Die alte Heidenstraße

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Autor: Friedrich Bernhard Störzner
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Titel: Die alte Heidenstraße
Untertitel:
aus: Was die Heimat erzählt. Sagen, geschichtliche Bilder und denkwürdige Begebenheiten aus Sachsen, S. 205—208
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1904
Verlag: Arwed Strauch
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Erscheinungsort: Leipzig
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[205]
92. Die alte Heidenstrasse.

Vor mehr als tausend Jahren bedeckte noch dichter Urwald die Umgegend der Städte Pulsnitz und Radeberg. Um die Zeit der Geburt Christi breitete sich über unser sächsisches Vaterland der Hercynische Wald aus. Derselbe erstreckte sich von der heutigen Schweiz weithin nach Norden. Er grenzte fast bis an die Ost- und Nordsee. Der bekannte Miriquidiwald, welcher damals das ganze Erzgebirge und auch die Bergwelt der Sächsischen Schweiz überzog, war nur ein kleiner Teil des Hercynischen Urwaldes. Dazu fanden sich hier und dort weitausgedehnte Torfmoore, wie solche noch gegenwärtig im großen Karswalde bei Arnsdorf und in der Masseney zwischen Seeligstadt und Großröhrsdorf vorhanden sind.

In diesen umfangreichen und fast undurchdringlichen Wäldern trat der Mensch damals nur ganz vereinzelt auf, und es sollte lange dauern, ehe dieser dichte Wald gelichtet wurde. An jene Zeit, in welcher der Mensch sich hier ansiedelte, erinnern uralte, gefällte Baumstämme von beträchtlicher Stärke und Länge. So fand man vor Jahren in Großröhrsdorf in ziemlicher Tiefe einen 2 m starken Baumstamm, bei dem das Mittelstück fehlte. – Auf den Torfwiesen bei Pulsnitz, zwischen dem Vierenwege und dem Kirchsteige, wurde im Jahre 1865 der Stock einer Tanne ausgehoben, der ¼ m tief unter dem Rasen stand und einen Durchmesser von 6 m hatte. Der Stamm fehlte leider. Der Riesenbaum war jedenfalls abgesägt oder abgeschlagen worden, da der Wurzelstock unverrückt geblieben war. Auch in Arnsdorf machte man 1862 einen ähnlichen Fund.

[206] Das Klima der hiesigen Gegend war in jenen Zeiten vorherrschend feucht und kalt. Obst und Wein reiften nicht. Schon im Monat September stellten sich Schnee und Frost ein, und die Winterkälte währte in der Regel bis in den Mai des folgenden Jahres. In den von Bäumen und Gestrüpp am dichtesten verwachsenen Gründen des Urwaldes, wohin im ganzen Jahre kein Sonnenstrahl dringen konnte, war selbst im Spätfrühlinge der Schnee noch nicht völlig geschmolzen. Dichte Nebel trübten im größten Teile des Jahres das Sonnenlicht; ja, selbst während der Sommerszeit ballten sich hin und wieder Nebelmassen zusammen, welche die Gegend in ein unheimliches Dunkel hüllten. Furchtbare Gewitter entluden sich dann. Obgleich die hiesige Gegend damals von Menschen so gut wie gar nicht bewohnt war, so herrschte doch in dieser schrecklichen Einöde ein reges Leben. Wolf, Fuchs und Luchs schlichen durch die Wälder, um Beute zu suchen. Bär und Auerochs schritten durch die Wildnis, wilde Eber durchwühlten das Erdreich, wilde Katzen schlichen durch das Dickicht. An den Morästen und Sümpfen, Seen und Bächen fanden allerlei Sumpf- und Wasservögel einen erwünschten Aufenthalt, dazu Nahrung an dem großen Reichtume von Amphibien und Fischen. Alles lebte in ungetrübter Freiheit und hatte den Pfeil des Jägers nicht zu fürchten, da der Mensch noch nicht in diese Wildnis vorgedrungen war. Doch der Mensch blieb nicht aus. Er kam, wenn zunächst auch nur vereinzelt, gleichsam, als wollte er Umschau halten in dieser Gegend. Spät erst wagte er sich in den Hercynischen Wald. Wer mag wohl der erste mutige oder verirrte Wanderer gewesen sein, der den heimatlichen Boden betrat? – Wir wissen es nicht. Weder Geschichte noch Sage geben hierüber Aufschluß. Man nimmt aber allgemein an, daß ein deutscher Volksstamm, die Hermunduren, die ersten Bewohner unserer Heimat gewesen wären. Dieselben mußten nun darauf bedacht sein, den bisher undurchdringlichen Urwald so gut als möglich wegsam zu machen. Es galt deshalb, einen Weg anzulegen, auf dem man den Hercynischen Wald nach Westen zu durchdringen konnte. Mit den größten Anstrengungen wurde denn auch ein solcher durch die Wildnis gehauen, und schon im ersten Jahrhunderte nach Christi Geburt führte eine nach damaligen Begriffen gangbare Straße von Polen aus über die heutigen Städte Görlitz, Bautzen, Kamenz, Pulsnitz, Großenhain bis zur Elbe. Bei Riesa befand sich eine sogenannte Furt. Von hier aus nahm dieser uralte Weg seine Richtung westwärts über Wurzen, Leipzig bis nach Thüringen und Franken. Diese Straße diente den über Schlesien herkommenden Horden und Heereszügen als einziger gangbarer Weg durch die hiesige Gegend und durch unser nördliches Vaterland. Sie war die einzige Heerstraße durch den Hercynischen Urwald in unserer Heimat, und man bezeichnet sie als „die alte Heidenstraße“.

Diese Straße war für die ersten Bewohner unseres nördlichen Vaterlandes geradezu unentbehrlich. Die alten Deutschen hatten nicht lange Ruhe an ein und demselben Punkte. Sie zogen nach kurzem Aufenthalte bald weiter. Ihr Sinn war auf Krieg und Beute gerichtet. Sie befanden sich darum mit Weibern und Kindern fast immer auf sogenannten Heerfahrten. Aus diesem Grunde mußten sie eine große Heerstraße haben. Vermutlich ließen sie durch ihre Sklaven eine solche durch die Wildnis bahnen.

Die alte Heidenstraße war freilich keine Straße, wie deren heute unser Vaterland durchkreuzen. Sie war ein 14–20 m breiter Pfad, der dadurch gewonnen worden war, daß man Bäume fällte, Gestrüpp entfernte und die unebenen Stellen oberflächlich etwas einebnete. Durch die großen und häufigen Heer- und Wanderzüge der Völker wurde dieser Weg allmählich auch festgetreten. [207] Bei andauernden Regenzeiten war diese Heerstraße, welche natürlich auch als Handels- und Verkehrsstraße diente, geradezu bodenlos, namentlich dort, wo dieselbe durch eine Niederung führte. Die Wanderer mußten daher oft wochenlang an ein und demselben Orte bleiben, wenn sie nicht Gefahr laufen wollten, zu versinken.

Diese Heerstraße blieb aber jahrhundertelang der einzige Verkehrsweg zwischen dem Westen und Osten unseres Vaterlandes. Erst um das Jahr 1150 wurde eine neue und bessere Verbindung zwischen den Städten Dresden, Bischofswerda und Bautzen angelegt, wodurch natürlich die alte Heidenstraße gar bald an Bedeutung verlor; denn der Hauptverkehr wandte sich nun dieser neuen Straße, der Bautzener Straße, zu. Allmählich vereinsamte die Heidenstraße ganz, und heute kennt man sie kaum dem Namen nach. Nur ganz geringe Spuren von ihr sind jetzt noch vorhanden.

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Grünberg 1832.
(Nach einem Gemälde von Konst. v. Kügelgen.)

In den ältesten Grenzbestimmungen wird diese alte Straße auch genannt. Da heißt es in einer solchen Urkunde vom Jahre 1218: „Item (ingleichen, ferner) zwischen Prietitz und Kamenz durch den alten Weg (Heidenstraße gemeint,) da man von Budißin (Bautzen) geht nach der Elbe.“

Suchte nun die alte Heidenstraße die höchsten oder die niedrigsten Punkte auf? Unsere Urväter hielten es wohl für geraten, ja für geboten und klug, ihre Straße über die Berge zu führen und nur, wenn die Möglichkeit hierzu nicht vorhanden war, durch Niederungen. Ihren Grund hatte diese eigentümliche Wegeanlage in der damaligen Versumpfung der Ebenen und der Täler. Von Pulsnitz nach Großenhain zu nahm diese Straße jedenfalls ihren Weg über die Höhe bei Lichtenberg, dann nach Lomnitz.

[208] Um die Urbarmachung haben sich die alten Deutschen freilich wenig gekümmert. Sümpfe haben sie nicht trockengelegt und Urwälder nicht entblößt. Ihr Verdienst um die hiesige Gegend besteht nur allein in der Anlegung der alten Heidenstraße. Unbekannt und unkultiviert, wie sie in diese Gegend kamen, verließen sie diese auch wieder im 4. und 5. Jahrhunderte. Erst die zweiten Bewohner unserer Heimat, die alten Wenden, legten als Freunde des Ackerbaues hier den Grund zur Landwirtschaft. Sie gewannen den Grund und Boden, auf dem sie wohnten, lieb, und aller Fleiß, den sie auf die Urbarmachung des Landes verwendeten, verriet die Absicht, dasselbe recht lange zu bewohnen und zu besitzen und es, wenn möglich, auf ihre Nachkommen zu vererben. Darum bauten sich die Wenden nicht Zelte und leichte Hütten, sondern feste Wohnungen, die sie zu kleineren und größeren Kolonien oder Niederlassungen vereinigten. Selten wohnten Wendenfamilien einsam und von den anderen abgesondert. Den Verkehr liebend und die Gesellschaft mit Stammesgenossen suchend, legten sie ihre gemeinschaftlichen Wohnplätze in der Nähe der großen Heerstraße an, die sie von den Deutschen geerbt hatten, und man braucht nur den Landstrich zu verfolgen, den die Dörfer und Städte, welche ursprünglich wendische Namen führen, bezeichnen, um die Richtung und Lage jener Straße zu finden. Je weiter aber eine Gegend von der alten Heidenstraße entfernt ist, desto seltener sind die Spuren von ehemaligen wendischen Ansiedelungen vorhanden. Demnach sind auch an dieser alten Heerstraße die ältesten Ortschaften des östlichen Sachsens zu suchen. Mit der Zeit drangen aber die Wenden auch in den zu beiden Seiten der Heidenstraße liegenden Wald ein und gründeten Niederlassungen, und es waren nun auch in den entfernteren Waldgebieten Wendenfamilien anzutreffen. Urnen, die man hier und dort aufgefunden hat, beweisen es. Nach und nach entstanden aus diesen wendischen Niederlassungen Dörfer und Städte. In jener Zeit wurde der Grund zu den meisten zwischen Bautzen und Großenhain liegenden Dörfern gelegt.

So haben wir gesehen, von welcher großen Bedeutung die alte Heidenstraße für das östliche Sachsen gewesen ist. Sie war vor Jahrhunderten der erste Verkehrsweg durch eine einst unwirtliche Gegend und ist gleichsam der Bahnbrecher zu deren Kultivierung geworden. Darin liegt ihre Bedeutung. Die alte Heidenstraße, welche Jahrhunderte hindurch dem Verkehre, dem Handel und den Heereszügen diente, ist heute mit Wald bedeckt, mit Rasen überzogen, und zum Teil hat diesen ehemaligen Verkehrsweg die schaffende Hand des Menschen in fruchtbares Ackerland umgewandelt. Nun zieht über sie hin der Pflug. Eine Gasse und der Marktplatz in Pulsnitz sollen noch Teile der alten Heidenstraße sein. Vgl. Aufsatz: „Pulsnitz!“