Lichtenberg (Störzner)

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Textdaten
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Autor: Friedrich Bernhard Störzner
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Titel: Lichtenberg
Untertitel:
aus: Was die Heimat erzählt. Sagen, geschichtliche Bilder und denkwürdige Begebenheiten aus Sachsen, S. 202–205
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1904
Verlag: Arwed Strauch
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Erscheinungsort: Leipzig
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[202]
91. Lichtenberg.

Zu den schönsten und stattlichsten Dörfern im weiteren Umkreise der Stadt Radeberg gehört Lichtenberg, dessen schöne Kirche von stolzer Anhöhe meilenweit in das Land ringsum hinausschaut. Der Ort liegt in einer überaus angenehmen und romantischen Gegend. Von lieblichen Anhöhen wird er umgeben und bietet dem Freunde der Natur manchen anziehenden Punkt. Lichtenberg dehnt sich in einem Tale lang aus und erreicht sein nordöstliches Ende ziemlich hoch oben am Scheitel des Eggersberges, von dem aus das Auge ringsum über eine lachende Landschaft blickt, die zu jeder Jahreszeit stimmungsvolle Bilder bietet.

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Lichtenberg um 1840.

Die Aussicht vom Eggersberge, den man von der Kirche aus in ungefähr zehn Minuten erreicht, ist bei heiterem Himmel geradezu entzückend. Kaum vermag man sich von hier oben zu trennen. Meilenweit kann das Auge von hier in das Land hinausschweifen. Man überblickt vom Eggersberge aus einen ansehnlichen und landschaftlich schönen Teil unseres Vaterlandes. Von Südosten her grüßen die blauumsäumten Berge der Sächsischen Schweiz, im Vordergrunde hebt sich malerisch die alte Bergveste Stolpen hervor. Nach Süden hin schweift der Blick hinaus zu dem langgestreckten Kamme des Erzgebirges. Auch überblickt man von hier aus das Städtchen Frauenstein mit seinem romantischen Schlosse. Nach Westen zu überschaut man zunächst im Vordergrunde die Stadt Radeberg, die weitausgedehnte Dresdner Heide und dahinter die Elbhöhen bei Dresden. Das Auge ein wenig nordwärts gewendet, überblickt man die Umgegend von Meißen, das Schloß Moritzburg mit seinen Zinnen und die Türme von Großenhain. Bei ganz heiterem Wetter und bei klarer Luft kann man sogar den Kolmberg bei Oschatz deutlich erkennen, der aus weiter, weiter Ferne grüßend herüberwinkt. Nach [203] Norden hin schweift das Auge auf die waldreiche Umgebung von Königsbrück. Rechts davon erhebt sich, sehr deutlich hervortretend, der zweigipflige Keulen- oder Augustusberg, den man vom Eggersberge aus in anderthalbstündiger Wanderung bequem erreichen kann. Östlich treten die Höhen um Pulsnitz, Kamenz, Elstra und Bischofswerda hervor und gewähren einen reizenden Anblick, besonders Abends, wenn die Sonne zum Untergange sich neigt.

Mannigfaltig sind die Abwechslungen, in denen Städte und Dörfer, Wiesen und Felder, von der Dresdener, Königsbrücker und Laußnitzer Heide durchschnitten, dem Wanderer sich darbieten. Nur ein Strom fehlt, um das herrliche Landschaftsgemälde recht zu beleben. Eine ähnliche Aussicht bietet dem Freunde der Natur das „Fuder Heu“, eine dem Eggersberge nahegelegene Anhöhe.

Leider wenden alljährlich bis jetzt nur wenige Wanderer ihre Schritte in diese Gegend, da dieselbe etwas abseits von dem großen Verkehrswege der Welt liegt und scheinbar nicht besondere landschaftliche Reize zu bieten hat. Und doch ist die Verbindung keine allzu umständliche. Die nächsten Bahnstationen sind Großröhrsdorf und Pulsnitz, von wo aus man in einem Stündchen auf schöner Landstraße Lichtenberg erreicht. Von den Bahnhöfen Arnsdorf und Radeberg liegt der Ort nur zwei Stunden entfernt. Die Wege dahin bieten mancherlei Abwechslung und befinden sich in gutem Zustande. – Wer seine Schritte zum ersten Mal nach Lichtenberg lenkt, wird von der herrlichen Aussicht, die ihm der Eggersberg bereitwilligst bietet, angenehm überrascht sein und sich für seine Mühe hinlänglich belohnt fühlen. Besonders würde es für diejenigen, welche das idyllische Augustusbad bei Radeberg besuchen, eine angenehme Erholung sein, wenn sie einen heiteren Morgen oder einen Nachmittag darauf verwendeten, um die lieblichen Anhöhen bei Lichtenberg zu besuchen. In den dortigen Gasthöfen und Restaurationen finden die Fremden Bequemlichkeit und gutes Unterkommen.

Wie Lichtenberg zu den schönsten und stattlichsten Dörfern in der Umgegend von Radeberg und Pulsnitz zählt, so gehört dasselbe auch mit zu den älteren in dieser Pflege, ja, es ist vielleicht das älteste unter denselben. Das Alter des Dorfes wird auf mehr als tausend Jahre geschätzt. Seine Gründung reicht in die Wendenzeit zurück, also in jene Zeit, da die Wenden noch die Herren der westlichen Lausitz waren. Über die Höhen bei dem heutigen Dorfe Lichtenberg führte damals eine uralte Handels- und Heerstraße, die man heute noch unter dem Namen „alte Heidenstraße“ kennt.[1] Gern bauten sich die Wenden auf den Höhen und unfern der Heerstraße an, und so gründeten sie auch oben am Eggersberge, also im heutigen Oberdorfe Lichtenbergs, eine Niederlassung, und schon lange vor dem Jahre 1000 n. Chr. Geb. haben hier oben ihre Hütten gestanden. Welchen Namen jedoch diese Niederlassung führte, das weiß man freilich heute nicht mehr. Hierüber berichten keine Überlieferungen.

Im 10. und 11. Jahrhunderte drangen die Deutschen in jener Gegend wieder vor und wurden von neuem die Herren des Landes. Viele wendische Niederlassungen wurden entvölkert und von den Deutschen in Besitz genommen und bewohnt. Neue Hütten wurden aufgeführt, und bald drängte sich Hütte an Hütte in der Nähe der alten Heerstraße am Gipfel des Eggersberges. Das Licht, welches zur Nachtzeit aus den kleinen Fensterhöhlen schimmerte, gewahrten die Wanderer, welche auf der Heidenstraße daherkamen, schon aus weiter Entfernung und war ihnen oftmals ein tröstlicher Leitstern. Wohl [204] manchmal war das schimmernde Licht den Pilgern eine recht erwünschte Erscheinung, denn es verkündete ihnen dann ein schirmendes Dach und wohl auch eine gastliche Stätte. Die Sage berichtet allgemein, daß Lichtenberg damals „Licht im Berge“ geheißen habe. Noch vor 500 Jahren hieß der Ort Lichtinberg, dann Leuchtenberg. In alten Urkunden findet man diese Namen oftmals verzeichnet. Mit der Zeit gab man dem Orte die Bezeichnung, welche er heute führt, nämlich Lichtenberg. –

Für das hohe Alter Lichtenbergs spricht auch die Überlieferung, daß die frühere Kirche des Ortes vom Bischof Benno erbaut worden sein soll und zwar im Jahre 1076. Ob diese Nachricht mit der Geschichte übereinstimmt, läßt sich freilich schwer bestimmen. Vielleicht ist diese Überlieferung nur der Sage zuzuweisen, doch hat die Kunde viel für sich. Bischof Benno war ein Gegner Heinrich IV. Als der Kaiser siegreich durch die Mark Meißen zog, soll Benno ein Gefangener des Kaisers geworden sein. Aus dieser Gefangenschaft sei er aber wieder befreit worden, und zum Danke für seine Rettung habe er 1076 im Gaue Nisici mehrere Kirchen erbaut, unter welchen die Kirchen zu Göda, Bischofswerda und Lichtenberg genannt werden. Demnach müßte Lichtenberg zu jener Zeit schon ein verhältnismäßig volksreicher Ort gewesen sein, wenn er dazu ausersehen wurde, eine größere Kirche zu erhalten. Im Jahre 1840 trug man die alte Kirche ab. Die Bausteine waren in Gips gesetzt, und Sachkenner haben nach der Bauart des alten Gotteshauses auf ein sehr hohes Alter desselben geschlossen und haben ausgesprochen, daß die alte Kirche zu Lichtenberg schon seit Einführung des Christentums gestanden haben müsse.

Die jetzige Kirche Lichtenbergs wurde in den Jahren 1840 und 1841 erbaut; sie ist in byzantinischem Stile errichtet und gehört zu den schönsten Gotteshäusern in weitester Umgegend. Weithin leuchtet sie von ihrer Anhöhe grüßend in das Land hinaus, sie ist gleichsam das Wahrzeichen der Lichtenberger Gegend; denn sie dient vielen zur Orientierung in der Ferne.

Lichtenberg zählt ungefähr 1300 Einwohner, die sich in der Hauptsache mit Land- und Gartenbau beschäftigen. – In Kriegszeiten hat der Ort auch mancherlei Drangsale erdulden müssen, besonders im 30jährigen Kriege und im Kriegsjahr 1813. Am 28. Juli 1632 brachen die Kroaten im Dorfe ein und versetzten die Einwohner in den größten Schrecken. Nicht weniger als acht Ortsbewohner wurden erschossen. Der damalige Pfarrer, M. Nic. Jakobi, hat im Kirchenbuche darüber folgendes eingetragen:

„Herr, es sind Heiden, als Kroaten, eingefallen, die um Lichtenberg her Blut vergossen, wie Wasser. Herr, das macht Dein Zorn, daß wir so vergehen und dein Zorn, daß wir so plötzlich dahin müssen! Herr, wie lange willst Du sogar zürnen und Deinen Eifer wie Feuer brennen müssen? Herr, gedenke nicht unserer vorigen Missethat, denn wir sind fast dünne geworden, erbarme Dich unser bald! Herr Jesu, hilf uns, um Deiner Güte willen, vergib uns unsre Sünde und räche das unschuldig vergossene Blut an Deinen und unseren Feinden! Es sind aber der Personen acht, so teils alsobald jämmerlich niederhauen und durchschossen tot geblieben, eine Person aber folgenden Tages zu Mittage auch verschieden. Und sind diese acht Personen den 31. Juli mit christlichen Zeremonien und einer Leichenpredigt, volkreicher Versammlung der Benachbarten, nicht ohne sonderliches Mitleid und Erbarmung, ehrlich zur Erde bestattet worden, darunter sind fünf Mannespersonen und drei Jünglinge gewesen.“

[205] Im Kriegsjahre 1813 wurden die Bewohner Lichtenbergs wiederholt ausgeplündert und mußten in den umliegenden Wäldern Zuflucht nehmen. Doch die regsamen und fleißigen Bewohner hatten sich nach Jahren von den gehabten Verlusten wieder erholt, und heute zeigt der Ort einen gewissen Wohlstand seiner Bewohner.

Man trägt sich mit dem Gedanken, auf der Höhe des Eggersberges einen Aussichtsturm mit einer Unterkunftshalle zu errichten. Sicherlich würde die Ausführung dieses Planes manchen Wanderer in diese Gegend locken und zur Aufnahme Lichtenbergs in den allgemeinen Touristenverkehr wesentlich beitragen. Lichtenberg mit seinen umliegenden Höhen verdiente wahrlich solches!