MKL1888:Orthographīe

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Meyers Konversations-Lexikon
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Wiktionary-Eintrag: Orthographie
Seite mit dem Stichwort „Orthographīe“ in Meyers Konversations-Lexikon

Originalseite(n)
459, 460

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Orthographīe. In: Meyers Konversations-Lexikon. 4. Auflage. Bibliographisches Institut, Leipzig 1888–1889, Bd. 12, S. 459. Digitale Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=MKL1888:Orthograph%C4%ABe&oldid=- (Version vom 08.09.2014)

Orthographīe (griech., „Rechtschreibung“), die richtige Wiedergabe der Sprachlaute durch Schriftzeichen. Diese Aufgabe einer jeden Schriftart ist freilich zu allen Zeiten ein unerreichtes Ideal geblieben, da die Schrift, aus Malerei und Bilderschrift entstanden, die zahllosen Lautnüancen der menschlichen Stimme von Anfang an nur in höchst ungenügender Weise wiederzugeben vermochte. Hierzu kommt, daß fast alle modernen Alphabete Europas aus dem griechischen und lateinischen abgeleitet sind, die ihrerseits wieder auf das phönikische wie dieses auf das ägyptische Alphabet zurückgehen. Bei diesen wiederholten Übertragungen hat die Deutlichkeit der Lautbezeichnung stark gelitten, auch entwickelten sich viele Schwankungen und örtliche Verschiedenheiten, indem die fremden Schriftzeichen bald so, bald anders zur Bezeichnung der heimischen Laute verwendet wurden. Kamen dann Bestrebungen, die O. einheitlich zu gestalten, so entstand, je mehr diese Bestrebungen von Erfolg gekrönt waren, eine desto größere Ungleichheit zwischen Sprache und Schrift, da jede Sprache sich rasch verändert, während die O. diesen Veränderungen nur sehr langsam oder gar nicht zu folgen vermochte. Versuche, die O. zu verbessern, treten in der Geschichte schon sehr früh auf, und selbst gekrönte Häupter haben sich daran beteiligt, wie der römische Kaiser Claudius und der fränkische König Chilperich, die beide es unternahmen, mehrere neue Buchstaben einzuführen, freilich ohne Erfolg. Ebenso vergeblich haben sich die in neuester Zeit in England gemachten Versuche erwiesen, der im Englischen besonders starken Verschiedenheit zwischen O. und Aussprache durch Einführung neuer Lautzeichen abzuhelfen. Vgl. Max Müller, On spelling (Lond. 1876); Gladstone, Spelling reform (das. 1878).

Die deutsche O. war im Mittelalter viel weniger einheitlich in den verschiedenen Teilen Deutschlands als heutzutage, dafür aber auch besser im Einklang mit der jeweiligen Aussprache. Erst die Reformationszeit brachte eine durch den Buchdruck und die Fortschritte des Schulwesens gestützte Einheitsbewegung, der dann die klassische Litteratur des 18. Jahrh. und die politische Einigung, das Zeitungswesen und die bessern Verkehrsmittel zu statten kamen. J. Grimm, der berühmte Altertumsforscher, wirkte auf die deutsche O. insofern keineswegs günstig ein, als er durch Betonung der Abstammung der Wörter, überhaupt des historischen Standpunktes in der O. die mühsam errungene Einheit wieder gefährdete. Die in philologischen Werken häufig begegnende Schreibung der Hauptwörter mit kleinen Buchstaben geht auf Grimm zurück; in noch viel weitern Kreisen hat seine freilich auch durch die Übereinstimmung mit den Alphabeten der Nachbarvölker unterstützte Befürwortung der lateinischen Schrift (Antiqua) an Stelle der deutschen (Fraktur) Anklang gefunden. Auf die historische Schule folgte eine phonetische Richtung in der O. Hatte schon im vorigen Jahrhundert Adelung den Grundsatz aufgestellt: „Schreibe, wie du sprichst“, so wies nun R. v. Raumer in seinen vielgelesenen Schriften darauf hin, daß die deutschen Buchstaben zum Teil mehrdeutig sind, wie z. B. s in dem Wort „lesen“ weich, in „erste“ scharf klingt und in „spielen“ nach der gewöhnlichen Aussprache sogar ein sch ist; daß anderseits der nämliche Laut vielfach durch verschiedene Buchstaben bezeichnet wird, so der Hauchlaut in „reinlich“ neben „adlig“; das t in „Heimat“ neben „und“ (spr. unt), dem dt in „Stadt“, dem th in „That“; die zusammengesetzten Zeichen ts, cks, chs in „Orts, Knicks, Achsel“ neben dem einfachen z, x in andern Wörtern; das Nebeneinander von f, v, ph, von eu und äu, von ei und ai; die regellose O. der Fremdwörter; daß ferner zur Bezeichnung langer Silben bald das Dehnungs-h, bald ie verwendet wird, bald gar keine Bezeichnung eintritt, während die Kürze eines Vokals bald durch Verdoppelung der Konsonanten, bald gar nicht ausgedrückt wird, etc. Obwohl nun Raumer [460] die Einheit der O. als höchstes Postulat aufgestellt hatte, so wurde doch vielfach der Versuch gemacht, die Ergebnisse der orthographischen Forschungen praktisch zu verwerten, und das Ergebnis war eine stets zunehmende Unsicherheit der deutschen O. Um derselben abzuhelfen, veröffentlichten das hannöversche Oberkollegium (1856), die Leipziger Lehrer (1857) und die Berliner Oberlehrer (1871) neue Regelbücher, wurde 1876 von der preußischen Regierung eine Konferenz „zur Herstellung größerer Einigung in der deutschen Rechtschreibung“ nach Berlin einberufen und erfolgte endlich die Veröffentlichung der bayrischen und preußischen offiziellen Regelbücher 1879 und 1880, die dann mit geringen Veränderungen auch im übrigen Deutschland angenommen wurden. Die Einführung der „neuen O.“ machte im Publikum und in der Presse großes Aufsehen. Um nur eine größere Einheit der O. zu erzielen, hätte es genügt, eine Norm für schwankende Fälle aufzustellen; es wurden aber auch mehrere wichtige Änderungen eingeführt. So sollten die nach Tausenden zählenden Verba auf iren, ieren nun alle mit ie geschrieben werden, also: stolzieren, inspizieren, nicht: stolziren, inspiziren. Ferner sollte das th, das in deutschen Wörtern wie Zierat, Armut längst wankend geworden war, jetzt im Auslaut und in den Endungen tum, tüm ganz wegfallen und nur im Anlaut vor einfachen Vokalen stehen bleiben, also: Glut, Not, Atem, Altertum, Ungetüm, auch Teil, verteidigen; aber That, Thor, Unterthan wie bisher. Die Vokalverdoppelung sollte in Wörtern wie Ware, Schar beseitigt werden, aber in scheel, Paar etc. bleiben. Die häufige Endung niß, z. B. in Gleichniß, sollte durchgehends nis geschrieben werden. Pluralformen, wie Theorieen, Sympathieen, sollten wieder allgemein mit doppeltem e geschrieben werden, also nicht Theorien, Sympathien. Die Lautverbindung schst sollte ganz vermieden und z. B. du wäscht, statt du wäschst, geschrieben werden. Betreffs der O. der Fremdwörter weicht die neuere bayrische O. von der norddeutschen ab, insofern sie z für c in weiterm Umfang einführt, z. B. auch in Zivil, Zentrum, für Civil, Centrum. Diese wenn auch im Verhältnis zum Ganzen nicht umfassenden Neuerungen riefen eine starke Opposition hervor, an der sich sogar der deutsche Reichstag und Fürst Bismarck beteiligten, letzterer durch einen Erlaß vom 28. Febr. 1880, in dem er die Beamten seines Ressorts „bei gesteigerten Ordnungsstrafen“ aufforderte, nicht von der hergebrachten O. abzugehen. Ungeachtet dieser Opposition hat sich doch durch die ungeheure Macht der Schule und des Buchdrucks die neue O. rasch in den weitesten Kreisen Bahn gebrochen, und es ist kaum zu bezweifeln, daß die nächste Generation nur nach der neuen O. schreiben wird. Doch ist der Wunsch wohl allgemein, die baldige Wiederholung einer derartigen Reform der O. vermieden zu sehen. J. Grimm, selbst ein orthographischer Reformer, sagt treffend: „Veränderung üblicher Wortschreibung führt etwas Gewaltsames und Störendes mit sich; niemand behelligt sich gern mit Kleinigkeiten“. Vgl. „Verhandlungen der orthographischen Konferenz zu Berlin“ (Halle 1876); Wilmanns, Die O. in den Schulen Deutschlands (2. Bearbeitung des „Kommentars zur preuß. Schulorthographie“, Berl. 1887); Duden, Vollständiges orthographisches Wörterbuch nach den neuen amtlichen Regeln (3. Aufl., Leipz. 1887).