MKL1888:Schiefner

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Meyers Konversations-Lexikon
4. Auflage
Seite mit dem Stichwort „Schiefner“ in Meyers Konversations-Lexikon
Band 14 (1889), Seite 446447
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Schiefner. In: Meyers Konversations-Lexikon. 4. Auflage. Bibliographisches Institut, Leipzig 1885–1890, Band 14, Seite 446–447. Digitale Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/wiki/MKL1888:Schiefner (Version vom 11.04.2021)

[446] Schiefner, Franz Anton von, hervorragender Sprachforscher und Orientalist, geb. 18. (6.) Juli 1817 zu Reval, studierte 1836–40 auf der Universität zu Petersburg Rechtswissenschaft, dann, seiner Neigung folgend, zu Berlin und seit 1846 wieder in Petersburg Philologie, insbesondere orientalische Sprachen, wirkte längere Zeit als Professor der alten Sprachen an einem Gymnasium zu Petersburg, ward 1852 Mitglied der Akademie daselbst, 1863 auch Bibliothekar derselben und 1866 Wirklicher Staatsrat; starb 16. Nov. 1879 in Petersburg. Seine erste Spezialität bildete die Erforschung der tibetischen Sprache und Litteratur, die namentlich für die Geschichte des Buddhismus von der größten Bedeutung ist. Diesem Gebiet gehört vor allem seine Textausgabe und deutsche Übersetzung von Târanâthas „Geschichte des Buddhismus in Indien“ (Petersb. 1868–69) an, ferner seine Übersetzung einer tibetischen Biographie des Buddha (das. 1849) und eine Menge kleinerer von der Petersburger Akademie veröffentlichter Abhandlungen, seine in Böhtlingks „Indischen Sprüchen“ enthaltenen Mitteilungen über aus dem Indischen übersetzte tibetische Sprüche etc. Einen zweiten [447] Mittelpunkt seiner Studien bildeten die ural-altaischen und sibirischen Sprachen, namentlich das Finnische. Er übersetzte das finnische Epos „Kalewala“ (s. d.) und veröffentlichte eine rhythmische Bearbeitung der „Heldensagen der Minussinischen Tataren“ (Petersb. 1859); namentlich aber gab er im Auftrag der Akademie aus dem Nachlaß Castréns (s. d.), dessen „Nordische Reisen und Forschungen“ (1853–62) heraus, für die er die von Castrén gesammelten sprachlichen Materialien über das Ostjakische (1858), die Sprache der Samojeden (1854–55), der Tungusen (1856), der Buräten (1857), das Koibalische und Karagassische (1857), das Jenissei-Ostjakische und Kottische (1858) selbst bearbeitete und mit wertvollen Zusätzen bereicherte. Ebenso wichtig sind seine Arbeiten auf einem dritten ganz isolierten Sprachgebiet, dem kaukasischen. Auch hier begnügte sich S. zumeist mit der Rolle eines Interpreten fremder Forschungen, indem er die von dem Generalmajor v. Uslar an Ort und Stelle in russischer Sprache gesammelten Materialien für die „Abhandlungen der Petersburger Akademie“ verarbeitete. In dieser Weise bearbeitete er das Abchasische (1863), das Tschetschenzische (1864), das Kasikumychische (1866), das Kürinische (1873) etc. Über andre kaukasische Sprachen gab er ganz selbständige Arbeiten heraus, so über die Thuschsprache (Petersb. 1856), über das Awarische (1862, 1872 und 1873), über das Udische (1863); auch mit der zu dem indogermanischen Stamm gehörigen Sprache der Osseten beschäftigte er sich („Ossetische Sprichwörter“, in den „Mélanges russes“, Petersb. 1862).