichter des „Königslieutenant“ und der erfolgreiche Darsteller des Thorane sind an den Ufern der Spree geboren, und zwar, wie es in den englischen Lustspielen heißt, below stairs, unter den Treppen, die zu den Hofsalons führen. Früh zeigte der Knabe schon Neigung für das Theater, und eine dramaturgische Autorität wie Ludwig Tieck wurde sein Lehrmeister. Tieck war vielfach bestimmend für die Entwickelung des talentvollen Schillers. Der Romantiker war ein fein ironischer Kopf, und auch sein Jünger sollte später ein Meister feiner Ironie werden. Tieck war für Shakespeare begeistert. Er lebte und webte in ihm; er sah das Leben, die Welt, die Kunst mit Shakespeare’s Augen; er war jeder Zoll ein Epigone des großen Briten. Diese Begeisterung für Shakespeare vererbte er auf seinen jungen Schüler. Sowohl als Darsteller wie als Schauspieldirector hat Haase den Shakespeare-Cultus mit Enthusiasmus, ja selbst mit pecuniären Opfern gepflegt.

Außer von Tieck, der ihn in die ästhetischen Feinheiten einführte, und zwar auf Befehl des Kronprinzen, der sein Pathe war, wurde Haase auch von mehreren anderen Lehrern in der Schauspielkunst und ihren Vorwissenschaften unterrichtet und betrat dann zuerst in Weimar die Bühne. Sein erstes Gastspiel in Berlin hatte Erfolg; man machte ihm einen Engagementsantrag, doch er lehnte ihn ab, weil er befürchtete, neben Döring und Dessoir eine zu untergeordnete Rolle zu spielen. An dem Theater zu Prag, wo er 1850–1852 engagirt war, hatte er zuerst durchgreifende Erfolge. Ein Geheimniß seines später so glänzenden Bühnenglücks beruht auf Haase’s genauer Selbstkenntniß, auf dem richtigen Instinct für dasjenige, was seiner Persönlichkeit, seinen Mitteln zusagt. Es gab und giebt bedeutende Künstler, denen dieser Instinct fehlt, die wie der Weber Zettel im „Sommernachtstraume“ Pyramus, Thisbe und den Löwen zugleich spielen wollen. Erzählt man doch von dem Altmeister deutscher Schauspielkunst, Conrad Eckhof, daß er noch in hohen Jahren jugendliche Liebhaber spielte. Haase wußte sich von Hause aus zu beschränken, und in dieser Beschränkung kündigte sich der Meister an. Er gehört nicht zu den himmelstürmenden Genies, für welche die größten Aufgaben nicht groß genug sind; er weiß, daß seine Stärke nicht im hinreißenden Schwung der Begeisterung liege, der bei der Darstellung nur allzu oft die Coulissen mit fortnimmt, sondern in der feinen Charaktermalerei. Er ist kein dramatischer Frescomaler, sondern ein Aquarell- und Pastellmaler, aber gerade auf diesem mit künstlerischer Einsicht beschränkten Gebiet strebt er nach der Meisterschaft. Freilich wünschte er bei seinen Engagements auch Berücksichtigung seiner Eigenart; wo diese ausblieb oder ihm auszubleiben schien, wie in München, da duldete es ihn nicht lange, und der inneren Nöthigung seines Talentes folgend, zögerte er nicht, auch contractliche Schranken zu durchbrechen, was ihm längere Zeit hindurch aber jedes künstlerische Wirken erschwerte. Seinem Engagement in Frankfurt, das unter der Intendanz von Roderich Benedix (1855–1858) stattfand, folgte ein längeres Engagement in Petersburg, während dessen sein Name durch zahlreiche Gastspielreisen in Deutschland in der Urlaubszeit immer bekannter und gefeierter wurde. Hier in Petersburg verheirathete er sich mit der anmuthigen und begabten Schauspielerin Lina Schönhoff, nachdem seine Ehe mit der Sängerin Anschütz-Kapitain nach einjährigem Bestehen wieder gelöst worden war.

Von dem Herzog von Sachsen-Coburg-Gotha zum Director der Hofbühne berufen, widmete er sich dieser ihm neuen Stellung mit Eifer und machte hier die Vorstudien für seine spätere Bühnenleitung in Leipzig. Nachdem er dieses Verhältniß gelöst hatte, folgte er wieder seinem freien künstlerischen Wandertriebe und zwar bis über den Ocean. Seine Gastspiele in Nordamerika im Jahre 1869 gehörten zu den erfolgreichsten, deren deutsche Schauspieler in der transatlantische Welt sich rühmen dürfen. Von dort zurückgekehrt, gehörte er dem Berliner Hoftheater einen Winter hindurch an; er war der entschiedene Liebling des Berliner Publicums, und die Abende, an denen er auftrat, waren keine verlorenen für die Casse des Hoftheaters. Nach Laube’s Fortgang von Leipzig meldete sich Haase neben zahlreichen anderen Bewerbern zur Uebernahme der Direction in der Pleißestadt. Der Rath entschied sich für ihn, und seine sechsjährige Directionsführung bewahrte dem Leipziger Stadttheater seine hervorragende Stellung unter den deutschen Bühnen. Durch mancherlei Klippen hindurch leitete er das Leipziger Theaterschiff, nicht immer mit gleich günstigem Fahrwind, doch mit unerschrockenem Muthe und mit sicherer Hand, sodaß im letzten Jahre seiner Directionsführung Oper und Schauspiel ein vortreffliches Ensemble aufwiesen, und als er von der Leitung zurücktrat, das Publicum die wärmsten, ja wahrhaft enthusiastische Beweise seiner Theilnahme dem scheidenden Director und seinem von ihm unzertrennlichen Collegen, Herrn von Strantz, gab.

[665] Zunächst wird Haase jetzt wieder für einige Wintermonate der Berliner Hofbühne, an der seine Gattin fest engagirt ist, seine künstlerische Thätigkeit zuwenden.

Wenn es ein berechtigter Ausspruch ist, daß dem Mimen die Nachwelt keine Kränze flicht, ein Ausspruch, der zugleich die oft fieberhafte Hast erklären mag, mit welcher die Schauspieler die Kränze der Mitwelt auf ihr Haupt zu häufen suchen, so ist es um so mehr Pflicht der zeitgenössischen Kritik, mit größter Unbefangenheit und Unparteilichkeit und so anschaulich wie möglich ein Bild der Künstler hinzustellen, da das Urtheil der Zukunft ausschließlich durch das Urtheil der Gegenwart bestimmt wird und sich keine anderen Zeugnisse eines schauspielerischen Wirkens auf spätergeborene Geschlechter forterben. Lebendig und mit frischem Dufte gelangen die Blüthen des dichterischen Talentes auf die Nachwelt, diejenigen des schauspielerischen nur im Herbarium der Presse; mit desto größerer Sorgfalt müssen sie in dasselbe eingelegt werden, damit nicht zerdrückte Blätter und Blumen nur ein unklares Bild geben von ihrer einst lebensfrischen Gestaltung.

Friedrich Haase ist kein Künstler, dessen gelungenste Schöpfungen auf Improvisation beruhen. Er gönnt den Eingebungen des Augenblicks keine Macht über sein darstellendes Talent; er baut seine Gestalten mit peinlicher Gewissenhaftigkeit auf, freilich nicht in einer lockern haltlosen Zusammenreihung, sondern stets als ein mit künstlerischem Tiefblicke erfaßtes Ganze. Die Kunst der Menschendarstellung soll uns den ganzen Menschen geben; dazu gehört vor Allem, daß die äußere Erscheinung mit dem inneren Wesen sich in vollem Einklange befindet. Die Masken Haase’s sind Meisterstücke jener Portraitmalerei, welche ihr Atelier in den Garderobezimmern hat. Sein Cromwell und Alba, sein Shylock, Marinelli und Narciß, sein Thorane und Rocheferrier sind Charakterköpfe, die einem genialen Portraitmaler alle Ehre machen würden. Namentlich die historische Treue ist an diesen Haase’schen Masken bewunderungswürdig. Sein Philipp der Zweite, in welcher Rolle unser heutiges Bild den Künstler darstellt, ist ein redendes Beispiel für diese historische Treue der Haase’schen Portraitmalerei. Und mit der Maske steht bei Haase stets die ganze Haltung und körperliche Erscheinung in Harmonie. Er hat die „Symbolik der Gestalt“ studirt; seine Darstellung verleugnet nie die tieferen Beziehungen zwischen dem Seelischen und Körperlichen, auch weiß er verwandte Gestalten scharf zu sondern; welch ein Unterschied ist zwischen seinem Alba, dem Fanatiker des Despotismus, und seinem Cromwell, dem Fanatiker der biblischen Demokratie! Wer aber die Vielseitigkeit seiner Leistungen würdigen will, der vergleiche diese wie aus Erz gegossenen Gestalten mit seinen quecksilbernen Marquis und Lebemännern.

Haase ist ein moderner Darsteller. Alles Romantische liegt ihm fern; sein Talent geht auf das fein Charakteristische; lyrische Ergüsse, eine machtvolle und pomphafte Rhetorik sind ihm unbequem, auch reichen seine Mittel dazu nicht aus, so vortrefflich er auch sein Organ geschult hat, so sehr er auch mit demselben die düstere Energie eines Alba und Cromwell, und auch den leidenschaftlich aufflackernden Groll eines Shylock zur Geltung zu bringen vermag. Wenn wir durch die Portraitgalerie seiner künstlerischen Schöpfungen wandern, so verweilen wir zunächst bei den mehr genrehaften Cabinetsstücken, die mit bewundernswerther Sauberkeit und künstlerischer Vollendung ausgeführt sind. Die Aristokraten aus der Rococozeit, mit dem Parfum leichtblütiger Frivolität, gelingen ihm am besten. Sein alter „Klingsberg“ ist eine köstliche Gestalt; der Kotzebue’sche Wüstling läßt sich nicht lebenswahrer verkörpern. Ein anerkanntes Cabinetsstück, durch welches er ein kaum lebensfähiges Product, wie „Eine Partie Piquet“, zu einem auf allen Bühnen eingebürgerten Repertoirestücke gemacht hat, ist sein Marquis Rocheferrier; dieser eigensinnige hüstelnde „alte Herr“ mit dem eingeborenen Dünkel ist eine wahrhaft genial gedachte und ausgeführte Gestalt. Sein Marquis in Sandeau’s „Fräulein von Seiglière“ unterscheidet sich von dieser aristokratischen Mumie durch jugendliche Frische und einen echt chevaleresken Zug; er ist eine der liebenswürdigsten Gestalten aus dem Album Haase’scher Charaktere und wird vielleicht von dem Darsteller selbst nicht ganz nach Verdienst geschätzt.

Mit einer eigenthümlichen Nüance tritt Gutzkow’s „Königslieutenant“ in diese Gruppe; dieser schwärmerische, melancholische und doch dabei tapfere und ritterliche Thorane Friedrich Haase’s trifft den Grund- und Leitton des Charakters ausnehmend glücklich. Für alle diese und ähnliche Aufgaben kam die feine und elegante Persönlichkeit dem Künstler besonders zu Statten.

Eine andere Gruppe Haase’scher Charaktere ist diejenige, die sich durch geistige Ueberlegenheit und glänzende Ironie auszeichnet. Der Hauptvertreter dieser Gruppe ist Bolingbroke in Scribe’s „Glas Wasser“, eine Rolle, die zu den besten des Künstlers gehört, wenn sie auch von ihm nicht häufig genug dem Publicum vorgeführt wird.

Auch die feinere Seelenmalerei gehört zu Friedrich Haase’s künstlerischen Vorzügen. Ein Meisterstück hierin ist sein Harleigh in „Sie ist wahnsinnig“, auch sein Arthur von Marsau, in welcher Rolle er die Klippe verliebter Schwärmerei möglichst glücklich umschifft, gehört hierher, ebenso „Narciß“, dessen innere Gebrochenheit und Blasirtheit er trefflich zur Geltung bringt, wenn ihm auch für die Ausbrüche der Verzweiflung am Schlusse Dawison’s niederschmetternde Gewalt fehlt.

Unter den eigentlichen Intriguanten, die auf Haase’s Repertoire stehen, nimmt sein Marinelli wohl den ersten Rang ein. Es ist eine durchaus originelle Schöpfung; nicht die Glätte des Hofmanns, nicht das Lakaienhafte, obschon es durchaus nicht fehlt, tritt in den Vordergrund, sondern das Affenartige und Hämische des Charakters.

Von den historischen Charakterköpfen Haase’s erwähnten wir bereits Cromwell, Alba und Philipp den Zweiten; namentlich ist sein Cromwell eine meisterhaft ausgeführte Gestalt.

Wir sprachen oben schon von der Bewunderung, welche Friedrich Haase für die Dramen des großen britischen Dichters hegt. Nach dem Vorgang der neuen englischen Bühnendirectoren gab Haase den Kaufmann von Venedig und Richard den Dritten mit einer glänzenden theatralischen Ausstattung. Es war das offenbar ein Act der Pietät, aber unser Künstler wurde von Anhängern der keuschen Shakespeare-Observanz dafür zur Ordnung gerufen, als ob er die Muse des großen Poeten dadurch entweiht hätte. Gewiß mit Unrecht! Sobald derartige Ausstattungen den Eindruck der Stimmung erhöhen, welche das ganze dichterische Bild beherrschen soll, sind sie vollkommen berechtigt, und das war bei den meisten Decorationen und Gruppenbildern in beiden Dramen der Fall. Das lustige Maskentreiben von Venedig, die Pracht in den Sälen der reichen Erbin Portia: das alles tritt lebendig vor uns hin. In Richard dem Dritten werden die großen Haupt- und Staatsactionen und die Schlachtscenen mit entsprechendem Pomp inscenirt. Da wir nicht mehr in den Zeiten der Shakespearebühne leben, welche der Phantasie der Zuschauer alles überlassen konnte, sondern in der Zeit der Bayreuther Festvorstellungen, bei denen die Scenerie der offenen Bühne eine ebenso große Rolle spielt, wie die Musik des verdeckten Orchesters, so müssen die scenischen Andeutungen Shakespeare’s, entsprechend den Anforderungen der Gegenwart, an den großen Bühnen illustrirt werden, wenn nicht das Schauspiel, besonders das historische, zum Stiefkind unseres Theaters werden soll. Ein etwas zu prunkhafter Krönungsmantel, der als Bühnenrequisite zu sehr die Aufmerksamkeit auf sich zieht, ist ein verschwindender Fehler gegenüber den dürftigen Ausstattungen, welche große Ensemblescenen des Geschichtsdramas in eine Bettlerkomödie verwandeln, oder der klaffenden Leere, welche uns auf manchen großen Bühnen bei Massentableaus entgegengähnt.

Haase hat sich um den Shakespeare-Cultus durch diese großartigen Ausstattungen der Shakespeare’schen Dramen ohne Frage verdient gemacht; wir können nicht in den Chorus der Tadler einstimmen. Freilich mußten, um das Gleichgewicht herzustellen, auch die Träger der dramatischen Handlung bedeutsam hervortreten. Haase’s „Shylock“ ist eine markige Leistung voll kräftiger Züge, nirgends in Uebertreibung verfallend; sein Richard der Dritte hat in der Scene mit Anna einen dämonisch berauschenden Zauber.

Möge ein so selten begabter Künstler sein Repertoire noch mit manchen Gestalten der neuen und der classischen Production, ob sie nun der ernsten oder heiteren Gattung angehören, bereichern! Nur aus der schönen Wechselwirkung dichtender und darstellender Kraft geht die Blüthe dramatischer Kunst hervor.
Rudolf Gottschall.