Literarische Uebersichten vom Standpuncte der Gesellschaft 1

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Autor: Auguste Baron
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Titel: Literarische Uebersichten vom Standpuncte der Gesellschaft 1
Untertitel:
aus: Die Grenzboten (1841/1842), 1. Jg., Band 1, S. 19–25
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Erscheinungsdatum: 1841
Verlag: Herbig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Band 1: SUUB Bremen = Commons
Kurzbeschreibung:
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Literarische Uebersichten vom Standpuncte der Gesellschaft.
1. Vorwort.


Faßt man das Wort „Literatur“ in seiner ausgedehntesten Bedeutung, so bezeichnet es die Gesammtheit der Hervorbringungen des menschlichen Geistes, sofern derselbe sich durch Wort und Schrift offenbart.

In einem engern und gewöhnlichern Sinne sagt man es von den geistigen Werken, die sich an die Gesammtmasse richten, als: lyrische und epische Dichtkunst, Geschichte, Beredsamkeit, Drama, Roman. Die Werke, deren Plan rein wissenschaftlich ist und deren Gebrauch sich auf eine besondre Klasse von Lesern beschränkt, gehören nicht in ihren Bereich, es sei denn, daß sie, ihre Sphäre ausdehnend, einen gewissen Einfluß auf die Kunst, die Bildung und die Gesellschaft im Allgemeinen geäußert haben; oder auch, daß sie mit dem Gedanken das Verdienst des schönen Ausdrucks vereinen, und daß die Meinung ihres Jahrhunderts, der Nachwelt oder einer gesunden Kritik in ihnen den Vorzug der Form anerkennen. In der That, jedes gut geschriebene Buch, was auch immer desselben Gegenstand sein mag, gehört der Allgemeinheit an. Denn ein solches Buch trägt in sich einen allgemeinen Character, der Allen verständlich und zugänglich ist, das Schöne, d. h. Einheit, vollkommene Beziehung der Mittel auf den Zweck, vollkommene Harmonie der Theile unter sich.

So wie das Wort der Ausdruck der Idee, und die Idee das durch das Wort Dargestellte ist, so ist die Literatur der Ausdruck einer Nation, und die Nation dasjenige, was sich in der Literatur darstellt. Als Offenbarung der ausgezeichnetsten Geister ist sie der Spiegel, in dem sich die ganze Existenz eines Volkes abbildet; sie ist in einem höhern Grade, als jede Kunst und jede Wissenschaft, der Ausdruck der Gesellschaft, in dem Sinne, daß sie zugleich ihre Erinnerungen der Vergangenheit, ihre Eindrücke der Gegenwart und ihre Wünsche für die Zukunft, — daß sie Alles was sie liebt und Alles was sie haßt, Alles was sie besitzt und Alles was ihr mangelt, darstellt. Wenn wir die Annalen der Bildungsgeschichte entrollen, so begegnen wir Zeiträumen und Völkern, gleich reich an That und Darstellung; der Himmel und die Erde lächelten ihnen zu gleicher Zeit, und die Namen eines Perikles, eines Franz des Ersten, einer Elisabeth, eines Ludwig des Vierzehnten, strahlten nach allen Seiten. Andere dagegen, eben so arm an Helden als an Schriftstellern, hatten im Ganzen genommen weder denkende Köpfe, noch streitende Arme, weder Federn, noch Degen. Hier entfaltete sich eine merkwürdige Größe der Begebenheiten und eine nicht minder erstaunenswerthe Mittelmäßigkeit der Schriften: so sahen wir in Frankreich die letzten Jahre des achtzehnten und die ersten des neunzehnten Jahrhunderts verfließen. Dort war Alles umgekehrt, und Conrad Celtes hatte Kaiser Friedrich den Dritten, Montesquieu, Buffon, Rousseau und Voltaire hatten einen Dubois, eine Pompadour und das Parlament Maupeou zu Zeitgenossen.

Wir verlangen von der Geschichte die Erklärung dieser Erscheinungen, und nur indem wir mit ihrem Lichte alle Seiten der Gesellschaft beleuchten, glauben wir die Elemente des Hervorragens oder der Unzulänglichkeit dieser oder jener Epoche, dieses oder jenes Volkes erfassen und unterscheiden zu können, je nachdem sich die vorbildenden und die entscheidenden Perioden, die Zeiten des Triumphs, des Kampfs, des Verfalls und des Uebergangs vorbereiten und vollenden. Wir sehen zugleich ein, daß, wenn in der Dauer der Nationalexistenzen die Darstellung immer im Einklang mit dem Gedanken ist, es geschehen kann, daß diese nicht mit den Thaten übereinstimmen, daß oft Nationen, wie Einzelmenschen, so zu sagen ein ideales Leben außerhalb ihres praktischen Lebens haben; daß man nicht zu sehr zu erstaunen braucht, wenn in Frankreich das Zeitalter, welches dem Aeußern nach das ausschweifendste und leichtfertigste war, sich im Grunde als das kräftigst erneuernde darstellte; wenn das Ungestümste und Glänzendste auf dem Schlachtfelde im Cabinete das furchtsamst Klassische war, wenn endlich dasjenige, welches sich im wirklichen Leben als das Gesetzteste und Spießbürgerlichste zeigt, sich mit allem Ungestüm in die heftigsten Ausschweifungen einer excentrischen Literatur stürzt. Nun füge man noch hinzu, daß es Beschaffenheiten der Gesellschaft gibt, wo man sie ihrer Gegenwart entfremdet meinen möchte, indem sie sich auf der einen Seite, wie ein Greis, nur damit beschäftigt, die Vergangenheit zu rühmen und zurückzuwünschen, auf der andern Seite aber, wie ein Jüngling, sich an Utopieen weidet und an einer erträumten Zukunft erbaut.

Aber wenn so viele geistige und sittliche Verschiedenheiten der Zeiträume und der Völker für uns ein anziehender Gegenstand der Beleuchtung sind, so erscheinen uns die Aehnlichkeiten und Analogieen derselben unseres Studiums noch würdiger.

Allen örtlichen und zeitlichen Verschiedenheiten liegt immer die gleiche und allgemeine Menschheit zu Grunde. Jedes Volk, ehe es dieser oder jener Periode, diesem oder jenem Breitengrade zugetheilt ist, ist zuerst Mensch. So erscheint es als die wesentlichste Bedingung jeder Literatur, diesen generischen Character, diese mit der Welt entstandenen Leidenschaften, diese nicht wenigen alten Wahrheiten, welche den allgemeinen Grund der Menschen bilden, auszudrücken. Wir lesen in Montesquieu: „Das Gesetz im Allgemeinen ist die menschliche Vernunft, insofern sie alle Völker der Erde regiert; und die politischen und bürgerlichen Gesetze jeder Nation sollen nur die besondern Fälle sein, auf welche diese menschliche Vernunft angewendet wird.“ Wir definiren nun die Literatur im Allgemeinen als den durch die Schrift ausgedrückten Gedanken, insofern er alle Völker der Erde erleuchtet, in Bewegung setzt oder entzückt; und die Literaturen jeder Nation als die besondern Richtungen des gemein menschlichen Characters. Je mehr Berührungspuncte also die Literatur eines Volkes mit der Menschheit im Allgemeinen bewahrt, um so mehr gehorcht sie in unsern Augen ihrer Natur; je mehr ihre Schriftsteller mit Tiefe und Weisheit in das Gebiet Aller vordringen, um so getreuer erfüllen sie den Zweck ihrer Sendung.

Dieses ist jedoch, nach unserer Art zu sehen, nicht der einzige Character, der allen Literaturen gemeinschaftlich ist; ein aufmerksames Studium derselben enthüllt uns bei jedem Schritt neue Uebereinstimmungen. Bei den Alten hatte sich Rom nach Griechenland geformt; die Völker des neuern Europa’s haben zu der Nachahmung des Alterthums eine gegenseitige Nachahmung ihrer selbst hinzugefügt. Wenn ein bekannter Philosoph aus der politischen Geschichte schließen konnte, daß der Krieg der dem Menschen natürlichste Zustand sei, so spricht, von einem etwas höhern Standpuncte aus, die Geschichte der geistigen Bestrebungen, von der verwickeltsten Philosophie bis zu den letzten Künsten der Mode und des Kostüms, für die ursprüngliche Verwandtschaft derselben. Beschränken wir uns auf eine einzige Thatsache! Untersuchen wir die vorzüglichsten Formen, welche der Mittheilung des Gedankens gewidmet sind, Drama, erzählendes Gedicht, Roman, rednerische Form, so scheinen alle Nationen trotz ihrer besondern Eigenthümlichkeiten, trotz der Meinungen, der Interessen, selbst der Antipathien, die sie trennen, in dieser Beziehung einig, um nach einander das Losungswort anzunehmen, welches heute die Eine, morgen die Andre gibt.

Bis zum zwölften, selbst bis zum vierzehnten Jahrhundert braucht man sich darüber nicht zu verwundern; das Mittelalter hatte nur einen Glauben, nur einen Geist, nur eine Sprache. Aber man glaube nicht, daß die Lage der Dinge sich seit der Zeit geändert habe. Das Programm blieb dasselbe. Nehmen wir irgend eine geschichtliche Idee, die des Christenthums zum Beispiel, wohl verstanden, vom literarischen Gesichtspuncte aus betrachtet. Wir sehen sie bei diesem oder jenem Volke keimen. Warum hier eher als dort? Die Antwort liegt oft auf der Hand, zuweilen ist sie weniger leicht; aber was auch die Ursache sei, die Resultate sind dieselben. Die Idee ist entsprossen, sie wächst, sie bringt Früchte, sie nimmt eine oder mehrere Formen an, sie bemächtigt sich der Beredtsamkeit, des Theaters, der Geschichte. Folget ihr; ihr seht sie in ihrer ganzen Ueppigkeit auf einen andern Boden verpflanzt, der sie sich ganz, oder zum Theil aneignet; von da geht sie auf einen dritten über, wo sie ohne Zweifel nicht stehen bleiben wird. So macht jede Idee in den verschiedenen Gestaltungen den Kreislauf durch die europäische Bildung, bald rasch ergriffen, bald langsamer eindringend, hier fruchtbar in Meisterwerken, dort mager oder bei aller Anstrengung mißrathen, manchmal verschwindend vor unsern Augen, um später wieder aufzutauchen, wie jene Flüsse, welche sich in einiger Entfernung von ihrer Quelle in den Boden verlieren, dann aber weiterhin wieder zum Vorschein kommen und ihren unterbrochenen Lauf unter freiem Himmel fortsetzen.

Auch wäre es ein herrliches Unternehmen und würdig eines kräftigen Geistes, die Geschichte der Literatur nicht nach chronologischer oder ethnologischer, sondern, wenn ich es wagen darf, mich dieses Ausdrucks zu bedienen, nach einer eidologischen Methode zu behandeln. Der Schriftsteller würde suchen, die Gesammtheit und die Beziehungen der Hauptideen, die sich auf literarischem Felde gebildet haben, die antike Idee, die christliche, die klassische, die protestantische, die monarchische, die philosophische, die sociale zu erklären; dann würde er, jede derselben bei ihrer Wiege aufgreifen, ihr in ihrem Laufe folgen, sie auf ihren Wanderungen begleiten, ihre verschiedenen Schicksale, ihre auf einander folgenden Umbildungen, ihre Entwickelung, ihren Höhepunct und ihren Verfall angeben. Er würde für die Literatur denselben Weg befolgen, den für die Geographie jene Autoren einschlagen, welche ein Land nach den Flußgebieten beschreiben, indem sie einen bedeutenden Strom bei seiner Quelle aufnehmen, die reichen Thäler, die finstern Wälder, die volkreichen Städte, dann wieder die kahlen Haiden und Einöden schildern, welche er durchfließt, indem er in seinem Laufe den Tribut der Nebengewässer aufnimmt, – bis er sich in der Unermeßlichkeit des Oceans verliert.

Oder wenn die Aufgabe zu schwierig wäre, und sicherlich wäre dieß eine von den Arbeiten, die geeignet sind, das Leben mehrerer Schriftsteller aufzubrauchen, so könnte man sich auf eine bestimmte Form beschränken. Man wählte auf gut Glück die Geschichte des Einen oder des Andern. Nehmen wir z. B. das neuere Theater. Man sähe es zuerst durch die christliche Idee beherrscht, welche es nach ihrer Willkühr ausbeutete, und nach einigem Umhertappen es in Frankreich in die Mysterien und geistlichen Stücke verwandelte. Kaum war das Signal gegeben, so wurden die Mysterien nach einander überall angenommen, in England, Spanien, Deutschland, Italien und Holland. Auf dem höchsten Puncte ihrer Entwickelung angekommen, läßt die Wiedergeburt des Alterthums die klassische Idee entstehen und diese bemächtigt sich nun auch der dramatischen Form. Dem ausschließlich christlichen Schauspiel in volksthümlicher Sprache, von ungemessener Länge, folgt nun das heidnische, gelehrte, in enge Grenzen eingezwängte Drama. Für diesmal beginnt Italien, Frankreich und England folgen, und Deutschland rückt später auch nach. Doch schon bei dem sechzehnten Jahrhundert müßte unser Schriftsteller die Bemerkung machen, daß eines der Elemente dieser klassischen Idee eine Protestation gegen die bestehenden Meinungen ist, eine Reaction zu Gunsten des intellectuellen Systemes des Alterthums. Diese erste Umbildung führt natürlich Andere herbei. Denn die Neuerung gebiert die Neuerung, Umsturz einen andern Umsturz; der Geist der Kritik beginnt alle Formen anzugreifen und das Drama wird in die allgemeine Bewegung mit hineingerissen. Nun hebt eine Periode der Verwirrung an, ein Chaos, wo alle Ideen, ja alle Ideenfraktionen ihre Repräsentanten, alle Formen und deren Fraktionen ihre Anhänger haben; und dieses Chaos war schon an allen Orten verbreitet, wo die Klassicität geherrscht hatte, zu London sowohl als zu Paris, als das Ordnungsprincip des siebenzehnten Jahrhunderts der Theaterlicenz einen Zügel anlegte und ein neues System entstehen ließ, worin die klassische Idee, obschon modificirt durch den Geist einer christlichen, monarchischen und ritterlichen Gesellschaft, vorherrschte. Wenn Frankreich auch hier wieder die Initiative ergreift, kam es wohl daher, daß das Drama Racine’s und Moliere’s nur für dieses Land paßte? Glaubt es nicht; denn Addison und Congreve werden nicht zögern es in England nachzuahmen, in Erwartung, daß der große Friedrich seinen Beifall in Deutschland[1] gebe, daß Maffei und Goldoni es nach Italien zurückführen und Moratin es in Spanien zu copieren suche.

Und so ist es überall und immer gleich, und selbst die höchsten Fähigkeiten, die dem Anscheine nach unabhängigsten Materien, können sich diesem Geiste der Nachahmung nicht entziehen. Thomson hat Ewald von Kleist und St. Lambert im Gefolge gehabt, wie Byron unsre Salonsdichter an der Schleppe führt, wie Barletta, der spaßhafte Kanzelredner, sich in Lattimer, Maillard und Abraham a Sancta Clara reproducirte, wie die Dogmen der Waldenser Italien, Böhmen, Deutschland, England, Frankreich durchliefen, indem sie Savonarola, Wiklef, Johann Huß, Luther, Heinrich den Achten und Calvin, Einen aus den Andern entstehen ließen und in Spanien nur vor dem flammenden Schwerte der Inquisition zurückwichen.

Und der Schluß aus all diesem? Es ist der, daß aus den Analogieen, wie aus den geistigen Verschiedenheiten der großen Familie der Menschheit hervorgeht, daß alle Hauptideen ihre Nothwendigkeit, alle Hauptformen ihre Gesetzlichkeit gehabt haben. Unparteilichkeit also und Gerechtigkeit für die Ideen! – denn indem wir darin nachgraben, finden wir fast immer sowohl den Menschen im Allgemeinen, als den Menschen der Zeit und des Orts. Ernsthaftes und unbefangenes Studium der Formen! – denn beinahe Alle haben in sich einen Geist des Lebens, der nur auf die Fackel des Genies wartet, um sich zu entzünden. Und in der That, um bei unserm Beispiele zu bleiben, was sind die Mysterien bei der Mehrzahl der Völker Europa’s? eine Kuriosität für den Gelehrten. Wohl! Lope de Vega und Calderon machten unter dem Namen Autos Sacramentales Mysterien, welche die schönste Blüthe der dramatischen Krone Spaniens sind. Das Zeitalter des Ruhmes für das englische Theater ist in Frankreich das Zeitalter der Unordnung und der Finsterniß, weil der Hardi Englands sich Shakspeare, und der Shakspeare Frankreichs sich Hardi nannte. Dagegen ist die Tragödie Racine’s seit zweihundert Jahren der Typus des französischen Trauerspiels, und unser Zeitalter wiegt sich in der wahrscheinlich thörichten Hoffnung, zweimal auf demselben Felde dem Genie zu begegnen, welches die Form belebt.

Vielleicht glaubt man, daß die ritterlichen Gedichte der französischen Sprache gefehlt haben? Sie hat deren nicht weniger als Italien. Bloß der Dichter hat gefehlt. Wo ist Frankreichs Tasso, Ariost? Deutschland hat das Nibelungenlied, unförmig, aber gewaltig; Frankreich hat alle epischen Formen erschöpft, und doch könnt Ihr mit Recht sagen: Frankreich hat keine Epopöe.

Was ist denn nun das literarische Genie? Tiefes, verehrungswürdiges Geheimniß, welches Alle fühlen, Niemand erklärt, nicht einmal das Genie selbst. Ist’s irgend eine Kraft, welche eine Welt aus Nichts schafft? Nein. Gott allein kommt es zu, Ursache und nichts als Ursache zu sein; der Mensch ist nur Ursache unter der Bedingung, daß er auch Wirkung ist. Das literarische Genie ist also nicht erschaffend in der wahren Bedeutung des Wortes, aber es hat die Macht und die Kühnheit (denn oft ist das Eine nicht weniger nöthig, als das Andere), sowohl die innigsten Gefühle, als die vorgerücktesten Ideen seiner Epoche in sich zu sammeln und nach Außen hin zu offenbaren, alle zerstreuten Strahlen zu vereinigen, um sie sofort mit der Kraft, welche erleuchtet und entzündet, wiederzuspiegeln. Seine Sendung geht dahin, auf der einen Seite die ewig menschliche, auf der andern die vergänglich nationale Wahrheit darzustellen; den Gedanken Aller in der Sprache Aller auszudrücken, aber so auszudrücken, daß es den Ausdruck zu seiner höchsten Kraft erhebt, zugleich den hervorragendsten Geistern und den Massen des Volkes zu genügen; eine fruchtbare Quelle, der sich jedes Gefäß und jede Lippe nähern kann, wo Jeder schöpfen, und welche Niemand versiegen machen kann. Es ist zu begreifen, daß das Genie unbekannt bleiben könne; die Umstände können ihm zuwider sein, aber daß es unverstanden bleibe? nein! „Unverstandenes Genie?“ Entdeckung der eiteln Mittelmäßigkeit! „Wiedereinsetzung des unverstandenen Genies?“ paradoxe Phrase, entstanden aus dem Bedürfniß, etwas Besonderes zu sagen. Ohne Zweifel hebt die Nachwelt manchmal die Beschlüsse eines Jahrhunderts auf, und verbrennt was dieses vergötterte, aber das, was die Nachwelt bewundert, konnte nicht in einer Epoche entstehen, wo der Kern der Gesellschaft keinen Begriff davon gehabt hätte. Deßhalb genügt ein Werk des Genies, um die Bildung seiner Zeit nachzuweisen; der Ausdruck setzt die Idee voraus. Camoens verschmachtete unbekannt in einer Garnison China’s. Wer hätte auch errathen wollen, welches Meisterwerk bald die Hand des Schiffbrüchigen über die Fluthen erheben würde? Aber kaum ist die Lusiade veröffentlicht, so erklärt ihn ganz Portugal für den König seiner Dichter. Ganz England klatscht Shakspeare bei seinem Leben Beifall; die entferntesten Provinzen Frankreichs rufen, wenn etwas Außerordentliches sich ihren Augen darstellt, aus: Das ist schön wie der Cid! Tasso wird auf dem Capitole gekrönt; in den Abruzzen werfen sich die Räuber bei dem Namen Ariosto’s nieder; und Göthe, „der Zukunftsdichter,“ hatte wahrlich über seine Mitwelt nicht zu klagen, wie auch die Hypochondrie eines Riemer’s darüber stöhnen und ächzen mag.

Fassen wir in Kurzem das Endziel dieser Betrachtung, so gelangen wir zu dem Schluß, daß der Zustand der Gesellschaft in einem weit innigern Zusammenhang mit der Idee des Schriftstellers steht, als man im gewöhnlichen Leben anzunehmen geneigt ist. Mag immerhin die Kritik sich damit beschäftigen, wie weit diese oder jene geistige Production der Wahrheit näher gerückt ist, und wie sich von ihr entfernt hat, mag sie, das Endziel der geistigen Aufgabe im Auge haltend, ihre Blicke stets vorwärts richten; wir wollen die Mühe übernehmen, von Zeit zu Zeit uns umzusehen, in wie weit die Gesellschaft, der allgemeine Geist der Zeit, die literarischen Bestrebungen begleitet oder dahin fahren läßt. Wir wollen die Zeit aus der Idee und die Idee aus der Zeit zu erkennen trachten. Vielleicht rücken wir dadurch etwas näher dem Verständniß der Gegenwart.

A. Baron,
Professor der Literaturgeschichte an der
freien Universität zu Brüssel.



Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Deutschlaod