Legrenne, der Pariser Zigeuner

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Ludwig Kalisch
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Legrenne, der Pariser Zigeuner
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 45, S. 712–714
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1867
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[712]
Legrenne, der Pariser Zigeuner.
Von Ludwig Kalisch.


Nach der Behauptung des Seine-Präfecten Haußmann besteht die Einwohnerschaft von Paris nicht aus Parisern, sondern aus Nomaden. Diese Behauptung ist nun freilich übertrieben; indessen ist es doch eine unbestreitbare Thatsache, daß in keiner andern Stadt unsers Welttheils die Bevölkerung aus solch’ bunt zusammengewürfelten Elementen besteht, wie in der Hauptstadt Frankreichs. Hier sind alle Nationalitäten, fast alle Schattirungen der Menschenracen vertreten, und Paris hat eine solche unwiderstehliche Assimilationskraft, daß jeder Fremde hier nach einem längeren Aufenthalte sich in einen Pariser verwandelt. Nur eine Race lebt in Paris, auf deren Eigenart die Weltstadt kaum einen Einfluß ausübt, ich meine die Zigeuner. – Als wirkliche Nomaden haben sie eine unüberwindliche Scheu gegen jeden bleibenden Wohnsitz. Sie leben auch nur in Paris während der rauhen Jahreszeit und dann auch nicht in Häusern, sondern in ambulanten Wohnungen.

In einem weiten Hofraum oder vielmehr auf einem Bauplatz in der Avenue de Clichy steht ein alter, von Müll, Kehricht, Steinhaufen und allerlei unnennbarem Gerümpel umgebener Karren. Dieser Karren, der von außen einem kleinen, gebrechlichen Omnibus gleicht, ist die Wohnung einer Zigeunerfamilie. Der Chef derselben heißt Legrenne, ein Siebenziger, der während seines langen Nomadenlebens aller Herren Länder gesehen und so manchen Sturm erlebt hat. Ihm habe ich über das Wesen der Zigeuner manche Aufschlüsse zu verdanken, die ich meinen Lesern mittheilen will.

Während des Winters leben in Paris etwa fünfzig Zigeunerfamilien. Sie treiben verschiedene Handwerke, die keinen festen Wohnsitz erfordern. Sie sind Korbflechter, Kesselflicker, fahrende Musikanten. Einige besuchen die Werkstätten der Maler und Bildhauer, Andere gehen mit Affen und abgerichteten Hunden herum. Sie sind zwar katholisch, aber nur dem Namen nach. Sie besuchen keine Kirche und, die geschäftlichen Beziehungen abgerechnet, verkehren sie überhaupt wenig mit Nichtzigeunern, die sie „Gadshos“ oder „Weiße“ nennen. Unter sich selbst leben sie jedoch in einem innigen Zusammenhang. Sie besuchen sich nicht nur, sondern sie unterstützen sich auch gegenseitig, oder vielmehr sie theilen miteinander. Mit Franzosen sprechen sie französisch, wie sie denn überhaupt die Sprache jedes Landes sprechen, in welchem sie leben; untereinander aber sprechen sie nur die Zigeunersprache, die bekanntlich, wie die Race selbst, hindostanischen Ursprungs ist. Daß im Laufe der Zeit und bei der unstäten Lebensweise der Zigeuner ihre Sprache manche fremde Elemente aufgenommen, ist erklärlich. Die in Deutschland und Ungarn lebenden Zigeuner sprechen am besten, die in Spanien lebenden weniger gut; indessen verstehen sich doch die Zigeuner aller Länder sehr leicht untereinander.

Ihr Familienleben beruht zwar auf keiner gesetzmäßigen Ehe, doch ist die eheliche Untreue sehr selten, ja fast unerhört und wurde ehedem, als die Zigeuner ausschließlich in den Wäldern lebten und Waffen trugen, furchtbar gestraft. Das Weib, das sich eines Fehltritts schuldig gemacht, mußte vor der versammelten Bande den rechten Arm ausstrecken und der Beleidigte jagte ihr eine Kugel durch denselben. Der alte Legrenne hat einer solchen Strafe in seinen Jugendjahren beigewohnt und er versichert, daß der Eindruck, den sie in ihm hervorgebracht, im Laufe der Zeit nichts von der Lebhaftigkeit verloren.

Wenn ein Mädchen sich verging, so wurden ihm von dem Vater oder dem Bruder oder sonst einem Verwandten die Haare abgeschnitten, was als eine große Schmach angesehen wurde. Diese Strenge steht durchaus nicht im Widerspruch mit dem weder durch die Kirche, noch durch den Staat geregelten Eheverhältniß. Sie unterwerfen sich keinem Gesetze, allein sie waren und sind zum Theil noch jetzt die Sclaven ihrer Sitten und Gebräuche. Ein Zigeunermädchen schließt sich zwar sehr häufig ohne Wissen der Eltern einem jungen Manne an und sucht erst später die Einwilligung derselben zu erlangen, aber sie hängt dann an ihrem Gatten in unverbrüchlicher Treue.

Eheliche Verbindungen zwischen Zigeunern und „Weißen“ kommen niemals vor. Obgleich die jungen Zigeunerinnen oft von außerordentlicher Schönheit sind und in der Weltstadt ihr Glück machen könnten, treten sie doch niemals in eine engere Beziehung zu Männern, die nicht zu ihrem Stamme gehören. Ebensowenig tritt ein Zigeuner in Verbindung mit einem Weibe außerhalb seiner Race. Eine entschiedene Abneigung, die nicht blos durch Erinnerung an erlittene Verfolgungen hervorgerufen, sondern in dem Racenunterschiede zu wurzeln scheint, hat sie bisher von jeder Familienverbindung mit „Weißen“ abgehalten. Ist eine Zigeunerin des Umgangs mit einem Weißen verdächtig, so wird sie von ihrem Stamm als ein Gräuel betrachtet und man verbittert ihr das Leben auf jede mögliche Weise. Noch gegen Ende des vorigen Jahrhunderts, als sich die Zigeuner schaarenweise bewaffnet in den Wäldern herumtrieben und die Wachsamkeit der Polizei zu vereiteln wußten, wurde ein solcher nur einigermaßen gegründeter Verdacht durch den Tod bestraft. Die Schuldige wurde unerwartet von dem rächenden Dolch ereilt.

Die Zigeuner sind große Schleckermäuler. Ein guter Bissen geht ihnen über Alles, und sie wenden ihren ganzen Scharfsinn an, um zu einem solchen zu gelangen. Ihr Lieblingsgericht ist der Igel, den sie jeder andern Speise vorziehen. Sie machen beständig Jagd auf dieses Thier, das in der nächsten Umgegend von Paris nicht selten ist und im Wald von Fontainebleau in großer Menge lebt. Sie besuchen daher sehr häufig diesen Wald und kehren niemals ohne Beute zurück. Ist diese besonders ergiebig, so wird brüderlich mit den andern Zigeunern getheilt. Die Igeljagd wird besonders im October lebhaft betrieben, wo das Fleisch des Thieres am schmackhaftesten sein soll.

Während des Winters sind sie sehr unglücklich, denn abgesehen davon, daß sie in ihren unter freiem Himmel stehenden Karren nicht sonderlich vor den bösen Launen der Witterung geschützt sind, wird es ihnen auch schwer, sich in Paris die Mittel für ihren Lebensunterhalt zu verschaffen, da sie nicht gern arbeiten. Dazu kommt noch, daß sie die Städte hassen und nur in der freien Natur sich behaglich fühlen. Sobald der Frühling naht, ist ihres Bleibens nicht mehr und sie verstreuen sich nach allen Richtungen des Landes. Dieser Trieb, mit dem Beginn des Lenzes in der freien Natur zu leben, regt sich in ihnen so gewaltig, daß sie ihm schlechterdings nicht widerstehen können. Eine Zigeunerin, die unter dem Nennen Madeleine in den Pariser Künstlerwerkstätten sehr bekannt ist und auf die ich noch zurückkommen werde, erzählte mir, daß sie einst an sich selbst die Gewalt dieses Triebes erlebte. „Ich saß an einem Märztage,“ sagte sie, „als Modell im Atelier des Malers H–t. Ich dachte nur an meine Stellung, mit welcher der Künstler ganz besonders zufrieden war. Nach einiger Zeit wurde die Luft im Atelier etwas drückend und der Künstler öffnete das Fenster. Sobald aber dasselbe geöffnet war und ich einen grünenden Baum sah, dessen Wipfel die Sonne vergoldete, war es mir trotz aller Bitten und Ermahnungen des verzweifelten Malers nicht möglich, länger im Atelier zu bleiben. Ich lief, als ob ich von einem unsichtbaren Geiste getrieben würde, hinaus in’s Freie, bis ich nach St. Ouen kam, wo ich lange auf dem Rasen herumsprang, mich dann unter einen Baum lagerte, [713] in den Himmel schaute und den Zug der Wolken betrachtete. Erst spät am Abend kehrte ich nach Paris zurück. Ich glaube, ich wäre gestorben, wenn ich das Atelier nicht verlassen hätte.“

Mit den ersten Frühlingsstrahlen verlassen sie, wie gesagt, die Stadt und strolchen in den Dörfern herum. Die Männer treiben dort besonders Taschenspielerei und Musik, während die Frauen durch Wahrsagerei sich schlecht und gerecht zu ernähren suchen. Die Wahrsagerei geht bei weitem nicht mehr so gut, wie ehedem. Die Bauern sind zwar nicht aufgeklärter, sie sind aber mißtrauischer geworden, und wenn sie auch noch an gar manchem Aberglauben festhalten, so sind sie doch nicht geneigt, ihm zu Gefallen ihren Geldbeutel in Anspruch zu nehmen. Es wird also den Zigeunern jetzt sehr schwer, ein fettes Opfer des Aberglaubens aufzutreiben. Indessen gelingt es ihnen doch zuweilen. So kam vor Kurzem eine Zigeunerin zu einer reichen Bauernwittwe und versicherte derselben, daß in ihrer Scheune ein großer Schatz verborgen sei, den man ohne Kosten heben könne. Die Bäuerin schüttelte zwar anfangs ungläubig den Kopf, die Beredsamkeit der Zigeunerin aber, die steif und fest behauptete, sie habe das Dasein dieses Schatzes am Jucken ihres linken Daumens verspürt, und die Versicherung, daß sie nur dann eine angemessene Belohnung verlange, wenn der Schatz gehoben sein würde, brachten doch endlich eine große Wirkung auf die Einbildungskraft der Wittwe hervor und sie fragte, welche Mittel zur Hebung des Schatzes angewendet werden müßten. Die Zigeunerin forderte vor Allem die größte Verschwiegenheit und ließ dann die Wittwe einen unangebrochenen Schinken, ein unangebrochenes Laib Brod, ein Pfund frischer Butter und ebensoviel Salz bringen. Als diese Victualien auf dem Tische lagen, nahm sie von jedem derselben ein wenig, wickelte jedes besonders unter sonderbaren Geberden und leisem Gemurmel in ein Stückchen weißes Papier und sagte sodann der Bauernfrau, diese müßte selbst die vier Papierpäckchen je in einer Ecke der Scheune verstecken, was aber die Victualien beträfe, von denen soeben die winzigen Theile genommen worden, so dürften sie weder von Menschen, noch von Thieren genossen, sondern müßten um Mitternacht an der Nordseite der Kirchhofmauer zwei Fuß tief eingegraben werden.

Die Bäuerin, die um Alles in der Welt dies Geschäft nicht um Mitternacht übernehmen wollte, übertrug der Zigeunerin die Ausführung desselben. Die Zigeunerin willigte nach einigem Sträuben ein, nahm Schinken, Brod, Butter und Salz in die Schürze und versprach nach zwei Tagen wieder zu kommen und den Schatz zu heben. Es versteht sich von selbst, daß sie mit den Ihrigen die schmackhafte Beute wohlgemuth verzehrte und sich bei der Bäuerin nicht mehr blicken ließ.

Früher haben die Zigeuner durch Beschwörungen und Verwünschungen sehr viel Geld auf dem flachen Lande verdient, und man muß zu ihrer Rechtfertigung sagen, daß sie selbst von dem Aberglauben befangen waren, den sie bei Andern ausbeuteten. Sie waren von der Wirksamkeit ihrer Zauberformeln fest überzeugt und bewahrten diese als ein kostbares, ihnen vor Urzeiten von gewaltigen Geistern anvertrautes Geheimniß. Als ich Legrenne fragte, warum er nicht als Beschwörer sein Brod zu verdienen suchte, sagte er schwermüthig: „Wir besitzen das Geheimniß nicht mehr. Die Alten, die es besaßen, haben es mit in’s Grab genommen. Sie haben nicht nur unfehlbare Sprüche gegen Gewitter und Hagelschlag, gegen Ueberschwemmungen und Feuersbrünste besessen, sondern sie wußten auch sich selbst und Andere durch Zauberformeln hieb- und stichfest zu machen. Als wir noch in den Wäldern schaarenweise hausten, konnten uns die Soldaten, die von Zeit zu Zeit gegen uns abgeschickt wurden, mit ihren Gewehren nichts anhaben, sobald sich einer der zauberkundigen Alten unter uns befand. Keine Kugel konnte uns dann treffen, kein Säbel uns verwunden. Damit ist es jetzt aus. Das Wahrsagen wird noch gegenwärtig von unsern Weibern etwas betrieben, aber es macht die Suppe nicht. Die ‚Weißen‘ glauben nicht mehr daran.“

Er sagte dies, indem er mehrere Male tief aufseufzte und mit der Hand durch’s struppige Haar fuhr, das noch niemals die wohlthätige Wirkung eines Kammes empfunden. Die Zigeuner waschen und säubern sich nie, und es giebt vielleicht keinen Menschenstamm, der mehr Scheu vor dem Wasser hätte als sie.

Was nun ihre Wahrsagerei betrifft, so beruht dieselbe auf einem genauen Studium der Physiognomie. Eine Zigeunerin, der irgend eine Tochter Eva’s die Hand reicht, um in den verschlungenen Linien derselben die Zukunft zu lesen, weiß so ziemlich, mit wem sie es zu thun hat, und sie formulirt ihre orakelhaften Gemeinplätze je nach dem Alter und dem Stande der Person. Das ist natürlich. Die Pythia hat es auf ihrem Dreifuß nicht anders gemacht. Merkwürdig aber ist es, daß sie selbst nicht selten an den Unsinn glauben, den sie aus den Handflächen der Leichtgläubigen lesen. Eine Zigeunerin versicherte mir, daß sie blos zwei Mal in ihrem Leben wahrgesagt. Sie habe bei ihrer chiromantischen Beschäftigung an gar nichts gedacht; als sie aber von den zwei Personen, aus deren Händen sie die Zukunft gelesen, später erfuhr, daß viele der von ihr prophezeiten Ereignisse wirklich eingetroffen, sei sie von einem großen Schrecken erfaßt worden und habe sich trotz aller ihr gemachten sehr lockenden Versprechungen nicht entschließen können, das Wahrsagegeschäft fortzusetzen.

Ein sonderbarer Aberglaube, der noch unter Vielen von ihnen herrscht, besteht darin, keinen Gegenstand, und sei er noch so kostbar, zu benutzen, auf den zufällig der Fuß eines Weibes getreten. Dieser Gegenstand wird sogleich und auf immer entfernt.

Sie feierten früher alljährlich um die Weihnachtszeit ein großes Fest, zu welchem sich alle Zigeuner der Umgegend einfanden. Es ging bei demselben hoch her. Man aß gut, man trank gut, man sang die beliebtesten Zigeunerlieder und tanzte die alten Nationaltänze zu einer rauschenden Musik. Diese Feste finden, in Paris wenigstens, nicht mehr statt und zwar aus dem einfachen Grunde, weil die Zahl der Zigeuner sehr abgenommen. Der alte Legrenne sagte mir, daß er in frühern Jahren vielen solchen festlichen Zusammenkünften beigewohnt, und sein Gesicht erheiterte sich, wenn er dieselben schilderte. „Das schönste und prächtigste Zigeunerfest,“ sagte er, „habe ich in Sevilla gesehen. Sie hatten dort ein ungeheuer großes, reich verziertes Zelt aufgeschlagen, wo sie sich zu Hunderten in kostbaren, sehr malerischen Costümen versammelten. Als nach dem vortrefflichen Schmaus der Tanz begann, kamen die vornehmsten Herren und Damen, welche die schönen jungen Zigeuner und die noch viel schönern jungen Zigeunerinnen nicht genug bewundern konnten und ihnen die erklecklichsten Geldgeschenke machten. Die spanischen Zigeuner sind reich,“ fügte er nach einer Pause mit einem tiefen Seufzer hinzu, „aber sie taugen nichts.“

Sehr merkwürdig ist es, daß die spanischen Zigeuner bei ihren in andern Ländern lebenden Brüdern stark verhaßt sind. Als vor einigen Jahren vier spanische Zigeuner sich in Paris aufhielten, hatten sie mit den andern Zigeunern so viele Händel, daß sie endlich die Hauptstadt verlassen mußten und wieder über die Pyrenäen zurückkehrten. Das ist um so auffallender, als die Zigeuner sonst sehr gutmüthig sind. Ich fragte Legrenne um die Ursache dieser Abgunst. „Sie sind ganz anders, als wir,“ antwortete er. „Es geht ihnen gut, darum sind sie stolz und hochmüthig. Sie sind Roßtäuscher und das Geld fliegt ihnen in die Tasche. Nachts stehlen sie die Pferde, färben sie mit allerlei Farben und verkaufen sie dann um einen billigen Preis. Sie leben in Ueberfluß und sind hartherzig gegen die Manusch (Zigeuner) anderer Länder.“

Mir fiel dabei Cervantes ein, der in seiner schönen Novelle „La Gitanilla de Madrid“ über die spanischen Zigeuner ein so wenig schmeichelhaftes Urtheil fällt.

Legrenne fuhr noch lange fort gegen die Gitanos zu reden. Er mißbilligte ganz besonders, daß die Zigeunerinnen in Spanien Cuchillos (spitze Messer) und Dolche trügen und vor Blut nicht zurückschreckten. Aus Allem aber, was er sagte, ging doch hervor, daß sie sich besonders durch ihren Geiz den Groll der übrigen Zigeuner zugezogen, die im strengsten Sinne des Wortes ihre Habe mit einander theilen und dies als eine ganz natürliche Sache betrachten. Bei dieser Gelegenheit muß ich wieder von Madeleine sprechen. Ich habe diese Zigeunerin, die in der Pariser Malerwelt sehr bekannt ist, in dem Atelier meines alten Freundes, des belgischen Meisters Gustav Wappers, kennen gelernt. Sie hat ein echtes Zigeunergesicht und soll früher sehr schön gewesen sein. Sie ist als Modell sehr beliebt und erfreut sich der besondern Gunst der Prinzessin Mathilde, die bekanntlich die Aquarellmalerei mit vielem Eifer und nicht ohne Talent betreibt. Madeleine lebt schon seit langer Zeit nicht mehr unter den Zigeunern und hat eben keine besondere Vorliebe für sie; aber sie hat sich doch ebensowenig den „Weißen“ innig anschließen, als von ihrem Stamme gänzlich lossagen können.

[714] „Sie sind schmutzig, neidisch, träge, albern,“ sagte sie eines Tages von den Zigeunern, „und ich verabscheue sie gerade so sehr, wie sie mich verabscheuen, da ich nicht mehr mit ihnen hause; sobald ich aber etwas besitze, trage ich es ihnen dennoch hin. Ich kann mich von ihnen nicht ganz losreißen; es zieht mich immer unwillkürlich zu ihnen hin, und ich nehme, so sehr ich mich auch sträuben mag, an ihrem Schicksal den lebhaftesten Antheil.“

Man weiß, daß die Zigeuner, als sie in Deutschland unter Kaiser Sigmund zum ersten Mal auftraten, an ihrer Spitze einen Großfürsten hatten, der, wenn ich nicht irre, Penuel hieß. Er war ihr Führer, ihr Beschützer und ihr höchster Richter. Bis auf die neueste Zeit hatten die verschiedenen Zigeunergruppen in jedem Lande ein solches Oberhaupt. Der letzte Chef, den sie im südlichen Deutschland, im Elsaß und in Lothringen hatten, hieß Pappenheimer. Er lebte auf einer Anhöhe bei Bitsch in Lothringen, erreichte das Alter von hundertundfünf Jahren und stand bei den Zigeunern in sehr hohem Ansehen. Er schlichtete alle Händel und man fügte sich gern seinen Urtheilssprüchen. „Der brauchte kein Geflügel zu mausen,“ sagte Legrenne schmunzelnd. „Wir trugen ihm die leckersten Bissen zu und er lebte wie ein König. Das hat sich jetzt geändert,“ fügte er melancholisch hinzu. „Wir haben, hier zu Lande wenigstens, keinen Führer mehr. Wir sterben aus! Wir sterben aus!“

Fast alle in Paris lebenden Zigeuner sind aus Deutschland eingewandert. Sie sprechen deutsch, und zwar den schwäbischen und Pfälzer Dialekt, haben auch meistens neben ihrem französischen auch einen deutschen Namen. Legrenne, der in Deutschland – er weiß natürlich nicht, in welchem Orte – geboren ist, hat ebenfalls noch einen deutschen Namen; dieser klingt indessen so unfläthig, daß ich ihn verschweigen muß. Ich vermuthe daher, daß sie, früher wenigstens, gar keine Familiennamen besaßen, sondern nach irgend einer besonderen körperlichen oder geistigen Eigenthümlichkeit benannt wurden, so daß sie statt eines Familiennamens einen Spitznamen trugen.

Der Zigeuner ist und bleibt Nomade. Das unstäte Leben ist ihm ein natürliches Bedürfniß. Ist doch sogar der alte Legrenne, der von allen Pariser Zigeunern am längsten hier lebt, jetzt entschlossen, der Hauptstadt für immer den Rücken zu kehren und sein Glück anderswo zu versuchen! Auf meine Bemerkung, daß das Umherwandern in seinen alten Tagen doch sehr unangenehm sein müßte, antwortete er: „Ich werde überall gut aufgenommen werden, denn man kennt mich überall. Mein Portrait befindet sich in vielen Bildergalerien Europas, so oft haben die Maler mein Gesicht abconterfeit. Das Modellstehen bei den Bildhauern hat zwar meiner Gesundheit geschadet; trotz meiner siebenzig Jahre fürchte ich indessen dennoch nicht, sobald von dem Tod ereilt zu werden. Meine Mutter hat ein Alter von hundertundvier Jahren erreicht, und ihre Schwester ist erst nach zurückgelegten hundertundzehnten Jahre gestorben.“

Die Langlebigkeit der Zigeuner ist in der That außerordentlich. Da man dieselbe weder der Reinlichkeit, noch der regelmäßigen Lebensweise zuschreiben kann, so muß man den Grund sowohl in der Race als auch in der Abhärtung suchen, an die sie von Kindheit gewöhnt sind. Auch die Nüchternheit mag dazu viel beitragen. Der Zigeuner ist ein Schlecker, aber kein Trinker. Die Mäßigkeit im Trinken gehört ebenfalls zu den charakteristischen Merkmalen seiner orientalischen Abstammung. Das Auffallendste an den Zigeunern ist indessen, daß sie seit fast fünf Jahrhunderten in der Mitte des civilisirtesten Welttheils leben, ohne von der Civilisation auch nur im Allergeringsten berührt worden zu sein, ohne auch nur die geringste Theilnahme an den Bestrebungen der Völker zu bekunden, unter denen sie leben. Ich glaube nicht, daß die Zigeuner jemals einen Gelehrten oder Künstler hervorgebracht. Von den Künsten treiben sie blos die Musik, weil ihnen der musikalische Sinn angeboren ist; allein sie lesen keine Noten. Sie lernen überhaupt nichts, was eine besondere geistige oder körperliche Anstrengung und einen dauernden Fleiß erfordert, obgleich es ihnen weder an Intelligenz, noch an Körperstärke gebricht.

An den in Paris und in der Umgegend lebenden Zigeunern bemerkt man seit einiger Zeit eine gewisse Lockerung ihrer früher so engen gegenseitigen Beziehungen. Sie halten nicht mehr so fest zusammen, und es giebt unter der jüngeren Zigeunerschaft schon Individuen, die der Zigeunersprache nicht mehr mächtig sind, indessen schließen sie sich darum doch nicht fester an die Franzosen an. Sie sind so unwissend wie ihre Vorfahren, und wie ihre Vorfahren sind sie überall unwillkommene Gäste. Sonderbares Schicksal einer Race, die, von der Natur auf’s Reichste ausgestattet, dennoch verdammt ist, selbst von den allerniedrigsten Schichten unserer Gesellschaft als Menschenkehricht verachtet zu werden.