MKL1888:Abraham a Santa Clara

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Meyers Konversations-Lexikon
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51, 52

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Abraham a Santa Clara. In: Meyers Konversations-Lexikon. 4. Auflage. Bibliographisches Institut, Leipzig 1888–1889, Bd. 1, S. 51. Digitale Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=MKL1888:Abraham_a_Santa_Clara&oldid=- (Version vom 14.09.2014)

Abraham a Santa Clara, eigentlich Ulrich Megerle, einflußreicher Kanzelredner und volkstümlich-humoristischer Schriftsteller, geb. 4. Juli 1644 zu Krähenheinstetten bei Möskirch in Schwaben, trat 1662 unter die Barfüßer-Augustiner, studierte dann zu Wien im Kloster seines Ordens, wurde Prediger in Maria Stern bei Taxa in Oberbayern, später in Graz und 1669 kaiserlicher Hofprediger in Wien. Hier bethätigte er, namentlich während der Pestzeit von 1670, aufopfernde, unerschrockene Menschenliebe und jede Tugend eines echten Geistlichen sowie eine eigenartige volkstümliche Beredsamkeit, welche ihn weithin beliebt machte. Schon 1689 ward er zum Provinzial seines Ordens ernannt; er starb 3. Dez. 1709 in Wien, bis an sein Ende allverehrt und sowohl in seinem geistlichen Beruf wie als Schriftsteller thätig. Noch auf dem Sterbebett bereitete er sein Werk „Wohlangefüllter Weinkeller, in welchem manche durstige Seele sich mit einem geistlichen Gesegn’ Gott erquicken kann“ zum Druck vor. Als Schriftsteller ist Pater A., dies „prächtige Original“, wie ihn Schiller (im Briefwechsel mit Goethe) nennt, einer der letzten Vertreter der großen moralisierend-volkstümlichen Litteratur des 16. Jahrh., welche durch das ganze 17. Jahrh. einen Kampf gegen die gelehrt-aristokratische Richtung bestand, aber schließlich von der letztern überwunden und verdrängt wurde. In seiner Grundanschauung gläubiger Katholik, mit mönchischen Eigentümlichkeiten, besaß A. nicht nur eine seltene Menschenkenntnis und praktische Einsicht in die Verhältnisse des Lebens, sondern auch eine warme Teilnahme an den Menschen, eine unerschrockene, weder hoch noch niedrig schonende Wahrheitsliebe, kräftigen, zuzeiten derben Witz, der um des Zwecks willen auch vor einer Unflätigkeit nicht zurückschrickt, ein gewisses Feuer der Beredsamkeit und eine von den Geschmacklosigkeiten der Zeit und seiner mönchischen Bildung wohl durchsetzte, aber im ganzen doch bewunderungswürdige Beherrschung der Sprache. Die Kanzelwirkung der Kapuziner, die sich nie gescheut hatten, drastische Bilder und Burlesken, Volksdialekt und gemeine Sprechweise zu Hilfe zu nehmen, verbindet sich bei A. mit Elementen litterarischer Bildung und höhern Absichten. Er scheint der Zuversicht gelebt zu haben, daß die humoristische Wirkung seiner Schriften die erbauliche und moralische von selbst im Gefolge haben werde, und so überwiegt der Witz (dessen eigentümliche Art Schiller bekanntlich in der Kapuzinerpredigt in „Wallensteins Lager“ nachbildete) in den meisten seiner Werke. Unter denselben heben wir hervor: „Prophetischer Willkomm, d. i. Ein Weissagung von Glück ohn Tück“ (Wien 1676); „Huy und Pfuy! der Welt“ (das. 1680); „Mercks Wienn, d. i. des wüthenden Todts umständige Beschreibung“ (das. 1680); „Auff, Auff ihr Christen!“ (das. 1683, Heerpredigt wider die Wien bedrohenden Türken); „Gack, Gack, Gack, Gack a Ga einer wunderseltzamen Hennen in dem Herzogthum Bayern, d. i. Beschreibung der Wallfahrt Maria Stern in Taxa“ (Münch. 1687); „Heilsames Gemisch Gemasch“ (Würzb. 1704); die aus dem Nachlaß des Autors erschienenen: „Wohlangefüllter Weinkeller etc.“ (das. 1710) und „Abrahamisches Bescheid-Essen“ (Nürnb. 1714). Das Hauptwerk Abrahams, in welchem seine Stärken und Schwächen am lebhaftesten und interessantesten zu Tage treten, ist „Judas der Ertz-Schelm, für ehrliche Leuth, oder eigentlicher Entwurff und Lebensbeschreibung des Iscariotischen Bößwicht“ (Salzb. 1689–95, 4 Bde.). Die legendarische Erzählung vom Leben des apostolischen Verräters ist hier angefüllt „mit unterschiedlichen Diskursen, sittlichen Lehrpunkten, Gedicht und Geschicht, auch sehr reichem Vorrath biblischer Konzepten“, in [52] denen allen die energische Munterkeit und die lebendige Darstellungskraft Abrahams sich geltend machen. Seine „Sämtlichen Werke“ erschienen zu Passau und Lindau 1835–50 in 21 Bänden. Vgl. Karajan, A. (Wien 1867); Palmer, A. als Homilet (Stuttg. 1845).