MKL1888:Cypern

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Meyers Konversations-Lexikon
4. Auflage
Seite mit dem Stichwort „Cypern“ in Meyers Konversations-Lexikon
Band 4 (1886), Seite 385387
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Cypern. In: Meyers Konversations-Lexikon. 4. Auflage. Bibliographisches Institut, Leipzig 1885–1890, Band 4, Seite 385–387. Digitale Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/wiki/MKL1888:Cypern (Version vom 15.09.2022)

[385] Cypern (bei den Griechen Kypros, türk. Kibris), türk. Insel des Mittelmeers unter englischem Protektorat, liegt zwischen 34°34′ und 35°43′ nördl. Br., in der von den Küsten Syriens und Kilikiens gebildeten nordöstlichen Ecke des genannten Meers und hat eine ungefähr rechteckige Gestalt, doch mit einer langen, schmalen, gegen NO. gestreckten Halbinsel (s. Karte). Ihre größte Länge beträgt fast 230, ihre Breite 96 km, der Flächeninhalt 9601 qkm (174,3 QM.). Die wichtigsten Vorgebirge sind: das Kap Gatti (Kurias der Alten) im S., Kap Greco (Pedalion) gegen SO., Kap St. Andrea (Dinareton) im NO., Kap Kormachiti (Krommyon) im N. und Kap Epiphanios (Akamas) im NW. Das Innere der Insel wird von zwei Gebirgsketten von O. nach W. durchzogen, der Nordkette, welche im Pentedaktylon 756 m gipfelt und aus Kalk besteht, und dem plutonischen System des Troodos (Chionodes der Alten, 2010 m hoch), zu welchem die östlicher gelegenen Berge Machäras (Aoos, 1440 m) und Stavrovuni (Olympos, 700 m hoch) gehören. Zwischen beiden Gebirgsreihen fließt der Pidias (Pediäos), der beträchtlichste Fluß Cyperns, der auf der Ostküste mündet; die übrigen Flüsse trocknen im Sommer größtenteils aus, und die Bewässerung der Insel ist daher im allgemeinen nicht eben reichlich. Trotzdem blühte C. im Altertum durch außerordentlichen Kulturreichtum. Der Aphrodite heilig, die hier aus dem Schaum des Meers aufgestiegen sein sollte und in Paphos einen prachtvollen Tempel hatte, galt die Insel der damaligen Welt als Vereinigungspunkt aller Anmut und Lieblichkeit, freilich auch aller Üppigkeit und Frechheit. Man pries und feierte das liebliche Klima, die strotzende Vegetation, den Reichtum an Produkten aller Art, wie namentlich an Kupfer (das von C. seinen Namen hat), köstlichem Wein, Kristall („Diamant von Paphos“), Seesalz etc. Auch die Cypressen und Cyperkatzen, heute auf C. fast verschollen, erinnern an die Insel. Ackerbau, Bergbau und Industrie, die besonders kunstvolle Teppiche, kostbare Tischgedecke, reiche Kleider, Thonwaren, wohlriechende Salben etc. schaffte, standen in hohem Flor, und die zahlreichen kleinen Gemeinwesen, welche an den Küsten bestanden und meist im Besitz trefflicher Häfen waren, wie Amathus, Paphos, Salamis, Kition etc., waren sämtlich blühend und wohlhabend. Für den großen Wohlstand des alten C. zeugt auch die reiche Ausbeute der von Cesnola (s. d.) veranstalteten Ausgrabungen, welche eine große Menge von Statuen, Reliefs, Thonvasen (vgl. Vasen) und Metallarbeiten zu Tage gefördert haben. Diese als cyprische Altertümer in verschiedenen Museen aufbewahrten Arbeiten zeigen eine eigentümliche Mischung von ägyptischem, asiatischem und altgriechischem Stil und sind meist phönikischen Ursprungs. Die Zahl der Bewohner soll in jenen Zeiten oft eine Million betragen haben. Auch jetzt noch zeichnet sich die Insel trotz der jahrhundertelangen Vernachlässigung durch Fruchtbarkeit aus. Das Klima ist im Sommer sehr heiß, im Winter übermäßig kalt; im Frühling (Mitte Februar bis Mitte April) ist die ganze Insel ein einziger Blumenteppich. Der Osten ist wärmer als der gebirgige Westen. Im Sommer regnet es nie (so einst unter Konstantin 36 Jahre lang gar nicht, so daß die Bewohner auswanderten), im Winter oft 30–40 Tage lang, so daß die Bäche übertreten. Die Hitze erzeugt namentlich an der Küste oft Fieber. Mit dem Ackerbau ist es übel bestellt, und die von Natur reich ausgestattete Insel ist überhaupt sehr herabgekommen. Die ehemals reichen Waldungen sind ohne Plan ausgenutzt und verwüstet worden; an Anpflanzungen denkt man erst in allerneuester Zeit. Der Boden ist ausgetrocknet und die Kulturfähigkeit überhaupt beeinträchtigt. So liegt mehr als die Hälfte der Insel als Wüstenei, und nur etwa der fünfte Teil derselben ist angebaut. In den Ackerbaudistrikten, besonders in der Thalebene des Pidias, wird die Bewässerung des Bodens mit Hilfe von unterirdischen Kanälen und Schöpfrädern bewirkt; doch ist dieselbe noch bedeutender Ausdehnung fähig. Ende September oder Anfang Januar, d. h. vor oder nach den hier vorherrschenden Winterregen, geschieht die Aussaat; Ende Mai ist die Ernte. Weizen, Gerste, Hafer, Linsen und Sesam werden vorzugsweise gebaut, als Erdfrüchte nur im Gebirge [386] die Kartoffel, in den Ebenen die Kolokasie; Tabak und Baumwolle wenig. Der Weinbau gedeiht bis über 1000 m Höhe, wird aber vernachlässigt; nur etwa 60 qkm sind mit Reben bepflanzt. Der Cyperwein ist seit dem Altertum hochberühmt, leider aber hat die englische Verwaltung die früher drückende Besteuerung des Weinbaues beibehalten. Das vorzüglichste Gewächs ist der Vino della Commanderia, so genannt, weil die Strecke (bei Limisso), auf der er gewonnen wird, einst eine Kommende der Templer war. Der Ölbaum wird ebenfalls vernachlässigt, und bei der Anwendung höchst unvollkommener Pressen geht ein großer Teil des wertvollen Materials verloren. Bedenklich wird die Zunahme der Heuschrecken (Stauronotus), die nur mit der Pflugschar wirksam bekämpft werden können. Gleicherweise vernachlässigt

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Karte der Insel Cypern.

sind die Vieh- und die Seidenzucht sowie die ehemals so berühmte Bienenzucht, welch letztere dennoch jährlich ca. 800,000 kg Honig und 200,000 kg Wachs produziert. Von Haustieren trifft man nur Ziegen, Schafe und Schweine. Die sonstige Thätigkeit der Bewohner, deren Zahl sich 1881 auf 186,173 (95,015 männliche, 91,158 weibliche; etwa 3/4 Christen, 1/4 Mohammedaner; der Sprache nach 42,638 Türken und 140,793 Griechen, ferner einige Hundert Araber und Engländer etc.) belief, beschränkt sich auf Fabrikation von Teppichen, Baumwoll- und Seidenzeugen, Töpferwaren und feinem Leder. Die Ausfuhr besteht (außer in Wein) hauptsächlich in Salz, starken Stiefeln, Rosinen, Johannisbrot, Baumwolle, und die Einfuhr umfaßt namentlich Textilwaren, Zucker, Tabak, Reis. Die Hauptstadt der Insel ist Levkosia (ehemals Nicosia genannt), Sitz eines Erzbischofs, unter welchem die Bischöfe von Bapho, Larnaka und Kerynia stehen; der vorzüglichste Hafen- und Handelsplatz ist Larnaka. An der Ostküste liegt Famagusta, an der Westseite Bapho, das alte Paphos. Verwaltet wird die in sechs Distrikte geteilte Insel von einem von der Königin von Großbritannien ernannten High Commissioner, der zugleich Oberstkommandierender ist, und dem ein gesetzgebender Rat von 4–8 Mitgliedern, welche zur Hälfte von der Krone aus den Beamten, zur Hälfte aus angesehenen Einwohnern gewählt werden, zur Seite steht. Die Einnahmen betrugen 1884/85: 172,063 Pfd. Sterl., die Ausgaben 112,037, wozu noch der Tribut an die Türkei mit 92,746 Pfd. Sterl. kommt, so daß England ein Defizit von 32,720 Pfd. Sterl. zu decken hatte.

Geschichte. Die ersten Bewohner Cyperns waren Semiten vom Stamm der Chetiter. Sehr früh siedelten sich Phöniker an, gründeten die bedeutendsten Städte der Insel, wie Salamis, Paphos, Amathus, Soloi u. a., und verpflanzten ihre Götterkulte dahin. Später kamen griechische Einwanderer verschiedener Stämme, vorzugsweise Ionier und Dorier, welche mehrere (neun) monarchische Kleinstaaten gründeten. Seit dem 8. Jahrh. v. Chr. war C. dem assyrischen Reich unterworfen, unter welchem aber die griechischen und phönikischen Fürsten als Vasallen weiterherrschten. Nach dem Fall von Assyrien übte Tyros eine Art Oberherrschaft, bis Amasis von Ägypten es um 560 eroberte. Mit Ägypten kam C. 525 unter die persische Herrschaft, der es die Griechen 478–449 entrissen. 410 vereinigte König Euagoras von Salamis die ganze Insel zu einem der Sprache nach schon fast ganz griechischen Reich und behauptete nach längern Kämpfen gegen den König Artaxerxes II. seine Selbständigkeit bis an seinen Tod 374. Nach der Schlacht bei Issos unterwarf sich C. 333 Alexander d. Gr. Nach Alexanders Tod wurde die Insel ein Zankapfel zwischen Antigonos und Ptolemäos I., an deren Kämpfen sich auch die kleinen Fürsten der Insel beteiligten. Ptolemäos blieb endlich Sieger und vereinigte C. wieder mit Ägypten. Doch überließen es die Ptolemäer [387] zeitweise einem jüngern Zweig ihres Hauses als Sekundogenitur. 58 machte es Cato zu einer mit Kilikien vereinigten römischen Provinz. Cäsar und Marcus Antonius gaben zwar der Insel wieder mehrere Fürsten aus dem Geschlecht der Ptolemäer zu Herrschern; aber Augustus machte sie nach der Schlacht bei Actium zur Konsularprovinz. Von dieser Zeit an wird C. in der alten Geschichte kaum mehr erwähnt. Bei der Teilung des Römerreichs fiel es dem oströmischen Reich zu und wurde von Statthaltern aus kaiserlichem Geblüt regiert. In diese Zeit fällt der Aufstand der Juden unter Artemon, der den kaiserlichen Befehl zur Folge hatte, daß kein Jude je wieder die Insel betreten dürfe. Von den Sarazenen 647 zweimal erobert, fiel C. doch jedesmal an die Byzantiner zurück. Von den kaiserlichen Statthaltern machte sich Komnenos I. unabhängig, nahm den Kaisertitel an, und seine Nachkommen behaupteten den Thron, bis Richard Löwenherz, der 1191 auf seinem Kreuzzug in 25 Tagen die ganze Insel eroberte, den komnenischen Kaiser Isaak gefangen nahm und C. um 25,000 Mk. Silber an die Tempelherren verkaufte, welche es jedoch an England zurückgaben, worauf Richard 1193 den König von Jerusalem, Guido von Lusignan, damit belehnte. Unter der Herrschaft der Lusignans blühte C. wieder auf. Nachdem mit Hugo II. 1267 die männliche Linie des Hauses Lusignan ausgestorben war, bestieg ein natürlicher Sprößling desselben, Hugo III., Sohn des Prinzen Heinrich von Antiochia, den Thron von C. Einer seiner Nachkommen, Jakob II., hatte eine Venezianerin, Caterina Cornaro (s. d.), zur Frau, welche 1489 ihre Rechte auf die Herrschaft von C. der Republik Venedig überließ, die sich im Besitz derselben behauptete, bis 1570 der Feldherr des Sultans Selim II. nach der tapfersten Gegenwehr des Marco Antonio Bragadino (s. d.), der elf Monate lang Famagusta verteidigte, die Insel eroberte und dem türkischen Reich einverleibte, wobei 20,000 Christen niedergehauen, 2000 zu Sklaven gemacht und große Schätze erbeutet wurden. Den Türken selbst soll die Eroberung der Insel 50,000 Mann gekostet haben. Mehemed Ali bemächtigte sich im Juli 1832 auch Cyperns und wurde 1833 von der Pforte förmlich damit belehnt; aber schon 1840 kam die Insel an die Pforte zurück. Durch den Vertrag vom 4. Juni 1878 wurde C. an England abgetreten; doch behielt sich der Sultan seine Souveränitätsrechte sowie den Überschuß der Einnahmen über die Ausgaben vor. Später verpflichtete sich England zur Zahlung eines Tributs von 92,746 Pfd. Sterl. an die Pforte. 1882 erhielt C. eine neue Verfassung. Vgl. Engel, Kypros (Berl. 1841); Unger und Kotschy, Die Insel C. (Wien 1865); v. Löher, C., Reiseberichte (Stuttg. 1878); J. Baker, C. im Jahr 1879 (deutsch, Leipz. 1880); Cesnola, C., seine alten Städte, Gräber und Tempel (deutsch, Jena 1879); Mas Latrie, Histoire de l’île de Chypre sous le règne des princes de la maison de Lusignan (Par. 1851–61, 3 Bde.); Derselbe, L’île de Chypre, sa situation présente, etc. (das. 1878); v. Löher, C. in der Geschichte (Berl. 1878); Holwerda, Die alten Kyprier in Kunst und Kultus (Leiden 1885). Eine umfassende Karte von C., aufgenommen von Kitchener und Grant, erschien zu London 1885 (15 Bl. in 1:63,360).