Maracaibo

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Textdaten
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Autor: Franz Engel
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Titel: Maracaibo.
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aus: Zeitschrift der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin. Fünfter Band. S. 418–452
Herausgeber: Wilhelm David Koner
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Erscheinungsdatum: 1870
Verlag: Verlag von Dietrich Reimer
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Erscheinungsort: Berlin
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[418]
XVIII.
Maracaibo.
Von Franz Engel.


Im Jahre 1499 befuhr Alonzo de Hojeda, der in Spanien die von Columbus übersandte Karte seiner Entdeckungen gesehen hatte, die ganze Küste von Venezuela von den Mündungen des Orinoco an bis über den Meerbusen von Maracaibo hinaus und tief in diesen hinein; er war begleitet von dem berühmten Piloten Juan de la Cosa und den Amerigo Vespucci; bekanntlich ward später des Letzteren Name, – dem Verdienste die Krone raubend, – auf den ganzen neuentdeckten Welttheil übertragen. Die Rivalen des Columbus stießen bei dieser Küstenfahrt an der Ostseite des Golfes (oder Sees) von Maracaibo auf eine mitten im Wasser auf Pfählen erbaute indianische Ortschaft und nannten dieselbe nach dieser Eigenthümlichkeit: Klein-Venedig (Venezuela), sowie den damals von den Indianern Coquibacoa benannten Meerbusen: Golfo de Venecia. Der Name ging in der Folge auf die ganze, alsbald in Besitz genommene Provinz, an deren Ostküste die erste Ansiedelung auf dem Festlande (das heutige Coro) errichtet wurde, und später auf die gesammte Republik selbst über.

In den, in den Golf eintretenden See von Maracaibo drang nach Einigen zuerst Alfinger im Jahre 1529 vor und richtete auf einem [419] trockenen, unbewaldeten Terrain behufs Sklavisirung der Einwohner des Landes einige Hütten auf unter dem Namen Nueva Zamora; – nach Anderen jedoch war jene Stelle, wo er die erste Zwingherrschaft errichtete, dieselbe, wo Hojeda und Vespucci zuerst das indianische, von ihnen Klein-Venedig benannte Pfahldorf erblickt hatten. Erst im Jahre 1571 gründete der Capitän Alonzo Pacheco nach einem dreijährigen erbitterten Kampfe mit den benachbarten indianischen Stämmen der Zaparos, Quiriquires, Aliles und Toas, der ihm einige Ruhe verschaffte, an Stelle der ersten schutzlosen Hütten eine feste Stadt; für den Namen Nueva Zamora kam allmälig der Name des Sees, an welchem sie gelegen und der wiederum den Namen des zur Zeit der Entdeckung daselbst herrschenden Kaziken führte: Maracaibo in Gebrauch.

Die Stadt Maracaibo, unter dem 10° 41′ 6″ nördl. Br. und 74° 6′ westl. Lg. von Paris gelegen, blieb bis zum Beginn des 17. Jahrhunderts die Hauptstadt Venezuela’s; später, nachdem Carácas Landeshauptstadt geworden, sank sie zum Range einer Gouvernementsstadt der Provinz zurück; von den feindseligen, oder vielmehr den durch unausgesetzte Brutalitäten zur Feindschaft gereizten Indianern und später von Piraten und Flibustiern ward sie wiederholt erobert und ausgeplündert. Lange Zeit blieb sie an Bedeutung hinter dem, nach ihr im Jahre 1595 von Gonzales Piña Lidueño im südöstlichen Winkel des Maracaibo-Sees, an der Bai La Mochila, in tropisch fruchtbarer Gegend gegründeten Gibraltar zurück; aber auch die Lagunenstadt Gibraltar entging den damaligen Raub- und Kriegszügen nicht; nachdem sie schon einmal von Juan de Chagarrete wieder aufgebaut war, wurde sie wiederholt von den Motilones zerstört und 1665 und 1668 von Piraten ausgeplündert. Mehr aber noch ward sie mitten in ihrer, die Hauptstadt überflügelnden Machtentfaltung durch das tödtliche Sumpfklima der heiß-feuchten Waldniederungen aufgerieben, so daß sie gegenwärtig nur noch etwa 500 Einwohner zählt. Mit der zusammengeschmolzenen Arbeitskraft, ging auch der früher ausgedehnte Kakaobau zurück; die ausgezeichnete Frucht jener üppig-fruchtbaren Lagunenufer wächst in deren Wäldern wild, und die verwilderten Ueberreste der ehemaligen großen Kakaobaumpflanzungen stehen nunmehr mitten in dem wilden Walde.

So bewährte sich die Gründung Maracaibo’s auf dem trockenen, sandigen, wasserlosen Boden auf die Dauer als durchaus zweckmäßig, wenn sie auch anfangs von den Ortschaften auf fruchtbarem Boden überflügelt werden mochte. Sowohl die überaus günstige, natürlich geschützte Lage als Handels- und Hafenplatz, als auch das trotz der tropisch-heißen Temperatur gesunde Klima auf dem trockenen, sandigen [420] Grunde führten es nach und nach einem gediegenen, sicheren Aufschwunge und einer gesteigerten, unveräußerlichen Bedeutung entgegen; dieselbe beruht nicht in den lokalen, äußeren Dimensionen, in der Ortschaft als solcher, sondern vielmehr in dem Gewichte und Einflusse des Platzes als Hauptschlüssel zu dem Hinterlande. Der Ort selbst hat in seinem älteren Stadttheile, jetzt die Behausung der unteren, gemischt-farbigen Volksklasse, ein nur ärmliches, dorfartiges Ansehen behalten. Der größte Theil jener Häuser ist aus gestampfter Erde roh aufgeführt und mit Rohr und Schilf gedeckt; der neuere Stadttheil aber, wo Handel und Intelligenz ihren Sitz genommen, bietet ganz den Anblick eines neu aufblühenden Ortes dar; er liegt hart an dem Strande einer kleinen, gegen Südwest einspringenden Bucht, von welcher er die alte Stadt mehr und mehr zurückgedrängt und sie umflügelt hat; nur einige, noch im Urstande befindliche, und andere, alten festen Burgen gleichende Gebäude reden noch von der alten spanischen Zeit inmitten des modernen Aufbaues, der massiv aus Stein ausgeführt, die stille, friedliche Bucht hübsch und freundlich, hier und dort auch recht stattlich umrahmt.

Maracaibo eröffnet dem in den Hafen einlaufenden Schiffe trotz seiner kahlen, durstig-trockenen, saft- und blattlosen Pflanzenumgebung dennoch ein anziehendes Panorama; der einigermaßen prüfende Blick erkennt auch sofort die geschickte Terrainwahl zur Anlage einer Haupt- und Hafenstadt. Der schmalen, jedoch tiefen Bucht theilen sich die heftigen Stürme und der wilde Wogengang, von welchen der offene See und der Meerbusen oft arg mitgenommen werden, niemals oder doch nur geringfügig mit; der tiefe Grund aber gewährt auch den größten Handels- und Kriegsschiffen hinreichenden Tiefgang, sichere Einfahrt und einen so ruhigen Ankerplatz, daß jedes Fahrzeug unmittelbar an der Landungsbrücke anlegen, klaren und löschen kann. Die unbeschreibliche, heitere Stille und Ruhe unten, oben, ringsumher, – in die farbenreichste, lebhafteste Naturstimmung des südlichen Himmels gekleidet, theilt sich dem Gemüthe des Ankömmlings in ihrem ganzen einschmeichelnden Liebreize, in allen ihren seelig-durchhauchten Reflexen mit. So die äußeren Vorgänge deutlich offen legend, so die inneren Seiten harmonisch berührend, mußte der Gründer der Stadt von der Zugkraft der Zweckmäßigkeit einerseits, wie des freundlichen Gemüthsaffektes andererseits bestimmt werden, wie vor ihm bereits die braunen Söhne des Landes in der richtigen Würdigung dieser Doppelzugkraft ihr Pfahldorf in diesen Hafen der Ruhe und des heiteren, gesunden Naturfriedens hineingetragen hatten.

Im gleichen Cours mit den ersten Küstenfahrern des südamerikanischen Festlandes umfuhr ich auf dem schönen nordamerikanischen [421] Barkschiff die flache Küste Venezuela’s, – jedoch außer Sicht derselben, – von La Guayra bis Maracaibo, nachdem ich zuvor die hohe, scharf aus dem Meere aufsteigende Gebirgsküste von Rio chico bis La Guayra umfahren und während der Dauer der Fahrt von zwei Nächten und einem Tage das Martyrium auf den kleinen venezuelanischen Küstenfahrern, den Piraguas und Goletas, aus dem Grunde gekostet und wohl im Andenken bewahrt hatte. An Bord der Clara Rosa Sutil lebte es sich behaglicher auf den Wellen als auf einer venezuelanischen Goleta und der kleinen Brigg, die mich über den Ocean getragen. Jedoch, bevor noch die Anker gelichtet, machte sich die Seekrankheit bereits empfindlich geltend; denn die offene See vor der Rhede von La Guayra, die durch keine Bucht geschützt ist, geht beständig hoch und so aufgeregt, daß die ankernden Schiffe sich in einer unausgesetzt schaukelnden und noch unangenehmeren Bewegung befinden, als auf dem hohen, aber gleichförmigen Wogengange des weiten Oceans. Leicht und schnell ging die Fahrt auf den friedlichen Tropengewässern, gleich einer sommerlichen Vergnügungsfahrt, von statten; zwischen der flachen Halbinsel von Paraguana östlich und der von einer niedrigen Hügelreihe durchzogenen und von den unabhängigen Goajiro-Indianern bewohnten Halbinsel Goajira westlich lief die Barke in den herrlichen Golf von Maracaibo (auch Golfo de Venezuela oder Saco de Maracaibo genannt) ein und steuerte immer in Sicht, doch in respectvoller Entfernung von dem freien Indianerlande längs seiner Küste hinauf. Vor der Berührung mit dem Festlande der Halbinsel und seiner urwüchsigen Bevölkerung haben die Salz- und Süßwasser-Kapitäne eine entschiedene Abneigung; dieselbe gründet sich auf geschichtliche Begebenheiten und für die Fremden immer verhängnißvoll gewordene Erfahrungen, und wird von Zeit zu Zeit durch neue, gleich tragische Ereignisse wieder aufgefrischt.

Ehemals lebten die Goajiros mit den eingewanderten Europäern in dem heutigen Venezuela und Neu-Granada in Frieden; sie brachten ihre Maulthiere, Pferde und Esel, deren Zucht weit und breit geschätzt und gesucht ist, sowie die Naturproducte ihres Landes: Brasilholz, Dividivi, heilkräftige Rinden und Kräuter und andere Dinge mehr selbst auf den Markt von Maracaibo und Rio Hacha am nördlichen Ausgange des Valle de Upar, um dagegen Salz, Zucker, Bekleidungsstoffe, Eisengeräthe und was dessen mehr zu ihren Wünschen und Bedürfnissen gehörte, einzutauschen; sie duldeten jedoch von keiner Seite ein Ueberschreiten ihrer eigenen Grenzen. Zur Zeit der spanischen Invasion deren kulturfähigste und gefügigste Anhänger, wurden sie in Folge wiederholter Excesse, der grausamsten Ausschweifungen und Hintergehungen ihrer weißen Gäste die erbittersten, unversöhnlichsten [422] Feinde derselben, vertrieben sie von ihrem Grund und Boden und tilgten die Spuren ihrer Anwesenheit mit Stumpf und Stiel aus[1]. In richtiger Erkenntniß des Werthes ihrer Freundschaft und ihrer Landesproducte stellten die Regierungen der benachbarten modernen Staaten die Goajiro’s unter ihre besondere Protection, begünstigten ihren Tauschhandel in den Städten Rio Hacha und Maracaibo und bürgten für die Sicherheit ihrer Person und ihres Eigenthumes. Reibereien jedoch und Uebergriffe von beiden Seiten, hier Uebervortheilung, dort Raub und Todtschlag, und die unverbesserliche Gewohnheit der Goajiro’s, jede Grenzüberschreitung in ihrem Lande mit dem Tode zu ahnden, führten zu wiederholten gegenseitigen Zwangsmaßregeln, so daß endlich der Tauschhandel an die Grenze verlegt und das Ueberschreiten derselben von beiden Seiten durch einen ständigen Militärposten verhindert wurde.

Ebenso eifersüchtig wie die Landgrenze bewachen die Goajiro’s bis zur gegenwärtigen Stunde auch die Küste. Havarirende oder scheiternde Schiffe nehmen sie als ein Geschenk ihrer Götter, oder ihrer selbst, in Besitz, die Mannschaft fällt unter ihren Pfeilen oder Flintenkugeln. Die Kapitäne schielen daher sehr mißtrauisch zu jener Küste hinüber; südlich vom Port Espada hat sich noch in jüngerer Vergangenheit wieder eine Katastrophe abgespielt, die das alte Mißtrauen von neuem belebte. Es landete dort der Kapitän La Roche um Tauschhandel zu treiben; nach voraufgegangenem Streite, der von dem Kapitän durch maßlose Anforderungen und freche Uebergriffe hervorgerufen sein soll, wurde derselbe mit seinen Leuten überwältigt und ermordet; von der ganzen Mannschaft entkam nur der Bruder des Kapitäns mit einem Schiffsjungen; beide erreichten in einem Boote Maracaibo. Die Regierung von Venezuela strafte die Verletzung ihres Ansehens durch einen militärischen Feldzug gegen die Urheber des Attentates; jedoch die aus dem Hinterhalte geschleuderten vergifteten Pfeile ihrer Feinde richteten größeren Schaden an als die Kugeln der Regierungstruppen. Der tapfere Kazike, der die unwürdigen Forderungen eines wüsten Kreolen zurückgewiesen, fiel als Opfer für die Ehre seines Volkes; ihn und eine Anzahl der Seinigen streckten die Kugeln der Soldaten nieder. Fern von seiner Heimath hat die kraftvolle Lebensgestalt jenes tapferen Häuptlings des freien, wilden Volkes ein unvergängliches Denkmal gefunden; sein Bild befindet sich im Besitze des Kunstkabinettes im Berliner Museum. Der Maler Bellermann, von dem kunstliebenden Könige Friedrich Wilhelm IV. in die Tropenregionen Südamerika’s gesendet, [423] um seinen Pinsel in die Licht- und Farbengluth der Südsonne selbst zu tauchen und mit dem Künstlerauge die in ihre Majestät gekleidete Natur zu belauschen, hatte den Kaziken noch wenige Monate vor jener Katastrophe in seinem einfachen, nur in einem federgeschmückten Barrette bestehenden Häuptlingsornate abgebildet.

Auf jenem von Stürmen kaum heimgesuchten Küstenmeere und in dem Golfe stellen sich der Schifffahrt keine besonderen Schwierigkeiten entgegen; den Verkehr zwischen Festland und Inseln vermittelt ein offenes Boot ebenso gefahrlos, wie ein Seeschiff, wenn auch in der heftig schaukelnden kleinen Bretterschale die unangenehme Seekrankheit weit mehr herausgefordert wird. Küste und Meer jener Region werden vorherrschend von Ostwinden bestrichen, die von 2 bis 7 Uhr des Morgens frischer ansetzen, dann nachlassen und bis um 11 Uhr eine Richtung aus Südost oder Süd nehmen; alsdann macht der Luftstrom eine Wendung und weht aus dem Norden und Nordosten. Windstille tritt nur ein in den Monaten September und October, wechselnd mit einem häufig andauernden Nordwestwinde; derselbe herrscht während der Monate November und Dezember den größten Theil des Tages hindurch bis nach Mitternacht; darauf springt er nach Osten um, bis am Morgen über die erhitzte Erde wieder ein kühlerer Luftstrom aus Norden weht. Wohl aber stellen sich der Schifffahrt Hindernisse entgegen an der Einmündung des 540 Quadrat-Leguas großen Meerbusens in den 700 Quadrat-Leguas (393 deutsche Quadrat-Meilen) großen Süßwassersee von Maracaibo. Die schmale Einfahrt aus dem Golfe in den See, ein nur 1900 Varas breiter, jedoch für Seeschiffe fahrbarer Kanal, die sogenannte Barra de Maracaibo, wird von zahlreichen Untiefen verlegt, deren gefährlichstes Moment ihre beständige Wandelbarkeit ist; ohne Lootsen und die größte Ortskenntniß und Wachsamkeit ist die Barre nicht zu durchfahren, die Durchfahrt während der Nacht aber ganz unausführbar. Ein dänischer Schooner, von Maracaibo kommend, lag trotz Lootsen und Kapitän fest auf dem Sande und wurde nach Bergung der Güter auf Abbruch verkauft. Der Wasserstand in dem Kanal, in welchem die Fluthhöhe zur Zeit des Neu- und Vollmondes 2–2½ Fuß beträgt, ist bei Hochwasser 15 engl. Fuß und in der Regenzeit 17 Fuß hoch, so daß Schiffe mittlerer Größe von 9–12 engl. Fuß Tiefgang bei sicherer Führung allezeit leicht in den Südwassersee gelangen können. Der See oder die Lagune von Maracaibo würde allen Schiffen, die das Meer kreuzen, ebenso offen stehen wie der Golf, wenn nicht der heftige Strom in dem Einmündungscanal und jene veränderlichen Untiefen innerhalb desselben (die Bajos del Tablazo) ihr Einlaufen verhinderten.

[424] Die Insel San Carlos, die sich in einer Länge von 7 Meilen vor den Eingang legt, ist Lootsenstation für die ein- und auslaufenden Schiffe; durch ein Kastell gleichen Namens auf der Ostspitze der Insel – das einzige aus den spanischen Zeiten erhaltene Festungswerk – wird die Durchfahrt fast „dardanellenfest“ beherrscht; hinter diesem festen Naturriegel liegt die Haupt- und Hafenstadt Maracaibo unter der denkbar günstigsten, fast idealen Hafenconfiguration geborgen. Eine geringe, wenn auch beständige Nachhülfe der Natur durch Menschenhand zur sicheren Oeffnung und Tieflegung der Barre würde den Hafen von Maracaibo allen, auch den tiefsten Kriegsschiffen zugänglich und zu einer festen, gegen Stürme und Ueberfall geschützten, unvergleichlichen Flottenstation machen. Freilich hat die Regierung, oder vielmehr die permanente Regierungsmetamorphose des Landes zu derartigen Hebungen der Landeswohlfahrt weder Zeit noch Geld, da die Permanenz der Emeuten und der Sold der zahllosen Bandenführer oder Generäle alle Sorgen und Weisheit, alle Gelder und Zeit in Anspruch nehmen; vielleicht auch betrachten Volk und Cabinet in Carácas eine Unternehmung, aus welcher zwar die politische und commercielle Macht des Gesammtstaates den Gewinn zieht, aber zunächst und zumeist doch eine Stadt oder eine Provinz besondern Vortheil nimmt, als eine rein partikularistische, persönliche Angelegenheit, der sie scheelsüchtig und ablehnend aus allen Kräften entgegen treten.

Die lange und schmale Insel San Carlos an der Boca de la Laguna überragt kaum den Wasserspiegel; nur einzelne spärliche Strandgräser wachsen auf dem wasserlosen, durchglühten Dünensand, und dunkelglänzende, grau und grüne Mangle- und Sandtraubenbäume (Rhizophora, Conocarpus, Laguncularia, Coccoloba) umsäumen seine untersinkenden Ufer. Eine einzige Niederlassung neben dem Kastell nimmt die wenigen Bewohner der Insel auf; die Annehmlichkeiten des Aufenthaltes – die ungebrochenen, senkrechten Sonnenstrahlen auf blendend und brennend reverberirendem Sande, dichte Schwärme blutgieriger Mosquitos und kleiner Fliegen, Jejenes genannt, sowie eine absolute Isolirtheit aus der Welt, theilen mit den wenigen menschlichen Bewohnern nur einzelne Ziegenheerden mit anscheinender Zufriedenheit, deren Geschmack aber unter anderen Geschöpfen weiter keine Nebenbuhlerschaft findet. Von der Boca dient die benachbarte etwas höher aber ebenso armselig gelegene Insel Toas als nächste Richt- und Leitschnur. Hart an der Barre liegt die kleine, kaum eine halbe Legua lange Insel Bajo seco, die für Venezuela ungefähr eine gleich traurige geschichtliche Berühmtheit erlangt hat, [425] wie Cayenne für Frankreich; sie diente während mehrerer Bürgerkriege den herrschenden Parteien zum Ablagerungsplatze der politischen Gefangenen. Man denke sich das Loos jener Deportirten auf diesem schattenlosen, geheizten Seesande, auf einer Tabula rasa unter den senkrechten Strahlen der Tropensonne und den fast beständig wehenden starken Nordwinden ausgesetzt, abgeschnitten von aller belebten Welt, aller Bequemlichkeit, allen Schutzmitteln gegen den Sonnenbrand, kümmerlich genährt, noch spärlicher getränkt und erfrischt, am Tage der monotonen, schleichenden Langeweile, in der Nacht dem nervenzerreißenden Summen und Stechen der blutsaugenden Riesenmücken preisgegeben! Und doch ist Bajo seco nur ein schwacher Wiederschein von der langsamen Hinschlachtungsqual auf Cayenne! Die Ausgestoßenen der haßerfüllten Häuptlinge Venezuela’s verbleiben doch, wenn auch zu einer mehr oder minder langen Reihe von trostlosen Lebensstunden verdammt, in der nächsten Nähe ihrer Heimath, ja auf vaterländischer Erde, in beständiger Fühlung mit ihrer Nation, in stündlicher Hoffnung auf Befreiung aus ihren physischen und moralischen Leiden. Aber die Proscribirten des Erwählten der Nation, des Inspirirten einer göttlichen Mission siechen hoffnungslos dahin an Leib und Seele in tausend Meilen weiter Entfernung von der vaterländischen Erde und der Familie, unter viel qualvolleren physischen und moralischen Leiden noch, als jene an Klima und Unkultur gewöhnten venezuelanischen Bandenchefs; nur die finstere und grausame Gemüthsart eines Korsen konnte für seine Feinde eine Hölle auf Erden so raffinirt-diabolisch ersinnen.

Nach der Einfahrt in die Lagune legen Lootsen und Matrosen wiederum die Hände in den Schooß; tage- und wochenlang gestalten sich die Seereisen in den tropischen Gewässern gleichmäßig still und friedlich. Die Breite der Lagune öffnet sich mehr und mehr, bis in der vollen Höhlung ihres Sackes Himmel und Wasser, wie auf dem Meere, ringsum den Horizont verschließen. Aber selbst in nicht gar weiter Entfernung von der Küste verschwinden die flachen, nur einige Fuß den Wasserspiegel überragenden Küsten unter der wogenden, farbig umdufteten Wasserfläche. Im Westen, an der Seite Maracaibo’s und dessen engerer Umgebung liegt die Küste des Süßwassersee’s lebensarm und wüstenöde; an der Südostseite aber kleidet sie sich in die überschwänglichste Tropenvegetation und die fruchtbarsten Culturfelder bis weit in das Innere des Landes hinein. Die erhabene Größe der Küste von Carácas, welche dem Ankömmlinge zur See weithin eindrucksvoll entgegentritt, weicht westlich von Porto Cabello und in dem großen Strombecken von Maracaibo einem gänzlich entgegengesetzten [426] Charakter; kahl, sandig, flach, formen- und schattenlos dehnt sich die Küste von Maracaibo und der Halbinsel Paraguaná in das Meer hinein; dieselbe flache Ebene erstreckt sich vom Westabhange der Küstenkordillere bis zu dem Süd-Ostrande der Lagune; aber hier schwellt und wälzt sich, wie die flüssige, nasse Fluth zu ihren Füßen, die Vegetation in gewaltigen, sich überstürzenden grünen Laubfluthen über das heiß durchkochte, Fieber und Insekten brütende, zeugungsmächtige Sumpfufer, weit über das angeschwemmte Land hinweg bis in den grundlosen See hinein.

Nach gerade 48 Stunden lief die Clara Rosa Sutil nach einem zurückgelegten Wege von etwa 90 Meilen bei aufgehendem Vollmonde von leichter, sanfter Brise getragen, auf spiegelklarem Wasser stolz und friedlich in den Hafen von Maracaibo ein. Noch rang das große Gestirn des Tages mit dem größten Gestirne der Nacht um den Sieg seines Lichtes; doch bald durchfluthete das weißleuchtende Licht des Nachtgestirnes in dicken Strahlenbündeln die Dämmerung, und während im Westen sich die letzte Untergangsgluth des Sonnentages verzehrte, schwang sich im Osten der Sternentag in immer weißer fluthendem Lichte unendlich majestätisch empor. Das Menschenauge schlürft und schlürft und trinkt sich doch nimmer satt an dem himmelanragenden feierlichen Frieden der Tropennatur! Unter solchem Einflusse ward der erste Eindruck von Maracaibo vom Schiffsdecke aus vielleicht etwas ideal gefärbt; die stille, im weißen Licht der Sterne schwimmende Spiegelfläche des Wassers und die weich und balsamisch über diese stille Fluth hingleitende Sommernachtsluft: Sterne oben, Sterne unten, Licht in Licht quellend aus tiefer Sabbathstille der Natur; die nahe Stadt mit ihren durch die Nacht vergrößerten Umrissen magisch in das Traumlicht der Nacht hineingezogen, das Plätschern der einschlagenden Ruder geräuschlos hin- und hergleitender Boote in dem funkelnden, Blitze werfenden Wasser; die heißen Schläfen berührt von wahrnehmlosen, kühlenden Odemzügen, und die Brust, im Vollbesitze der empfänglichen Jugendkraft, nach der Schwere des Tages in tiefen, vollen Lebenszügen aufathmend: – das sind Einflüsse, die sich einer empfänglichen Seele mit unvergeßlichen Eindrücken einprägen.

Ich blieb die Nacht an Bord, ebenso ein Franzose, der, ohne jeden Anhalt und ohne Kenntniß eines einzigen Wortes aus einer anderen als seiner Muttersprache, bis nach Bogotá in das Innere des Landes hinaufgehen wollte; mit meinen ebenfalls noch spärlichen Brocken der spanischen Sprache, die ich mir bisher angeeignet, suchte ich ihm beim Landen, Unterkommen und der Weiterreise einigermaßen behülflich zu sein. Wir waren sieben Passagiere an Bord und gehörten [427] sechs verschiedenen Nationen an, unter denen Deutschland in der Majorität, nämlich durch zwei Angehörige vertreten war. Ich selbst wurde von meinem freundlichen Wirthe in Folge voraufgegangener Empfehlungsbriefe persönlich in Empfang genommen und in das schönste Haus der Stadt, unmittelbar an der Landungsbrücke, geführt, in welchem ich durch mehrere Jahre hindurch periodisch eine unbeschränkte Gastfreundschaft wiederfand. Dort, auf dem Fensterbalkone meines Zimmers habe ich oft, wenn ich im Laufe der folgenden Jahre todtmüde und krank von den Kreuz- und Querzügen meines entbehrungsreichen Wald- und Wanderlebens in die immer offene Herberge zurückkehrte, unter den Sternen der Tropennacht und über der stillen glänzenden Spiegelfläche des Wassers gestanden, und neue Kraft und Genesung getrunken aus Eindrücken, wie jene der ersten Ankunft, und nimmer vergesse ich jener Nacht, in der ich, dem Leben nach den schwersten Drangsalen wiedergegeben, von hier in stummer Andacht den Tönen eines deutschen Männerquartettes lauschte, die aus einem über die glitzernden Wellen, in lautloser Stille gleitendem Boote zu mir heraufdrangen.

Viele Handelsschiffe aus allen Meeren gehen nicht zu gleicher Zeit in dem Hafen von Maracaibo vor Anker. Der überseeische Handel Maracaibo’s ist noch von sehr jungem Datum; erst in neuerer Zeit hat er größere Dimensionen angenommen, und namentlich ist der direkte Verkehr mit den Vereinigten Staaten im Zunehmen, nicht so jedoch der mit Europa. Sehr rege ist der Verkehr zwischen den holländischen und dänischen Inseln Westindiens und Maracaibo; der größte Theil der Einwohner lebt von diesem Handel; die benachbarte holländische Insel Curazáo ist Hauptstapelplatz des Schmuggelhandels, der in dem Antillen-Archipel mit großem Eifer und Gewinne betrieben wird und eine geschickt manövrirende Flotille in dauernder Bewegung erhält. Während die beiden andern Häfen der Nordküste Venezuela’s, La Guayra und Porto Cabello, die reichsten Provinzen des Landes hinter sich haben, welche sie mit Importen versorgen und deren Produkte sie einnehmen und zugleich unter sich einen lebhaften Zwischenverkehr unterhalten, besonders seit durch die fremden Häuser eine Dampfschifffahrt zwischen ihnen ins Leben gerufen, liegt Maracaibo ganz isolirt; es bildet aber gegenwärtig einen wichtigen Stapelplatz für die Provinzen Trujillo und Mérida und auch für die benachbarten reichen Provinzen von Neu-Granada, zumal für die reichen Thäler von Cúcuta; für die Staaten Neu-Granada’s hat es freien Transitverkehr.

Wiederholte einschneidende Störungen hat der Handel Maracaibo’s in Folge seiner geographischen, isolirten Lage erfahren, da diese es [428] besonders zum letzten und hartnäckigen Rückhalte aller Schilderhebungen befähigt und begünstigt und es dazu bestimmt, die letzten Entscheidungen auszufechten; seine Geschichte ist eine fortlaufende Kette solcher oft ruhmreichen, aber auch ebenso traurigen Episoden, die es oft jahrelang als letzte Lagerschanze der kriegführenden Parteien von aller Verbindung mit dem In- und Auslande ablösten. Seine geographische Lage aber, wie andererseits der alte Neid und Groll einer alten, einst befehlenden, nun zur Unterthänigkeit einer Provinzialstadt herabgesunkenen Kapitale gegen die herrschende Hauptstadt erwecken und nähren das Gelüste einer Abtrennung von dem abhängigen Verhältnisse und bisherigen Verbande und der Gründung eines neuen selbständigen Staates aus den Provinzen, die es als Hafenstadt und Schlüssel der Lagune hinter sich hat. Erst vor kurzer Zeit ist es wiederum aus einer langen Lokaldiktatur und Absperrung aus dem Weltverkehr befreit worden. In dem Unabhängigkeitskriege blieb es ebenfalls am längsten im Besitze der Spanier, die erst im Jahre 1823 aus den tapfer vertheidigten Festungswerken abzogen; die Einwohnerzahl sank durch die Leiden des Krieges auf die Hälfte herab und ist seitdem in Folge der periodischen Occupationen einer immer schwankenden Bewegung ausgesetzt. Die Mehrzahl der Kaufleute Maracaibo’s sind, wie an den übrigen Hafenplätzen, Deutsche, denen auch hier die bedeutendsten Häuser gehören. Ueber die Handelsbewegung der neuesten Zeit sind keine allgemeinen Berichte vorhanden, da die Bürgerkriege seit dem Jahre 1857 keine Zusammenstellung der statistischen Verzeichnisse wegen des beständigen Wechsels der Ministerien gestatteten. Im Jahre 1844–45 betrug der Durchschnittswerth der Einfuhr 1,156,759 Pesos, – 394 pCt. mehr, als zehn Jahre vorher; der Werth der Ausfuhr 1,076,892 Pesos, – 272 pCt. mehr, als zehn Jahre vorher; Zolleinkünfte gingen ein: 331,955 Pesos; der Kaffeexport betrug 88,400 Quintales; Kakaoexport 894,542 Pfund; Rinderhäute wurden verladen 52,407 Stück; in den Hafen liefen 204 Seeschiffe mit 28,702 Tonnen Gehalt ein; 495 Küsten- und Stromfahrzeuge kreuzten die Lagune[2].

Der Handelsverkehr zwischen den beiden benachbarten Republiken Venezuela und Neu-Granada beschränkt sich nur auf die Grenzstädte und auf den Handel zwischen Maracaibo und dem Thale von Cúcuta auf dem Wege der Lagunen- und Flußschiffahrt; die Küstenhäfen aber stehen in keiner Verbindung mit einander; es giebt zwischen ihnen keine andere Berührungslinie als über die westindischen [429] Inseln oder gar über New-York, oder zu Lande von Maracaibo über Perijá durch das Valle de Upar, – ein Weg, der gewöhnlich bei Perijá schon sein Ende findet; denn westlich vom letzteren Orte hört das Reich der Kultur auf und beginnt das Reich der ungebahnten Wildniß und der wilden Indianer; mehr aber als Fels und Meer, trennen Wald und Steppe die Völker und der Hordenmensch die Stätten der Kultur von einander. So schiebt sich ein verhältnißmäßig nur schmaler, etwas über einen Grad breiter Länderkeil westlich von Perijá bis zu dem Höhenrücken der nach Norden streichenden Andeskette zwischen beide Republiken als eine unüberbrückbare Kluft ein. Wiederholt ist der Versuch gemacht worden, die beiden benachbarten Provinzen durch eine offene, gangbare Landstraße mit einander zu verbinden und namentlich dem herrlichen Hochlande von Ocaña für seine reichen Bodenprodukte einen neuen Absatzmarkt nach Maracaibo zu eröffnen; ich selbst nahm Theil an einer solchen Expedition, welche zum Durchbruch eines Maulthierpfades unternommen wurde, und gelangte auch von Ocaña über den Rio Catatumbo – freilich unter sehr erschwerenden Umständen und Zuständen – nach Maracaibo[3]. Jedoch Projekte und Ausführungen sind immer wieder gescheitert. Der Urwald zwischen der östlichen Wasserscheide der nördlichen Andes Neu-Granada’s und der Lagune von Maracaibo[WS 1] gehört gegenwärtig noch den unseßhaften Indianerhorden, Nachkommen und Bruchstücken der Quiriquires und einst mächtigen Motilones; ihre seßhaften Nachbaren meiden mit mehr oder minder begründeter Scheu das Betreten des Gebietes jener, da sie eifersüchtig und mit dem verbliebenen Reste der Feindschaft und Tapferkeit ihrer Urväter ihre letzten Daseinsrechte zu behaupten suchen; eigne Erfahrungen haben mich unterrichtet, daß ihre Berührung nicht unter allen Umständen freundschaftlich verläuft. Sie bewahren bis zur Gegenwart die Lebensgewohnheiten ihrer Vorfahren; sie gehen unbekleidet, suchen ihren Unterhalt in Jagd und Fischfang und führen ein Nomadenleben; ihr Geschoß besteht aus Bogen und Pfeil; letzteren verfertigen sie aus einem gegen 5 Fuß langen Rohrschafte und einer fest umwundenen Spitze, dem sägeartigen Schwanzknochen eines Rochen, die meistens vergiftet sein soll. Tauschhandel, gleich den nördlich wohnenden Goajiros, treiben sie nicht, und suchen der Berührung mit ihren seßhaften, der Kirche unterworfenen Verwandten auszuweichen; wenn auch friedfertiger als die Goajiros, so stehen sie doch weit unter diesen [430] an Intelligenz, Muth und Thätigkeitstrieb. Sie durchschweifen hauptsächlich das Gebirge, weniger die Ebene, doch dringen sie zuweilen in kleinen Trupps bis nach Perijá vor, ohne die Einwohner zu beunruhigen, um gegen Thierbälge, Flechtwerke aus Palmenbast, Hängematten u. s. w., Salz und Mais, Zucker und andere Gegenstände einzutauschen. Ein solcher Besuch soll einmal sogar Neigung gezeigt haben, sich ganz anzusiedeln; jedoch die leidige Seelenanexionssucht der Priester scheuchte sie sofort wieder von ihrem Vorhaben zurück. Der Bekehrungseifer, der sich eines der Kinder bemächtigt und an ihm die Ceremonie der Taufe vollzogen hatte, wirkte so wenig erfolgreich, daß die braunen Söhne der wilden Freiheit mißtrauisch und zornig von dannen zogen. Die westwärts wohnenden Stämme zeigen einen wilderen Charakter und unternehmen zuweilen Raubzüge in das Valle de Upar.

Maracaibo liegt fast im Mittelpunkt des – nächst dem Orinocobecken – größten Binnenstrombeckens des Gebietes von Venezuela; sein Stromgebiet umfaßt einen Flächenraum von nahe 4550 Quadr. Leguas, von welchen 700 Quadr. L. von dem See von Maracaibo selbst eingenommen werden, dessen Umfang – mit den größten Einbuchtungen – 214 Leguas, ohne dieselben – 120 Leguas beträgt. Dieser See, der das Centrum des Beckens einnimmt, sammelt die Gewässer, welche von den Gebirgszügen von Ocaña und Perijá im Westen, denen von Mérida und Trujillo im Süden, und denen von Jirajaon und Emplado im Osten herabfließen, so daß sein Flußgebiet allein an 4000 Quadr. Leg. umfaßt. Aus den drei Senkungen im Osten, Süden und Westen empfängt er die Zuflüsse im Mittel von 120 Flüssen und 400 Bächen aus einem Gebiete von 2900 Quadr. L. aus Venezuela und 400 Quadr. L. aus Neu-Granada. Die Hauptzuflüsse des See’s sind der Rio Catatumbo aus dem Gebiete von Ocaña mit einem Flußgebiete von 750 Quadr. L., der Escalante aus dem Süden mit 300 Quadr. L. Flußgebiet, und der Motatan aus dem Osten mit 250 Quadr. L. Flußgebiet. Alle diese Flüsse sind in ihrem unteren Laufe, der ein sehr wenig erhabenes, in der Regenzeit weit und breit überschwemmtes Terrain durchschneidet, bis zu 25 und 40 Leguas aufwärts schiffbar. Vergegenwärtigt man sich, daß in der waldreichen, südlichen Umgebung jährlich 86½ Zoll und in der nördlichen Gegend 52 Zoll Wasser fallen, mithin im Mittel etwa 78 Zoll – d. h. drei Mal mehr Niederschlag als in Spanien erfolgt – so mag daraus erhellen, mit welchen Ziffern man zu rechnen habe, um eine annähernde Schätzung der Wassermengen zu gewinnen, welche der See aus allen seinen Zuflüssen in sich aufnimmt.

[431] Die Stadt trägt in ihrer Anlage und Bauart den allen hispano-amerikanischen Städten zu Grunde gelegten Baustyl, und das vorherrschende Gründungsprinzip: einen trocknen, sterilen Boden als Unterlage und die Eintheilung des Ortes in regelmäßige Häuserquadrate und einander rechtwinklich schneidende Straßen. Haupt- und Seitenflügel des Hauses umschließen mit hohen offenwandigen, gallerieartigen Corridors den mit Blumen und blühendem Gesträuch bepflanzten inneren Hof oder Patio, den eigentlichen Wohnsitz der Familie; die Häuser sind meistens einstöckig aufgeführt, obgleich Maracaibo, weil nicht so sehr durch vulkanische Erschütterungen bedroht, mehr zweistöckige Gebäude zeigt, als die übrigen auf dem beunruhigten Boden der Cordilleren erbauten Städte. Auch hier lehnt sich derselbe lose Anhang eines dorfartigen Haus- und Strohhüttenkonglomerates an den festen Kern der Stadt an – zu vergleichen der Anlehnung des beweglichen Nomadenzeltes der farbigen, unstäten, freien Söhne der Wildniß einer heißen Sonne an den festen Schild und Herrschersitz ihrer civilisirten Häuptlinge. Mit der Einfahrt in die Hafenbucht gewinnt das Auge die vortheilhafteste und eindruckvollste Ansicht von der Stadt; diese schiebt sich in eine vorspringende, stumpfwinklige Landspitze wie ein Dreieck ein und legt sich mit den beiden Schenkeln des stumpfen Winkels hart an den Strand der Außen- und Innenbucht. An dem Strande der Binnenbucht concentrirt sich die Handelsbewegung Maracaibo’s; die stattlichsten Gebäude treten vornehm in den Vordergrund[WS 2]. Dort ankern im Angesichte der Muelle, oder Hafen- und Zollgebäude und einer langen geraden Straße die stolzen Wogenbrecher des Oceans; in geringerer vornehmer Zurückhaltung, direkt an Strand und Brücke legen die leicht tänzelnden Lagunen- und Küstenfahrer an, und durch diese besonders unterstützt, entfaltet sich in den frühen Morgenstunden jedes Tages auf dem Markte vor der Landungsbrücke ein ungemein lebhaftes und bunt bewegtes Leben und Treiben. Die fruchtbaren Ufer der Lagune und ihrer einmündenden Ströme speichern hier allmorgendlich die Schätze ihrer Bodenerzeugnisse auf und versorgen auf dem öffentlichen, meistbietenden Markte den Konsum der gänzlich productionslosen Stadt, wie den Export der großen Handelshäuser; von dem Wild-, Frucht-, Luxus- und allen Tafelgenüssen der reichen Kaufherren bis zu dem Pferde- und Eselsfutter herunter schütten hier alle Wälder, Felder, Flüsse und Seen, Ufer und Inseln das Füllhorn ihrer Gaben aus.

Die flachen, wasserarmen, mit Gras und Kräutern bewachsenen Küstenebenen Coro’s und die Cactuswüsten Maracaibo’s schichten ihre schleifsteingroßen, trocknen Ziegenkäse auf; die See- und Meerküsten [432] ihre Cocosfrüchte und ausgelaugten Cocosöle; der Goajiro sendet seine gesuchten Esel und Pferde; Altagracia mit seiner fruchtbaren Landumgebung die saftigen Futtergewächse, die leicht vergänglichen Bananen und Feldfrüchte; aus den Lagunenhäfen im Osten und Süden kommen die Culturerzeugnisse der reichen Hinterländer: Cacao, Kaffee und Tabacke, die in der herrlichen Alpenregion und den Tiefthälern von Trujillo, Mérida und San Cristobal, wie an den wildromantischen, heißen Ufern des rauschenden Motatan gewonnen werden. Sie erhalten dafür von der Hafenstadt überseeische Importe und Pferde und Esel aus den Savannen Goajiro’s; die heiß-feuchten, fruchtquellenden Waldniederungen Gibraltar’s schütten ihre goldschwere, unvergleichliche Cacaofrucht in das große Danaidenfaß des Welthandels; der Catatumbo sendet die reichen Naturprodukte seiner unermeßlichen, kaum berührten Uferwälder, namentlich Gelb- und Schiffsbauholz, sowie die schweren Kaffeeladungen der Thäler Cúcuta’s; der Rio Escalante und das ganze große Fluß- und Seenetz des angeschwemmten, schweren, tiefen Flachlandes, der kochende Heerd der Tropensonne im Südwesten der Lagune, führt ununterbrochen den aus seinem Schlammboden in unerschöpflicher Menge hervorbrodelnden Rohrzucker herbei, und niemals stockt die Quelle seiner Tropenfrüchte, die auf keinem anderen Boden zarter und schmackhafter reifen; die auf der Zunge schmelzende, fein aromatische Baummelone (Carica Papaya), von welcher die Kultur eine besonders zarte, kernlose Abart hervorgebracht hat, deren Samengehäuse in Fruchtfleisch übergegangen ist; mandelsüße Nispero’s (Achras Sapota), eine apfelartige, breiig-saftige Frucht, die unreif von Gerbsäure und Kautchouk enthaltendem Milchsaft strotzt, reif sehr zuckerreich und eiweißhaltig ist; die erfrischende, süß-säuerliche Chirimoya und die kindeskopfgroße Guanábana (Anona Humboldtiana und A. muricata) mit weißem, saftstrotzendem, von schwarzen, großen Kernen angefülltem Fruchtfleische; melonengroße Pärchen mit fester Schaale und stachelbeerartigem Fruchtmuße (Passiflora quadrangularis), Ananas, Feigenbananen und alle Früchte weiter, welche in den unvergänglichen Gärten der Tropenhesperiden in überschwänglicher Fülle reifen. Die Savannen Perijá’s im Westen füllen den Markt mit den Erzeugnissen der Rindviehzucht, mit Schlachtvieh, Haufen Hörnern, und mit den Ergebnissen der Jagd in den entfernten, von wilden Indianern durchschweiften Wäldern, sowie mit werthvollen Walderzeugnissen, als Harze, Balsame, Oele, Kautchouk u. s. w.; der landschaftliche Charakter jener etwa 150 Fuß über das Meer emporgehobenen Savannen ähnelt dem der Savannen nördlich von Orinoco, von Varinas und Barquisimeto, und erinnert mit seinem unterbrochenen Wiesen- und [433] Kräuterrasen, Palmen- und Buschbosquets und kleinen bewaldeten Flußthälern an den freundlichen Anblick englischer Parkanlagen. Auch geringe Mengen von Indigo, Baumwolle, Thierbälgen, Bienen- und vegetabilischem Wachs kommen auf den Markt der Hafenstadt; eingefangene wilde und gezähmte Thiere, Vögel, Schildkröten, Kammeidechsen und die nahr- und schmackhaften Eier dieser Lurche, Konserven und Süßigkeiten stehen zum Verkauf aus. Fische liefert die Lagune in reicher Auswahl und von vorzüglicher Güte.

Der Anblick oder Besuch dieses bunten Lebens und Treibens auf dem Markte wirkt auf den Zuschauer ebenfalls belebend und aufregend; auf den öffentlichen Berührungsplätzen, wo die persönlichen, unmittelbarsten Interessen oder Leidenschaften, die Spiel- und Vergnügungssucht geweckt werden, tritt das südliche Temperament in seiner ganzen sprudelnden Beweglichkeit und Lebhaftigkeit rückhaltslos an die Oberfläche, offenbart sich die Menschennatur in allen ihren Racenanlagen und Raceneigenthümlichkeiten, in allen Tonleitern der Seelenaffecte mit einer Durchsichtigkeit und in einer Variationsscala, wie sie dem Darwinismus und der Psychologie zu Studien und Vergleichen gar nicht vollständiger vorliegen können. Dieses Wogen und Wallen, Auf- und Abfluthen der sinnlichen und spirituellen Fluctuationen und ihrer Wahrnehmungen, diese elektrischen Strömungen und Spannungen in der Lebensatmosphäre der verschiedenartig beseelten Wesen, diese Kontacte und Aggregationen der Charaktere und Originalerscheinungen in der Menschenwelt müssen das trägste Temperament und die schlaffste Indolenz in Mitleidenschaft ziehen, beleben und anreizen, hineinzutauchen in die ewige, strömende Fluth des Lebens.

Käufer und Verkäufer aus allen Schichten und Farbenabstufungen der Bevölkerung, weiße und schwarze Frauen und in der modernen Welt sich befremdet bewegende indianische Mädchen, Stadtdamen in prunkendem Putze und jene urwüchsigen, nur von einem langen blusenartigen, buntfarbigen Kattunhemde umhüllten Töchter der natürlichen Freiheit, fein gekleidete Kavaliere und bis auf den Schurz nackte, in den Frohndienst moderner Sklaverei eingespannte, stumpf hinbrütende braune Männer, welche durch List ihrem heimathlichen Boden entrissen wurden, Mensch und Thier, alles das bewegt sich zu Wasser und zu Lande durch einander wie ein Bienenschwarm, und mit der solchem Schwarme eigenen Geschäftigkeit und Beweglichkeit. Aus allen Straßen galloppiren die Käufer auf Eseln heran und nach allen Richtungen wieder in die Straßen zurück; jeder Eselreiter hat unmittelbar[WS 3] hinter sich auf dem Rücken des Thieres seinen schmierigen Bedienten; statt der Bügel hängen zu beiden Seiten des Saumsattels [434] lederne Gefäße nieder, um die eingekauften Marktwaaren einzunehmen; der Herr überläßt den Esel der Hütung des Dieners, während er abspringt und seinen Geschäften nachgeht; nach Beendigung derselben sitzt er wieder vor seinem Jokey auf und trabt im kurzen Galopp davon. Es läßt sich wohl ohne Uebertreibung annehmen, daß Maracaibo dieselbe Anzahl von Eseln besitzt, als erwachsene Männer im Orte leben, denn jeder Gewerksmann, der in Geschäften ausgeht, läßt sich von seinem Esel tragen, jeder Tagelöhner reitet auf seinem Esel an die Arbeit. Der Gebrauch der eigenen Füße scheint einer Verachtung der eigenen Person gleich zu sein; aus dem Gebote oder der Veranlassung des heißen Klimas zu solcher Schonung ist eine Mode, ein point d’honneur geworden.

Die Señora des Hauses erscheint nicht in dem öffentlichen Tagesgetriebe, am wenigsten auf dem unzarten Marktparterre. Der Hausherr waltet dort an ihrer statt. Die distinguirten Häuser aber werden durch die Köchin Señora repräsentirt, und zwar mit dem größten Aufwande an Kleiderpracht und äußerer Grandezza. Die Köchin Señora aber ist wiederum gefolgt von ihrem Leibtrabanten, dem sie mit majestätischer Geberde die erhandelten Gegenstände mit der Spitze ihres Fächers bezeichnet; auf diesen Wink nimmt der diensteifrige Page im Namen seiner Gebieterin Besitz von den verunzierenden Küchenobjecten und folgt, dieselben auf dem wolligen Haupte balancirend, der ersten Würdenträgerin in der langen Reihe der Dienerschaft wieder in das geheime Kunstatelier des distinguirten Hauses zurück.

Das zahlreiche Wildpret auf dem Markte Maracaibo’s gehört allen Klassen des Thierreichs, den Säugethieren, Vögeln, Fischen, Lurchen und selbst den Insekten an; die nächste Umgebung der Stadt ist in großen Mengen von kleinen Feldtauben bevölkert; das schmackhafteste und ein sehr zartes Fleisch, das auch von den Fremden, die sich im allgemeinen sehr reservirt gegen das einheimische Waidwerk verhalten, sehr geschätzt wird, liefern die hühnerartigen Vögel der Wälder, das Waldhuhn, der Hokko, der Pauxi, der Perdriz u. s. w. in die Küche. Das Wildpret aus der Klasse der Säugethiere stößt bei den Fremden meistens auf Abneigung, welche mehr der Unbekanntschaft mit demselben, als wirklichen Mängeln zuzuschreiben ist. Vorurtheil und Mißtrauen nimmt die Einbildungskraft gegen Tafelgenüsse ein, mit denen sich die heimathliche Gastronomie niemals beschäftigt hat und nicht beschäftigen konnte. Auch die Ueberfüllung des Marktes mit Wild macht dasselbe gewöhnlich und gering geschätzt. Kaninchen, Hirsche, Wildschweine, Gürtelthiere, Agutis, Packaschweine etc., denen im Binnenlande eifrig nachgestellt wird, nehmen [435] in Maracaibo nur einen untergeordneten Rang unter den Tafelgenüssen ein. Mehr Theilnahme widmet man aus dem Geschlechte der Lurche der Landschildkröte, dem Morocoy; gegen die Kammeidechse aber, deren zartes, weißes Fleisch das Huhn in Schatten stellen soll, verhält sich der Gourmand von Distinction hartnäckig ablehnend, ebenso gegen die Eier der Lurche, obgleich die des Morocoy wie der Iguana eine ebenso nahrhafte als wohlschmeckende Speise darbieten.

Von allen jenen Marktzusammenflüssen bilden nur Kaffee und Cacao (etwas Zucker, Taback, Häute und einige andere geringe Exportartikel fallen nicht besonders schwer ins Gewicht) das große Tauschobjekt zwischen den West-, Ost- und Nordkontinenten, aber eine schwere Münze, mit welcher sich die überseeischen oft nur zu unsoliden und werthlosen Fabrikate bezahlt machen. Desgleichen gehen reiche Schätze an Nutz- und Farbehölzern und den werthvollsten Droguen als Eintausch gegen Fabrikate in den unproduktiven Norden, deren realer Werth durch den sehr relativen Werth des Aus- und Ueberschusses der absorbirenden Fabrikindustrie nicht zur Hälfte aufgewogen wird. Eine detaillirte Betrachtung aller jener kostbaren, wenig preiswürdig bezahlten Erzeugnisse der unerschöpflich reichen Tropenländer verbietet sich hier von selbst. Von den Balsamen ist in der Neuzeit der Canime, – der Copaivabalsam, – ein gewinnreicher und nicht unbedeutender Handelsartikel geworden; durch denselben hat mancher Speculant in wenigen Jahren seinen materiellen Wohlstand begründet, ganz besonders ein deutscher, jetzt von den Ergebnissen seiner Spekulation in Hamburg lebender Apotheker. Der schöne Baum, Copaifera Jacquinii, der diese Goldader in seinem Holze führt, überragt eine ausgewachsene Buche an Umfang und Höhe; eine herrliche Belaubung von glänzend-grünen, gefiederten Blättern umkleidet seine ausgebreitete Astkrone; er wächst in den heißen Niederungen der Strombecken zahlreich eingestreut in den hohen Baumwuchs der Tropenwälder. Ein Kanal, der das Holz von Stamm und Aesten durchzieht, enthält den goldgelben, dickflüssigen, durchdringend riechenden und schmeckenden, fettigen Balsam, der als Heilmittel wirksam befunden sein soll. An günstigen Standorten liefert ein einziger Baum aus einem solchen Kanale gegen 40 Flaschen Balsam. Die Anzapfung, wie ich derselben beigewohnt, geschieht in der Weise, daß mit der Axt eine Höhlung mit glatter Unterfläche, dem sogenannten Tische, in den Stamm geschlagen wird, bis der Balsamkanal getroffen ist. Der ausfließende Balsam sammelt sich mehrere Wochen hindurch in der Höhlung an und wird von der glatten, gereinigten Unterfläche abgeschöpft. Der Baum selbst soll an der Operation nicht zu Grunde gehen, die innere Wunde vernarben und der Kanal sich [436] wieder in alter Kraft mit neuem Balsam füllen. Der Sammler überliefert das Rohprodukt, wie er es gewann, den Droguenhändlern, die mit demselben irgend eine oberflächliche Reinigung vornehmen und es sodann mit großem, vielleicht dem größten merkantilen Gewinn, in die überseeischen Depots absenden.

Zu dem Träger und Symbole seines Wohlstandes und seiner Intelligenz – dem Schiffe im Hafen – drängt sich der Haupttheil der Stadt Maracaibo mit dem in ihm konzentrirten Kapitale und der Bildung der Einwohnerschaft; er umfaßt unmittelbar den Hafen und den Strand der etwa zwei Leguas großen Binnenbucht; der übrige Stadttheil ist auf einer kleinen Anhöhe im Norden desselben erbaut, welche eine schöne Aussicht über den hier drei Leguas breiten See und auf das gegenüberliegende Altagracia gewährt. Die langen und breiten Straßen und geräumigen Plätze der Stadt befinden sich noch in ungepflastertem Zustande; es finden sich in dem flachen Lagunenbecken keine erratischen Blöcke oder Granitstücke, aus welchen sich das Material zur Ueberdämmung des lockern, tiefen Straßensandes gewinnen ließe; dagegen sind durch die Hauptstraßen bis zur Hafenbrücke und den Zollgebäuden Schienenstränge gelegt zur Erleichterung des Schiffsgütertransportes zwischen dem Hafen und den an jenen Straßen gelegenen großen Magazinen; nur die Trottoirs haben eine Unterlage aus Backsteinen oder makadamisirter Erde; in der Mitte der Straßen aber wühlt das Maulthier seine Hufe in den tiefen Sand oder nach heftigen Regengüssen in Schlamm und Pfützen ein.

Die Gebäude der Stadt bewahren fast ausnahmslos den geschlossenen Charakter von Privathäusern. Große glänzende Läden mit lockenden Schaufenstern, wie in der Hauptstadt Carácas, machen sich nur in geringer Anzahl bemerkbar; einen großstädtischen Charakter trägt Maracaibo überhaupt nicht, wie auch das bewegte Leben und Treiben der anderen beiden Seehäfen der Nordküste sich hier nicht wiederfindet; ja, wenn mit den frühen Morgenstunden der Markt geschlossen ist, wird die Stille der übrigen Tagesstunden in Maracaibo kaum eine Hafen- und Handelsstadt vermuthen lassen.

Carácas lebt, wie die modernen Großstädte Europa’s, bereits ebenso sehr auf der Straße, wie im Hause, nicht so Maracaibo. Jenen geschäftigen Müßiggang der politisirenden und neugierigen Flaneurs gewahrt man nicht; das schöne Geschlecht zeigt sich dem öffentlichen Auge nur ganz sporadisch, unter der Tagessonne aber gar nicht, weder in den Läden, noch auf der Promenade, noch im Sattel, ausgenommen, wie überall, in der Kirche vor dem Meßaltare. Nur ein fahlgelber, schmächtiger, nichts weniger als männlich schöner und kräftiger Männerschlag von Agenten, Zollbeamten und kleinen Spekulanten [437] schleicht am Tage durch die schattenlosen Straßen. Der durchglühte Sand strahlt ein blendendes Licht und brennende Hitze zurück, Seh- und Hautnerven werden gleich empfindlich, stechend berührt. Dazu kommt, um diesen physischen Reiz zu verstärken, der in jenen Ländern allgemein übliche, für die innere Kühlhaltung auch praktische, aber für das Auge sehr unzweckmäßige weiße äußere Anstrich der Häuser; schwache nordisch-wasserblaue Augen, welche die Natur weniger kräftig gegen den Lichtreiz angelegt, leiden mit der Zeit mehr oder minder unter solcher vibrirenden Licht- und Gluthfülle; ebenfalls schwinden alsbald die Rosen der nordischen Wangen.

Um einmal die ganze Intensität des Tropenlichtes und der senkrechten Sonnenstrahlen auf mich einwirken zu lassen, unternahm ich in der Mittagsstunde unter der Zenithsonne einen längeren Gang durch eine der breitesten, den Sonnenstrahlen geöffnetsten Straßen der Stadt. Ich stand damals noch in dem Vollgefühl jugendlicher Kraft, die sich in müßigen Experimenten gefällt und an eine Schädigung der Kräfte überhaupt noch nicht glaubt. Meine Fußspur in den Sand der Sahara abzudrücken, ward mir freilich noch nicht vergönnt, aber dennoch glaube ich annehmen zu dürfen, daß der Wüstensand Afrika’s nicht intensiver auf das Gesammtgefühl einwirkt, als der Straßensand von Maracaibo unter der Zenithsonne. Nur einen Punkt wüßte ich anzugeben, dessen Licht- und Wärmestrahlenreflexe noch peinlicher, ja entzündender auf das Gesammtgefühl, auf die äußeren Sinnesorgane, wie die von den äußeren Sinnen in Mitleidenschaft gezogenen inneren Organe gewirkt hätte: der Cabo blanco bei La Guayra. Es steigern sich die physischen Reize derartig bis zur Ueberreizung, daß das, von der äußeren Sinnenwelt abgeschlossene innere Dunkel fast ebenso feurig gefärbt, gleichsam durchleuchtet und durchflammt wird, wie die äußere Erscheinungswelt selber. Nur die enorme Transpirationsthätigkeit der Haut vermag den Organismus von dem empfangenen Uebermaß der Wärme zu entbinden und vor Verglühung zu bewahren, bis auch sie der Ueberreizung unterliegt und die Zersprengung der Blutgefäße eintritt; weil aber die Haut unter den Tropen in viel höherem Grade thätig, als im Norden, so vermag der Mensch daselbst auch eine weit höhere absolute Wärmemenge mit geringerer Beschwerde zu ertragen und auszugleichen, als hier; ein schwüler Sommertag belästigt im Norden weit mehr, als ein an Graden heißerer Tag im Süden. Wenn auch die Beschaffenheit der Atmosphäre selbst unter den Tropen dazu beiträgt, die Hitze weniger beschwerlich zu machen als innerhalb der nordischen Breiten, so trägt doch die enorme Ausscheidungsthätigkeit der Haut wesentlich zu dieser Ertragungsfähigkeit bei.

[438] Es würde mithin ein selbstmörderisches Unterfangen der natürlichen und erlaubten weiblichen Eitelkeit und Schonungsliebe sein, den zarten, nicht selten strahlenden, aber immer wohlgepflegten Teint des reich dotirten Antlitzes solchen verderbenschwangern Licht- und Gluthstrahlungen des heißen Sandes auszusetzen, und da weder eine lockende Umgebung, noch großstädtische Mode und Sitte, noch ein wohlthuendes, ja nur ein duldsames Klima sie aus dem Hause lockt, so bleibt die Frau im Hause. Um die Frau aber konzentrirt sich das Leben in letzter Instanz doch immer in seinen Aus- und Rückstrahlungen. Wer am Tage auf der Straße nichts zu thun hat, der bleibt zu Hause, in seinem kühlen Geschäftsgewölbe, den luftigen Comtoirs, den schattigen Galerien des Patio. Die umherflatternden Tagfalter kennt die Gesellschaft Maracaibo’s nicht, denn das Klima und die landschaftliche Umgebung verhindern absolut deren Entwicklung.

Nur am Abend, wenn die Sonne ihre glühenden Pfeile niedersenkt, oder in einer jener sinnberückenden mondhellen, magischen Tropennächte drückt wohl hier und da eine zarte, luftig-weiß umhüllte Gestalt ihre leichte Spur in den warmen Strandsand ein, an dem Arme des Cavaliers gleitet sie schimmernd, wie ein wandelnd Südgestirn auf Erden, flüchtig, wie die rauschende, blinkende Welle zu ihren Füßen, an den Wellen der Lagune vorüber. Aber auch in den späten Nachmittags- und Abendstunden schlüpft das fashionable Leben Maracaibo’s nicht, wie in den andern Städten des Landes, besonders lebendig und strahlend unter den freien Himmel aus. Reitende Damen sieht man gar nicht; das Rollen der Equipagen ist noch ein unbekanntes Geräusch; jener blendende, glänzende Korso der Schönheit und Bewunderung, dessen klassischer Boden der heiße Süd, hat in Maracaibo noch nicht die Schwelle des Salons überschritten. Nur die großen Kaufleute, die sich den für Maracaibo nicht unbedeutenden Luxus eines Reitpferdes gestatten dürfen, eilen nach dem Schlusse der Comtoirs und der beendeten Mittagsmahlzeit in den Sattel der im Hofe harrenden Rosse; das gewöhnliche Ziel der Cavalkaden ist ein Ritt um die Hafenbucht.

Die jenseitige südliche Seite der Bucht ist von einer Reihe kleiner Landsitze umsäumt, deren einfache, kleine Häuser, unter dem Schatten von Kokospalmen geborgen, sich gleich einem langen Dorfe längs des Strandes bis zu einem, in den Außensee vorspringenden, nackten Kap hinziehen; die Kokospalme legt das einzigste, schützende und erfrischende Grün um die nackte, glühende Sandwiege der Lagune. Begüterte deutsche und kreolische Kaufmannsfamilien nehmen gewöhnlich ihren abendlichen und nächtlichen oder auch periodisch einen längeren ländlichen Aufenthalt an jenem Palmufer, dessen Luft für [439] gesunder und erfrischender als die der Stadtseite gehalten wird, da der Nordwind sie besser bestreichen kann. Während die Herren ihren Spazierritt zu jenem Kokosschatten lenken, lassen die Damen sich über das stille Wasser hinüber rudern; in einer halben Stunde legt ein Segelboot den Weg zurück. An dem Sonntage pflegen die alleinstehenden jungen Leute in dem gastlichen Schatten der Palmen einige Stunden der Erheiterung und Erfrischung zu suchen; man findet dort herzliche Aufnahme und deutsche, gemüthsfrische Unterhaltung. Die innere Einrichtung der beschränkten Wohnlichkeit ist bei aller Einfachheit doch komfortable: man findet Bücher, Bilder, Kunstwerke, anheimelnde deutsche Bildung; die Pianinos führen die Tonwerke deutscher Meister an das Gehör und in das Gemüth, das – nach langer Entbehrung aller deutschen Wort- und Sangeslaute in wilder, tiefer Waldeinsamkeit – unter jenen ergreifenden Klängen seinen Gottesdienst feiert. Friedliche, festliche und feierliche Stille herrscht unter dem Palmenschatten, oder es raunt leise das vom Spiele der Sonnenlüfte gewiegte Blatt auf den schlanken, himmelanstrebenden, sanftschwankenden Säulen wie Orgelton durch Domeshallen. Badehäuser winken aus der mystischen Tagdämmerung unter dem grünen Gewölbe hinein in den plätschernden See; sie gewähren, wenn auch kein kaltes, doch momentan erfrischendes Bad; und von dem Allen verscheucht deutsches Wort und deutsche Weise die Vereinsamung auf fremdem Boden. Zwar sind die deutschen Männer – wenigstens die, welche während meiner Anwesenheit im Stande der Ehe lebten – mit Kreolinnen, meistens Inselkreolinnen verheirathet; nur eine einzige deutsche Frau war hineingetreten in die fremde Welt; aber auch jene, auf ihren Inseln mit englischer Sitte wohlbekannten Frauen schmiegen sich elastisch dem deutschen Wesen an und fügen in dasselbe schmückend und anmuthig beschwingend das holde Wiegengeschenk des südlichen Himmels, die Grazie ein.

In Gegenden, welche die Natur in eine üppigere Schönheit eingekleidet, möchten jene Landsitze auf dem schmalen Palmenufer (ich bedauere, daß mir der Name entfallen [Haticos, Red.]) vielleicht nur gering geachtet werden; für Maracaibo aber sind sie von großem Werthe; sie gewähren dem Auge das einzige, die nackte Erde umschlingende Grün, den einzigen schattigen und einigermaßen erfrischenden Aufenthalt im Freien und einen Horizont, auf welchem das licht und gluthgesättigte Auge ausruhen, in dem es ausstrahlen, erfrischend hinabtauchen kann.

Darin, in diesem wohlthuenden Contraste der erfrischenden Ruhe mit der ruhelosen, zitternden Lichtfarbengluth liegt auch das Fesselnde und Einschmeichelnde der Aussicht von dem sonnenheißen Hafenstrand auf den gegenüberliegenden schattenspendenden Palmenstrand. Ist [440] ein Palmenwald an sich das Erhabenste, was man sich denken mag, so vielmehr auf einer, vom Pflanzenwuchs entblößten, von dem feurigsten Himmelsstrahl sengend umfangenen Erde. Nicht das absolut Schöne wirkt allein und mächtig ergreifend, sondern was die Empfindungen besonders über das Gewöhnliche hinanzieht, das sind jene in die Natur der Dinge und Menschen hineingelegten Contraste und die Art und Weise, wie die Kontraste aneinander gelegt und welcher Art sie beschaffen sind. Mit jenem unendlichen Wohlbehagen, mit welchem der Dürstende seine verschmachteten Lippen in die Quelle taucht, saugt das Auge jenen feucht-weichen Licht- und Wasserduft ein, der unter der Fülle des Sonnen- und Sternenlichtes auf der Spiegelfläche der Lagune liegt. In diese reiche Verschmelzung des nassen und des trockenen Elements drängt sich schroff und hart hinein das rothe Kap, von keiner Pflanze, keinem belebten Organismus bewohnt und belebt, und dennoch unter den magischen Licht- und Luftspiegelungen der Tropenatmosphäre Leben athmend und Farbentöne ausduftend, die wie Musik durch die schwingenden Lichtwellen gleiten; so erhält selbst die todte Erde unter dem Tropenhimmel Stimmung und Leben. An jenes heiße, sinnenreizende Farbenmosaik legt sich wieder besänftigend, gleichsam aufsaugend der nahe Palmenwald an.

Während man den Tag nur belebt findet in den kühlen Kaufmannsgewölben und den inneren Räumlichkeiten des Privathauses, aber Straßen, Fenster und Balkone öde und verlassen sind wie eine Dorfgasse, verschließen sich mit der Abendstunde die Gewölbe und vereinsamen die Galerien und Blumenhöfe und bevölkern sich die erschlossenen Fenster und Straßen, die geöffneten Salons und Balkone. Die ganze junge und ältere männliche Welt, deren kein geschirrtes Roß zum spielenden Paradegalopp, kein bewimpeltes Boot zum fröhlichen Ruderschlage harrt, läßt jetzt ihre körperliche Bewegung aus in einem Spaziergang auf der Muelle, durch die Straßen von Salon zu Salon. Und ob auch der Boden, auf dem man sich bewegt, wüst und öde, so legen doch Fenster und Salons eine anziehende Kraft in ihn, wie der gestirnte Himmel, der sich über eine trauernde Haide wölbt. Wer sich durch Unkenntniß oder Taktlosigkeit über Sitte und Etiquette hinwegsetzt und am Tage in das grabesstille Haus eingetreten ist und der Señora aufzuwarten begehrt, der möchte die Wandlung, die zwischen Tag und Nacht vor sich gegangen, für eine außergewöhnliche Begebenheit, und wohl nicht immer mit Unrecht, für ein Blendwerk erklären, hinter dem sich ein glänzendes Elend verbirgt. Er sah am Tage schläfrig, matt, plundrig, wohl gar armselig ein Mädchen, eine Frau im Schaukelstuhl, auf der Matte an der Erde liegen, lasch und unlustig mit einer leichten Handverrichtung beschäftigt, [441] ringsum gähnende Stille, Athemlosigkeit und Verfall, wie in einem verwunschenen Schlosse, darüber ein schwül sengender, fieberschwerer Odem weht, so wie er die Blume unter dem schwül-schweren, sengenden Sommermittaghauche schlaff, welk, müde und lappig an die aschgraue Erde gedrückt sieht; und herrlich nun, wie sich die welke Blume dem feuchten Abendhauche in prangender Schönheit und würzig-duftend öffnet, strahlt am Abend das schläfrige Mädchen, die plundrige Frau dem betroffenen Auge in blendender Schönheit entgegen.

Die Maracaibarer genießen in ihrem Vaterlande des Rufes, sich durch Geist und Wissen auszuzeichnen; es macht sich unter ihnen, wie ein anderes äußeres Leben, auch eine andere geistige Strömung bemerkbar; sie sind geistig mehr dem wissenschaftlich-strebsamen Neu-Granadiner, als dem derb ruralen Venezuelaner verwandt. Der unruhige Geist des Kreolen sucht in dem Maracaibarer nicht zunächst und allein seine Sättigung in der Politik; ihm ist das wüste Parteitreiben nicht das Alpha und Omega des Lebensalphabets; es zieht ihn vielmehr die Materia aesthetica, die schöne und ernste Wissenschaft an. Die lokale Isolirung und Bewegungsbeschränkung hat wohl zuerst in ihm den Hang zur Reflexion genährt, der alsdann besonders in jener Zeitperiode gepflegt und ausgebildet wurde, als die Jesuiten daselbst ein Collegium zur Ausbildung distinguirter Persönlichkeiten unterhielten; es wurden darin besonders alte Sprachen, Philosophie, Rhetorik, das Steckenpferd des Hispano-Amerikaners, Poëtik und auch die spanische Sprache gelehrt, und Maracaibo nahm durch dasselbe den Hauptsitz der Gelehrsamkeit in der Capitania de Carácas ein; die Jesuiten erwiesen sich hier, wie in den andern spanischen Colonieen als die kräftigsten und geschicktesten Beförderer des Unterrichtes, wenn auch in ihrem Geiste. Fielen auch mit der Aufhebung der Gesellschaft Jesu die Institute für den öffentlichen Unterricht ebenfalls, so haben die Maracaibarer dennoch einen ausgebildeten Geschmack für die Literatur bewahrt; aber klassisches Muster und klassische Anleitung ist demselben verloren gegangen; er zehrt nunmehr von dem Nimbus einer vergangenen Periode, auf dessen Erhaltung man eifersüchtig bedacht ist. Die literarischen Spekulationen manifestiren sich nach außen in den vielen auf- und untergehenden Tages- und Wochenblättern, wie sie so zahlreich im Verhältniß zu dem kleinen literarisch gebildeten Kreis unter der ununterrichteten Masse kaum in einer der übrigen Schwesterstädte gefunden werden mögen, nicht aber alle ein Zeichen klassischen Geschmackes und taktvoller Mäßigung an sich tragen.

Die Jugend Maracaibo’s, von der Natur mit Feinheit und Einbildungskraft begabt, gefällt sich in der Konversation in sophistischen [442] und scharfsinnigen Diskussionen, man balancirt überall auf der Degenspitze der spirituellen Mensur; geistreiche Ausfälle in „eleganter Hiebweise“ schwirren stets in der Luft, und die ceremonielle Begegnung spitzt sich noch mehr zu in der Sucht, den Nimbus spiritueller Vornehmheit und Reserve zu behaupten. Da tanzt denn die deutsche ehrliche Biederkeit und, was sich nur zu oft selbsttrügerisch unter diesem tugendhaften Aushängeschilde verbirgt, die flegelhafte Rücksichtslosigkeit häufig komisch und plump genug auf dieser Spitze herum.

Der Maracaibarer genießt aber unter seinen Nachbaren noch eines anderen, weniger ehrenvollen Rufes, man beschuldigt ihn der Händelsüchtigkeit und Unzuverläßigkeit. Die Tugendhaftigkeit und Pflichttreue der Frauen aber findet lautes Lob. Jedenfalls geht ein Zug der Distinction durch die Gesellschaft Maracaibo’s. Die übrigen Städte des Landes beschäftigen sich viel mit ihr und legen Gewicht auf ihre Aeußerungen. Die Männer bis zu der entfernten – an schönen Frauen reichen – Hauptstadt fühlen sich sympathisch angesogen von den Frauen Maracaibo’s. Ich habe Leute – Creolen und Deutsche – in der Provinz Carácas mit vieler Wärme und Zuneigung von Maracaibo sprechen hören, und ich kann meinen eigenen Antheil daran nur bestätigen, denn der Aufenthalt daselbst hat mich die Feinheiten und den geläuterten Geschmack der hispano-amerikanischen Bildung, die sich im Ganzen nur zu sehr in geschmacklose Schwülstigkeit und prahlerische Oberflächlichkeit verliert, schätzen gelernt. Gleichfalls zeichnet daselbst auch die deutschen Kreise oder den deutschen Kreis eine viel festere und einträchtlichere Geschlossenheit, sowie eine gemüthvolle, allen Dünkels und hochmüthiger Rücksichtslosigkeit baare Umgangsweise unter sich und mit den Einwohnern des Landes, dessen Gäste sie sind, vortheilhaft vor dem gewöhnlichen Verhalten der Deutschen in den anderen Haupt- und Hafenstädten aus. Eine günstige Einwirkung des deutschen Elements auf das einheimische ist in Maracaibo nicht zu verkennen; es ist durch den gewinnenden Charakter, den es angenommen, eine sittliche Macht geworden, welche einen bestimmenden und vortheilhaften Einfluß ausübt auf den individuellen wie gesellschaftlichen Charakter der Lagunenstadt, während anderswo dem deutschen und fremden Einfluße nur zu oft taktlose Anmaßung und hochmüthige Verschrobenheit im Wege stehen und die verletzte nationale Eigenliebe zwingen, sich demselben zu verschließen.

Jeder neue deutsche Ankömmling findet ein offenes, vertrauensvolles Entgegenkommen und wird als ein neues Glied in der deutschen [443] Familie aufgenommen und festgehalten. Vielleicht auf keinem Landungsplatze der südamerikanischen Küste wird ihm die Entfernung und der Abstand zwischen der alten und neuen Heimath so wenig fühlbar gemacht werden, wie in Maracaibo. Er findet auch, so weit die äußeren Verhältnisse dazu Raum geben, die deutsche Art und Weise in den kleinen geselligen Unterhaltungen am ursprünglichsten erhalten. Der Klub giebt ihm das gewohnte Kaffee- oder Bierhaus mit seinen alten gewohnten Verkehrsformen wieder, während dieser gesellschaftlichen Vereinigung an anderen Plätzen bereits ein fremdartiger oder in die Höhe geschraubter Accent aufgedrückt ist, der deutsche Gewöhnung und Gemüthlichkeit mehr und minder absorbirt; er findet die Kegelbahn wieder, auf welcher an den Sonntagvormittagen das unverblaßte und unangekränkelte muntere Treiben der frischen deutschen Jugend herrscht; er sieht das alte ideale schwarz-roth-goldne Banner mit dem Reichsadler lustig im Winde der Lagune flattern; sieht unverwischt das heimathliche Vergnügen an gymnastischen, muskelstählenden Uebungen zu Lande und zu Wasser, das deutsche Burschenwesen, von welchem den kindheit- und jugendlosen Creolen auch kein Tropfen in den Adern fließt, und das auch in der Ferne unter der fremden schwülen Sonne nur zu leicht verwelkt; die Lagune giebt ihm die Wasserfahrten – mit dem Proviantkober im Boote und den Rudern in eigener Hand – der heimathlichen Seen und Flüsse wieder, und wenn auch kein Buchen- und Eichenwald und grüne Korn- und Wiesenfluren, so nimmt doch der leise schwankende Palmenwald die lagernden Gruppen in seinem tief stillen Schatten auf.

Zum Typus des Maracaibarer gehört auch der etwas singende Dialekt, etwa, wie uns Deutschen der Sachse seinen Dialekt vorsingt. Ueberhaupt ist der Vergleich, den Maracaibarer den Sachsen Venezuela’s zu nennen, nicht ganz hinkend; hier wie dort die feine Durchbildung, die industrielle und commercielle Rührigkeit und Beweglichkeit, die Geschmeidigkeit des Wesens, die Zugespitztheit der Rede und der Begegnung, die mannigfache innere Verwandschaft und Sympathie mit fremdländischer Anschauung, dasselbe Lob der Schönheit und Pflichttreue der Frauen, dieselben weniger ruralen und martialen, als vielmehr ästhetischen Neigungen, und auch dasselbe nachbarliche Mißtrauen in die Friedensliebe und Gradheit des Charakters. Man möge nicht mißverstehen, als ob man hier und da den individuellen Charakter schädigen wolle; doch wird zugestanden werden, daß der individuelle Charakter unter dem Charakter eines Volkes mitleide und endlich eine innere Verwandtschaft mit demselben eingehe.

An wissenschaftlichen Anstalten besitzt Maracaibo gegenwärtig [444] ein National- und ein Privatcollegium und mehrere öffentliche Schulen, darunter auch eine nautische. An Anstalten und öffentlichen Gebäuden sind erwähnenswerth ein Hospital, ein Zuchthaus für Verbrecher, eine Kaserne, eine reich und hübsch ausgestattete Kathedrale neben acht Kirchen, einem Kloster und einem Seminare; zwei Druckereien versorgen den geschäftlich-literarischen Tagesbetrieb, eine Dampfbrettschneidemaschine arbeitet für die Schiffswerfte, die bereits verschiedene schöne Schiffe geliefert hat. Seine Lage begünstigt Maracaibo besonders zum Schiffsbaue wegen des leichten Bezuges der kostbarsten Bauhölzer aus den Lagunenwäldern, wie des geeigneten Terrains und Wassers halber, die Fahrzeuge vom Stapel laufen zu lassen. Als gemeinnützige Anstalt muß noch erwähnt werden die kleine Lazaroinsel etwa eine Legua gegenüber der Stadt, eine Unterbringungsanstalt für die sogenannten Lazarokranken, unglückliche, von der Elephantiasis zerfressene, menschliche Geschöpfe. Nach einem Gesetze sollen diese Elenden aus dem ganzen Lande nach dieser Insel geschafft werden, um sie der Berührung und dem Anblicke der Gesunden zu entziehen und der weiten Verbreitung der widerlichen Krankheit durch Isolirung der Behafteten Einhalt zu thun. Täglich geht von Maracaibo ein Boot mit Nahrungsmitteln für die Insel ab; sonst aber sind deren sonderbare Bewohner ganz sich selbst überlassen und im vollen Besitze des Selfgouvernements; da ihre Krankheit nicht schmerzlich ist, so sollen sie unter sich ganz guter Dinge sein und sogar – so schrecklich auch der Gedanke – Gott Hymen in ihre Inselrepublik zu Gaste laden.

Die Angaben über die Einwohnerzahl Maracaibo’s enthalten wenig Zuverlässiges; sie schwanken zwischen 10, 15, 20–25,000 Seelen, ein neuerer statistischer Schriftsteller Maracaibo’s, Gregorio Mendez, giebt sie auf 34,000 Seelen an; dieselben bewohnen nach seinen Aufzeichnungen 3751 Häuser, unter welchen 25 große und 316 kleine Handlungshäuser und nur 50 mehrstöckig aufgebaut sind. Alle steinernen, mehrstöckigen Neubauten haben ein flaches Dach; der Aufenthalt auf demselben in den frühen Morgen- und Abendstunden gehört zu den angenehmsten klimatischen Genüssen. Die Regenabflüsse münden in eine tief in das Hausgemäuer eingesenkte Cisterne; alles Regenwasser wird darin ökonomisch aufgefangen und aufbewahrt; es erhält sich in der jedem Sonnenstrahl entzogenen Tiefe unverdorben und im Verhältniß zur umgebenden atmosphärischen Temperatur ziemlich kühl. Das wohlhabende Maracaibo trinkt nur dieses Regenwasser, da kein anderes fließendes Wasser seine Erde netzt; der ärmere Theil der Einwohner, der keine Cisternen hat, trinkt das Wasser der Lagune; dieselbe führt ein halbes Jahr lang, während der Regenmonate im [445] Süden, ein mehr, und ein halbes Jahr lang ein minder süßes Wasser. Durch die enormen Niederschläge vom Mai bis zum October in dem waldreichen Südbecken werden der Lagune durch die überfüllten Zuflüsse ungeheure Mengen süßen Wassers zugeführt, so daß das Meer nicht vermag diese Strömung zu überwinden und gegen sie in den See einzutreten; da aber die Regenniederschläge in jenen waldreichen Stromgebieten nie ganz ausbleiben, so bleibt das Wasser der Lagune auch während der Sommermonate trinkbar, obschon unschmackhaft. Bei den herrschenden nördlichen Winden aber im März und April dringt die Meeresströmung in den See ein, und das Wasser wird brakisch und fast ungenießbar. Bevor das Trinkwasser in die kühlenden Thonkrüge eingefüllt und getrunken wird, läßt man es durch Tropfsteine sickern und sich reinigen. Aus gesundheitlichen Rücksichten, die freilich eine Sache des Genusses selbst und der Gewohnheit geworden, setzt man dem Wasser vor dem Trunke noch etwas Wein oder Brandy zu. So geringfügig auch das Ameublement der Wohnhäuser sein mag, in jedem angesehenen Hause doch wird sich am Eingange zu den Galerien des Patio ein Büffet mit Wasser, Wein und Brandy finden, das dem Gaste zur Erfrischung nach dem ermüdenden Gange das erste Willkommen bietet. So sehr diese Sitte auch der Natur des Landes angemessen, legt sie doch mit den ersten Grund zu jenem unglückseligen Laster, dem sich die Fremden in den Tropenländern so leicht ergeben; durch das stete Zutrinken bei den flüchtigen Besuchen von Haus zu Haus setzt sich bei inklinirten Personen die Neigung zum Trunke unbezwinglich fest.

Wäre Maracaibo, wie La Guayra, von Felsen eingeschlossen, so würde seine Temperatur unerträglich sein; es liegt nur elf Vara’s über dem Meeresspiegel und genießt in seinem schattenlosen Sande weder der Abkühlung durch die Meeresküste, noch der Erfrischung durch benachbarte Wälder und Gebirge. Die mittlere Jahrestemperatur beträgt nach Codazzi 27°,22 C. In dem innern Stadttheile innerhalb der Häuserquadrate liegt während der vorgerükten Tagesstunden die Hitze niederdrückend auf aller Thätigkeit; die Haut wird nicht trocken, auch wenn man sie bis auf das äußerste Maß des Schicklichen von der Kleidung befreit; jedoch nach Sonnenuntergang und während der Nacht athmet die Brust leichter auf, als in dem von dem ausstrahlenden Felsenkessel fortdauernd geheizten La Guayra. Während meines Aufenthaltes in Maracaibo in den letzten Tagen des Juni zeigte das Thermometer in meinem Zimmer beständig 25° R., und doch wohnte ich in dem anerkannt kühlsten Hause der Stadt. Die Monate März und April gewähren bei den herrschenden Nordwinden die meiste Abkühlung; Juli und August aber sind die Hundstage Maracaibo’s; [446] kein erfrischendes Lüftchen dämpft die senkrechten[WS 4] Strahlenpfeile der Zenithsonne; es herrscht Windstille bis zum September, welche nur unterbrochen wird von dem gefürchteten Südwinde, dem viento destructor oder virason, so genannt, weil er der Gesundheit nachtheilig ist; mäßige Winde haben gewöhnlich Regen, heftige Winde heitere trockene Luft im Gefolge. Anhaltend und häufig regnet es in Maracaibo und an der flachen Küste nur im September und October, vielleicht auch einige Male im Mai; der October bringt auch den regenärmsten Gegenden noch am zuverlässigsten einige erquickende Niederschläge; nur an der Nord-Ostseite des See’s, in der Provinz Coro, bleibt auch diese Hoffnung zuweilen unerfüllt. Die Niederschläge erfolgen mit der Heftigkeit und der Wassermenge einer Ueberfluthung.

Ueber die Lagune selbst entladet sich fast immer mit kurzen Intervallen eine mit Elektrizität überladene Atmosphäre unter heftigen, schnell aufsteigenden und ebenso schnell aufgelösten Gewittern. Die Schifffahrt auf dem Südwassersee erleidet durch diese stürmischen Unwetterausbrüche mancherlei Beunruhigungen. Als Richtzeichen dient derselben ein eigenthümliches Lichtphänomen, das allabendlich in der Art von unaufhörlich aufeinanderfolgenden Blitzen wahrgenommen wird und bei den Umwohnern des See’s unter dem Namen Farol de Maracaibo bekannt ist. Die Erscheinung hat ihren festen Stand über den Sumpfniederungen und Cienega’s unweit der Stromgabelung des Rio Catatumbo mit dem Rio Zulia; sie deutet wohl auf die Entbindung von Wasserstoffgas jenes sumpfigen Flachlandes bin; es donnert und blitzt fast ohne Aufhören über jenen, von August bis Oktober unerträglich heißen, von Regenfluthen unter Wasser gesetzten Alluvialebenen; es scheint daselbst eine concentrirte elektrische Materie festzustehen. Alexander von Humboldt schreibt über jene Lichterscheinung in seinen Reisen (deutsch bearbeitet von Hermann Hauff) Bd. II. S. 355: „Was ist die unter dem Namen Farol de Maracaibo bekannte Lichterscheinung, die man jede Nacht auf der See wie im inneren Lande sieht, z. B. in Mérida, wo Palacios dieselbe zwei Jahre lang beobachtet hat? Der Umstand, daß man das Licht über 40 Meilen weit sieht, hat zu der Vermuthung geführt, es könnte daher rühren, daß in einer Bergschlucht sich jeden Tag ein Gewitter entlade. Man soll auch donnern hören, wenn man dem Farol nahe kommt. Andere sprechen in unbestimmtem Ausdruck von einem Luftvulkan; aus asphalthaltigem Erdreiche, ähnlich dem bei Mena, sollen brennbare Dünste aufsteigen und daher beständig sichtbar sein.“

Die Schädlichkeit des gefürchteten Südwindes möchte nicht unschwer ihre Erklärung finden in der Herbeiführung der Miasmen aus den heiß-feuchten Waldniederungen des südlichen Strombeckens. Es [447] mag aber auch der Farol seinen Antheil daran haben als eine Quelle von aufsteigenden Schwefelwasserstoffgasen, welche der Südwind über die Lagune trägt. Eine miasmatische, fieberreiche Atmosphäre auf dürren Savannen erwähnt Humboldt bereits als eine seltene Erscheinung; es läßt dieselbe mithin meistens auf eine fernliegende, übertragene Ursache ihrer Verdorbenheit schließen. Die dürren Savannen zwischen Barquisimeto und den östlichen Ufern des Maracaibosees sind aber von Fiebern heimgesucht, wie solche auch periodisch auftreten in der Stadt Maracaibo und den dürren Umgebungen des westlichen Ufers; es ist also die Annahme nicht ausgeschlossen, daß der Südwind faule Effluvien aus dem Gebiete des Farol über die nördlich gelegenen Savannen treibe.

Alle die mannigfaltigen Licht- und Lufterscheinungen der Aequinoctialgegenden Amerika’s würden unter einem lichtärmeren Himmel viel energischere Effekte hervorrufen; unter allem Leuchten, Glänzen, Blitzen, aller Reinheit und Klarheit der Atmosphäre jener Länder aber fallen sie viel weniger in das Auge; ja, sie entgehen einem großen Theile der Einwohner und der Fremden, die lange Jahre daselbst gelebt, wohl ganz, weil sie in der Fülle des Lichtes und Glanzes einige Lichterscheinungen mehr oder weniger nicht wahrnahmen oder von einander unterschieden. Nur ein Auge, das wachsam und geübt ist zu sehen, sieht wirklich, was die nordische Phantasie und Poesie so lebendig beschäftigt, wenn sie an magische Erscheinungen denkt, wie das Zodiakallicht, den Farol, die Magellanischen Wolken, Blitze in heller Mondnacht, Meteorregen, das südliche Kreuz u. s. w.

Die Umgebung von Maracaibo bietet dem Natur- und Pflanzenfreunde wenig Reiz; kein Baum überragt das monströse, bizarre Cactus- und Dornengestrüpp, als die angepflanzte Cocospalme; keine kühlende Schattendecke legt sich schützend um den mütterlichen Leib der Erde; tiefer, gelber Sand lähmt den Schritt; meilenweit schweift das Auge nur über verkrüppelte Akazien und Caesalpinien, über säulenartig, blatt- und stiellos aufgerichtete Fackeldisteln (Cereen), über schwach belaubte Capparideen, Crotoneen und Bigeonien; nur von den wenigen, periodisch fallenden Regen gespeist, klammern sich ihre genügsamen Wurzeln in dem trockenen, kiesigen, schlackenartig ausgebrannten Boden fest. Ueberall aber wird dies tonlose Pflanzengebilde belebt durch die Ziege, die in zahllosen Heerden ihre labyrintischen Weidegänge durch das undurchdringliche Buschdickicht bricht und sich sättigt an dessen trocknen, würzigen Blättern und Zweigen; trocken und heiß, wie der Boden ihrer Weide, scheint die Natur und organische Composition dieses Thieres; auch der Esel betritt in der Nähe der Stadt das Labyrinth der Ziegenpfade; weiter aber gewährt [448] die öde Tropenhaide keinem Hausthiere mehr Aufenthalt und Unterkommen.

In dieser Bodenfläche wechseln Lehm- und Mergelschichten, sowie lockrer und zerpulverter grauer und rother Sandstein mit losem Kies und Sand; dann wieder betten sich Lager eines braunrothen, festen, stückigen Bodens ein, der den Anblick einer keimlosen Todesstätte von ausgebrannten Schlacken darbietet; er besteht aus einem sehr fest durch eine Eisenkieselmasse verkitteten Conglomerate von Thon und thonigem Sande; die einst in die Masse eingekitteten Gerölle aber sind herausgewaschen und lassen in der festen Bindemasse blasige Höhlungen und äugige Poren zurück; die Einwohner geben daher dem steinfesten Rücken den treffenden Namen: piedra de ojo, d. h. Augenstein. Mit beginnender Bodenerhebung gegen das Gebirge hin, welches das Lagunenbecken ringsum wie ein großes Kesselthal umschließt, zerklüftet sich der rothe Sand und Thon und der grobsandige Mergel; während die großen Zuflüsse des See’s im Westen und Südwesten ihr unteres Strombette durch einen zähen, schweren blauen und schiefergrauen Thon wühlen, auf welchem eine üppige Wald- und Sumpfvegetation sich entfaltet, enthalten die aufsteigenden Höhen in großer Mächtigkeit einen hellblauen, zähen, bituminösen und Ammoniten einschließenden Kalk, der mit Sandstein und einer quarzigen, zu einem dichten Gestein zusammengefügten Breccie wechselnd lagert. In diesem Gebirgssystem liegen reiche Lager von Erdpech, keine Hand aber zieht Nutzen daraus. Theils weiß man das Pech nicht zu verwerthen und findet keine Abnehmer, theils übersteigen die Kosten des Transportes auf den Maulthierpfaden den Werth der voluminösen Waare bedeutend; ja, die Eigenthümer des Grund und Bodens, aus welchem Petroleum hervorquillt, das jenen unterirdischen Erdpechlagern entstammt, wie z. B. an dem südöstlichen Ufer des Maracaibosees bei dem Pueblo Batijoque, sind nur mißvergnügt über diese Naturgeschenke; denn das weidende Vieh sucht in der trockenen Jahreszeit, wenn die Quellen und Wasserlachen versiegen, das unter dem Steinöl hervorquellende Wasser auf und versinkt dabei in den Pechteichen.

Nicht die klimatischen, sondern die territorialen Zonen des geographischen Tropengürtels legen die, dem aequinoctialen Amerika eigenthümliche Verschiedenartigkeit des lokalen Pflanzenwuchses auch in dem Strombecken des Maracaibosees schroff und mannigfach aneinander; rings um die Lagune schlingt sich in scharfen Contrasten ein Teppich von Cactus- und Gestrüppsteppen-, Flußthal- und trockner Savannen-, Blattpflanzen- und Palmen- und hoher Waldvegetation. Denselben betritt, je nach seiner Gruppirung, als belebende Gestalt [449] bald die Ziege und die wilde Feldtaube, bald das Rind und Pferd und der Savannenhirsch in seinen drei und vier Abarten, bald der Mensch mit seinem der wilden Natur aufgedrückten, geistigen Stempel; bald lehnt sich an den blendenden, schattenlosen Strand der tonlose, stimmungsfeierliche Palmenwald, und bald drängt sich bis zu dem Scheitel der Gebirge hinan der ununterbrochene, wilde Wald, mit seinen blutgierigen Bestien.

Den werthvollen, zum wichtigen Handelsartikel gewordenen Produkten der Hochwaldvegetation, welche wir auf dem Markte von Maracaibo bereits in dem Gelb-, dem Bau- und Farbeholz und namentlich in dem Balsam des Copaivabaumes kennen gelernt, reihen sich aus den Waldumgebungen der Lagune die werthvolle Quassia- und Simarubarinde, sowie der duftende Tolubabalsam des kleinen Myroxilonbaumes. Das höchste Produkt des menschlichen Kulturfleißes gipfelt in der unvergleichlichen[WS 5] Cacaofrucht; am reichsten aber lohnt denselben bei den genügsamsten Ansprüchen an Kraft- und Geldopfern die in allen ihren Bestandtheilen verwendungsfähige, herrliche Cocospalme; die Mutterbrust der ersten aufwachsenden Menschheit. Jedoch auch die flimmernd heißen, durstig-klaffenden Cactuswüsten unterwerfen das Weltmeer kreuzende Segel ihrem Dienste; der transatlantischen Industrie liefern sie den Dividivi, dessen farbstoffhaltige Schooten in der Umgegend von Maracaibo in Menge gepflückt und ausgeführt werden. Außerdem wächst in jenem schattenlosen Gestrüppe eine kleine baumartige Caesalpinie (Retinophloeum viride), die auf Stamm und Zweigen einen grünen, über eine Linie dicken, firnißartigen Harzüberzug trägt; derselbe schützt, wie der lederartige Hautschlauch der wasserreichen Cactuspflanzen, die inneren Saftgefäße gegen die aufsaugenden, verzehrenden, heißen Sonnenstrahlen der trockenen Jahreszeit. Während der Regenzeit wird die Harzschicht verdrängt durch ein sich neubildendes Rindengewebe, das in der folgenden trockenen Jahresperiode sich wiederum in Harz verwandelt. Das Harz wird abgeschält und gesammelt und zum Schiffsbau als Pech benutzt.

Der eisenkieshaltige Boden giebt an manchen Stellen dem Wasser, das sich in den Vertiefungen ansammelt und während der trocknen Jahreszeit daselbst erhält, die Eigenschaft, Holz zu verkieseln; jene Verkieselungsstellen sind mit zahlreichen Splittern und ganzen Stammstücken überstreut. Nach Karsten sollen sich die Guajak-Arten, wie Zygophyllum, Citharexylon, besonders zur Verkieselung eignen.

In eine ganz andere Welt der Erscheinungen aber blickt das Auge innerhalb der fruchtbaren, der Süd-Regionen des Maracaibosees; wie dort in den trockenen Ebenen die Erde „gleich einer [450] großen Bettlerfaust“ sich zum Himmel streckt, so hebt sie hier den Ueberfluß ihres gesegneten Schooßes in überschäumenden Bechern empor. Der ganze südliche Küstenring taucht als ein einziger umstrickender Sirenenarm aus der duftumhauchten Fluth herauf, der das empfängnißvolle, unverwelkte Menschengemüth unwiderstehlich in seine Reize hineinzieht. Hier wiegt die Palme „ein Wald über dem Walde“ ihr königliches Haupt in freier, einsamer, stolzer, goldner Aetherhöhe; hier reift im tiefen Schatten die Cacaofrucht, das echte Schooßkind der heißen, fruchtschwellenden Tropenerde; hier breitet in saftstrotzender, übermächtiger Wucht und Fülle der fleischige Schaft der herrlichen Schilfrohr- und Musengewächse seine großen, seidenartig gewobenen Blätter über den lichtumflossenen Wasserspiegel der Lagune aus: Alles hervorragende Typen der tropischen Schöpfungskraft.

Die Fächerpalmen finden ihre Vertretung nur in der Gattung Trithrinax; in zahlreichen Trupps und Sippen aber durchwandert die Palme mit gefiedertem Blatte die wilde Forst; die hochstämmigen Arten derselben, vorherrschend aus den Gattungen Scheelea, Attalea, Oreodoxa, Maximiliana und Acrocomia, schwingen sich auf mächtigen Säulen über das geschlossene Waldgewölbe empor; die kleinen rohrartigen Arten der Gattung Bactris ziehen sich als schmückende Bosquets durch die Waldparthieen. Eine der anziehendsten Erscheinungen ist die schöne Oenocarpus Mapora[4]. Im Unterwalde bergen sich, Schatten suchend, die anmuthvollsten Typen des Gewächsreiches, die Farnbäume; zartgefiederte Ingobäume hüllen die ernstblickenden, schwarzstämmigen Farren und Zwergpalmen in ein träumerisches Halbdunkel, zu welchem der goldschimmernde Tagesstrahl durch das leichtbewegte Maschennetz des Fiederlaubes blinzelnd hinablauscht; Erythrinenbäume spannen darüber flammendrothe, weithinleuchtende Blumenbaldachine aus; an Zweigen und Stämmen empor klimmen farben- und blumenreiche Rank- und Lianengewächse aus den großblumigen Gattungen der Bignonien, Passifloren und Apocynen, während [451] die schön- und vollbelaubten Riesen der Wälder das mächtige Gewölbe schließen und ihre prachtvollen Blumentrauben hoch und frei über allem Schatten auf der grünen schwebenden Fluth im heißen Strahl der Sonne baden; Bäume aus den Gattungen der Tiliaceen, Sterculiaceen, Clusien und Malpighiaceen und jene, den nordischen und gemäßigten Zonen ganz unbekannten Formen der Malvenbäume. Prangende Wasserrosen scheinen die Zweige der Gustavien umschlungen zu halten, so sehr gleicht die äußere Form ihrer das Auge fesselnden Blumen jener der Nymphaceengewächse; und in den herabwallenden, dichtverschlungenen Saum der Wälder weben rankende Winden ihre leuchtenden Farbenfäden ein und lassen ihre hauchzarten Blumenglocken im heitren Spiel der Lüfte schwingen.

Kein Juwel zwar in dem strahlenden Brilliantschmuck der Tropennatur, noch irgend ein Stern oder Perle in der Reihe der Städte mittelmäßigen Ranges, hat Maracaibo dennoch seine eigenen Reize als Stadt, wie als tropischer Erdenfleck; Reize, welche die Contraste schaffen, die hier in den kraftvollsten Zügen, den entschiedensten Tönen der tropischen Naturerscheinungen aneinandergelegt sind. Da ist das Wasser – dieses mystisch bewegende Landschaftselement – in seiner ganzen weichen Zartheit und wuchtvollen Kraft, in dem stimmungsreichsten und reinsten Schimmer seiner tiefen, geheimnißvoll ergreifenden Naturpoesie, eingebettet in eine Erdoberfläche, die alle Typen des tropischen Pflanzenwuchses trägt. Da ist die von überschwänglicher Fülle des Lichts umflossene Erde, hier hinabtauchend in das einsaugende, auflösende Landschaftselement, dort verschlungen von der titanischen Wachsthumskraft ihres eignen, mit endlosen Keimen geschwängerten Schooßes. Da ist das magische Licht- und Farbenspiel der Luft über Wasser und Erde; über quellenarme Wüsten und Savannen das sanftgewiegte Kuppeldach der Palmen, mit glanzumflossenem Scheitel und lautlos verschlossenem Schatten auf schlanken, schwankenden Säulen ruhend; über quellengespeisten Strömen das dicht und tausendfach in einander verschlungene Waldgewölbe. Rings um die Lagune, angelehnt an die üppigsten Uferlandschaften, schwimmen malerisch auf dem Wasser die Pfahlhütten eines fremden und fremdartigen Volkes, das unbeweglich, wie ein starrer Metallguß, in der Form und dem Geiste, dem Wesen und der Maske, Kind und Greis zugleich, in seiner Entwicklungsphase verharrt; die Kindheitsstufe der Menschheitsentwicklung und die alternde, naturentfremdete Civilisation auf demselben socialen Boden und in demselben Luftkreis neben einander gelegt. Die Stadt aber als solche schließt in sich ein den Besitz der Blüthen und Früchte der Civilisation: Freiheit der Sitte, Geist, Anmuth, materielle Lebenserleichterungen [452] und Freiheitsliebe der Männer; über diesen irdischen Gütern wacht befruchtend, wie ein freundlicher Genius, die natürliche Grazie der Frau. Und innerhalb dessen blickt das Auge an jedem erwachenden Morgen in einen gleich goldenen, wechsellos heiter wiederkehrenden Tag, und schließt sich das Auge allnächtlich zur Ruhe in der wechsellosen Majestät der Tropennacht.

Anmerkungen

  1. Ein Aufsatz über die Goajiros von demselben Autor findet sich im „Ausland“, Jahrg. 1865, No. 34. 35.
  2. Kurze Notizen über die Lage des Handels von Maracaibo im Jahre 1866 finden sich im: Preuß. Handelsarchiv. 1867. S. 596.
    Red.
  3. Darüber ausführliche Mittheilungen in: Grenzboten, 1865, erstes Semester No. 19, 20, 21, 22, 23 und zweites Semester No. 49, 50, 51. – Ferner: Unsere Zeit: 1869, Fünfter Jahrgang, Heft 17.
  4. Die schöne, fiederblättrige Oenocarpus Mapora – heißt es in einem Berichte – ist jetzt durch die Bemühung des unterrichteten Reisenden Engel eine Zierde unserer Gewächshäuser geworden etc. – Andere Citate aus Briefen lauten: Tausende von den Samen der Oreodoxa oleracea keimen und versprechen binnen einiger Jahre ausreichende Reisefonds; – die Samen der Cinchona Tuenjensis keimen prächtig und kann jede junge Pflanze auf 20 Thlr. veranschlagt werden; – endlich sind zwei Kisten mit Orchideen in gutem Zustande angekommen; Herr R. taxirt den Werth derselben auf 800 Thlr. u. s. w. u. s. w. – Und von allen jenen keimenden Samen, Pflanzen, Orchideen etc. ist dem, der sie mit seinem Gut und Blut herübergeschafft, in seinen schwersten Bedrängnissen nicht ein einziger Thaler baares Geld zugegangen, und nicht sah er nach seiner Rückkehr, die durch einen anderthalbjährigen Verwaltungsdienst auf einer Hacienda ermöglicht wurde, auch nur eine einzige seiner Pflanzen!

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Maracibo
  2. Vorlage: Vordergrung
  3. Vorlage: unmittelbur
  4. Vorlage: senkrehten
  5. Vorlage: unvergleichlichrn