Literarische Briefe (Gutzkow) 1

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Textdaten
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Autor: Karl Gutzkow
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Titel: Literarische Briefe
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aus: Die Gartenlaube, Heft 5, S. 72–74
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1869
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Literarische Briefe.

An eine deutsche Frau in Paris.
Von Karl Gutzkow.
I.

Sie sehen, liebenswürdige verehrte Frau, es wird in der That Ernst! Nicht nur, daß ich die Briefe über Literatur und allerlei der Literatur Verwandtes, die Sie bei mir, um es kurz zu sagen, bestellt haben, wirklich schreibe; ich umgehe auch die Briefbeförderungsanstalten des kaiserlich französischen Generalpostmeisters Vandal, dessen Name schon allein ein Protest gegen die Lehre vom Schönen ist, und schicke Ihnen meine Antworten auf Ihre dringend von mir erbetenen und Ihrerseits hoffentlich nie ermüdenden Fragen durch – die „Gartenlaube“. Sie sagten mir in Baden-Baden in jener feierlichen Stunde, wo Sie mir gelobten, dem Genius der deutschen Literatur auch in Ihren glänzenden Gemächern auf dem Boulevard Sewastopol treu zu bleiben (eine Flucht wilder Holztauben schoß grade aus dem Tannenwalde bei Ebernsteinburg in’s abendrothverklärte Murgthal hinunter), Sie wollten die Beruhigung gewinnen, nein, „verbesserten“ Sie sich (ich sage, verschlechterten Sie sich mit einem Rückfall in Ihren französischen Cursaal–Esprit), die Schadenfreude genießen, wenn ich Irrthümer lehrte, dann auch recht zahlreiche – Mitgenossinnen Ihres Irrens zu haben.

Zunächst sei auch die Erlaubniß, die Sie mir gewährt haben, beim Wort genommen, die Situation grundiren zu dürfen, der Berliner würde sagen: den Standpunkt klar zu machen, der diese Briefe veranlaßt hat.

Zerknirscht von Scham, seit zehn Jahren, wo Sie dem schönen Berufe leben, in Paris Ihrem Gatten den Schweiß von der Stirn zu wischen, den er täglich von der Börse mitbringt – Schweiß im weitesten Sinne des Worts, Wagen und Pferde, ein Landhaus in Passy, einen Koch, fünf Domestiken – ich sage, zerknirscht von Scham über Ihre gänzliche Verwilderung (ich brauche Ihren eigenen Ausdruck) über die deutschen literarischen Dinge, opferten Sie sich wie der Pelikan und öffneten sogar Ihre eigne Brust, indem Sie also sprachen: „Schildern Sie über die Veranlassung Ihrer Briefe getrost Alles! Wenn Sie wollen, sogar unsern Loulou und unsre Eugenie“ – worunter Sie nicht etwa den kaiserlichen Prinzen oder den Kaiser und die Kaiserin, sondern Ihre eignen Kinder verstanden, die Ihr Gatte, dessen Bruch mit Deutschland seit dem 18. Juli 1866 unwiderruflich geworden zu sein schein! (als ich ihm die martialische Schönheit der an jenem Tage in Frankfurt eingerückten preußischen Kürassiere schilderte, riskirte ich fast den Bruch unsrer alten langjährigen Freundschaft), auf die hohen Schutzheiligen des europäischen Friedens getauft sehen wollte. „Schildern Sie“ – fuhren Sie fort – „wie wir uns, als wir von Kreuznach kamen, in Bingen begegneten, als alte Freunde bis Bieberich zusammen auf dem Dampfboot reisten, wo uns von Frankfurt kommend die Großmama, ebenfalls eine Freundin Ihrer Jugend, begrüßte, um uns die Kinder so lange aufzubewahren, während wir noch nach Baden-Baden etc. etc. Da fahren Sie dann fort –!“

Gut, ich fahre fort. Dies Begrüßen der Großmama, dies Abschiednehmen von den Kindern, diese Verständigungen über das Größere, dies Nichtvergessenkönnen auch des Kleineren – wie es eben bei solchen Trennungen geht – ich bewunderte dabei das internationale Leben unsres Jahrhunderts. Deutsch, französisch, englisch ging die Conversation hin und her. Selbst die Frau Mama war halb eine Madame de Staël und cursalonfähig für Homburg, halb blieb sie frankfurterische „Frau Rath“ oder, wie Sie schlimmes Töchterlein meine schon damals in diesem Sinn gemachte Charakteristik verbessern wollten, halb Frau Speyer von der Schönen Aussicht.

Ich fahre aber fort im Abstecken des Terrains. Loulou und Eugenie waren geschmackvoll gekleidet, ganz im Geist ihrer Mutter. Doch ringsum die Jugend auf dem Dampfer, die in Bieberich ausstieg oder noch neu dort hinzukam! Ausgeputzt war sie, nicht blos nach dem regelmäßigen Cancangeschmack des Modejournals, nein, sogar nach den Phantasieen der Carnevalszeit oder – der Affenbude. Rothe Blousen, Spazierstöckchen, türkischer Fez bei den Jungen – bei den Mädchen auf dem Rücken chinesische Schleifen, die fast noch größer waren als die Kinder selbst. Und die Conversation! Fast Alles waren es halbe Franzosen, halbe Engländer und selbst in Ihrem Kreise wurde die Frage über die berühmten, auf der Taunuseisenbahn bei Höchst regelmäßig den Passagieren angebotenen und „Bubenschenkel“ genannten Bretzeln so erledigt: Loulou: „Maman, quand reviendrez-vous de Bade-Bade?“ Sie: „In fünfzehn Tagen!“ (Ein Gallicism, Madame, da Schiller und Goethe gesagt haben würden: „In vierzehn Tagen!“) Eugenie: „Grand’mere, j’ai tant faim! Quand est-ce que nous serons à Höchst pour trouver ces petits gâteaux: Les Bubenschenkel?“ Großmama: „What do they know of Bubenschenkel?“ Edgar, Ihr Gatte: „Quels gâteaux?“ Großmama: „Fi, Eugénie, une jeune dame ne parle pas des jambes d’un garcon!

Nicht wahr, das ist die Goethe’sche „Weltliteratur“! Das ist Arminius, von Rom nach Deutschland zurückgekehrt und in Mußestunden den Horaz lesend! Thusnelda, ab und zu ein Liedchen von Anakreon summend! Luther, eine Controverse gegen Heinrich VIII. in englischer Sprache schreibend, so daß sie Herr von Tauchnitz sogleich in seine Collection of german Authors aufnehmen kann! Und Shakespeare – ein regelmäßiger Tantiemenbezieher vom Burgtheater!

Wir dampften bereits, schon von Bieberich bis Mainz in die vollen Rechte unsrer alten Freundschaft und auf dem Bahnhof sogleich in ein Nichtrauchcoupé eingetreten, nach Worms, wo der Nibelungenhort im Rheine begraben liegt und im Rosengarten einst die Burgundenfürstinnen lustwandelten und verwitterte Synagogentrümmer von alten gräßlichen Zeiten erzählen, wo man Anlehen, die man bei den Juden gemacht hatte, einfach durch Mord und Todtschlag der Gläubiger amortisirte. Das Lutherdenkmal gab endlich Veranlassung, Ihnen, schöne Frau, und selbst Ihrem Gemahl einige Almosen der Wiederanerkennung Deutschlands abzugewinnen. Es war (von der letzten Ausstellung in Paris) Ihre Phantasie zwar noch durchaus erfüllt von Ihren Madonnen und Phrynen, von Ihren Magdalenen und Laïs (denn so berühren sich ja in Frankreich die Extreme); da mußte Ihnen aber doch die Kraft, die Weihe, der heilige Ernst dieser ehernen Gestaltengruppe überwältigend erscheinen. Ja Sie erhoben sich bereits, mit jener schönen, in der Regel nur bei den Frauen anzutreffenden Parteilichkeit, gegen einige Rügen, die der kaustische Witz Ihres Gatten, denn doch nicht ganz hatte unterdrücken können. Er tadelte an den Gestalten zuviel – „Rückengegend“.

„Doctor!“ hieß es dann von Ihren beiderseitigen Lippen als Aufforderung, daß ich, ein Studirter, der „im Schönen machte“, über diese „Rückenprofile“ meine Ansicht sagen sollte. Beim Herumklettern über die Erdhaufen, die dem großen Werke erst eine Umgebung schaffen sollen, murmelte ich etwas von einem andern Platz, den man erwartet hätte, von einer gewissen hartnäckigen Frau, die sich in einem ihrer Gartengrundstücke nicht hatte wollen stören lassen, von einem Platz, der in der Stadt selbst am geeignetsten gewesen wäre, wenn nicht leider die dicht daranstoßende Kirche eine katholische gewesen. Weiter kam damals die Debatte nicht. Ich will aber gern das damals verschwiegen Gebliebene hier nachholen. In der That, ich glaube, Ihr Gatte hatte Recht, liebe Freundin! Vor fast zehn Jahren stellte Rietschel auf der Brühl’schen Terrasse in Dresden das erste Modell seines Lutherdenkmals auf. Als ich mich unter die Bewundernden mischte, wagte ich, den Meister, der in solchen oppositionellen Dingen zart, artig, sinnpflanzenartig behandelt werden mußte, auf die Monotonie aufmerksam zu machen, die in dem Blicken fast aller seiner Figuren nach Einer Richtung läge. Das Unschöne von nichts als flachen Rücken blieb dabei nicht verschwiegen. Ich rieth dem Meister, die Gestalten mit dem Rücken nach dem Innern hin umzuwenden, und behauptete, daß ein Hinausblicken der Gruppe in alle Lande auch diejenigen Gestalten, die jetzt nur zu Luther wie bloße Supplemente seiner Person herauskämen, dann wie Wächter für ihn, wie selbstständige Vor- und Mitarbeiter erscheinen lassen würde. Ich wurde jedoch ab- und auf eine zu erhoffende architektonische Anlehnung verwiesen. Rietschel ist gestorben. Jene Anlehnung blieb aus. Es ist denn auch der [73] Totaleindruck des Ganzen in der That jener gemischte - erhaben und dennoch steif, lebenswahr und dennoch nicht recht lebendig. „Deutsch!“ würde ihr Gatte gesagt haben.

Warum schwieg ich aber damals? Weil mich Ihre Ergriffenheit von dem Standbilde, Ihre Vertheidigung desselben, Ihre wiedererwachte Empfänglichkeit für die Heimathsluft rührte. L’idée de l’infini, wie Sie sagten, das Reich der „Ahnung“, die unbestimmte Sehnsucht, das wurde ein Gebiet, worüber Sie nicht mehr lächelten. Deutsche Kunst -! Der deutsche Gedanke, getragen von den Schwingen des schaffenden, gestaltenden Genius -! Ja, Sie fühlten wieder die Eigenart Ihres Volkes, unsre Kraft, unsre zähe Ausdauer, die eiserne Festigkeit unsres Willens -! Sie hörten die Quellen wieder rauschen, aus deren Tiefe wir jene Schalen füllen, aus denen sich der Rausch der Begeisterung trinkt!

Die Fahrt ging jetzt schnell genug über Ludwigshafen, Heidelberg, Karlsruhe nach Baden-Baden. Wenn ich Ihnen da gestehen mußte, daß ich in vielen Jahren das deutsche Pied à terre der Franzosen, wie ihr Gatte es nannte, nicht gesehen, jedoch der Meinung bin, ein deutscher Autor müßte regelmäßig dann und wann grade hieher reisen um sich die aufsteigenden bunten Blasen des Zeitgeistes und jene üppige Müßiggangsstimmung der Zeitgenossen anzusehen, an welche ja mehr oder weniger jede schreibende Feder anzuknüpfen hat (denn in Werkeltagsstimmung liest man nichts), so waren schon meine jungen Freunde und Reisegenossen vollständig wieder im Bann dieser bezaubernden Armidawelt, sowie sich nur am Kieselbett der „Oos“ die ersten wieder neuerstandenen Hotels und Pensionen erhoben. Nun, ich ließ Sie die volle Strömung der Wettrennen, der Corsofahrten, der Spieltische, der Reunionen und der Toilettenentfaltungen mithinuntergleiten. Es ist eben in Baden-Baden die reizende Natur, die dort die Thorheiten der Menschen in einem Licht erscheinen läßt, als drückten sie eigentlich die wahre Weisheit alles Lebens aus. Dieser blaue Himmel, diese grünen Berge, diese murmelnden Waldquellen, diese malerischen Fernsichten von altergrauen Burgruinen, von einsamen Capellen aus, ja selbst die treuherzige Naivetät der umwohnenden Bevölkerung – alles das ist die Staffage des Himmels zu dem, was man im Qualm eines Tanzsalons, im „Mabille“ von Paris, im „Orpheum“ von Berlin, ungefähr die Hölle nennen würde. Man glaubt hier in einer Phantasmagorie zu leben. Oder wäre denn wirklich jene grünschillernde blonde schlanke Frauengestalt, die dort mit einem Russen über ihren eben erlittenen Spielverlust verhandelt, die „berühmte“ Cora Pearl oder nicht vielmehr ein verzauberter Nachtschmetterling, ein Grand’ville’scher Blumengeist, ein verkörperter botanischer Begriff, Zehr- auch Drachenwurzel etwa, Monoecia Polyandria Linné? Ich zeigte Ihnen damals, verehrte Frau, „die Klingelcapelle“ an der Murg - es war an jenem Abend, wo die wilden Tauben aufflatterten! Dorthin hat die mittelalterliche Sage einen Eremiten verpflanzt, der einst in Sturm und Regen durch Pochen an seine Hütte erschreckt wurde. Ein schönes Weib, in durchsichtigen Kleidern, grade, als wäre sie eben dem Cursaal an der Oos entlaufen, baarfuß aber, mit aufgelösten Haaren, begehrte Einlaß, begehrte Rettung vor dem Unwetter. Ein Glöcklein fein wie Silberton erscholl jedoch aus der Höhe, und siehe! unser Eremit merkte Unrath und nahm die Teufelin nicht auf, ließ vielmehr die Aermste, die vielleicht am Spieltisch eben ihre sämmtlichen Ersparnisse und die Protection des Jockey-Clubs verloren hatte, in Nacht und Verzweiflung stehen und in die dunkle, dunkle Welt hinaus weiter rasen. „Ganz ein Stoff, welchen der Abbate Liszt,“ meinte da ihr Gatte, „der rechte Mann wäre, in eine zukunftmusikalische Ballade zu verwandeln.“

Und damals, eben an jenem Abend (die Glocken läuteten von Kuppenheim herüber, über die Gräber der im Bruderkampf vom Jahre 1849 dort Gefallenen) und beim Heimfahren durch die mondbeschienenen Wälder und Schluchten, stand es denn fest, daß von Ihnen eine „Lücke“ Ihres geistigen Lebens, Ihres Herzens, empfunden und eingeräumt wurde. Das Bekenntniß wurde gemacht sogar eines gewissen Ueberdrusses an dem zwar die Augen blendenden, aber nicht das Herz erfüllenden Erscheinungen des Pariser Lebens. Die Aufforderung erfolgte, Sie wieder einführen zu sollen in die Hallen des deutschen Lebens, soweit eben Bücher, Zeitschriften, jetzt sogar schon die Mode gewordenen Wandervorträge das Leben eines Volks ausdrücken können. Den Ausschlag hatte das für eine Deutsche beschämende Geständniß gegeben, daß Sie in Paris seit zehn Jahren nichts Deutsches mehr, außer ab und zu eine von Mama eingesandte Nummer der „Didaskalia“, gelesen hatten - „selbst keine Zeile von Ihnen!“ setzte Edgar’s vieldeutige Ironie hinzu.

Gewiß, theure Freundin, es geschieht auch bei uns nachgerade Alles, die Literatur, ich möchte es nicht nennen, zu französiren, sondern zu amerikanisiren. Amerika ist das Land des praktischen Verstandes. Amerika gestattet sich den Luxus der Ideen nur, wenn sie zu etwas nütze sind. Wenn Romeo sagt: „Was nützt mir die Philosophie, kann sie nicht schaffen eine Julia!“ so sagt der Amerikaner: Was nützt mir die Beschäftigung mit dem Schönen, dem Erhabenen, dem Unendlichen, dem Jenseitigen, wenn dadurch nicht die Eisenbahn zwischen beiden Oceanen fertig oder wenigstens auf einer Fahrt mittels derselben in etwas die Langeweile vertrieben wird! Die Beherzigung des Goethe’schen Wortes: „Nur der Stoff entscheidet, auf die Behandlung kommt es weniger an!“ hat auch bei uns kolossale Dimensionen angenommen. Unsre ganze sogenannte schöne Literatur von heute ist überwiegend Unterhaltungsliteratur geworden.

Eine Unzahl von Zeitschriften ist entstanden, die in der Regel lediglich den Unterhaltungszweck verfolgen. Große politische Blätter ahmen das Beispiel nach, das zuerst von den französischen gegeben wurde, ein unerquicklich, langweilig gewordenes Einerlei der in Stillstand gerathenen politischen Epoche durch Erzählungen zu unterbrechen, durch welche überdies auch die an den politischen Dingen weniger interessirten Frauen für Beibehaltung einer alten, für Anschaffung einer neuen Zeitung gewonnen werden konnten. Eine Lesesucht kann schon lange beobachtet werden, die vielleicht immer vorhanden gewesen ist, sich aber nie so wie jetzt an Hülfsmitteln zur Befriedigung derselben betheiligte, die allen zu gleicher Zeit in solchem Grade zugänglich geworden sind. Wo man sonst an seinem Localkalender studirte, wird jetzt die in Leipzig oder Stuttgart erscheinende allgemeinbekannte Zeitschrift gefunden. Die Culturwirkung dieser Erscheinung ist außerordeutlich. Letztere kommt zunächst hier weniger in Betracht, als die daraus abzuleitende Rückwirkung auf die darstellende, schaffende Feder selbst. Kann diese Rückwirkung der Idee des Schönen nützlich sein? Kann diese fieberhafte Hast nach immer wieder neu fesselnden und spannenden Bildern aus dem großen Kaleidoskop der Welt und des Menschenschicksals, das die Hand des Dichters schüttelt, das Ausleben einer wahren dichterischen Individualität unterstützen? Droht nicht vielmehr der reine Quell alles wahren dichterischen Schaffes zu versiechen? Denn keinesweges, trotz des Goethe’schen Wortes, in welchem auch mehr eine Lehre der Klugheit und Vorsicht enthalten scheint, als eine zugestandene Regel der Kunst, liegt doch wohl im Erwecken der Neugier, in einer virtuosenhaft ausgebildete Kunst der Unterhaltung die wahre Aufgabe der Literatur eines bedeutenden Volkes.

Denken Sie sich nur, wenn unsre Classiker, unsre Klopstock, Lessing, Goethe und Schiller, uns nur als Verfasser von Novellen und Romanen bekannt geworden wären! Nur als Erfinder von Lebensbildern mit regelmäßiger Beglückung zweier liebenden Paare! Daß sich allerdings die moderne Literatur vorzugsweise auf den Roman begründet, daß überhaupt die Poesie keine andre Stätte mehr im Leben zu haben scheint, als dort, wo sie sich den übrigen Künsten, deren lediglich „verzierende“ Mission gegenwärtig außer Zweifel gestellt zu sein scheint, anschließt, ein auch hierin liegendes tieferes Gesetz erkenne ich vollkommen an und weiß, was in unsern Tagen das Epos zu bedeuten hat, natürlich das moderne Epos, eben der Roman. Dennoch thut es immer und immer gut, die hohen Ziele alles Schriftwesens einer Nation im Auge zu behalten und sich vom wahren Wesen des Schönen, vom Idealen die Vorstellung zu bewahren, daß es zu thronen habe auf dem Allerheiligsten der Menschheit, in der Nähe jener Bundesladen, die unsre Einigung mit dem Himmel bezeuge, in der Nähe jener ewigen Lampen, die nur die Liebe unterhält, die zwecklose, nur um ihrer selbst willen lodernde Liebe. Deshalb mag ich auch die platonische Bestimmung über das Wesen des Schönen, die in ihm eines der ewigen Urbilder der Gottheit erblickt, lieber hören als die der englischen philosophischen Empiriker des vorigen Jahrhunderts, die im Schönen nur die Bürgschaft des Vergnügens und eines sinnlichen Wohlgefallens finden wollten.

Denn, meine hochverehrte Freundin, das ist nun der besondre Reiz, den die Beschäftigung mit ihrer vaterländischen Literatur gewährt, sie hat eine stete Beziehung zur allgemeinen Theorie der Schönheit. Ich gebe zu, daß die Pariser Dramatiker besser daran [74] sind, wenn sie von Feuilletonisten beurtheilt werden, die von einem neuen Lustspiel zu sprechen vermögen, ohne sich davon immerfort an Aristophanes, von einer Tragödie, ohne sich an Sophokles erinnern zu lassen. Ja ich gestehe Ihnen, diese Schulfuchserei eines gewissen vornehmen Recensententhums ist in Deutschland nicht nur unerträglich für die Personen, die schreiben, sondern sogar in hohem Grade verderblich für die Sache. Dennoch ist es so schön, in unserm besseren literarischen Leben immer jene ehernen Tafeln aufgehängt zu erblicken, die in unserm ganzen Streben und Sein, auch im politischen, auf jenen Wolkenhöhen ersichtlich thronen, von welchen sie zuweilen, wie Schiller gesagt hat, der Mensch mit Riesenarmen herunterlangt, wenn ihm die Tyrannei hienieden menschliches und göttliches Recht auch allzulange verweigern will. Ich vermisse in allen Literaturen, außer der deutschen, diesen hohen Flug des Gedankens, diese stete Bezüglichkeit des gegebenen Einzelnen auf ein Allgemeines, diese Einreihung der individuellen Kraft in die große Gesammtaufgabe einer nationalen Kunst- und Literaturgeschichte überhaupt. Vergleichen Sie nur die, bei Vielem, was sich rügen ließe, so würdige Arbeit unsres Gervinus über Shakespeare mit einem jener Cours d’histoire littéraire der Franzosen z. B. selbst von einem Villemain! Kann man sich des Lachens erwehren über die aufgeputzte Darstellung, über das Herauskehren alles dessen, was lediglich auf die Phantasie wirken soll, lediglich dem Reiz der Anekdote entspricht? Muß man nicht bald ein Buch zur Seite legen, wo man im Texte lesen kann (meistens sind diese Literaturgeschichten Nachschriften von gehaltenen Vorlesungen): „Rires“ oder „Applaudissemens“? Der Nachschreiber hat nämlich die Stellen bezeichnet, wenn aus der Sorbonne, wo der Redner sprach, eine Pikanterie über Ariost Gelächter, eine Tirade über Dante Händeklatschen hervorbrachte.

Was ist das Schöne? Diese Frage beschäftigt noch immer unsre Philosophie, und gerne möchte ich Ihnen den gegenwärtigen Stand der Discussion darüber schildern. Es soll im Nächsten geschehen. Heute sage ich Ihnen nur, daß ein alter Freund ihres Bruders, Professor Lazarus in Berlin, kürzlich diese Frage, ganz wie Columbus die Frage über das aufrechte Hinstellen eines Eis, dahin beantwortet hat, daß sich ihre Lösung von selbst verstünde. Das Schöne brauche nicht definirt zu werden. Jeder wisse eben schon von selbst, was schön sei. Allerdings fiel mir dabei ein, daß ich unsern gemeinschaftlichen Freund Ferdinand Hiller einst im Interesse einer mit mir zu Grabe gehenden, hienieden unentdeckt gebliebenen Tenorstimme über die beste Art der Tonbildung um Belehrung ersuchte und die Antwort erhielt: „Bilden Sie den Ton so, daß er sich angenehm hören läßt!“ Und einen Herrn W. aus Mainz, einen Weinreisenden, der mich manches Jahr hindurch „zu meiner Zufriedenheit bediente“, fragte ich einst gelegentlich: „Geben Sie mir, Bester, die vollkommenen Merkmale eines guten, unverfälschten Weines!“ Worauf er, durchaus wie Hiller über die Tonbildung und Lazarus über das Schöne, erwiderte: „Wein müssen Sie so trinken können, daß er Ihnen auf der Zunge keine Störung verursacht!“ Aber – dennoch habe ich das alte Vorurtheil, doch für eine genauere Definition des Begriffes „Schön“ zu sein, und werde ihnen in meinem Nächsten darüber Mancherlei, auch von Herrn von Kirchmann’s neuer Aesthetik erzählen.

So sind wir denn mit dem Begriff des guten Weines wieder angekommen in - Mainz, wieder bei unsrer Begegnung auf dem herrlichen Rheinstrom in diesem verflossenen unvergleichlichen Sonnenjahr 68. Für heute breche ich ab und bin mit dem Ausdruck all’ jener Hochachtung, von welcher Sie wissen, daß etc. etc. Kesselstadt bei Hanau, den 2. Januar 1869.