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MKL1888:Eismeer

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Meyers Konversations-Lexikon
4. Auflage
Seite mit dem Stichwort „Eismeer“ in Meyers Konversations-Lexikon
Seite mit dem Stichwort „Eismeer“ in Meyers Konversations-Lexikon
Band 5 (1886), Seite 486487
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Wiktionary: Eismeer
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Eismeer. In: Meyers Konversations-Lexikon. 4. Auflage. Bibliographisches Institut, Leipzig 1885–1890, Band 5, Seite 486–487. Digitale Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/wiki/MKL1888:Eismeer (Version vom 17.01.2023)

[486] Eismeer (Polarmeer), im allgemeinen Bezeichnung für die die beiden Erdpole zunächst umgebenden Wassermassen, wonach ein nördliches und ein südliches E. zu unterscheiden ist. Das Nördliche E. oder Arktische Polarmeer (s. Karte „Nordpolarländer“) umgibt den Nordpol und berührt die nördlichen Küsten von Asien, Europa und Amerika. Zwischen den dem letztern Kontinent vorgelagerten Inseln bildet es eine Menge von Busen, Durchfahrten und Straßen. Mit dem Atlantischen Ozean steht es durch die Davisstraße, die Dänemarkstraße zwischen Grönland und Island und durch die breite Öffnung zwischen Island und Südnorwegen in Verbindung; in das Stille Meer führt die Beringsstraße. Das Nördliche E. ist das kleinste der selbständigen Meeresbecken und wird zu einem Flächeninhalt von 15,292,411 qkm (277,726 QM.) berechnet. Im allgemeinen sind die Tiefen desselben nur gering. Die nordischen Tiefebenen setzen sich unter Wasser weiter fort. Östlich von Spitzbergen sind kaum Tiefen über 500 m vorhanden. Zwischen Spitzbergen und Grönland aber befindet sich ein tiefes Becken, die Eismeertiefe, welche in einem großen Teil Tiefen über 3000 m aufweist, und in deren nördlichem Teil sogar Stellen von 4600 und 4800 m gefunden worden sind. Über den Verlauf dieser tiefen Rinne nördlich von 80° wissen wir nichts. Ebenso bildet die Davisstraße einen tiefen Fjord, noch in der Baffinsbai sind Tiefen von 1880 m gelotet. Selbst in der wärmern Jahreszeit treiben aus den Polargegenden gegen S. Eismassen von kolossaler Ausdehnung und oft höchst merkwürdiger Gestalt: schwimmende Eisinseln, die zum Teil auf dem Meer selbst, an seinen Küsten und in seinen Buchten, zum Teil in den Flüssen entstanden sind oder endlich von den Gletschern der Landbezirke stammen (Eisberge und Gletschereisblöcke). Diese Eismassen folgen im allgemeinen der sogen. Polarströmung; ihre Erstreckungsgrenzen sind je nach den Jahreszeiten und einzelnen Jahren verschieden. Am weitesten nach S. reichen dieselben im Frühjahr. An Stellen, wo das Eis dicht zusammengedrängt auftritt, macht es die Schiffahrt ganz unmöglich, an andern sind auch die stärksten Schiffe, wenn sie sich zwischen die Treibeisschollen wagen, der Gefahr des Zerdrücktwerdens ausgesetzt. Neben diesen starren Massen schwimmt als das Produkt einer mildern Zone Treibholz, welches nirgends sonst in solcher Menge angetroffen wird. Meeresströmungen tragen es aus den Mündungen der sibirischen Flüsse und denen des nordwestlichen Amerika an die Polarküsten. Was die Tierwelt anlangt, so herrschen die Meersäuger und Amphipoden (Flohkrebse) im Nördlichen E. vor. Unter den erstern sind der grönländische Bartenwal, der Finnfisch, der Narwal und das Walroß charakteristisch. Die unermeßlichen Scharen der winzigen Flohkrebse sind aasfressend und vermögen in einer Nacht den größten Seehund bis auf das Gerippe zu verzehren, dienen aber selbst wieder den Säugern als Futter. Handelsgeist und ein höherer Trieb der Forschung und Entdeckung haben den Menschen auch in dieses unwirtliche Meer geführt. Der Walfischfang sowie die Jagd auf Pelztiere sind daselbst lohnend, und nächstdem veranlaßte der Wunsch, von der Hudson- und Baffinsbai aus an der Nordküste von Nordamerika hin eine nordwestliche Durchfahrt (Nordwestpassage) oder auch über Spitzbergen oder Nowaja Semlja eine nördliche oder nordöstliche Durchfahrt nach der Beringsstraße aufzufinden, seit 1517 eine Menge von Expeditionen nach dem Norden. Im J. 1818 wurden dieselben auf Veranlassung John Barrows von England wieder aufgenommen (s. Nordpolexpeditionen). An die Namen Roß, Parry, Franklin, Beechey etc. knüpft sich die Geschichte mehr oder minder erfolgreicher Fahrten, unter deren Schrecken neben den Gefahren des Treibeises eine Kälte, welche Chloroform und salzsauren Äther in feste Körper verwandelt, vielmonatliche Gefangenschaft in der Polarnacht, der Skorbut und die Qualen des Hungers die erste Stelle einnehmen. Die gesuchte Durchfahrt fand indessen erst Mac Clure im Herbst 1850, freilich nur, um ihre gänzliche Unbrauchbarkeit für die Schiffahrt darzuthun. Das Treibeis der Kanäle, welche diese zwischen polaren Inselländern sich windende Durchfahrt bilden, wird im W. und S. des Melvillesundes zum unüberwindlichen Hindernis. Die Sage von einem offenen Polarmeer im N. der Smithsundroute, welche sich an die Beobachtungen von Inglefield, Morton und Hall knüpfte, wurde durch die englische Expedition von Nares (1875–76) widerlegt, wobei Nares den Namen Offenes Polarmeer mit gleicher Übertreibung in den eines Paläokrystischen Meers verwandelte. Auf dem Eis dieses Meers erreichte sein Begleiter Markham die höchste bis jetzt verzeichnete Polarbreite von 83°20′26″. Mittlerweile gaben die Untersuchungen im Nordatlantischen Ozean (seit 1860) in Verbindung mit den wissenschaftlichen Spitzbergen-Expeditionen der Schweden (seit 1858) Veranlassung zu einer wissenschaftlich-systematischen Erforschung der Eismeere, zunächst des europäischen Anteils, deren Hauptverdienst den Norwegern Mohn und Wille zufällt (1876–78), und welche uns über die Tiefenverhältnisse dieser Meere, das spezifische Gewicht und die chemische Zusammensetzung des Seewassers, den Meeresboden und das Tierleben, die Temperaturzustände und die Meereszirkulation umfassende Aufschlüsse geliefert hat. In erster Linie betrifft diese Forschungsarbeit das Gebiet des Warmwasserzugs, dem man, da sein Anfang mit dem amerikanischen Golfstrom zusammenfällt, bis zu seinen äußersten nördlichen Zweigen den Namen dieser Strömung beilegt, der aber zutreffender als atlantischer Zufuhrstrom bezeichnet werden könnte. Er befreit das Nördliche E. durch seine mechanische Wirkung und die mitgeführte Wärme weithin vom Eis und sendet seine Verzweigungen bis in die Baffinsbai, nach Nordspitzbergen und in das Meer zwischen Spitzbergen und Nowaja Semlja. Eine ähnliche Wirkung auf die Schiffbarkeit des Eismeers üben an den Küsten Sibiriens und des westlichen Nordamerika die großen Flüsse dieser Gegenden aus (vor allen der Ob, der Jenissei, die Lena und der Mackenzie), indem dieselben ihre allsommerlich unter südlichern Breiten erwärmten Gewässer über das schwerere Meerwasser verbreiten. Diese Verhältnisse ermöglichten dem umsichtigen und unermüdlichen Nordenskjöld die Eröffnung des Seehandels nach Westsibirien und im J. 1878 die Auffindung der so lange vergeblich gesuchten nordöstlichen Durchfahrt. Auch durch die Beringsstraße gelangt aus dem Beringsmeer ein Warmwasserzug in die Polarsee. Ein kalter Strom dagegen fließt an der Ostküste Grönlands nach S., scheint aber die Nähe Grönlands nicht zu verlassen, sondern in die Davisstraße einzubiegen. Noch ungleich breiter und tiefer fließt aus der Baffinsbai auf der Westseite der Davisstraße ein südwärts gerichteter [487] Strom, welcher der Neufundlandbank Eisberge in Menge zuführt.

Im N. des europäisch-asiatischen Kontinents finden sich überall die Strömungen in Übereinstimmung mit dem Gesetz der Rechtsablenkung durch die Rotationswirkung der Erde. An den Nordküsten sind die Strömungen durchweg nach O. gerichtet. Sie führen von S. herkommendes und daher warmes Wasser aus dem Atlantischen Ozean und den sibirischen Flüssen und halten die Kontinentalküste während des Sommers eisfrei. Dieselbe Anlehnung an die rechtsseitige Küste weist der Nordstrom an den Westküsten von Spitzbergen und Nowaja Semlja, der Südstrom an den Ostküsten dieser selben Inseln auf. Auch im N. der Beringsstraße wendet sich die dem Lauf der Küste folgende Strömung rechts nach Kap Barrow zu. Vgl. Nordpolarländer.

Das Südliche E. oder Antarktische Polarmeer hat keine Landgrenze wie das Nördliche, sondern hängt mit den südlichen Hälften des Atlantischen, Indischen und Stillen Ozeans in offener Wasserverbindung zusammen. Das Areal dieses Meers läßt sich nur schätzungsweise auf etwa 352,000 QM. angeben, da man nicht weiß, wieviel Land um den Südpol gelagert ist. Denn einer Erforschung dieser Regionen stellen sich noch größere Schwierigkeiten entgegen als im N., da hier Eisfelder und Eismassen ein noch ausgedehnteres Gebiet haben. So reicht die nördlichste Grenze des Treibeises südlich von Afrika bis über den 45.° nach N. hinüber. Die große Menge ausgedehnter Eisberge, welche nach N., namentlich in den Atlantischen Ozean, gelangen, macht aber das Vorhandensein eines großen antarktischen Landes sehr wahrscheinlich. Die wichtigste Expedition in diese Region ist die des englischen Kapitäns Roß 1839–1843, der bis jetzt am weitesten gegen den Südpol vorgedrungen ist (bis 78°11′). Die Namen seiner Schiffe, Erebus und Terror, übertrug man auf feuerspeiende Berge des dort entdeckten und gegenwärtig als antarktischer Kontinent angesehenen Victorialandes. Weiterm Vordringen stellte sich eine kolossale Eismauer von 65–70 m Höhe entgegen, die fest zusammenhängend Hunderte von englischen Meilen sich hinzog. Soweit Beobachtungen vorliegen, ist das Südliche E. flach. Die Lotungen von Roß erreichen meist nur Tiefen von weniger als 900 m, auch die im südlichen Indischen Ozean gefundenen mäßigen Tiefen deuten auf eine allmähliche Erhebung des Meeresbodens nach dem Südpol hin. Die Strömungen des Südlichen Eismeers werden im allgemeinen aus den direkten Strombeobachtungen ostwärts und nordwärts gefunden. Dagegen hat man aus dem Verlauf der Treibeisgrenze den Schluß gezogen, daß südlich von der Kergueleninsel, südlich von Neufundland und südwestlich vom Kap Horn warme Strömungen in das Südliche E. hineinfließen. Während nämlich die Treibeisgrenze im Südatlantischen Ozean bis in etwa 40°, im Indischen Ozean zwischen 40 und 50°, im Stillen Ozean auf 50° südl. Br. zu setzen ist, weicht sie im SW. vom Kap Horn auf 57° und an den beiden andern bezeichneten Stellen auf etwa 61° zurück (vgl. Neumayer, Die Erforschung des Südpolargebiets, Berl. 1872). Über die Eisverhältnisse der Polargegenden s. Polareis.