Londons moderne Todtenstätten

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Textdaten
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Autor: A. G.
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Titel: Londons moderne Todtenstätten
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 52, S. 830–831
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1865
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[830] Londons moderne Todtenstätten. „London schläft nicht!“ sagt das Sprüchwort. Wie im Reiche der britischen Krone die Sonne nicht untergeht, so geht in London der Tag niemals zu Ende. Wenn die City und die Fabrikdistricte der Hauptstadt müde sein und in Schlaf sinken, ist das Westend zu vollem Leben erwacht, und der Abend von Westend reicht weit in den Morgen derjenigen Stadttheile hinein, deren Bewohnern die Arbeit anstatt des Vergnügens als Loos zufiel.

Die Schlaflosigkeit Londons verfehlt nicht, auf jeden Fremden, wenn derselbe auch aus einer andern Metropolis käme, einen tiefen Eindruck zu machen. Dies Gewahren eines unablässig dahinbrausenden Stromes menschlicher Thätigkeit, menschlichen Strebens und Genießens erfüllt den Beschauer mit einer innern Ruhelosigkeit, die zu den sieben großen Plagen von London gehört.

Schlaf und Tod sind Brüder! Seltsam, daß man in London erst nach längerer Anwesenheit an den zweiten Bruder denkt, wenn man den ersten nicht finden kann. Wir staunen vor einem der Paläste Westminsters ein eigenthümliches Schauspiel an. Man hat dem Hause Kleider angezogen. Das Portal ist mit Draperien versehen; einem großen Wappenschilde darüber sind wallende Laken umgehängt; dick aufgepuffte Festons ziehen sich unter den Fensterreihen hin und vom Hause herab hängen Fahnen bis fast zur Erde – Alles schwarz, viel schwärzer noch als die Mauern, an denen der Ruß in dicken Thränen herabrinnt. Und die steinernen Pfeiler der Einfahrten erscheinen ebenfalls im Habit habillé, ganz in Crèpe von oben bis unten, mit einer schwarzen Vase auf dem Kopfe, aus welcher dunkelfarbige Agaven ihre schilfigen Blätter emporstrecken. Ein Mitglied der hohen Aristokratie ist gestorben. Gestorben! Dan Wort führt uns auf eine Ideenreihe, zu welcher wir in London bis jetzt nicht gelangen konnten. Wir waren bisher ausschließlich unter dem Eindrucke des Gesammtlebens der drei Millionen menschlichen Wesen in London. Wir haben noch nicht daran gedacht, daß man in London, wo ewiges, schlafloses Leben herrscht – stirbt! Jetzt erst fällt es uns auf, daß wir, so lange wir in der Hauptstadt sind, und das können schon drei Wochen sein, noch keinem Leichenzuge begegneten. Welcher frappante Unterschied, wenn London mit deutschen Städten verglichen wird! Wir wohnten in einer norddeutschen Residenz in einer sehr hübschen Straße – ekelhaft genug hieß sie die Todtenstraße – und mußten Morgen für Morgen den öffentlichen Aufmarsch von etwa einem halben Dutzend Leichenprocessionen mit ansehen.

Der Mensch denkt selten an den Tod, wenn sich der Gedanke nicht durch äußerliche Umstände aufdrängt. In London, wo man sehr Leichenprocessionen sieht, die in der Regel auf eine bemerkenswerthe Qualität des Hingeschiedenen schließen lassen, vergißt man’s, daß wir mitten im Leben vom Tod umfangen sind, daß das Leben der drei Millionen Londoner Tag für Tag etwa zweihundert Menschenleichen kostet. Oft begnügt sich der Tod mit einer geringern Einnahme und creditirt den Rest; dann aber fährt er unvermuthet zu und zieht seine Forderung sammt Zinsen und Zinsenzinsen in einer einzigen Woche an sich. Wo bleiben aber diese Massen von Hingeschiedenen, diese vielen Tausende von Leichen, welche London Jahr für Jahr liefert? Ein ganz mäßiger Anschlag ergiebt, daß in London, so lange die gegenwärtige Generation existirt, über eine Million viermalhunderttausend Menschen gestorben sind. Wo wurden und werden diese Leichenarmeen untergebracht? Es ist ersichtlich, daß es, wenn es für die lebenden Londoner ein London giebt, auch für die todten Londoner an einer großartigen Hauptstadt nicht fehlen durfte.

Das riesenhafte Steigen der Bevölkerung Londons datiert vom Jahre 1843, und mit dieser Steigerung ging die Vermehrung der Todesfälle in London parallel. Im Jahre 1843 betrug der Raum sämmtlicher Londoner Friedhöfe nicht mehr als zweihundertunddrei Acker, welche in der meist unmittelbaren Nähe der Wohnungen für die Lebenden lagen. Auf diesen engen Leichenäckern wurde jährlich eine Armee von gegen zweiundzwanzigtausend Erwachsenen und dreißigtausend jüngeren Personen und Kindern Schicht für Schicht übereinander gebettet. Wären die Begräbnißgesetze für London nicht fürsorgend eingetreten, so hätten sich die Leichenschichten hoch über den Boden erheben und dem lebenden London über den Kopf wachsen müssen. Auf dem Kirchhof von Highgate war man schon so weit gediehen, für die Einscharrung Erde anfahren zu müssen. Die Friedhöfe von Highgate und Kensall-Green, beide voll sehenswerther Denkmäler mit einem schauerlichen Chaos von durcheinandergeworfenen Menschengebeinen dicht unter der Oberfläche des Bodens, durften seit den betreffenden Verordnungen (1852 und 1853) nicht mehr erweitert werden. Die Benützung ist an sehr erschwerende Bedingungen gebunden. Eine schwache Idee von der ebenso gesundheitwidrigen wie unwürdigen Art, in welcher früher in London die Begräbnisse in der großen Mehrzahl von Fällen stattfanden, giebt die Praxis der Bestattung auf dem Friedhofe zu Bethnal-Green, im Osten der Stadt. Dieser Begräbnißplatz gehört der Victoria-Park-Gesellschaft [831] und unterliegt den Begräbnißgesetzen der Hauptstadt nicht. Vom Abney-Park-Friedhofe ist das saubere Aeußere zu rühmen; es ist jedoch bekannt, daß die Todtengräber mehr mit Aexten und Beilen, als mit Grabscheiten arbeiten müssen, um durch Särge und menschliche Reste hindurch den Weg in die Tiefe zu finden.

Ein Schauder durchlief London, als der auch in Hinsicht auf das Hospitalwesen verdiente Dr. Sutherland die Geheimnisse der Londoner Begräbnißplätze enthüllte (1855). Vor allen Dingen mußten geeignete Räume zu Gebote gestellt werden, um die Leichenmassen aus der Nähe Londons zu entfernen. Dann konnte auch auf eine würdige und billige Art der Bestattung, so wie auf den sehr wichtigen Umstand Rücksicht genommen werden, die Möglichkeit zu geben, daß die Leichen in der nächsten Nacht nach dem Hinscheiden, bei Epidemien sofort, aus dem Sterbelocal entsernt wurden.

Was den letztern Punkt anbetrifft, so ward der haarsträubende Fall als sehr oft eintretend constatirt: daß in der Wohnung von armen Familien, welche das enorme Begräbnißgeld nicht erschwingen konnten, eine Leiche oft wochenlang liegen bleiben mußte. Von eintausendvierhundertfünfundsechzig Familien eines Districts von London, wo viele Arbeiter wohnen, besaßen neunhundertneunundzwanzig Familien nur je ein Wohnzimmer, wo auch geschlafen werden mußte, und in sechshundertunddreiundzwanzig Familien war nur je ein einziges Bett zu finden. Und dazu eine nicht wegzuschaffende Leiche!

Rousseau sagte: „Alle Laster des Menschen entspringen aus der Bildung, deren Ursache der menschliche Geselligkeitstrieb ist“. Wir nehmen nur den letzten Theil des Satzes als richtig an. Der Geselligkeitstrieb, welcher Massen von Menschen vereinigt, hat eine reiche Folge von Erscheinungen herbeigeführt, die den Verstand und die Srfindungskraft im höchsten Grade belebten. Das Massenleben Londons zeigt von Zeit zu Zeit ganz eigenthümliche, neue Verhältnisse, denen entweder schleunigst abgeholfen werden muß, oder welche für neue Eroberungen im Gebiete praktischer Lebensweisheit auszunützen sind.

Zuerst staunten die Londoner rathlos, als ihnen genau vorgerechnet wurde, daß die Metropolis einen Begräbnißgrund nothwendig habe, so groß, wie Hyde-Park, St. James-Park und die Kensington-Gärten zusammengenommen. Bald aber war der Anfang gemacht, Abhülfe zu gewähren. Die erste Nekropolis Londons entstand zu Woking Common, am südlichen Ufer der Themse. Die Woking-Begräbniß-Compagnie kaufte zweitausend Acres Grund und Boden und bestimmte vierhundert Acres zu einem Friedhof. Die Anlage war unter Zugrundelegung der Forderungen der besten medicinischen und technischen Autoritäten gemacht worden. Wer London besucht, findet die anderthalb Stunden Zeit, um den Woking-Kirchhof zu besuchen und die Pracht der Parkanlagen, der Blumenbeete, die wohlgepflegten Wege sammt den Einrichtungen für die Bestattung selbst zu bewundern. Man fährt auf der Südwest-Bahn in einer halben Stunde nach Woking.

Mit Woking Cemetery wetteifert der Friedhof von Colney Hatch, von einer großartigen Compagnie seit einigen Jahren erst für die Benutzung eröffnet. Dieser Friedhof liegt an der nördlichen Uferseite der Themse, fünfzehn Minuten Zeit von London entfernt und mit der großen Nordwestbahn zu erreichen.

Um Zeuge zu sein, wie die Colney-Hatch-Gesellschaft ihr höchst rentables Geschäft betreibt, gehen wir zum Empfangsbahnhofe in Kings Croß, welcher dicht an das Areal der Hauptstation der großen Nordbahn stößt. Mit dem Einbruch der Dämmerung gehen die Leichenwagen in die Stadt ab, Fuhrwerke, welche sich durch nichts, als durch ihre flachen, verschließbaren Kästen von anderen leichten Lastwagen unterscheiden. Diese Wagen bringen die Leichen, deren Anmeldung im Laufe des Tages erfolgt ist. Für billigsten Preis wird hier, wenn es gewünscht wurde, ein Sarg sammt der Leichentoilette geliefert; die Compagnie ist jedoch auch im Stande. die luxuriösesten Bestellungen auszuführen. Die Leichen werden mit einem zu regelmäßigen Zeiten vom Bahnhofe abgehenden Dampfzuge nach dem Colney-Hatch-Friedhofe befördert. Hier kommen sie in eine große Halle, wo sie, unter allen gegen das Lebendigbegrabenwerden gerichteten Vorsichtsmaßregeln, bewacht werden. Für die Leidtragenden sind besondere Züge am Tage bestimmt. Bis zur Bestattung steht es den Hinterbliebenen frei, ihre Todten zu sehen. Die Särge stehen auf Platten mit Rollen und können leicht auf der Estrade, wo sie aufgestellt sind, hin- und herbewegt werden.

Die Kosten der Aufnahme einer erwachsenen Leiche und Fortführung derselben nach der Friedhofs-Bahnstation Colney Hatch kostet mindestens sechs Schillinge oder etwa zwei Thaler. Das Begräbniß selbst wird billigst für dreizehn Schillinge sechs Pence ausgeführt. Für das Billet einen Leidtragenden nach dem Friedhofe und zurück wird ein Schilling sechs Pence berechnet. Die Personenwagen sind, für theureren Fahrpreis, sehr elegant eingerichtet. Sonst kostete das jämmerlichste Begräbniß in London vier Pfund Sterling = siebenundzwanzig Thaler, welche vorausbezahlt werden mußten, während die Colney-Hatch-Company sich zunächst nur die Aufnahmekosten entrichten läßt.

Bereits gegenwärtig ist der Colney-Hatch-Kirchhof stark in Anspruch genommen worden und die ursprünglich für die Gräber – auf zehn Jahre – bestimmten einhundert und fünfzig Acres haben bereits ihr Deputat an unterirdischen Bewohnern empfangen. Es ist ein eigenthümlichen Gefühl, die noch nicht in „Geschäftsbetrieb“ genommenen weiten Bodenflächen mit dem Gedanken zu betrachten: daß die ganze Räumlichkeit zu Todtenlagern benützt werden wird.

Noch gewaltiger berührt es, wenn der Dampfzug dahinbraust in die Nacht hinaus; – mögen die Sterne über Blumen blinken, oder mag der Sturm über kahle, winterliche Felder fegen – der Zug mit den dunklen, fensterlosen Wagen, in welchen sich die Todten als Passagiere befinden, bleibt gleich schauerlich.

Unendlich segensreich für die Sanitätsverhältnisse Londons haben jedoch diese Bestattungs-Compagnien gewirkt, welche mit größter Schnelligkeit die Entfernung der Leichen aus dem Bereiche der Lebendigen Londons vermitteln. London, wo man so selten Jemand begraben sieht, ist laut der Tabellen der Lebensversicherungen die gesundeste Stadt in ganz England und wird hinsichtlich der günstigen Ziffer der Sterblichkeit von keiner Stadt Europas übertroffen.

A. G