Marcus Meyer und der St. Marcus-Platz

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Textdaten
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Autor: Otto Beneke
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Titel: Marcus Meyer und der St. Marcus-Platz
Untertitel:
aus: Hamburgische Geschichten und Sagen, S. 280–283
Herausgeber:
Auflage: 2. unveränderte Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Perthes-Besser & Mauke
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Erscheinungsort: Hamburg
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Quelle: Google, Commons
Kurzbeschreibung:
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[280]
95. Marcus Meyer und der St. Marcus-Platz.
(1625.)

Zu den verschiedenen Aehnlichkeiten zwischen Venedig und Hamburg gehörte einst auch die: daß es hier wie dort einen St. Marcus-Platz mit einem geflügelten Löwen gab. Freilich bei uns existirt dieser Platz seit 70 bis 80 Jahren nicht mehr, denn das Häuser-Viereck der Peters-, Markt-, Marienstraße und Kohlhöfen steht ungefähr auf seiner einstigen Stelle; aber das Löwenbild ist noch vorhanden.

In alten Zeiten, als noch die ganze jetzige Neustadt außerhalb der Thore und Wälle lag, und vorstädtische zu St. Nicolai eingepfarrte Anbauer nach und nach diese Gegend bevölkerten, da gab’s im gedachten Revier fast nur Gemüsegärten, die man (wie noch jetzt auf dem Lande) Kohlhöfe nannte; der Abhang nach dem (Valentins-) Kamp zu, hieß der Melkberg. Zur Zeit der Pestilenz von 1563 wurden dort der Nicolai-Kirche zwei Stücke Landes zu Begräbnißplätzen für die Pestleichen ausgewiesen. Einen derselben nannte man (der Sage nach: von den vielen Krähen, die der Leichenacker dahin zog) den Krayenkamp, auf dessen Mitte später die große St. Michaelis-Kirche gebaut wurde. Der andere zwischen den Kohlhöfen belegene sogenannte Kirchhof war seit der Pestzeit unbenutzt, bis die Nicolai-Kirche ihn um 1623 für 70 [M.][1] dem Gärtner Harm Husmann vermiethete, welcher dem mit der Väter Gebeinen gedüngten Boden, wohlschmeckende Gemüse [281] abzugewinnen trachtete. Von 1627 bis 1653 haben dann dicht daneben die seit 1612 aufgenommenen Portugiesischen Juden ihre Todten bestattet.

Nun lebte zu letztgedachter Zeit ein wackrer Bürger Marx Meyer in dieser vorstädtischen Gegend, der war vermöglich und angesehen in seinem Kreise, und hatte nur die Schwäche großer Eitelkeit. Daß er, als Vorstädter, weder Rathsheer noch Oberalter noch sonst ein Würdenträger der Stadt werden konnte, kränkte ihn genug. Als aber die Bewohner der Gegend sich in ein Bürger-Regiment zusammenthun mußten, da gelang es ihm, Capitain in demselben zu werden. Mit solcher Ehre hätte ein andrer Christenmensch sich begnügt, aber Marx Meyer, der sich nun Marcus Meyer schrieb, wollte platterdings diesen schönen Namen auf die Nachwelt bringen; und da er begriff, daß ein Bürger-Capitain selten über seine Lebensdauer hinaus gekannt und genannt ist, er auch an Großthaten und Geldopfern nicht viel daran wenden konnte, so kam er auf den sinnreichen Einfall, seinen Namen einer Gasse oder einem Platze anzuhängen, um in liegenden Gründen seine Verewigung hypothecarisch sicher zu stellen. Hierzu erkor er sich den vormaligen Pestkirchhof bei Harm Husmann’s Krautgarten. Er erlegte also dem Gotteskasten zu St. Nicolai 100 [M.] Lübisch, wofür die Juraten ihm eine Urkunde (vom 7. September 1625) ausstellten, darin sie aus Dankbarkeit für jenes Geschenk gelobten: daß der erwähnte Platz fortan „ihm zu Ehren nach seinem Namen Sanct Marcus-Kirchhof genannt werden solle,“ auch ihm erlaubten, daselbst dereinst für seine Kosten sich ein Denkmal zu errichten.

Nun konnte er zufrieden sein; hatten doch die Juraten in diesem Diplome sogar dem Pabste ins Amt gegriffen, und ihn, den Hamburger Bürger-Capitain luherischen Glaubens, für ein wahres Lumpengeld ohne Umstände canonisirt und zu [282] einem Sanct Marcus Meyer erhoben! Völlig beruhigt daher durch diese Urkunde, welche ihm die zeitliche wie ewige Unsterblichkeit verbriefte, verzichtete er Ao. 1634, militairischen Ruhm verachtend, auf seine Capitainschaft, und 1650 auf das irdische Dasein. Möge Gott ihm die Unsterblichkeit im Himmel nicht versagt haben! Mit der Verewigung hienieden sah es, trotz der Urkunde, bereits mißlich aus. Denn noch bevor er starb, scheint seine Beziehung zum Marcus-Platz in Vergessenheit gerathen zu sein. Wenigstens wußte Paul Langermann, als er sich 1641 ein Haus nahebei erbaute, nichts davon; er schrieb des Platzes Namen dem Evangelisten Marcus zu, und ließ nun dessen Sinnbild oder Attribut, einen geflügelten Löwen, mit der Unterschrift St. Marcus, in Stein hauen und an seinem Hause einmauern. Der ehrliche Meyer bezog vermuthlich Bild wie Inschrift bescheiden auf sich, und da er sich dergestalt noch bei seinen Lebzeiten mit einem feinen Denkmal beehrt glaubte, so sparte er füglich den beabsichtigten Leichenstein.

Aber er war nicht gemeint gewesen, und grade das Löwenbild brachte ihn um seinen Nachruhm. Denn von nun da fiel es gewiß keiner Seele mehr ein, Platz und Bild auf ihn, den bald vergessenen Bürger-Capitain, zu beziehen, sondern alle Welt bezog es auf seinen berühmteren Namensvetter, den Evangelisten; woraus man lernt, daß es ein Unglück ist, mit einem großen Manne denselben Namen zu führen, da diesem alle, auch die kleinsten Verdienste des andern angedichtet werden, und jeder geringere Ruhm stets der größeren Glorie zufliegt, wie Eisenfeilspäne dem Magnet.

Indeß des seligen Marx Meyer’s Verewigungs-Versuch sollte noch vollständiger verunglücken; womit denn auch des Apostels Name von Hamburgs Straßenwelt verschwand. Freilich, wenn der Plan auf dem Marcus-Platze ein Filial [283] der großen St. Michaelis-Kirche zu bauen, wofür Pastor Julis Heuoch Roloffs Ao. 1716 Himmel und Erde in Bewegung setzte, zu Stande gekommen wäre! Aber nun, – wer kennt jetzt noch einen St. Marcus-Platz in Hamburg? Nachdem die Physici erklärt hatten, daß die Ausgrabung des Grundes wegen der darin längst vermoderten Pestleichen gefahrlos geschehen könne, hat die St. Nicolai-Kirche den dortigen großen Hügel abtragen, den Platz parcelliren und zum Bebauen öffentlich verkaufen lassen, worauf die oben genannten Straßen Marcus Meyer’s Gedächtniß-Spuren verschlungen haben. Denn wenn sich auch in den Hypotheken-Büchern der Name Marcus-Straße findet, so nennt doch Niemand dieselbe anders als Markt-Straße. Der Löwe dagegen hat sich, unter einmaliger Veränderung seines Standortes, an demselben Gebäude tapfer behauptet, und dient gegenwärtig als Schildhalter der Apotheke, Marienstraße No. 1, grade auf der Ecke bei den Kohlhöfen.

Anmerkungen

[386] Vorzüglich nach Wortmann’s chronolog. Zusammentrag, die Kirche und das Kirchspiel St. Michaelis betreffend. 1809, S. 110 ff., wo auch die Urkunde der Juraten abgedruckt ist. – Daß der Krayenkamp seinen Namen von dem Pächter eines dortigen Platzes Kraye habe, meint Reddermeyer, Topogr. S. 266.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Mark