Land und Leute/Nr. 7. Die Dithmarschen

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Autor: C. W.
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Titel: Land und Leute/Nr. 7. Die Dithmarschen
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 1, S. 4–7
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1857
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Reisebericht aus der Artikelserie Land und Leute, Nr. 7
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Land und Leute.
Nr. 7. Die Dithmarschen.
Die Tüchtigkeit der Dithmarschen. – Ein Todtenhemd die Mitgift der Braut. – Dithmarsche Trachten. – Ihre Kost und eine Erinnerung aus dem Jahre 1848. – Das Flachsschwingen. – Eine Einladung. – Die Bestattung der Todten. – Hochzeitsfeierlichkeiten. – Eine Meerschaumpfeife der Verlohnungsring. – Bringt Messer, Gabel und Löffel mit. – Das Abholen der Braut. – Der Brauttanz.

Neben dem Ausflusse der Elbe in die Nordsee liegt ein Ländchen, winzig zwar in Betreff seiner Ausdehnung, denn es ist kaum sieben Meilen lang und drei bis vier Meilen breit, doch bedeutsam durch die Geschichte seines Volkes. Die alten Dithmarschen, nach den meisten Geschichtsforschern dem sächsischen Stamm entsprossen, eigenthümlich, einfach, ritterlich und frei,

„friske, riske, starke Degen,
de ehr Hoved in die Wolken dregen,“

wie der alte Chronist Neocorus singt, waren nach Maßgabe ihres Charakters und ihrer Thaten mit den hochherzigen Bewohnern jenes Alpenlandes wie aus einem Holz geschnitten, doch in den Erfolgen ihrer Freiheitskämpfe einzig wegen der Ermangelung äußerer und natürlicher Schutzmittel minder glücklich. Die ungewöhnlich reichen und mit seltsamer Treue bewahrten Traditionen aus Dithmarschens Vorzeit, welche dem Forscher eine reiche Fundgrube eröffnen, sind daher im Allgemeinen eben so interessant, wie im Besonderen für alle jüngeren Generationen begeisternd und anregend.

Die ganze Elb- und Nordseeküste Dithmarschens bildet einen ungemein fruchtbaren Marschgürtel von nicht ganz unbeträchtlicher Breite, den man theilweise im Lauf von Jahrhunderten dem Meere mag abgewonnen haben, und dessen gegenwärtige Bewohner im Allgemeinen unter dem Einfluß der in den letzten Decennien so bedeutend gesteigerten Konjunkturverhältnisse eines hervorragenden Wohlstandes sich erfreuen.

Die Dithmarscher Gestbewohner, die wir von jetzt an schlechthin Dithmarschen nennen wollen, sind unverdrossen bemüht, den Kulturzustand ihres von Natur minder erzeugungsfähigen Bodens zu heben, und es werden von den immer noch in größerer oder geringerer Ausdehnung vorhandenen unurbaren Heideflächen fortwährend neue Felder eingehägt und mit fleißiger Hand in recht fruchtbare Aecker umgewandelt. Was aber dennoch im Vergleich zu jenen sehr bevorzugten Marschgegenden die Natur in Betreff des Landertrags hier versagt, das ersetzt wieder in reichlichem Maße die allgemein vorherrschende Einfachheit und Sparsamkeit, indem die Produkte der Heimath in ihrer Mannigfaltigkeit meistens ausreichen zur Befriedigung der täglichen Lebensbedürfnisse. Flachs, Hanf und Wolle bieten der ländlichen Industrie fast Material genug zur Anfertigung verschiedenartiger Kleidungsstoffe für den minder gang- als geschmacklosen Anzug, der in seiner Eigenthümlichkeit in geringem Grade dem Wandel der Mode unterworfen ist und der selbst da, wo er in seltneren Fällen aus den Vorräthen der Kaufläden completirt wird, von dem Herkömmlichen wenig einbüßt. Wo die Vermögensverhältnisse es irgend gestatten, da wirkt und schafft die Wirthin des Hauses Jahr ein und Jahr aus, daß die Vorräthe an selbstverfertigten – in der hier gangbaren niederdeutschen oder plattdeutschen Mundart „egenreedten“ – Stoffen für alle und selbst für etwa unvorhergesehene Bedürfnisse der Familie ausreichen, und wie weit in dieser Beziehung die Fürsorge geht, das wird zur Genüge einleuchten, wenn wir bemerken, daß in möglichen Fällen der Landessitte gemäß ein Todtenhemd der Mitgift der Braut nicht mangeln darf.

Die älteren Männer vorzugsweise tragen kurze und enganschließende Beinkleider, die oben unterhalb des Kniees mittelst silberner Spangen geschlossen sind, und wenn dabei nicht Schuhe, so doch Stiefel, die nicht zu hoch sind, um die meistens hellblauen Wollstrümpfe ganz zu bedecken. Eine gewöhnliche Tracht daneben ist eine kurze Jacke, welche die ganze Naturwüchsigkeit der in der Regel sehr kräftigen Figuren unverhüllt zur Schau stellt. Der Rock dagegen, dessen Schöpfer in weiser Selbstgefälligkeit die moderneren Façons neuerer Zeit fast für Gespenster halten mag, erscheint nur in Galla. Denken wir uns endlich noch einen breitkrämpigen schwarzen Filzhut hinzu, dessen Rand an drei Seiten aufgebunden ist, „Pustdelamphoot“ (Pust de Lamp ut – Blas’ die Lampe aus –), so haben wir das vollständige Bild eines alten Dithmarscher Bauern vor uns. Etwas abweichend von dieser Tracht erscheint die der jüngern Bauern und der Burschen, indem letztere meistens schon mit langen Beinkleidern und als Kopfbedeckung mit Mützen bekleidet sind. Die Frauen dagegen tragen tief auf der Brust und auf dem Rücken ausgeschnittene Jacken, lange und breitgestreifte wollene Röcke und

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Die Gartenlaube (1857) b 005.jpg

Dithmarscher Leute.

Schuhe mit großen Silberspangen. Den Kopf bedeckt eine kleine, fest anschließende, mit breiten Seiden- und häufig auch mit Goldband besetzte Mütze, deren lange und breite, tief auf die Brust herabhängende Seidenbänder unter dem Kinn in große Schleifen zusammengefügt sind. Bei festlichen Gelegenheiten wird dieser Anzug noch vervollständigt durch eine weiße sogenannte „Schnippe,“ welche vorn mit breiten Spitzen besetzt ist. Dieselbe, sehr sauber geglättet, umschließt, walzenförmig zusammengebogen, den ganzen Kopf, und ragt mehr oder weniger über die Stirn hervor.

Die Kost der Dithmarschen, meistentheils aus Schwarzbrot, Mehl und Schweine- und Ochsenfleisch bestehend, ist eben so einfach, als derb. Viel Gemüse gibt nach dem gewöhnlichen Sprachgebrauch einen hungrigen Tisch, und kehrt der junge Wanderer aus südlicheren Ländern, und selbst aus dem Innern Deutschlands heim nach den Gestaden der Nordsee, so war in der Regel nach seinen Schilderungen zu leichte Kost die größte Plage seiner Pilgerfahrt. Der „Mehlbeutel“ (Budding), ein in ein leinenes Tuch fest zusammengepreßter und demnächst gekochter Mehlteig von sechs bis neun Zoll Durchmesser, neben welchem gekochter Schweinespeck oder Rauchfleisch gegessen wird, behauptet im Allgemeinen in der Reihe der Delikatessen den ersten Rang und darf, mit Pflaumen und Rosinen durchmischt, bei keiner Festlichkeit mangeln. Hierbei erinnern wir uns einer Anekdote aus der Zeit des deutsch-dänischen Krieges.

Einzelne Abtheilungen der deutschen Reichsarmee fanden auf [6] dem Kriegsmarsche gegen die Dänen in den Jahren 1848 und 1849 Gelegenheit, Dithmarscher Quartiere zu beziehen, wobei dieselben natürlich nicht selten mit Mehlbeutel werden bewirthet worden sein. Ein solcher war denn auch unter anderen einzelnen Quartiergenossen von der wohlwollenden Wirthin für einen Mittag verheißen worden, und mit seltsamen Illusionen mögen die jungen Fremdlinge jene genußreiche Mittagsstunde erwartet haben. Und siehe, als endlich die kolossalen Lieblinge des Dithmarscher Geschmacks zum Vorschein kamen, wurden dieselben sehr heiter mit dem kriegerischen Ausruf begrüßt: „Hurrah, Vierundachtzigpfünder!“

Von dem im Dithmarschen vorherrschenden Gemeinsinne zeugen die vielen Hülfsleistungen, welche bei mehrfachen Gelegenheiten auf allen Seiten mit größter Bereitwilligkeit übernommen werden, wie z. B. bei der Aufführung von Gebäuden und dem Transport des zu denselben erforderlichen Materials. Solche Mitwirkung wird dann in der Regel mit einem Mehlbeutel honorirt. Zum Brechen („Braaken“) und Reinigen („Schwingen“) des Flachses, dessen Bau in ausgedehntem Maße gepflegt wird, findet sehr häufig auf vorgängige Einladung eine Schaar junger Freundinnen sich ein, für die dann nach beendigter Dienstleistung mitunter wohl auch ein Tänzchen arrangirt wird. Am Tage des Flachsschwingens werden die großen Hausthüren möglichst weit geöffnet, und eine von unten bis oben auf der Hausflur aufgestellte Reihe von hölzernen Schwingstühlen bildet eine fast schnurgerade Fronte, hinter welcher die jungen Schwingerinnen auf gewöhnlichen Stühlen, welche für sie aus dem Wohnzimmer herbeigeholt worden, Platz nehmen. Jede der zu Hülfe gebetenen Freundinnen trägt des Staubes wegen eine weiße leinene Jacke. Munter geht’s an die Arbeit, und das fortwährende Klipp-Klapp der hölzernen Schwingbretter hindert die frohen Dörfnerinnen nicht am Plaudern und Schäkern und Singen. Ein vorübergehender Bursche wirft einige Aepfel oder Birnen in den geschäftigen Kreis, und wird dafür mit einer Ladung eben nicht sehr hart gemeinter Zurechtweisungen abgefertigt.

Die Mädchen necken sich gegenseitig mit ihren Liebschaften, und manche Wange wird hochroth, wenn von irgend einer Seite unvermuthet das Geheimniß des Herzens verrathen wird. Selten aber wird durch solche Scherze die Eintracht gestört, und die mit emsiger und geübter Hand geführte Arbeit wird heiteres Spiel und frohes Leben.

An manchen Orten lebt noch unverändert die Sitte fort, daß jährlich regelmäßig ein oder zwei Mal eine öffentliche Tanzbelustigung für eine ganze Ortschaft eröffnet wird, und haben alsdann der Reihe nach je zwei und zwei Einwohner derselben auf eigne Kosten für Lokalitäten und ein bestimmtes Quantum Branntwein und Bier, sowie für Musik und Erleuchtung zu sorgen. Nachdem am Tage zuvor ein Knabe, „Umbitter“, jedes Haus beehrt hat mit dem altherkömmlichen Gruße:

„N. un O. laet gröten, wo züm
alltosam nie morn besöken wulln
up’n kolen Drunk
un’n lostig’n Sprunk,
up’n Piep Toback
un’n Mund vull Schnack.
Ist’r denn nie nog, gievt nen
met de Wagenrung up de Nack.“ –

findet zu der festgesetzten Zeit in buntem Gemisch Reich und Arm und Alt und Jung zu gemeinsamer Freude sich zusammen, und erst der helle Morgen führt dann meistens die letzten der Fröhlichen vom Tanze zur Arbeit.

Ohne Eigenthümlichkeit ist auch die Bestattung der Todten nicht. Die bei der Ausführung derselben an andern Orten ausschließlich dem Todtengräber obliegenden Dienstverrichtungen, wie die Anfertigung der Gruft und das Läuten der Glocken, werden an manchen Stellen noch abwechselnd der Reihe nach von je zwei und zwei Ortseinwohnern unentgeltlich besorgt. Am ersten Vormittage nach jedem eingetretenen Sterbefalle wird etwa eine halbe Stunde geläutet – „auf dem Stroh geläutet.“ In Folge einer besonderen Einladung wohnen der Einsargung der Leiche die Verwandten, Nachbarn und die dem Trauerhause besonders befreundeten Einwohner des Ortes bei, welche man mit Bier und Branntwein zu bewirthen pflegt, wobei zugleich jedem Einzelnen ein Stück Kuchen (an Stellen eigne Pfefferkuchen) dargereicht wird. Früh am Morgen des Beerdigungstages treffen von vielen Seiten Spenden an Victualien, und namentlich an Butter, Rahm und Eiern als Beisteuer für das einzurichtende Todtenmahl ein, die selbst dann nicht ausbleiben, wenn auch die Betreffenden die Wohlhabendsten des Ortes sind. Nach der Bestattung, etwa um die Mittagszeit, kehrt die ganze Gesellschaft der Leidtragenden in das Trauerhaus zurück, wo der gedeckte und mit Mehlbeutel und gekochtem Schweinschinken reichbesetzte Tisch der Gäste harrt. Mit dem Beginn des Mahles werden gleichzeitig draußen alle augenblicklich zur Disposition stehendem Kräfte in Bewegung gesetzt, um gefüllte Schüsseln nach allen Wohnungen zu expediren, aus denen am Morgen Spenden eintrafen, wie man es daneben nicht zu versäumen pflegt, für die Heimkehr der entfernt wohnenden Verwandten einen Mehlbeutel als Mitgabe in Bereitschaft zu setzen.

Mannigfaltiger sind die bei Verlobungen und Hochzeiten vorkommenden Gebräuche und Formalitäten. Auf beiden Seiten wird gemeiniglich die Mitgift sehr in’s Auge gefaßt und wo’s irgend thunlich ist, muß zum Besitz Vermögen kommen. Für den besitzlosen Jüngling ist es daher außerordentlich schwer, unter den Wohlhabenden eine Braut zu finden, und zunächst der Vermögensverhältnisse halber wird es nicht so ganz selten vorkommen, daß der Cousin die Cousine heirathet. Sehr häufig werden die Eheversprechungen bei öffentlichen Vergnügungen abgeschlossen. Wo in Ermangelung geeigneter Gelegenheiten dies nicht hat geschehen können, da übernimmt in vielen Fällen ein Brautwerber („Freiwerber“) die Vermittlung. Nach der Entgegennahme des Antrages bestimmt die Erkorene in der Regel eine Bedenkzeit, nach deren Ablauf der Freier selbst sich einzufinden pflegt. Hat in zweifelhaften Fällen durch die mehr oder weniger ausgedehnten Berathungen eine Verständigung zwischen der betreffenden Jungfrau und deren Eltern oder Vormund nicht erzielt werden können, dann wird eine Verlängerung jener Frist erbeten. War der Heirathsantrag willkommen und ist die Maid entschlossen, das „Jawort“ zu ertheilen, dann setzt sich für den vorher bestimmten Tag die ganze Hausgenossenschaft auf einen festlichen Empfang des Freiers in Bereitschaft. Auf einem muthigen Rosse, wo dies die Verhältnisse gestatten, trifft der Erwartete ein und bei festlicher Bewirthung wird dann die Verlobung abgeschlossen. Hierauf „wechselt bei erster Gelegenheit das Brautpaar die Handtreue.“ Der Bräutigam schenkt nämlich der Auserwählten bis auf seltene Ausnahmen ein aus Silberperlen bestehendes Halsgeschmeide und ein mit Silberhaken versehenes Gesangbuch, wogegen die Braut eine silberne Uhr nebst Kette, sowie eine mit Silber beschlagene Meerschaumpfeife zu spenden pflegt. Vollständig ist dann mit dieser Förmlichkeit die Verlobung besiegelt.

Schnell ist gemeiniglich die Kunde von dem erfreulichen Ereigniß von Haus zu Haus und von Dorf zu Dorf verbreitet, und vor Allem die tanzlustige Jugend ergeht sich eifrig in Vermuthungen, ob die bevorstehende Hochzeit eine „stille“ oder „lustige“ sein werde. An Zureden fehlt’s nicht, bis endlich glücklicher Weise die Wahl auf Letztere gefallen ist. Der Freudentag naht heran und die vielfachen Vorbereitungen beginnen. Das Haus des Bräutigams ist in vielen Fällen das Hochzeitshaus und wird daher vollständig restaurirt, wie gleichzeitig fast in jeder Wohnung des Dorfes getüncht und gepinselt wird. Der Lehrer des Ortes beschafft unter Mitwirkung der geübteren Jugend die Ausfertigung der kolossalen Einladungsbriefe, in denen vor Allem die Gäste von dem Brautpaar ersucht werden, Messer, Gabel und Löffel mitzubringen. Die Vorbereitungen zum Hochzeitsmahle besorgen größtentheils die Köchinnen und in einer dem Bedürfniß des Tages entsprechenden Anzahl werden befreundete Männer oder Burschen eingeladen, als Aufwärter oder „Schaffer“ zu fungiren. Von diesen werden die Speise- und Tanzlokalitäten vollständig in Bereitschaft gesetzt und die Bier- und Branntweinfässer angezapft. Die zur Zierde des Wohnzimmers in langer Reihe auf einem Sims postirten Zinnteller, wie die an der Wand hängenden zinnernen Bierkrüge verlassen ihren Platz. Bretter über aufrecht gestellte Tonnen gelegt, dienen als Bänke. Mit dem bereits oben angeführten Gruße geht wieder der „Umbitter“ von Haus zu Haus und ladet Alles zum Tanze, was nicht schriftlich zur Theilnahme an sämmtlichen Hochzeitsfeierlichkeiten hat aufgefordert werden können.

Am Nachmittage vor der Hochzeit läßt sich der Bräutigam vor die Thür der Braut fahren, wenn nicht zufällig beide an einem Orte wohnen. Nach kurzer Bewirthung des Gastes nimmt die Braut Abschied, um an der Seite des Bräutigams das elterliche Haus zu verlassen. Zwei im Vorwege geladene Brautjungfern setzen sich, mit einem Spinnrade und „Haspel“ (Garnwinde) versehen und diese lustig drehend, auf den hinter dem Brautpaare befindlichen Stuhl und während hier und da Gewehr- und Pistolenschüsse knallen, geht die Brautfahrt rasch von dannen. Am Ziel derselben werden die Ankommenden [7] gleichfalls mit zahlreichen Schüssen begrüßt. Vor dem Hochzeitshause sind die Eltern und Geschwister des Bräutigams und die im Orte wohnenden nächsten Verwandten, sowie die Schaffer und Köchinnen zum Empfange der Braut versammelt. Diese wird zuvörderst nach Brauch und Sitte aufgefordert, die in Betreff der Aufnahme fremden gesetzlich vorgeschriebenen Legitimationsatteste zu produciren und da solche mangeln, wird ihr Anfangs der Zutritt verweigert, wie man gleichzeitig zu verhindern bemüht ist, daß das inzwischen von einem Nebenwagen genommene Brautbett in’s Haus geführt wird. Nach vielen albernen Umschweifen wird endlich der Ankommenden der Eintritt gestattet. Ein Schaffer reicht darauf mit einem Glase rothen Branntwein, den man für den Winter fast in jedem Hause präparirt, den Willkomm. Die Brautleute trinken und werfen demnächst resp. Flasche und Glas über den Kopf zur Erde. Sind dieselben nicht bereits durch den Fall zerbrochen, was man immerhin schon als eins der bedenklichsten Omina’s zu bezeichnen pflegt, so werden sie zu zahllosen Scherben zertreten. Hiermit ist der Einzug, im plattdeutschen Dialekt „Inschuv“ genannt, beendigt und sofort beginnt man, in dem Brautgemach das Paradebett der Braut aufzuschlagen und mit Blumen und Bändern zu schmücken. Ein „Mangelbret und Mangelstock“ (Zeugrolle) werden neben dem Brautbette hingehängt, wie das Spinnrad und der Haspel der Brautjungfer auf eine im Brautgemach stehende Lade postirt werden.

Am Vorabend, wie am folgenden Morgen gehen wiederum von allen Seiten, wie bei der oben erwähnten Todtenfeier, reiche Spenden an Eiern, Rahm und Butter ein. Mit dem Beginn des Hochzeitstages wird auf dem Hofraume eine für die Zubereitung des Mahles bestimmte Vorkehrung hergestellt. Aufrecht stehende Pfähle oder Stangen werden nämlich in den Boden gesenkt und oben mittelst einer Querstange verbunden. An letztere werden große kupferne Kessel mittelst Haken befestigt, und nachdem nun noch ein Feuer angeschürt worden, beginnt die improvisirte Küche ihre Thätigkeit.

Währenddeß wird im Hause die Braut mit einer goldglänzenden Krone stattlich geschmückt und mit Blumenguirlanden umwunden. Eine vorläufig mit Waldhörnern, Clarinetten und Flöten bewaffnete Musikbande nimmt neben dem Eingange des Hauses Stand, um die sehr zahlreich eintreffenden Gäste successive mit einem feierlichen Tusch zu begrüßen, wie dieselbe später das Brautpaar an die Kirche und nach der Trauung von da zurückbegleitet. Befindet sich das Hochzeitshaus in einem der Kirche mehr oder weniger entlegenen Orte des Sprengels, so wird die von zwei „Beisitzerinnen“ begleitete Braut von zwei muthigen und im sausenden Galopp dahingehenden Rappen, welche bereits seit Wochen daheim aus der Krippe eine angemessene Vorbereitung genossen, nach dem Kirchorte abgeführt, und etwa zehn bis funfzehn Minuten später folgt der Bräutigam gleichfalls in Begleitung von zwei „Beisitzern“ ihr nach. Längs des Weges harrt in gespannter Erwartung bereits eine lange Reihe von Kindern, die gekommen sind, um zu „schnüren.“ Dieselben sind nämlich bewaffnet mit langen Stöcken, welche sie beim Nahen der Wagen über die Spur werfen, wofür ihnen kleine Geldstücke entgegen fliegen. Nach der Trauung eröffnet der Bräutigam den Zug. Heimgekehrt wird Jeder der Burschen, welche während der fast gefahrvollen Brautfahrt ihre Kutschergewandtheit zur Schau stellten, mit einem stattlichen Tuche beschenkt. Zwei- bis vierhundert Personen sind bereits um die inzwischen vollständig servirten Tische versammelt, von denen unter andern die stattlichen Brautkuchen gar freundlich winken.

Alles harrt des Eintritts der Brautleute, die in der Regel der Pfarrer zu begleiten pflegt. Die Braut nimmt in der Mitte ihrer Beisitzerinnen Platz unter dem Spiegel, wo ihr zu Häupten ein Gesangbuch und ein Nadelkissen mittelst farbiger Seidenbänder befestigt worden. Gleich den Schaffern eine saubere Serviette über die Schulter werfend, theilt jetzt der Bräutigam das Geschäft der Aufwärter. Weinsuppe, Mehlbeutel mit Schinken, Rinderbraten und Kuchen machen meistens die verschiedenen Gänge des Hochzeitmahls. Das ganze Haus füllt Klang und Sang und Lust und Leben. Von den außerordentlich reichen Vorräthen des Mahles werden auch jetzt wieder, wie bei allen festlichen Gelegenheiten, angemessene Rationen nach denjenigen Häusern expedirt, aus denen am Morgen eine Beisteuer der erwähnten Art einging, wobei insonderbeit aber die Alten und Leidenden nicht zu vergessen sind und auch Alles, was daheim geblieben, mitspeist. Nachdem am Schlusse durch einige in Circulation gesetzte Teller die Köchinnen ein Douceur sich erbeten, wird die Tafel aufgehoben. Nach und nach finden sich jetzt auch die jungen Tänzer des Dorfes ein und es eröffnen nunmehr die Schaffer und Köchinnen den Reigen. Alles hüpft und springt und singt beim Klange des mitunter freilich etwas hausbackenen Orchesters fröhlich durcheinander und Jedermann scheint eingedenk zu sein, daß nicht alle Tage Hochzeit sei. Zur Mitternachtszeit werden die Brautleute, wie die fremden Gäste hierhin und dorthin zum Kaffee und Abendbrot geladen. Am Schluß der Hochzeitsfeier folgt der Brauttanz, an dem außer dem Brautpaar die Beisitzer und Beisitzerinnen Theil nehmen. Alle Schaffer und Schafferinnen stehen währenddeß im Kreise und halten zwischen zwei und zwei Fingern ein brennendes Licht, also in jeder Hand vier Lichter. Nachdem eine Weile getanzt ist, verliert sich plötzlich forttanzend das Brautpaar in eine neben dem Tanzlokale befindliche Kammer, wird jedoch von allen Anwesenden verfolgt und hervorgezogen, worauf Alles die Braut umringt und unter Musikbekleidung sie ihres Brautschmuckes entledigt, womit die Feier beendigt ist. Nachdem die erfreuten Gäste ihre zum Theil recht werthvollen Gaben gespendet, scheiden dieselben nun mit den herzinnigsten Wünschen für das ganze Lebensglück der Gefeierten.

C. W.