MKL1888:Caldĕron

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Meyers Konversations-Lexikon
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Originalseite(n)
734, 735

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Caldĕron. In: Meyers Konversations-Lexikon. 4. Auflage. Bibliographisches Institut, Leipzig 1888–1889, Bd. 3, S. 734. Digitale Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=MKL1888:Cald%C4%95ron&oldid=- (Version vom 24.10.2015)

Caldĕron, 1) Don Pedro C. de la Barca Henao y Riaño, der große dramatische Dichter der Spanier, geb. 17. Jan. 1600 zu Madrid als Sprößling einer altadligen Familie. In seinem 9. Jahr wurde er einem Jesuitenkollegium daselbst übergeben und bezog dann im 13. Jahr die hohe Schule von Salamanca, wo er sich juristischen, philosophischen und mathematischen Studien widmete. Daneben lag er aber auch der Ausbildung seines poetischen Talents ob, und schon in seinem 14. Jahr konnte er die erste Frucht desselben, sein Schauspiel „El carro de cielo“, veröffentlichen. Im J. 1619 von Salamanca nach Madrid zurückgekehrt, fand er am dortigen Hof mächtige Freunde, verließ denselben aber 1625 wieder, um seinem kriegerischen Hang nachzugeben, und folgte den Fahnen des Königs zehn Jahre lang, namentlich in Mailand und in den Niederlanden, ohne sich jedoch Heldenruf erwerben zu können. Philipp IV. rief ihn 1635 an den Hof zurück, übertrug ihm die Leitung seines Theaters im Lustschloß Buen Retiro sowie die Anordnung aller königlichen Feste und Lustbarkeiten und erhob ihn 1637 zum Ritter des Ordens von Santiago. Vom König beauftragt, für die königliche Bühne ein dramatisches Werk zu liefern, schrieb C. das Schauspiel „Certamen de amor y zelos“, eilte dann zu dem Heer der spanischen Ritterorden nach Katalonien und erntete jetzt auch kriegerischen Ruhm. Der König überhäufte ihn nun mit Auszeichnungen wie mit künstlerischen Aufträgen, setzte ihm eine hohe Pension aus und ließ seine Dramen mit möglichstem Pomp aufführen. In seinem 50. Jahr bemächtigte sich des einst so lebensfrohen Dichters ein Hang zum Mystizismus; er trat 1651 in den geistlichen Stand und erhielt 1653 vom König eine der Kaplanstellen an der erzbischöflichen Kirche zu Toledo, die er auch beibehielt, als ihn Philipp IV., um ihn in der Nähe zu haben, 1663 zum Kaplan an der königlichen Hofkapelle zu Madrid ernannte. Noch ehe C. öffentlich in den geistlichen Stand getreten war, hatte sich seine poetische Thätigkeit überwiegend den Autos sacramentales (s. Auto) zugewendet; von jetzt an widmete er sich ausschließlich dieser dem orthodoxen Zeitgeist entsprechenden Dichtgattung und leistete darin in der That Ausgezeichnetes. Schneller als sein weltlicher Dichterruf verbreitete sich sein Ruf als Schöpfer der herrlichsten geistlichen Schauspiele über ganz Spanien, und von allen ersten Städten des Reichs, Madrid, Toledo, Sevilla, Granada u. a., wurde er mit Auftragen überhäuft. 1663 zugleich Mitglied der Brüderschaft von San Pedro zu Madrid, wurde er einige Jahre später zum Capellan-Mayor derselben ernannt, und diese Ehre erfreute ihn so, daß er dem frommen Verein sein ganzes nicht geringes Vermögen vermachte. Er starb 25. Mai 1681. Seine Asche ruhte über anderthalb Jahrhunderte in der Kirche San Salvador zu Madrid, wo ihm die genannte Brüderschaft von San Pedro ein Denkmal setzen ließ; 1841 wurde dieselbe nach dem Kirchhof des Klosters San Nicolas vor dem Atochathor übergeführt. Eine (sitzende) Bronzestatue des Dichters von Figueras wurde im Januar 1880 auf dem St. Annenplatz zu Madrid feierlich enthüllt.

C. ist ohne Zweifel das glänzendste poetische Genie, das der Katholizismus hervorgebracht hat, und zwar der vorzugsweise „katholische Dichter“, dabei von erstaunlicher Vielseitigkeit. Seine Werke sind sehr zahlreich, aber weder in streng chronologischer Folge noch rein und vollständig erhalten. Sie zerfallen in Autos sacramentales oder Opferdarstellungen (z. B. „La cena de Baltasar“), Wunderkomödien (am berühmtesten „La devocion de la cruz“, „El magico prodigioso“, „El principe constante“ u. a.), tragische Schauspiele (z. B. „El alcalde de Zalamea“, „La niña de Gomez Arias“), Konversationsstücke (darunter „Dicha y desdicha del nombre“, „La dama duende“, „Guardate de la agua mansa“); ferner in mythologische Festspiele (z. B. „Eco e Narciso“, „El mayor encanto amor“), Ritterspektakelstücke (z. B. „La puente de Mantible“, „En esta vida todo es verdad y todo mentira“), historische Schauspiele (darunter „Hija del aire“, „Afectos de odio y amor“ u. a.) und romantische Schauspiele verschiedener Qualität, worunter das berühmte „La vida es sueño“, „Saber del mal y del bien“ etc. zu zählen sind. Was den poetischen Wert derselben betrifft, so offenbaren sich in Calderons dramatischer Behandlungsweise der Stoffe ebensoviel künstlerische Absichtlichkeit des berechnenden Verstandes, dem die Phantasie bei aller ihrer Fülle untergeordnet ist, wie tiefe Weltanschauung und Erhebung des Gemüts bis zur äußersten Grenze der Welt der Erscheinungen. Er übertrifft seine Vorgänger durch den psychologisch-ethischen Gehalt seiner Dramen, durch die harmonische Gliederung ihrer Szenerie und durch den edlen, bis aufs äußerste gefeilten Ausdruck. Um Neuheit der Stoffe hat er sich wenig bekümmert, dagegen beherrscht er mit Sicherheit den Stoff und faßt in der besondern Thatsache stets das Abbild allgemeiner Gesetze auf. Seine Lieblingsbilder kehren zwar oft wieder, gewinnen aber immer neuen Reiz durch andre Zusammenstellung. Übrigens ist der Gehalt der dramatischen Werke Calderons ungleich. Während mehreren, unter denen wir besonders „Die Tochter der Lust“, „Das Leben ein Traum“, „Die Andacht zum Kreuz“, „Der wunderthätige Magus“, „Der standhafte Prinz“, „Des Namens Glück und Unglück“ etc. hervorheben, der wunderbarste Zauberreiz innewohnt, wenn auch das von ihm gepflegte katholisch-romantische Ideal sittlich und religiös unser Gefühl nicht befriedigt (vgl. „Der Arzt seiner Ehre“, „Der Richter von Zalamea“), ermüden andre durch rhetorisierende Dogmatik; auch sind die massenhaften Allegorien und Personifikationen der abstraktesten Begriffe, welche C. ohne Scheu handelnd auftreten läßt, in vielen Stücken störend. Nicht wenige im höhern Alter verfaßte weltliche Schauspiele zeugen von kalter Unlust am Leben; manche Jugendwerke mißfallen wegen Überladung mit Bilderschmuck und durch Prunk des Ausdrucks (estilo culto). C. selbst legte in seinem Alter das meiste Gewicht auf seine Autos sacramentales [735] und zeigte gegen seine weltlichen Stücke um so mehr Gleichgültigkeit, je mehr man ihm fremde Stücke unterschob und seine eignen bis zur Unkenntlichkeit entstellte. Als nachweisbar echt besitzen wir von C. 108 Schauspiele (comedias) und 73 Autos sacramentales nebst den dazu gehörigen Loas (Vorspielen), während von seinen 100 scherzhaften Sainetes (Zwischenspielen) nicht eins mehr vorhanden ist. Sein letztes Stück, im 81. Jahr geschrieben, war „Ilado y Divisa“. Außerdem schrieb C. viele Lieder, Sonette, Romanzen und andre kleine Gedichte, die zum größten Teil ungedruckt geblieben sind. Was davon noch aufzutreiben war, hat de Castro („Poesias de C.“, Cadiz 1848) herausgegeben; ein Bändchen neu aufgefundener Gedichte erschien unter dem Titel: „Poesias ineditas“ (Madr. 1881). Die erste Sammlung seiner Dramen, von seinem Bruder besorgt (Madr. 1640–74), gedieh nur bis zum vierten Band. Vollständigere Ausgaben der Comedias lieferten Juan de Vera Tassis (Madr. 1685–94, 9 Bde.), Fern. de Apontes (das. 1760–63, 11 Bde.), J. G. Keil (Leipz. 1827–30, 4 Bde.), am besten Hartzenbusch (Madr. 1848–50, 4 Bde., 122 Stücke enthaltend) und Garcia Ramon (das. 1882 ff.). Die Autos, welche Eigentum der Stadt Madrid waren und lange nicht gedruckt werden durften, erschienen zuerst zu Madrid 1717 in 6 Bänden, später von Apontes herausgegeben: „Autos sacramentales alegóricos y historiales del Phenix de los poetas etc.“ (das. 1759–60, 6 Bde.). Eine vorzügliche kritische Ausgabe des „Magico prodigioso“ veröffentlichte Morel-Fatio (Heilbr. 1877). Deutsche Übersetzungen Calderonscher Dramen lieferten A. W. v. Schlegel („Spanisches Theater“, Berl. 1803–1809, 2 Tle., 5 Stücke enthaltend), Gries (das. 1815 bis 1826, 7 Bde.), v. d. Malsburg (Leipz. 1819–25, 6 Bde.), Martin (das. 1844, 3 Tle.) und M. Rapp („Spanisches Theater“, Bd. 6, Hildburgh. 1870). Übertragungen der geistlichen Schauspiele besorgten J. v. Eichendorff (Stuttg. 1846–53, 2 Bde.) und Lorinser (Regensb. 1856–72, 18 Bde.; 2. Aufl. 1882 ff.). Das Verdienst, die deutschen Bühnen dem Genius Calderons geöffnet zu haben, gebührt Goethe und Schlegel. Schon 1811 ging in Weimar „Der standhafte Prinz“ über die Bühne; 1816 wurde dasselbe Stück zuerst in Berlin aufgeführt. In Wien brachte West (Schreyvogel) „Don Pedro, das Leben ein Traum“ (gedruckt 1867) nach der Griesschen Übersetzung in bühnenmäßige Form und zur Aufführung. Im allgemeinen aber blieb der Versuch, C. auf der deutschen Bühne einzubürgern, trotz aller Farbenpracht seiner Gebilde ohne nachhaltigen Erfolg, was teilweise in dem ängstlichen Festhalten an der originalen, dem Deutschen nie mundgerecht zu machenden Form, mehr aber wohl noch in dem ganzen uns fremdartigen und widerstrebenden Geiste, der die Stücke erfüllt, seinen Grund hat. Die erste Biographie von C. schrieb sein Herausgeber Vera Tassis (abgedruckt vor dem ersten Teil der Komödien sowie in mehreren spätern Ausgaben). Gut über ihn urteilten außer A. W. v. Schlegel („Vorlesungen über dramatische Kunst und Litteratur“, Bd. 3, Heidelb. 1817) namentlich Valent. Schmidt („Wiener Jahrbücher“, Bd. 17–19, 1822), Fr. v. Schack („Geschichte der dramatischen Litteratur in Spanien“, Bd. 3), K. Immermann („Deutsche Pandora“, Bd. 3), Fr. v. Raumer („Historisches Taschenbuch“ 1842) und Klein („Geschichte des Dramas“, Bd. 11, Leipz. 1874). Vgl. Fr. W. Schmidt, Die Schauspiele Calderons (Elberf. 1857); Fastenrath, C. (Leipz. 1881); Derselbe, C. in Spanien (das. 1882); Dorer, Die Calderon-Litteratur in Deutschland (das. 1881); Putman, Studien over C. en zijne geschriften (Utrecht 1880); Lassó de la Vega, C. de la Barca. Estudios de las obras etc. (Madr. 1881); Pelayo, C. y su teatro (das. 1881).

2) Don Serafin, neuerer span. Dichter, geb. 1801 zu Malaga, studierte die Rechte in Granada, wurde 1822 daselbst Professor der Poesie und Rhetorik, war später Advokat in seiner Vaterstadt und ließ sich 1830 in Madrid nieder, wo er seine beifällig aufgenommenen „Poesías del solitario“ (Madr. 1833–40, 2 Bde.) herausgab. Nebenbei legte er sich auf das Studium der arabischen Sprache und verfaßte im Auftrag der Regierung ein Lehrbuch der Staatsverwaltungsgrundsätze („Principios de administracion“). Anfang 1834 wurde er zum Generalauditor bei der Nordarmee und 1836 zum Zivilgouverneur von Logroño ernannt. Durch einen Sturz vom Pferde für einige Zeit an Madrid gebannt, beschäftigte er sich vorzüglich mit Sammlung der immer seltener werdenden Schätze der altspanischen Nationallitteratur, der handschriftlichen und gedruckten Cancioneros und Romanceros, und mit der Vorbereitung einer kritischen Ausgabe derselben, die indessen nicht zu stande kam. Ende 1837 wurde C. politischer Chef in Sevilla, zog sich aber infolge des Aufstandes im November 1838 ins Privatleben zurück. Er starb 7. Febr. 1867. Von seinen Werken sind noch zu nennen: die Novelle „Christianos y Moriscos“ (Madr. 1838), ein sehr schätzbarer Versuch über die Litteratur der Morisken („Litteratura de los Moriscos“) und die geistreichen „Escenas andaluzas por el solitario“ (das. 1847). Eine Auswahl seiner Werke findet sich in Ochoas „Apuntes por una biblioteca de escritores españoles contemporaneos“, Bd. 1 (Par. 1840).

3) Philip Hermogenes, engl. Maler, geb. 1833 zu Poitiers als Sohn eines spanischen Flüchtlings, kam 1846 nach England, wo er unter Leigh studierte, und ging 1851 nach Paris, um unter Picot seine Studien zu vollenden. Sein „gebrochenes Gelübde“ (1857) gewann ihm die Neigung des englischen Publikums, das sich gern durch Sentimentalität bestechen läßt. Von spätern Werken sind zu nennen: die Tochter des Gefängniswärters, französische Landleute ihr gestohlenes Kind wiederfindend, die Freigebung Gefangener, die Werbung (1861, eins seiner besten Bilder), nach der Schlacht, die englische Gesandtschaft in Paris am Abend des Bartholomäustags, der junge Hamlet. Im J. 1867 wurde C. Mitglied der Londoner Akademie, und im gleichen Jahr erhielt er für des Siegers Heimkehr als der einzige der englischen Künstler auf der Pariser Weltausstellung die goldene Medaille. In den 70er Jahren folgten die Königin der Turniere und einige historische Gemälde.