MKL1888:Mythologie

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Meyers Konversations-Lexikon
4. Auflage
Seite mit dem Stichwort „Mythologie“ in Meyers Konversations-Lexikon
Band 11 (1888), Seite 958961
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Mythologie. In: Meyers Konversations-Lexikon. 4. Auflage. Bibliographisches Institut, Leipzig 1885–1890, Band 11, Seite 958–961. Digitale Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/wiki/MKL1888:Mythologie (Version vom 13.12.2021)

[958] Mythologie (griech.), die Lehre von den Mythen. Mythus heißt im allgemeinen Rede, dann Überlieferung, im engern Sinn die Überlieferung aus vorhistorischer Zeit (in welchem wir das Wort mythisch auch im täglichen Leben gebrauchen), in der modernen wissenschaftlichen Sprache eine Erzählung, deren Mittelpunkt ein göttliches Wesen ist, und das in konkreter Erzählungsform auftretende Dogma der alten heidnischen Völker, besonders der Griechen, bei denen sich der Mythus am freiesten und reichsten ausgebildet hat, und deren M. hier vorzugsweise in Betracht kommt. Jenes Dogma braucht nicht immer ein eigentlich religiöses zu sein. Jene frühern Menschen haben vielmehr all ihr Denken und Fühlen, ihre gesamte Vorstellungswelt im Mythus niedergelegt, und die M. bildet so den ganzen Komplex ihres Wissens und ihrer Moral. Die Entstehung der Mythen ist davon abzuleiten, daß man die Wirkungen der Naturkräfte willensbegabten Persönlichkeiten zuschrieb, welche, je nachdem diese Wirkungen dem Menschen gegenüber freundlich und segensvoll oder verderblich, furchtbar und zerstörend waren, als milde und freundliche oder als zürnende und feindliche Wesen aufgefaßt wurden. Weil aber die Wirkungen der Naturkräfte, also auch die sie hervorbringenden Persönlichkeiten, weit über die menschliche Kraft erhaben waren, so erschienen letztere als Gottheiten. Da jedoch der Mensch solche ihn überragende Persönlichkeiten nur als potenzierte Menschen sich vorstellen kann, so müssen sie zwar einen dem menschlichen analogen Ursprung haben und auf menschliche Weise leben und empfinden, aber zugleich, da sie nicht aufhören, sich in der Natur zu manifestieren, unsterblich sein. Je nach dem Eindruck, den eine Naturerscheinung, in der sich die Gottheit offenbarte, auf den Menschen machte, wurde die Gottheit männlich oder weiblich gedacht: die stärkern, bewegtern, finstern Gottheiten waren männliche, die mildern, still wirkenden, empfangenden weibliche. Diese aus der Naturbetrachtung entstandenen Mythen, die wir physische nennen können, sind die ursprünglichen und ältesten; dieselben werden jedoch im Fortschritt menschlicher Gesittung mehr und mehr zu ethischen umgebildet. Derjenige Gott, welcher nach physischer Auffassung als der mächtigste erscheint, wird als König der Götter betrachtet. Indem sich nun die ethische Weiterbildung dieses Götterkönigs bemächtigt, muß sie ihn notwendig mit denjenigen Eigenschaften ausstatten, welche von einem guten irdischen König verlangt werden, also neben Macht und Majestät mit Gerechtigkeit, Milde, Weisheit, festem Willen etc. Ferner leitet die mythenschaffende Thätigkeit aus dem Wesen dieses Charakters in seinem Verhältnis zu andern Charakteren Begebenheiten, Erlebnisse und Konflikte ab, in denen sich der Charakter des Gottes oder eine Seite desselben manifestiert. Als endliche und letzte Phase dieser fortarbeitenden Thätigkeit ist die vollendete Vermenschlichung ursprünglich göttlicher Wesen zu bezeichnen, die aber erst dann möglich ist, wenn die Naturbedeutung gegen die ethische Entwickelung ganz in den Hintergrund getreten ist. Die vermenschlichte Gottheit erhält dann eine neue menschliche Genealogie, tritt aber damit aus dem Gebiet des Mythus in das der Sage über, welche auf ihre Weise an das vom Mythus Überkommene anknüpft und daran fortspinnt. Als Elemente der griechischen Mythenbildung müssen noch erwähnt werden das lokale, d. h. die Berührung verschiedener Stämme Griechenlands, und das zeitliche, d. h. die Aufeinanderfolge verschiedener Kulte. Bei der Berührung verschiedener Stämme erfolgte natürlich ein Austausch von (immer lokal entstehenden) Mythen und von religiösen Ideen, und es entstanden infolge hiervon die Sagen von Wanderungen der Götter, aber auch, durch gegenseitige Konzession oder durch Überwiegen eines Stammes, ein Synkretismus, wonach zwei (oder mehrere) göttliche Wesen ähnlicher Natur zu einem verschmolzen und mit den Eigenschaften beider ausgestattet wurden. Aus der Aufeinanderfolge verschiedener Kultusepochen aber entstanden die Sagen von Vernichtungskämpfen einzelner Götter oder der Göttergeschlechter gegeneinander, wie z. B. die Sage von dem siegreichen Kampf gegen die Titanen, durch welchen die olympische Götterdynastie zur Herrschaft gelangte.

Die Quellen der M. sind die Schrift- und Kunstwerke der Alten. Am wichtigsten sind die ältesten Dichter, besonders Homer, der die heroische, Hesiod und die Orphiker, welche die kosmogonische und theogonische M. repräsentieren. Doch ist diese Dichtermythologie in zahllosen Fällen poetisch ausgeschmückt und umgewandelt, so daß sehr oft verhältnismäßig späte Schriftsteller (z. B. Pausanias, welcher aus lokaler Tradition schöpfte) das Bessere und Ursprünglichere enthalten. Das Geschäft des Sammelns und Systematisierens der Mythen vollzogen vornehmlich die Chronisten und ältern Historiker, an deren Stelle in der Zeit der sinkenden griechischen Bildung die Periëgeten und Grammatiker, welche Lokalsagen und Monumente mit großem Fleiß und in weiter Ausdehnung sammelten und mythologische Cyklen zum Zweck der Litteraturstudien und des Unterrichts der Jugend bildeten. In der spätern Litteratur sind die dem Apollodor von Athen zugeschriebene „Bibliothek“, die „Bibliothek“ des Diodorus Siculus, Ovids „Metamorphosen“, Hygins „Fabeln“ und „Poetische Astronomie“ Hauptquellen der M., und einen außerordentlichen Reichtum von Lokaltraditionen bietet Pausanias dar. Ergänzende Quellen unserer mythologischen Kenntnis sind die Kunstwerke (Skulpturen, Wandgemälde, Vasenbilder, geschnittene Steine, Münzen etc.), indem sie meistens die von den Dichtern dargebotenen Mythen künstlerisch umbilden, bisweilen aber auch Mythen vorführen, die in schriftlicher Überlieferung verloren gegangen sind, ja hin und wieder auch selbst zu Mythenbildungen Anlaß gegeben haben.

Was die M. als Wissenschaft in der neuern Zeit betrifft, so hat man im 17. und 18. Jahrh. einerseits die Mythen auf pragmatische Weise wie Geschichte behandelt, anderseits die religiösen Ansichten der Alten von einem einseitigen Standpunkt aus beurteilt, indem man in denselben bald ein Vorspiel, bald eine Entstellung der wahren Religion, d. h. der biblischen Offenbarung oder des Christentums, sah. Einen [959] bedeutenden Einfluß auf die M. als Wissenschaft gewann dann zu Anfang unsers Jahrhunderts jene Richtung der Philosophie der Geschichte, die von der Annahme eines Urvolkes im Orient (Indien, Ägypten, Hochasien etc.) ausgeht, das im Besitz einer Urreligion, d. h. einer reinen Gotteserkenntnis, gewesen sei. Von dort sei diese Urweisheit durch Priester unter den rohen Völkern der Erde und namentlich auch bei dem unkultivierten Volk der Griechen ausgebreitet worden, und zwar wegen der unzulänglichen Bildung und Erkenntniskraft der Völker auf allegorische Weise, in einer absichtlich erfundenen Bildersprache (d. h. in Form des Mythus), während die abstrakte Lehre der reinen Religion sich esoterisch in den Mysterien (s. d.) erhalten habe. Zu den Vertretern dieser Richtung gehören unter andern die Romantiker Fr. Schlegel („Über die Sprache und Weisheit der Inder“, 1808) und Görres („Mythengeschichte der asiatischen Welt“, 1810), auch Schelling. Andre Forscher suchten in der Fabelwelt der Alten die bildliche Überlieferung einer bestimmten positiven Wissenschaft, besonders der Astronomie oder der Chemie. Am meisten Förderung ist der M. (besonders der griechisch-römischen) von seiten der Philologie geworden. Der unter Herders Einfluß stehende Christian Gottlob Heyne (gest. 1812) war der erste, welcher die M. als einen Teil der Realphilologie behandelte und den Mythus als die Ausdrucksweise einer bestimmten Zeit betrachtete, der ebensosehr das Hineintragen moderner Ideen in die alten Mythen als die Herleitung derselben aus Einer Urquelle ablehnte. Er geht allerdings in seinen Ansichten über die frühsten Zustände Griechenlands noch ganz von der gewöhnlichen Überlieferung aus, daß die Pelasger höhlenbewohnende, tierisch-einfältige Menschen gewesen, zu denen durch Kadmos, Danaos, Kekrops der Same uralter Weisheit und Gotteserkenntnis gekommen sei. Diese lassen sich absichtlich herab zu dem Naturvolk, mit dem sie sich nicht anders verständigen können als durch Bildnisse und Gleichnisse, und so ist eine symbolische und mythische Sprache die künstliche Erfindung jener Männer aus dem Orient. Aus den auf diese Weise erfundenen Bildern und Typen gestalten sich dann durch Homer und Hesiod die im engern Sinn so genannten Mythen: die epischen Erzählungen von den Göttern und Heroen. Aber trotz dieser schiefen Ansicht von bewußten Schöpfern und Erfindern von Mythen hat Heyne zuerst durch Klassifikation der Schichten Licht und Ordnung in die M. gebracht, und dieselbe war als Wissenschaft durch ihn gewonnen. Aus der Schule Heynes ist Creuzer („Symbolik und M. der alten Völker“, Leipz. 1810–1812 u. öfter) hervorgegangen, auf den jedoch später die Ansichten von Görres und der geistesverwandten Richtungen großen Einfluß gewannen. Eine Reaktion gegen das Heyne-Creuzersche System ging von J. H. Voß aus, welcher in seinen „Mythologischen Briefen“ (Stuttg. 1794, 2 Bde.) und in seiner „Antisymbolik“ (das. 1824–26, 2 Tle.) die Forderungen der Kritik und der philologischen Methode verfocht, indessen nicht ohne Einseitigkeit, insofern er im höhern Alter des Schriftstellers (Berichterstatters) jeweilig auch eine größere Gewähr für echte, unverfälschte M. erblickte und konsequenterweise Homer an die Spitze der Entwickelung stellte, außerdem auch durch seinen Rationalismus am wahren Verständnis der Mythen als Gebilden naiver Volksanschauung verhindert war. Dieselben Licht- und Schattenseiten zeigt Lobecks berühmtes Werk „Aglaophamus, sive de theologiae mysticae Graecorum causis“ (Königsb. 1829). Auch Gottfr. Hermann („De antiquissima Graecorum mythologia“ und „De historiae graecae primordiis“, „Briefe über Homer und Hesiod“, 1817) hielt daran fest, daß die Mythen eine von Priestern geschaffene bildliche Rede seien; das Volk und auch die Dichter hätten dieselbe wörtlich genommen. Um die wahre Bedeutung der Mythen zu erforschen, müsse auf dem Weg der Etymologie der Sinn der mythischen Namen erkundet werden. Auf die neuern Ansichten über M. hat Otfried Müller (besonders in seinen „Prolegomena zu einer wissenschaftlichen M.“, Götting. 1825) besondern Einfluß gewonnen. Indem er das Prinzip der Autochthonie aller griechischen Entwickelung mit Konsequenz und Erfolg geltend machte, hat er den volkstümlichen Ursprung und Inhalt der M. zuerst systematisch durchgeführt und begründet und ist zu der Annahme einer mythenproduzierenden Zeit gekommen, in der das griechische Volk nach innerer Notwendigkeit seiner damaligen Bildungszustände in den Mythen die natürlichen Formen seines Denkens und Dichtens besaß. Ziemlich dieselbe Richtung finden wir allerdings schon vorher bei Buttmann („Mythologus“, Sammlung seiner ausgezeichneten, seit 1794 erschienenen mythologischen Aufsätze, Berl. 1828), nur daß dieser das lokale Gepräge, auf welches Müller in erster Linie ausgeht, weniger berücksichtigt, dafür aber bereits vergleichenden (orientalischen) Stoff herbeizieht. Auch Welcker vertritt einen verwandten Standpunkt, namentlich in seiner ausgezeichneten „Griechischen Götterlehre“ (Götting. 1858–60, 3 Bde.), desgleichen Preller („Griechische M.“, Berl. 1854, 2 Bde.; 3. Aufl., besorgt von E. Plew, 1872–75).

Auch die Archäologie ist für das Studium der M. von Wichtigkeit geworden. Verdient machten sich in dieser Beziehung Zoëga und besonders Ed. Gerhard durch den Versuch, eine systematische Kunsterklärung zu begründen. Auch O. Müller gibt in seinem „Handbuch der Archäologie“ eine vorzügliche Übersicht der Kunstmythologie. Durch Kunstsinn zeichnete sich auch Emil Braun („Griechische Götterlehre“, Gotha 1854) aus. Ein großartiges kunstmythologisches Werk ist die von Overbeck begonnene „Griechische Kunstmythologie“ (Leipz. 1871–87, Bd. 1–3), neben welcher wir noch Conzes Buch „Heroen und Göttergestalten der griechischen Kunst“ (Wien 1874–75) anführen.

Vom Standpunkt der neuern Philosophie und Theologie ward die M. der Alten betrachtet von Solger, Hegel, Chr. Herm. Weiße, Stuhr („Religionssysteme der heidnischen Völker des Orients“, Berl. 1836; „Religionssysteme der Hellenen“, das. 1838). Mehr in theologischer Beziehung ist Baurs vom Schleiermacherschen Standpunkt bearbeitete „Symbolik und M., oder die Naturreligion“ (Stuttg. 1824–25, 2 Tle.) wichtig. An einer unberechtigten Hineintragung des christlichen Standpunktes in die griechischen Mythen leiden bisweilen die Ansichten von Nägelsbachs „Homerischer Theologie“ (Nürnb. 1840, 3. Aufl. 1884) und „Nachhomerischer Theologie“ (das. 1857). Denselben Fehler begeht auch Lasaulx („Studien des klassischen Altertums“, Regensb. 1854), der von einer nahen Verwandtschaft der antiken Religionsideen mit denen der Offenbarung des Alten und Neuen Testaments ausgeht. Am folgenreichsten ist in neuester Zeit der Einfluß der vergleichenden M. geworden. Wie der Name sagt, beruht dieselbe auf Vergleichung der Mythen; diese Vergleichung aber erstreckt sich nicht auf die Mythen aller möglichen, sondern im wesentlichen nur auf die der zum indogermanischen [960] (oder arischen) Stamm gehörigen Völker. Sie ist eine Tochter der vergleichenden Sprachwissenschaft. Zwar hatte sich schon vor 100 Jahren der englische Orientalist William Jones viel mit Mythenvergleichung abgegeben, aber diese bestand nur in einer kritiklosen Zusammenstellung indischer Mythen mit denen andrer arischer oder semitischer Völker. Als der eigentliche Vater der vergleichenden M. ist (von dem oben genannten Buttmann abgesehen) Adalbert Kuhn, ein Schüler Bopps, des Vaters der vergleichenden Sprachwissenschaft, anzusehen, obwohl darüber nie zu vergessen ist, daß bereits Jakob Grimm sehr gute Blicke in das Wesen der vergleichenden M. gethan hat. Außer zahlreichen Aufsätzen in der „Zeitschrift für vergleichende Sprachforschung“, der „Zeitschrift für deutsches Altertum“, „Zeitschrift für deutsche M.“, den „Abhandlungen der Berliner Akademie“ (1873) etc. sind von ihm besonders zu nennen: „Zur ältesten Geschichte der indogermanischen Völker“ (Berl. 1845) und „Die Herabkunft des Feuers und des Göttertranks“ (das. 1859; wiederholt in den „Mythologischen Studien“, Bd. 1, Gütersloh 1886). In ähnlichem Sinn, wenn auch mit Unterschieden im einzelnen, haben gearbeitet: Max Müller („Essays“, Bd. 2: „Beiträge zur vergleichenden M. und Ethnologie“, Leipz. 1869; „Einleitung in die vergleichende Religionswissenschaft“, Straßb. 1874); F. L. W. Schwartz („Der Ursprung der M.“, Berl. 1860; „Die poetischen Naturanschauungen der Griechen, Römer und Deutschen“, das. 1864–79, 2 Bde.; „Indogermanischer Volksglaube“, das. 1885); Mannhardt („Wald- und Feldkulte“, das. 1875–1877, 2 Bde.; „Klytia“, das. 1876; „Mythologische Forschungen“, Straßb. 1884); Bréal („Mélanges de mythologie et de linguistique“, Par. 1877); Benfey, Cox, E. H. Meyer („Indogermanische Mythen“, Bd. 1 u. 2, Berl. 1883–87) u. v. a.

Wie die vergleichende Grammatik die Sprachen der Indogermanen oder Arier (Inder, Perser, Griechen, Italer, Kelten, Germanen, Slawen und Letten) untersucht, um die von diesen Völkern gemeinsam gesprochene Grundsprache zu rekonstruieren, so geht die vergleichende M. oder Religionswissenschaft den Mythen dieser Völker nach, um die religiösen Vorstellungen und Gebräuche, den Glauben und Kultus der indogermanischen Urzeit zu erforschen. Für diese Rekonstruktion der indogermanischen Religion liefert die M. eines jeden der stammverwandten Völker Bausteine; keine aber sind gewichtiger als die der indischen M., wie sie namentlich in den heiligen Liedern derselben, den Wedas, niedergelegt sind. Denn wenigstens einem großen Teil dieser Lieder ist unter allen Urkunden des indogermanischen Geistes das höchste Alter zuzusprechen; vielfach zeigen sie das Volk noch ganz auf der Stufe der indogermanischen Einheit, d. h. auf der Stufe des Nomadenlebens mit Anfängen des Ackerbaues, der Viehzucht und eines Gemeindewesens. Die Mythen sind daher hier noch am durchsichtigsten, ja selbst die Erklärer der Wedas haben sich vielfach noch das Verständnis der in ihnen vorkommenden mythischen Redeweisen bewahrt. Überdies sind sie in verhältnismäßig treuer Gestalt überliefert. Nächst diesen erweisen sich die griechischen und germanischen Mythen für die oben bezeichnete Rekonstruktion der arischen Religion am ergiebigsten. Wer sich nun an die Vergleichung der Mythen dieser Völker macht, nimmt eine solche Übereinstimmung oft gerade bis in die unscheinbarsten Nebendinge oder in die aufallendsten Details hinein wahr, daß er sich des Gedankens entschlagen muß, diese Übereinstimmung auf psychologischem Weg daraus erklären zu können, daß unter ähnlichen Umständen allezeit ähnliche Mythen entstehen. Ein nicht zu unterschätzendes Hilfsmittel für die Rekonstruktion der indogermanischen Religion bietet aber auch die Ethnologie, insofern sie von dem religiösen und sittlichen Zustand andrer noch auf gleicher oder ähnlicher Stufe befindlicher Völker Kunde gibt.

Was war es nun, was zuerst die religiösen Empfindungen und deren Äußerungen bei den Indogermanen anregte? Die Untersuchung der Götternamen und Göttersagen bei den verwandten Völkern gibt in Übereinstimmung mit der Ethnologie darauf die Antwort, daß dies die Vorgänge in der Natur waren: die Erscheinungen der Sonne und des Mondes, der Morgen- und Abendröte, des Blitzes und Donners, des Sturmes und Windes. Die Menschen fühlten sich abhängig von der Macht dieser Naturerscheinungen und stellten sich diese Naturwesen belebt und zwar, ihrer kindlich-naiven Anschauung folgend, als Wesen wie sie selbst oder wie die Wesen ihrer Umgebung, nur, den Wirkungen entsprechend, mit übermenschlicher Kraft ausgestattet vor. Erst als ihnen der Unterschied zwischen Ursache und Wirkung, zwischen Geist und Körper aufging, trennten sie den Gegenstand selbst von dem in ihm lebenden Träger oder Urheber der Wirkung, z. B. den Sonnenkörper von dem Sonnenlenker. Alles, was in der Natur vorging, schauten sie im Spiegel ihres eignen Lebens. Die Naturkörper benannten sie nach gewissen Ähnlichkeiten mit den Namen der Gegenstände ihres eignen Lebens. Wie das Leben der Menschen auf jener Stufe ein nur von natürlichen, nicht von sittlichen Prinzipien getragenes war, so ließen sie auch die Naturgötter rein nach natürlichen Trieben, nicht mit sittlichem Bewußtsein handeln. Daher begegnet uns in den aus dieser Zeit mit herübergenommenen Redeweisen vieles, was einer in sittlicher Beziehung fortgeschrittenen Zeitanschauung nicht nur absonderlich, sondern geradezu ungeheuerlich und abstoßend erscheint. Zwar blieb der sittliche Fortschritt nicht ohne Einfluß auf die Vorstellungen von den Göttern, insofern auch diese allmählich mehr und mehr in sittlicher Beziehung vervollkommt wurden; aber alle jene uralten Züge von natürlicher Roheit zu verwischen, ist keinem Fortschritt gelungen. Obwohl jedoch die vergleichende M. nicht nur den Glauben an „Dyaus“, den Himmel, als den höchsten Gott, sondern auch noch eine beträchtliche Summe andrer religiöser Vorstellungen als indogermanisches Eigentum erwiesen hat, so stellt sich doch ebenso zweifellos heraus, daß die Periode der Mythenbildung mit dem Eintritt der Trennung der arischen Völkerfamilie nichts weniger als abgeschlossen gewesen ist, daß dieselbe vielmehr, nur in andern Formen, stetig fortgeschritten ist. Mit Recht erkennt es daher die Wissenschaft der M. in neuester Zeit als ihre Aufgabe, die verschiedenen Mythenschichten zu scheiden und die Frage nach ihrem Eintritt und Alter aufzuwerfen. Mithin wird es auch fortgesetzte Aufgabe der Wissenschaft bleiben, sich in die M. jedes einzelnen der stammverwandten Völker zu versenken, und dieser Zweig der Forschung wird durch die Mythenvergleichung in keiner Weise beeinträchtigt, im Gegenteil gefördert. Aber auch noch eine besondere Art der Mythenvergleichung muß Platz greifen. Es steht nämlich fest, daß die Trennung der acht arischen Völker nicht mit einemmal, sondern allmählich und gruppenweise erfolgt ist, wenn auch über das Wie und Wann der Trennung bei weitem noch keine [961] Sicherheit herrscht, nicht einmal darüber, ob einer indopersischen Gruppe gegenüber eine europäische, aus den sechs andern Völkern bestehende Familie anzunehmen sei, desgleichen darüber, ob die Griechen und Italer mit oder ohne Kelten nach der Trennung von den Germanen und Slawo-Letten noch eine Einheit gebildet haben. Gerade hier vermag vielleicht eine in dieser Richtung angestellte Mythenvergleichung der Sprachforschung in die Hände zu arbeiten, und jedenfalls ist die insbesondere von W. H. Roscher („Apollon und Mars“, Leipz. 1873; „Juno und Hera“, das. 1875; „Hermes der Windgott“, das. 1878; „Die Gorgonen und Verwandtes“, das. 1879; „Nektar und Ambrosia“, das. 1883) gepflegte Vergleichung griechischer und italischer Mythen als sehr verdienstvoll zu bezeichnen. Was nun den Inhalt der Mythen betrifft, so ist es auch nach der Trennung und nach der erfolgten Sonderexistenz der Völker die Natur gewesen, welche ihrem Mythentrieb die mächtigsten Impulse gegeben hat. Es wurden nicht nur die mitgebrachten Naturanschauungen auf die neuen Wohnsitze übertragen, wobei größere oder kleinere Veränderungen derselben eintraten, sondern auch die neuen Wohnsitze selbst riefen durch die Besonderheit ihrer landschaftlichen und klimatischen Verhältnisse neue Mythen hervor. Da diese Verhältnisse aber von den unsrigen vielfach abweichen, so ist es für denjenigen, welcher in das Wesen dieser Mythenschicht eindringen will, unerläßlich, womöglich durch eigne Beobachtung sich die größtmögliche Bekanntschaft mit jenen Verhältnissen zu verschaffen. Dadurch sind nach denen O. Müllers die Arbeiten von Forchhammer („Hellenika“, Berl. 1837; „Daduchos“, Kiel 1875) und Aug. Mommsen („Zur Kunde des griechischen Klimas“, Schlesw. 1870; „Griechische Jahreszeiten“, das. 1873–76) besonders wichtig. A. Mommsen („Delphika“, Leipz. 1878), Heinr. Dietr. Müller („M. der griechischen Stämme“, Götting. 1857–69, 2 Bde.; „Hermes Argeiphontes und Io-Demeter“, das. 1866) und Ernst Curtius („Griechische Geschichte“) haben, wiederum O. Müllers Anregung folgend, die Aufhellung der Mythen der einzelnen griechischen Stämme unternommen, während die Arbeiten von Bernh. Schmidt („Das Volksleben der Neugriechen und das hellenische Altertum“, Leipz. 1871; „Griechische Märchen“, das. 1877) und Usener („Italische Mythen“, im „Rheinischen Museum für Philologie“, Bd. 30, S. 182 ff.; „Legenden der heil. Pelagia“, Bonn 1879) vorzugsweise der Aufdeckung des Nachlebens griechischer und römischer Mythen in Legenden, Sagen und Gebräuchen der Jetztzeit gewidmet sind. Über Kunstwerke als Quellen von Mythen handelt Milchhöfer in den „Mitteilungen des Archäologischen Instituts[WS 1] in Athen“ (Bd. 4, S. 42 ff.).

Außer den bereits genannten Werken über M. sind noch zu erwähnen: Moritz, Götterlehre oder mythologische Dichtungen der Alten (Berl. 1791, 10. Aufl. 1851; neue Ausg., Leipz. 1879); Lange, Einleitung in das Studium der griechischen M. (Berl. 1825); Schmieder, M. der Griechen und Römer (3. Aufl., Kassel 1830); Geib, Handbuch der griechischen und römischen M. (Erlang. 1832); Eckermann, Lehrbuch der M. der vorzüglichsten Völker des Altertums (Halle 1845–47, 3 Bde.); Mundt, Die Götterwelt der alten Völker (2. Aufl., Berl. 1854); Geppert, Die Götter und Heroen der alten Welt (Leipz. 1842); Petersen, Religion oder M., Theologie und Gottesverehrung der Griechen (in Ersch und Grubers „Encyklopädie“, Sekt. 1, Bd. 82); Lauer, System der griechischen M. (Berl. 1853); A. Maury, Histoire des religions de la Grèce antique (Par. 1857–59, 3 Bde.); Greg. Wilh. Nitzsch, Die Heldensage der Griechen (Kiel 1841); Derselbe, Die Sagenpoesie der Griechen (das. 1852); Gerhard, Griechische M. (Berl. 1854–55, 2 Bde.). Populäre Zwecke verfolgen: Seemann, Die Götter und Heroen der Griechen (Leipz. 1869); Derselbe, M. der Griechen und Römer (3. Aufl., das. 1885); Stoll, Die Götter und Heroen des klassischen Altertums (7. Aufl., das. 1885); Derselbe, Handbuch der Religion und M. der Griechen u. Römer, für Gymnasien (6. Aufl., das. 1875). Die ausschließlich auf römische M. und auf die germanische Mythenwelt bezüglichen Werke sind unter den Artikeln „Römische Mythologie“, „Deutsche Mythologie“ und „Nordische Mythologie“ angeführt. Ein „Ausführliches Wörterbuch der griechischen und römischen M.“ gibt Roscher heraus (Leipz. 1884 ff.). Von den ältern Werken nennen wir die Lexika von Moritz (Berl. 1794), Nitsch-Klopfer (Leipz. 1821, 2 Bde.), Jacobi (Koburg 1830–35, 2 Bde.), Nork (Stuttg. 1843–45, 4 Bde.), Vollmer (3. Aufl. von Binder, das. 1874) und Minckwitz (6. Aufl., Leipz. 1883).

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Institus