MKL1888:Bleistifte

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Meyers Konversations-Lexikon
4. Auflage
Vorheriger
Bleistein
Nächster
Bleisulfat
Wikisource-logo.svg

Wikisource-Seite: Bleistift

Tango style Wikipedia Icon.svg
Wikipedia-Artikel: Bleistift
Wiktionary small.svg
Wiktionary-Eintrag: Bleistift
Seite mit dem Stichwort „Bleistifte“ in Meyers Konversations-Lexikon

Originalseite(n)
23, 24

korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Empfohlene Zitierweise
Bleistifte. In: Meyers Konversations-Lexikon. 4. Auflage. Bibliographisches Institut, Leipzig 1888–1889, Bd. 3, S. 23. Digitale Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=MKL1888:Bleistifte&oldid=- (Version vom 28.09.2014)

Bleistifte (Bleifedern, Graphitstifte) wurden anfänglich aus dem im Übergangsthonschiefer zu Borrowdale in Cumberland vorkommenden trefflichen Graphit in der Weise angefertigt, daß man das Mineral mit Sägen in dünne Blätter zerteilte, diese durch Schleifen auf einer horizontalen Scheibe glättete und dann in Stifte zerschnitt, welche in Holz eingefaßt wurden. Von diesen echten englischen Bleistiften unterschied man früh die künstlichen, zu deren Darstellung der Mangel an so schönem Graphit, wie ihn die genannten Gruben lieferten, die Fabrikanten nötigte. Aus den Abfällen der echten B. und aus erdigem und staubförmigem Graphit bereitete man mit Hilfe eines Bindemittels, wie Schwefel, Schwefelantimon, Leim, Gummi, Kolophonium etc., solide Massen, aus welchen unmittelbar die Stifte geformt oder nach dem Trocknen in Platten und Stäbchen geschnitten wurden. Gegenwärtig verwendet man als Bindemittel ausschließlich geschlämmten Thon, mischt denselben auf Mühlen sehr sorgfältig mit dem geschlämmten Graphit und füllt die Masse in Cylinder, deren Bodenplatte mit Löchern versehen ist. Indem nun ein Kolben unter starkem Druck in den Cylinder hineingetrieben wird, tritt die Masse aus der Bodenplatte in Form von Stäbchen aus, welche auf Brettern aufgefangen, getrocknet und bei völligem Abschluß der Luft je nach der gewünschten Härte stärker oder schwächer gebrannt werden. Zur Fassung der Graphitstäbchen dient jetzt sehr allgemein das Holz der virginischen Zeder (Juniperus virginiana), für geringere Sorten das westindische Zedern- oder Zuckerkistenholz von Cedrela odorata und für die billigsten heimisches Pappel-, Erlen-, Ahorn- oder Weißbuchenholz. Aus diesen Hölzern werden die Fassungen dadurch hergestellt, daß man sie zuerst in dünne Brettchen zersägt, diese auf Hobelmaschinen sauber abhobelt und durch kleine Kreissägen in entsprechend schmale Stäbchen zerschneidet, die zugleich an einer Seite mit der Nute versehen werden. Hierzu dient ebenfalls eine Kreissäge. Nach dem Einlegen der Graphitstäbchen wird die Nute durch ein schmales eingeleimtes Holzstäbchen verschlossen, wenn nicht, wie es neuerdings fast immer geschieht, die Fassungen durch Zusammenleimen zweier gleicher genuteter Stäbchen gebildet werden. – Die ältern Maler bedienten sich der Stile, die sie aus Italien erhielten, und welche nach Beckmann wirklich aus Blei bestanden, nach andern aber nur wegen des bleifarbenen Striches, den sie gaben, B. genannt wurden. Jedenfalls kannte man im Mittelalter unsre B. noch nicht, wenn auch die Benutzung des Graphits zum Schreiben viel älter sein mag. Erst als 1664 die Graphitgrube zu Borrowdale entdeckt worden war, kam der Bleistift in seiner heutigen Form auf und fand alsbald solchen Beifall, daß der englische Zentner Graphit mit 3360 Mk. bezahlt wurde. Diese englischen B. wurden um 1680 in Deutschland bekannt, und 1726 gab es in Stein bei Nürnberg bereits Bleistiftmacher. Die junge Industrie wurde von der bayrischen Regierung in besondern Schutz genommen; 1766 erteilte diese dem Grafen Kronsfeld die Konzession zur Errichtung einer Bleistiftfabrik in Zeltenbach. Inzwischen war aber das ursprüngliche Material, obwohl die englische Regierung eine Zeitlang die Ausfuhr des Graphits bei Todesstrafe verboten hatte, sehr knapp geworden, und man bemühte sich vergebens, durch allerlei chemische Prozesse und Mischungen eine brauchbare Graphitmasse herzustellen. Epochemachend war daher die Erfindung der noch jetzt gebräuchlichen Thonmischung, welche 1795 gleichzeitig durch Conté, einen der größten Industriellen Frankreichs (geb. 1755 zu St.-Cénery bei Séez, Orne; gest. 1805 in Paris), und durch Hardtmuth in Wien (gest. 1816) gemacht wurde. Die Crayons-Conté erschienen bereits auf der ersten Industrieausstellung [24] in Paris 1798 und fanden von Jahr zu Jahr weitere Verbreitung, so daß die Nürnberger Industrie, welche bei der alten Methode des Zersägens künstlicher Mischungen stehen geblieben war, nach und nach von der Konkurrenz völlig ausgeschlossen wurde und stark in Verfall geriet. Im J. 1816 errichtete die bayrische Regierung eine Fabrik in Obernzell bei Passau, welche mit verbesserten Maschinen und zweckmäßigen Mischungen nach dem Verfahren von Conté arbeitete und so eine Pflanzschule guter Arbeiter wurde. Diese Fabrik ging 1821 in die Hände der Gebrüder Rehbach über und ward 1836 nach Regensburg verlegt. Aber auch in Nürnberg fand ein Umschwung statt, indem Lothar Faber in seiner 1760 von Kaspar Faber in Stein gegründeten Fabrik das neue Verfahren einführte und das Etablissement zu einer Musteranstalt erhob, an welche sich die gesamte Bleistiftfabrikation Bayerns und Deutschlands anlehnte. Seitdem behauptet Deutschland in der Bleistiftfabrikation unbestritten den ersten Rang, zumal sich Faber das vorzüglichste Material, welches in der neuern Zeit (1847) bekannt geworden ist, den sibirischen Alibertgraphit, zu sichern wußte. Nürnberg besitzt gegen 26 Bleistiftfabriken, welche mit etwa 5500 Arbeitern jährlich gegen 250 Mill. B. im Wert von etwa 8,400,000 Mk. produzieren. Nächst Bayern liefern Frankreich und Österreich die meisten und besten B., während die englische Industrie im ganzen nicht mehr viel bedeutet.

Mit der Fabrikation der B. ist die der farbigen Stifte, der Rot-, Blau-, Schwarz- und Pastellstifte, verbunden, welche zum Teil wie B. hergestellt werden, nur daß statt des Graphits verschiedene Farbekörper, wie Blutstein, Ruß, Zinnober, Berliner Blau, Ultramarin, Grünerde etc., und statt des Thons oft andre Klebemittel (Leim, Gummi arabikum, Hausenblase etc.) zur Anwendung kommen, in welchem Fall natürlich das Brennen wegfällt. Sortimente von Pastellstiften (s. Pastellfarben) sind als Creta polycolor (vielfarbige Kreide) im Handel. Durch Zusatz von Anilinfarben zu einer Mischung von Graphit und Thon werden die sogen. Tintenstifte erzeugt, deren Schrift durch Anfeuchten mittels eines nassen Löschblattes wie Tinte in das Papier zieht.