Mein Glaube

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Johann Heinrich von Mädler
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Mein Glaube
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1875
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
Die Gartenlaube (1875) 035.jpg
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[035]

 Mein Glaube.[1]
 Von Joh. Heinr. Mädler.

Auf dieser Wahlstatt blut’ger Meinungskriege,
     Wo Wahrheit und Vernunft begraben liegt,
Auf dieser Kugel, wo vom Sieg zum Siege
     Das Ungeheuer der Verfolgung fliegt,

5
In diesem Reich der Finsterniß und Lüge,

     Wo man die Menschheit in den Traum gewiegt,
Hier will ich meinen Glauben treu bekennen,
Mag’s auch die Welt dann, wie sie Lust hat, nennen.

Nicht jenen Gott, den man Jehovah nannte,

10
     Der heute schafft und morgen schon bereut,

Deß’ roher Blutdurst kein Erbarmen kannte,
     Den Feind des Mitleids, wie der Menschlichkeit;
Der wilde Löwen in die Hütten sandte,
     Weil man ihm keine Tempel noch geweiht,

15
Der nicht erröthet, Diebstahl zu befehlen,

Und hinterher gebeut: du sollst nicht stehlen!

Auch das Phantom nicht, daß dem kranken Hirne
     Des Mönchleins Athanasius entsprang,
Und dem ein Pontifex mit frecher Stirne

20
     Von blinden Irrenden Respect erzwang;

Wie der gesunde Menschensinn auch zürne,
     Das ungeheure Wagestück gelang.
Das Schwert muß die Vernunft darnieder halten,
Bis man den Gott, den Einigen, zerspalten.

25
Ach! tausende von Scheiterhaufen brannten

     Dem Zerrbild, das aus solcher Quelle stammt,
Für Alle, die sich nicht zu ihm bekannten,
     In denen noch ein Gottesfunke flammt.
Und nicht genug, daß sie den Leib verbrannten,

30
     Die Seele ward zur Höllengluth verdammt

Von jenem Pfäfflein, das die Welt verblendet,
Das heiligste der Rechte ihr entwendet.

Nur dich, der ewig über Welten thronet,
     Und den kein sterblich Auge je erkannt;

35
Dich, der in jedem reinen Herzen wohnet,

     Den jeder, der dich ernstlich suchte, fand;
Dich, der die Wahrheit liebt, den Irrthum schonet
     Und den kein Tempel schließt, kein heilig Land,
Dich will ich glauben, deinen Lohn erwerben,

40
Dein will ich sein im Leben und im Sterben.


Dich wollten jene alten Forscher finden,
     In ihren Hallen hat dein Licht gewohnt;
Dich wollt’ uns einst Maria’s Sohn verkünden,
     Die Mit- und Nachwelt hat es ihm gelohnt.

45
Wo Priesterwuth und Irrthum sich verbünden,

     Wird Keiner, der dich laut bekennt, verschont.
Zu allen Zeiten kannten dich die Weisen,
Doch ehrten sie dich still in engern Kreisen.

[036]

Da waren sie vereint, dein Buch zu lesen,

50
     Dein großes Buch, die herrliche Natur.

Es predigt dich, du Wesen aller Wesen,
     Auf jedem Blatte deines Waltens Spur.
Was je zu schauen uns vergönnt gewesen,
     Es fand sich stets in diesem Buche nur.

55
Dem einzigen, das du allein geschrieben,

Dem einzigen, das unverfälscht geblieben. –

Auch mir hast du gewährt, hineinzublicken,
     Wie du den Sonnen zeigtest ihre Bahn.
Mit ihrem Glanz die Erden zu erquicken

60
     Im unermess’nen Himmelsocean.

Und Monde sah ich um Planeten rücken
     Nach weisem, ewig unverrücktem Plan;
Ein Band umschlingt das mächtige Getriebe,
Das große allgemeine Band der Liebe.

65
Doch nicht allein in sonnenfernen Sphären,

     Im Gange deiner großen Weltenuhr,
Darf dich der Mensch, der Erde Sohn, verehren,
     Denn rings um ihn ist deiner Güte Spur.
Und jede Blume, jeder Wurm kann lehren,

70
     Wie herrlich du bist, Schöpfer der Natur.

Uns gönntest du, mit Einsicht dich zu lieben –
O, wäre doch der Mensch dir treu geblieben.

Der du die rollenden Planeten lenkest,
     Der du die Haare meines Hauptes gezählt,

75
Der du des niedrigsten Geschöpfs gedenkest,

     Dich, ew’ger Vater, habe ich mir erwählt.
Dank dir für alles Gute, das du schenkest!
     Du sorgst, daß nichts an meiner Wohlfahrt fehlt;
Wie, wann und wo mein Erdenleben ende –

80
Ich gebe meinen Geist in deine Hände.

  1. Obiges Gedicht, welches am 25. Juni 1830 verfaßt wurde, geht uns von befreundeter Hand aus dem Nachlasse des vor einigen Monaten verstorbenen berühmten Astronomen Joh. Heinr. Mädler zu. Als der Ausdruck der persönlichen religiösen Anschauungen des Dahingegangenen dürfte dieses tief empfundene Glaubensbekenntniß auch in weiteren Kreisen von Interesse sein.
    D. Red.