Der Bandwurm (Bock)

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Textdaten
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Autor: Carl Ernst Bock
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Titel: Die Schmarotzer des Menschen. Der Bandwurm
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 1, S. 7-9
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1857
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Die Schmarotzer des Menschen.
Der Bandwurm.

Nach dem Tode nicht nur wird unser Körper zur Wohnung und Nahrung von Thieren und Pflanzen, auch schon bei unsern Lebzeiten schmarotzen derartige Geschöpfe auf und in unserm Körper herum. Diese Schmarotzerei macht uns manchmal so große Plage, daß man die Zweckmäßigkeit derselben kaum einzusehen vermag. Von einigen thierischen Schmarotzern, welche auf uns herumkriechen und hüpfen, wie Läuse, Flöhe, Wanzen, Milben, meint Schultz von Schultzenstein, daß dieselben dazu geschaffen, damit sie, wenn der faule Mensch in Schmutz versinkt, diesen durch Jucken zum Kratzen und so zur Mauserung seiner Haut zwingen. Einer meiner Freunde hätschelt seinen Bandwurm deshalb als Mitesser, damit er (nämlich mein Freund) nicht zu dick wird und die Taille verliert. Manche ungebildete Völker, wie die Buschmänner, die Neger und Hottentotten, die Indianer am Missouri und am La-Plata, die Bewohner Neuseelands und der Fuchsinseln, mästen ihr schmarotzendes Ungeziefer, um es als Delikatesse zu verspeisen. Vielleicht haben aber alle Schmarotzer nur den Zweck, zu verhindern, daß es dem Menschen nicht zu wohl werde.

Die Schmarotzer oder Parasiten sind selbstständige, lebende Wesen, welche von eigenen thierischen oder pflanzlichen Eltern abstammen und in oder an einem andern lebenden, menschlichen, thierischen oder vegetabilischen Wesen nicht nur ihren Wohnsitz nehmen, sondern aus demselben auch ihre Nahrung ziehen, um sich entwickeln, gedeihen und fortpflanzen zu können. – Die Parasiten des Menschen stammen also entweder aus dem Thier- oder aus dem Pflanzenreiche; die thierischen Schmarotzer, welche sich’s im Innern des menschlichen Körpers (vorzugsweise im Darmkanale) wohl gehen lassen, nennt man Entozoen, die an der Oberfläche desselben residirenden heißen Epizoen; die pflanzlichen Parasiten sind entweder Entophyten und wachsen dann innerhalb unseres Körpers, oder sie werden Epiphyten genannt, wenn sie am Aeußern des Körpers wuchern. Eine Uebersicht dieser Parasiten folgt im nächsten Aufsatze, vorläufig betrachten wir

den Bandwurm.

Der Bandwurm, welcher den Dünndarm des Menschen bewohnt und dem Einen gar keine, einem Andern nur wenige und einem Dritten zeitweilig sehr große, niemals aber gefährliche Beschwerden macht, stellt einen bandförmig breitgedrückten weißen weichen Strang dar, der aus einem sogenannten Kopfe, der an dem [8] zwirnfadenähnlichen Halse wie ein kleiner Stecknadelkopf erscheint, und aus einer unbestimmten Anzahl einzelner abgeschnürter Glieder besteht. Da jedes dieser Glieder (Proglottiden) ein vollständiges Thier ist, so muß der Bandwurm als eine Wurmkette oder Kolonie bezeichnet werden. Diese Kolonie nimmt ihren Ursprung vom Kopfe aus, denn dieser ist das Mutterthier (Scolex), und vergrößert sich durch Nachwachsen von Gliedern von oben her. Die Glieder und zwar die am untern Ende der Wurmkette, gehen, sobald sie reif (trächtig, mit Eiern gefüllt) sind, von Zeit zu Zeit von selbst mit dem Stuhle ab. Das Mutterthier oder der Kopf entwickelt sich aus einem Bandwurmeie eines Gliedes, jedoch nicht sogleich als Bandwurm und auch nicht gleich im Darmkanale, sondern erst als geschlechtsloser Blasenwurm (Finne, Bandwurmlarve) und erst im Fleische eines fremden Thieres (besonders des Schweines). Gelangt dann dieser Blasenwurm in den Darmkanal, dann erst verwandelt er sich unter Abstoßung der Blase und Abschnürungen des Halses aus einem Finnenwurme in einen Bandwurm, dessen Kopf also der des Finnenwurmes ist und nun zum Mutterthiere wird.

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Bandwurm.

Beim Menschen hat man bis jetzt drei Bandwurmarten gefunden, nämlich:

1) den Ketten- oder Kürbiswurm, den schmalen oder langgliedrigen Bandwurm (Taenia solium), welcher in Deutschland, England und Holland zu Hause ist und oft 30 bis 50 Fuß lang wird. Der auf einem dünnen, schmalgeringelten, etwa 6 Linien langen Halse sitzende Kopf, welcher die Größe eines Stecknadelkopfes hat, gegen 1 Linie lang und häufig schwarzbraun gefärbt ist, zeigt bei diesem Bandwurme 4 scheibenförmige Saugmündungen oder Saugnäpfe (Ventousen), die sich nach innen zu einstülpen und so zum Saugen dienen können, sodann einen doppelten Kranz von 22 bis 28 Haken, die in den von schwarzen Körnchen umgebenen bechergläserähnlichen Hakentaschen stecken. Dieser Hakenkranz, – dem oft (im höheren Alter des Thieres?) Haken entfallen, so daß die Taschen leer gefunden werden, – dient wahrscheinlich zur Befestigung des Wurmes an die Darmwand. Kopf und Hals des Thieres enthalten kleine Kalkkörnchen. Der Körper des Kettenwurmes beginnt hinter dem Halse sich zu gliedern, jedoch so, daß die Glieder, welche ihre größte Länge von vorn nach hinten haben, anfangs fein sind und nur allmälig breiter (von 1/12‴ bis zu 7 Linien breit) werden. Erst vom 280sten Gliede etwa an werden am Rande des Gliedes Spuren von Geschlechtstheilen, und zwar in jedem einzelnen Gliede ebenso von männlichen, wie von weiblichen Genitalien, wahrnehmbar (denn der Bandwurm ist ein Zwitterthier); aber erst vom 600sten Gliede an enthalten die Glieder Eier, aus denen aber, wie früher schon erwähnt wurde, wenn sie reif und sammt dem Gliede entleert wurden, nicht gleich Bandwürmer, sondern Finnenwürmer auskriechen. Natürlich mußten die Bandwurmeier vorher aus ihrer Lagerstätte im Bandwurmgliede befreit, von einem Thiere aufgenommen und in dessen Fleisch gelangt sein, ehe sich aus ihnen Finnenwürmer entwickeln konnten. Das Thier, in dessen Fleische dies am häufigsten geschieht, ist das Schwein, weshalb auch der Bandwurm, der sich ja aus dem Finnenwurme, sobald dieser in den Darmkanal gelangt, erzeugt, vorzugsweise beim Genusse von Schweinefleisch (Wurst) und da wo die Schweinezucht blüht auftritt, während derselbe bei strenggläubigen Juden und Muhamedanern äußerst selten gefunden wird.

2) Der breite Bandwurm (Taenia lata), – welcher weit weniger Beschwerden als der vorige macht und in der Schweiz, in Frankreich, Polen, Rußland und Schweden zu Hause ist, dagegen in Deutschland höchst selten und nur eingeschleppt vorkommt, – unterscheidet sich vom vorigen und folgenden Bandwurme dadurch, daß seine reifen, mehr viereckigen Glieder ihre größte Länge von einer Seite zur andern (in der Breite) haben, daß der Kops ohne Bewaffnung, blos mit zwei seitlichen Gruben versehen ist, und daß die Genitalien nicht am Rande, sondern in der Mitte jedes Gliedes ihre Lage haben.

3) Der Kanalwurm (Taenia mediocanellata), welcher der beschwerlichste und hartnäckigste der Bandwürmer und weit breiter und feister als die beiden vorigen ist, läßt sich durch einen in der Mitte der Glieder der Länge nach verlaufenden Mittelkanal erkennen. Sein großer Kopf hat 4 schwarze Saugnäpfe, aber keinen Hakenkranz; er wird in Europa und Afrika gefunden.

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Saugnäpfe und Hakenkranz.

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Finnenwurm.

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Hakenkranz.

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Glied mit Eilager.


Ob Jemand den Bandwurm in seinem Darme mit sich herumträgt, kann er nur dann erst mit Sicherheit wissen, wenn Theile dieses Wurmes wirklich abgehen, denn alle sogen. Wurmzufälle, in Verdauungs-, Ernährungs- und Nervenstörungen bestehend, sind ganz unsichere Erscheinungen. Der Verdacht des Vorhandenseins eines Bandwurmes läßt sich allenfalls dann fassen, wenn öfters beim Fasten oder nach dem Genusse von Dingen, die dem Wurme zuwider sind (wie: Zwiebeln, Knoblauch, Meerrettig, Senf, Möhren, Sauerkraut, Spargel, Rettig, saure Gurken, Obst, Sardellen und Hering u. s. w.) Empfindungen im Unterleibe von Kriechen, Winden, Wogen oder Saugen entstehen, und dieselben durch Milch, Butterbrot und überhaupt nahrhafte Speisen auffallend rasch beseitigt werden. – Daß man diesen Schmarotzer ganz los ist, läßt sich [9] immer nur erst durch Auffindung des Bandwurmkopfes bestimmen.

Das beste Mittel, um zu probiren, ob ein Wurm vorhanden sei, ist die Kousso, ein uraltes Volksmittel in Ostafrika, welches ziemlich sicher und ohne Beschwerden einzelne Glieder und Stücke desselben, desto seltener aber den Kopf abtreibt. Um sich vor dem Bandwurme zu hüten, vermeide man die Schweinefinne (im rohen und halbrohen Schweinefleische, in Würsten); um sich von demselben zu befreien, ziehe man einen Arzt zu Rathe, der zu erwägen versteht, welche Abtreibungs-Methode im vorliegenden Falle zu wählen ist und wie viel der Patient vertragen kann; denn alle Fälle über einen Leisten zu behandeln ist hier eben so unstatthaft, wie bei andern Uebeln. Zum Abtreiben des Wurmes wählt man am besten eine Zeit, wo ohnedies Wurmstücke abgegangen sind, das Thier also voraussichtlich in der Mauser und tiefer unten im Darmkanale befindlich ist. Die Kur muß stets rasch, kräftig und consequent durchgeführt werden, ehe der Wurm Zeit findet, sich zu erholen und wieder anzusaugen. Als Vorkur, um den Bandwurm schwach zu machen, dient am besten sehr schmale Kost und reichliches Trinken heißen Wassers. Von den wurmwidrigen Mitteln verdient die Granatwurzelrinde in Gemeinschaft mit Farrnkrautwurzel das meiste Vertrauen. Sobald der Wurm keine besonderen Beschwerden verursacht und die Ernährung nicht beeinträchtigt, ist es am besten, unter Anordnung einer zweckmäßigen Diät, seine Entfernung der Zeit zu überlassen. Und was thut denn nun der Homöopath beim Bandwurme? Er gesteht die Wirkungslosigkeit seiner Arzneien ganz ruhig ein und sagt: das Abtreiben des Wurmes ist mit homöopathischen Mitteln mit Sicherheit nicht (!?! d. h. gar nicht) zu erzielen. – Schließlich richten wir an die Aerzte und Bandwurmbesitzer noch den Wunsch, dem armen Wurme nicht alle die Leiden sofort in die Schuhe zu schieben, welche bei einem Wurmkranken zu Tage treten, aber den heimtückischen Schmarotzer auch nicht gar zu gering zu achten.
Bock.