Aus dem nächtlichen Thierleben in der Oase

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Autor: Georg Schweinfurth
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Titel: Aus dem nächtlichen Thierleben in der Oase
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 2, S. 31–35
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1875
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Schweinfurth berichtet insbesondere über die Säuger, die er nachts in der Großen Oase beobachten konnte
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Aus dem nächtlichen Thierleben in der Oase.[1]

Von G. Schweinfurth.

Im Westen des ägyptischen Nilthals, auf einem Flächenraum, groß genug, um ganz Deutschland und Frankreich in sich aufzunehmen, breiten sich Wüsten aus, wie man sie sich abschreckender nicht vorzustellen vermag. Eine derartige Oede und Einförmigkeit, und dazu von solcher Ausdehnung, sucht ihres Gleichen auf dem gesammten Erdenrund, und wer sie gesehen, kann sagen, daß ihm die Wüste den Begriff der Unendlichkeit veranschaulicht hat, dem Weltmeere gleich mit seinem unabsehbaren Wasserspiegel.

Die neuere Geographie belegt diese Wüste mit dem Namen der Libyschen. Sie bildet das östliche Drittheil von jenem Meer des Sandes und der Steine, welches man als Sahara im Großen und Ganzen bezeichnet. – Die Libysche Wüste weist alle Schrecknisse des Durstes, des Hungers, der Ermattung in ihrer furchtbarsten Gestalt auf; sie bleibt in dieser Beziehung wohl außerhalb allen Vergleichs mit anderen Wüstengegenden. Tage, ja Wochen lang kann der Reisende umherziehen, ohne etwas Anderes zu erblicken, als den unabänderlichen Wechsel desselben blendenden Kalkgesteins und derselben dünenartigen Hügel von gelbem Sande; wiederholt führt der Weg stundenweit über eine Ebene von derartiger Vollkommenheit, daß auf ihr ein Zuckerhut sich ausnehmen würde wie ein Berg, und daß der Topograph Steine abzubilden hätte, wollte er an solchen Stellen seine Karte mit irgend welchem Detail ausfüllen. Dem Auge des Wanderers bietet sich keine andere Erquickung dar, als das Blau eines nie getrübten Himmels.

Nach dem, was ich vorausgeschickt, wird es den Leser umsomehr überraschen, wenn ich ihm sage, daß selbst die scheinbar ödeste Wüste ihre Bewohner ernährt und daß die libysche eine Fauna beherbergt, welche sich aus sehr verschiedenen Classen des Thierreichs zusammensetzt, von der Schnecke und dem Insect, welche der kärgliche Thau der Nächte beglückt, bis hinauf zu dem hochentwickelten Raubthier, das einer sehr substanziellen Speise bedarf. Alle diese Thiere sind von der Natur mit einem Organismus ausgerüstet, welcher ihnen den Kampf gegen jene lebensfeindliche Starrheit der Wüste ermöglicht, der jedes andere Wesen erliegt. Wie bei den Pflanzen der Wüste, ist das Räthsel ihrer Erhaltung mehr in den Geheimnissen ihrer inneren Organisation als – abgesehen von den Schutzmitteln, welche sie selbst hin und wieder darbietet – in der Natur der äußeren Verhältnisse zu suchen, unter welchen sie leben. Nicht das Quantum oder die Qualität der zu ihrem Unterhalte dienenden Stoffe kommt bei ihrem Dasein in Betracht, wohl aber die Art und Weise, in welcher sie dieselben zu verwerthen vermögen, das Maß des aus dem Dargebotenen gezogenen Nutzens. In dieser Hinsicht gleicht der karge Haushalt der Natur in den heißen Wüsten von Sand und Steinen auffallend demjenigen, welchen wir in den Eis- und Schneewüsten der Polarzone wiederfinden. Wo ein Kameel stark und fett wird, da kann das Pferd ebensogut verhungern, wie auf den Weidegründen eines wohlgemästeten Moschusochsen von Grönland.

Dafür genießen aber auch diese von der Natur auf die äußerste Sparsamkeit im Betriebe ihrer Lebensverrichtungen angewiesenen Existenzen, in den Wüsten des Pols so gut wie in jenen der Sahara, gewisser Vortheile, auf welche viele Geschöpfe, die in Fülle und Mannigfaltigkeit der Kost schwelgen dürfen, anderswo verzichten müssen: es sind vor Allem auf der einen Seite Ruhe und Ungestörtheit, auf der anderen eine immense Weite des Reviers und ihre Leichtigkeit des Fortkommens auf demselben. Gazellen und Wüstenfüchse vermögen auf ihren nächtlichen Streifzügen unglaubliche Entfernungen zurückzulegen.

Aber, wird man fragen, diese einförmigen Flächen, auf welchen der geringste fremde Gegenstand sich von Weitem so bemerkbar macht, bieten ihnen doch die größte Gefahr einer gegenseitigen Verfolgung dar? Mit nichten; denn die Natur kleidet alle diese Thiere in das Gewand der „schützenden Aehnlichkeit“, ertheilt ihrem Kleide die Farbe des Bodens, auf welchem sie sich bewegen. In der That kann es im Allgemeinen als Regel gelten, daß den Thieren der höchsten Polarzone die Farbe des Schnees, denen der Wüste aber die Farbe des Sandes eigen sei. Man möchte versucht sein, sagt Brehm an einer ähnlichen Stelle, bei Betrachtung der Wüstenthiere einmal gläubiger Nachbeter der Zweckmäßigkeitslehre zu sein.

Die Bewohner der Wüste, in Sonderheit die höher entwickelten, wissen aber auch noch durch andere, ihrer Lebensart eigenthümliche Regeln den sich dem Dasein entgegenstellenden Gefahren aus dem Wege zu gehen. Sie bedienen sich unterirdischer Wohnungen und suchen sich ihre Nahrung unter dem Deckmantel der Nacht. Zu Beidem zwingen sie außerdem die klimatischen Verhältnisse. Diese nördlichen Wüstenstrecken sind nicht nur durch die beispiellose Seltenheit des Regens, sondern auch durch ungewöhnliche Temperaturschwankungen ausgezeichnet. [32] Man kann getrost sagen, daß der Regen in der Libyschen Wüste eine so seltene und locale Erscheinung sei, wie der Nachtfrost in Deutschland zur Sommerzeit. Im Januar und Februar kann in diesen Wüsten bei Nacht das Thermometer einige Grade unter den Gefrierpunkt fallen; die mittlere Tageswärme dieser Monate bleibt weit hinter dem von Ländern derselben Breite zurück. Die Hitze der übrigen Monate ist groß. Nie eine regenspendende Wolke, nur die Nacht wirft alsdann ihre kühlenden Schatten über die stets durstende Erde, und sehnsüchtig harren die Pflanzen des wiederkehrenden Thaus, den ihnen der Nordwind bringt.

In ihren tiefen Gruben und Löchern genießen die Thiere des Vorzugs einer mittleren Jahrestemperatur; im Winter sind ihre Behausungen warm, im Sommer zur Tageszeit weit kühler als die äußere Luft. Das nächtliche Umherstreifen beschränkt ihren Wasserbedarf auf das niedrigste Maß. Es erklärt sich aus dem Angeführten von selbst, daß alles Thierleben in der Wüste mehr oder minder einen nächtlichen Charakter annehmen muß.

In der absoluten Wüste äußert sich indeß das thierische Dasein überall als ein exceptioneller Nothstand; die Thiere fristen daselbst, wie die Pflanzen, eine eigentlich nur der Erhaltung des Individuums, nicht der Vermehrung gewidmete Existenz. Wie nun die Pflanzen gewisser Vegetationsmittelpunkte bedürfen, um die Wüste selbst immer wieder mit frischen Keimen zu versehen, die sich bald hier, bald dort die Bedingungen zu ihrer Existenz zu suchen haben, wie wir das Wüstenkameel alljährlich auf den fetten Kleeweiden des Nilthals einer Stärkungscur unterzogen sehen, so schöpft auch das ephemere Thierleben der eigentlichen Wüste aus deren Vorrathskammern, den Oasen, stets neue Lebenskraft. Es ist anzunehmen, daß ohne eine solche Schadloshaltung die Art in den meisten Fällen allmählich auf jeden weiteren Fortbestand zu verzichten hätte.

Solche Stützpunkte des Thier- und Pflanzenlebens sind die Oasen, welche gleich einsamen, kleinen Eilanden hin und wider, meist aber in ungeheuren Abständen von einander, aus den öden Flächen des steinernen Meeres hervorstechen. Strabo vergleicht die Wüste mit ihren Oasen einem gefleckten Leopardenfelle, aber ein derartiges Bild würde, auf die Libysche angewandt, zu den übertriebensten Vorstellungen Veranlassung geben, denn diese Flecken sind winzig klein, sehr zerstreut und unregelmäßig vertheilt. Die Oasen sind nicht Flecken, sondern Löcher in der steinernen Decke, welche der organischen Schöpfung die Basis eines quellreichen und Pflanzenwachsthum ermöglichenden Bodens entzogen hat. Tief unter dem über tausend Fuß hohen Kalksteinplateau, das die Libysche Wüste darstellt, bewegen sich räthselhafte Wasserzüge von erstaunlicher Fülle. Da, wo nun dieses Plateau Lücken darbietet, die durch Einflüsse noch völlig unbekannter Natur entstanden, konnte sich das Wasser aus der Tiefe Bahn an die Oberfläche brechen. Der Mensch siedelte sich an den Quellen an, und indem er der Natur nachhalf, indem er durch künstliche Brunnenschachten einen immer reicher werdenden Wasservorrath erschloß, vermehrte er den Umfang dieser Zufluchtsstätten auch für die Pflanzen und Thiere. Manche Oasen wurden dergestalt zu kleinen, wohlbevölkerten Culturdistricten; später, als die Hülfe des Menschen nachließ, als Hunderte von Brunnen verschüttet waren, nahm auch die Wüste wieder von dem ihr abgetrotzten Boden Besitz; die wandelnden Sandhügel bedeckten das gewonnene Ackerland und nur wenig erhielt sich von der ehemaligen Cultur. In dieser Lage befindet sich zu unserer Zeit die Große Oase, welche man einige Tagereisen im Westen von Theben erreicht, und die deshalb auch den Namen der Oase von Theben führt.

Das Vorhandensein eines Restes von Culturland, welches selbst heute noch immerhin seine fünf- bis sechstausend Menschen ernährt, mußte natürlich daselbst die Bildung der oben erwähnten Verbreitungsmittelpunkte gewisser Thierarten begünstigen, welche wir in weitem Umkreise um die Große Oase, gleichsam strahlenförmig in die völlige Einöde der Wüste hinaus ihren Einfluß ausüben sehen. Zunächst erblicken wir am Rande der Wüste den Boden von zahllosen Löchern kleiner Nagethiere durchfurcht, von denen, bei der überraschend großen Anzahl der in der Großen Oase vorhandenen Raubthiere, angenommen werden kann, daß sie einer fast unbegrenzten Vermehrung fähig seien. Es sind Springmäuse und Wüstenmäuse, welche hier ihr Wesen treiben, schwelgend im Ueberfluß aufgehäufter Lebensmittel, während ihre Artgenossen im Innern der Wüste von den wenigen dort vorhandenen Wurzeln, vom Miste der Zugvögel und dergleichen ihr Dasein fristen müssen und vielleicht nie einen Tropfen flüssigen Wassers zu kosten bekommen. Die großen Haine der Dattelpalme aber, welche den Hauptgegenstand der Oasencultur ausmacht, wimmeln von großen Ratten der Alexandriner Art. Auf die Häufigkeit dieser Nager stützt sich vornehmlich die Existenz der in der Großen Oase und ihrer Umgebung angesiedelten Räuber größerer und kleinerer Art. Es sind ihrer daselbst fünf Arten, und da ihre Individuenmenge zu den bemerkenswerthesten Eigenthümlichkeiten dieses abgeschiedenen Erdenwinkels gehört, so lenkten sie vor Allem meine Aufmerksamkeit während[WS 1] eines dreimonatlichen Besuches im vergangenen Winter auf sich. Das größte von den fünf Raubthieren der Oase – denn die Hyäne fehlt daselbst des geringen Viehstandes und der mangelnden Kameele wegen – ist der nordafrikanische Wolf, den die Araber „Dib“ nennen. Alsdann folgen der Größe nach der libysche Luchs, der Nilfuchs, der Schakal und zuletzt der kleinste Repräsentant der wilden Hundefamilie, der dem Edelmarder an Größe gleichkommende Wüstenfuchs oder „Fennek“, der Gegenstand des beigegebenen Holzschnittes.

Lange kann ein Reisender Aegyptens Wüsten durchwandert haben, bevor ihm von den räuberischen Vierfüßlern, die sie bewohnen, durch Zufall einmal mehr zu Gesicht gekommen wäre, als die Fußspur, welche sie hinterlassen. Große Geduld auf nächtlichem Anstande hat er zu bewahren, will er des Einen oder Anderen derselben irgendwo habhaft werden. Das sicherste Mittel zu diesem Zwecke gewähren ihm unsere Fallen und Fangeisen, denn diese zwar im Uebrigen so schlauen Naturkinder fallen ihnen in Folge ihres ungewitzigten Gemüths gar leicht zum Opfer.

Am besten hatten sich während meines letzten Besuchs in der Oase die größeren Fuchseisen oder Schwanenhälse bewährt, denn mit Ausnahme des verschlagenen Dib gingen alle die genannten Räuber unbedenklich in die Falle, selbst wenn der Apparat blos offen auf den Sand gelegt worden war. Nur durfte seine Anwendung in einer und derselben Gegend nicht mehrere Tage hintereinander fortgesetzt werden; ungeachtet der sorgfältigsten Reinigung mieden alsdann alle Thiere das verrätherische Eisen, als wäre die Kunde von einer Seitens der Arglist des Fremden drohenden Gefahr schnell unter ihnen von Munde zu Munde gegangen. Wer aber nie, selbst wenn sie auf’s Sorgfältigste im Sande vergraben worden, in die Falle ging, war der von den Oasenbewohnern hinsichtlich seiner Gescheitheit dem Affen zur Seite gestellte Dib, der Wolf der Wüste. Stets umschleicht dieser voll Mißtrauen den freiliegenden Köder, scharrt und tastet, sondirt wohl auch die Stelle von unten her, bis das tückische Eisen seinen Blicken freiliegt; man vermag ihm eben nur mit Hülfe der Kugel beizukommen.

Unmittelbar nach Sonnenuntergang beginnen die Dibs ihre Streifzüge, kehren aber bei völliger Dunkelheit wieder zu ihren Schlupfwinkeln zurück, denn ihr schwaches Gesichtsvermögen flößt ihnen alsdann ein Gefühl von Unsicherheit und Zaghaftigkeit ein. Dies ist auch der Grund, weshalb sie bei ihren Unternehmungen einer mondklaren Nacht den Vorzug zu geben und ihre Hauptcoups für das erste Morgengrauen zu reserviren pflegen. Allabendlich bei vorgeschrittener Dämmerung hallte die ganze Oase wieder vom abscheulichen Geheule der Dibs, welche sich am Rande des Culturlandes zusammenrotten, um den daselbst besonders häufigen Wüstenmäusen, in Ermangelung einer besseren Beute, mit vielem Eifer nachzugraben. Andere wagen sich frech bis in die Gärten und Dattelhaine, wo sie sich mit den Hunden der Bewohner umherbalgen. Wenn die Dibs zu heulen beginnen, so geschieht es in der Regel a tempo und so unerwartet und plötzlich, daß der Reisende erst nach geraumer Zeit sich des täuschenden Eindrucks zu entschlagen vermag, als wären es wehklagende Kinderstimmen, die er vernimmt. Oft bin ich in solchem Falle erschrocken in’s Freie geeilt, um die Ursache des Geschreies zu erfahren; das bald darauf einfallende Hundegebell mußte mich immer wieder von Neuem meines Irrthums belehren. In langgezogenen herzzereißenden Tönen erscholl da ihr von Hunger und Brodneid eingegebenes Jammergeschrei; dazu gesellte sich noch der nächtliche Ruf des Käuzchens, welches überall im alten Gemäuer zu Hause ist, der Stimme eines alten Weibes nicht unähnlich. Die übrigen Räuber verriethen durch keinen Laut

[33]
Die Gartenlaube (1875) b 033.jpg

Wüstenfüchse in der Nacht.
Originalzeichnung von G. Mützel in Berlin.

[34] ihre den Taubenhäusern und Hühnerhöfen so gefährliche Nähe. Schweigsam schlichen sie ihre bedächtigen Wege.

Die Stimme des Wüstenfuchses habe ich nur in meinen eigenen Mauern zu hören bekommen, obgleich dieses Thier an Menge alle die Stammesgenossen in der Oase bei Weitem übertrifft und stellenweise der Sandboden von seinen Fährten wimmelt, als wäre eine Hammelheerde darüber weggezogen.

Der Wüstenfuchs ist im südlichen Algier und Marokko ebenso häufig wie in der Libyschen Wüste, welche er in ihrer ganzen Ausdehnung von den Thoren Alexandriens bis nach Kordofan hinein, von Dongola bis nach Fezzan zu bewohnen scheint. Der Name Fennek war indeß in der Großen Oase unbekannt; die Eingeborenen pflegten die Wüstenfüchse schlechtweg als „Hossenat“, das heißt Füchse, zu bezeichnen. Da ich kein Verfahren kannte, die letztgenannten Thiere lebendig einzufangen, dieselben aber seit langer Zeit ein besonderes Bedürfniß des Berliner Zoologischen Gartens bildeten, so forderte ich die Einwohner durch verlockende Angebote zu ihrem Fange auf. Es waren kaum vierzehn Tage verstrichen, als ich mich auch schon im Besitze von drei Dutzenden dieser reizenden Geschöpfe befand, und immer neue wurden mir zugetragen – der Vorrath schien in der That unerschöpflich.

Weil ich nicht Ketten und Käfige genug zur Hand hatte, um die Füchse alle festzumachen, so entwich mir der größte Theil derselben in kurzer Zeit; andere verendeten durch allerhand Unfälle, durch Erwürgen, durch herabfallende Steine in der Ruine, die mir als Herberge diente; der Ersatz wäre immer wieder von Neuem auf’s Leichteste zu beschaffen gewesen. Den Fennek-Fang hatten die Knaben der Oase für sich allein in Anspruch genommen. Wo man zwischen den Sanddünen oder den Kalkfelsen nur hinblicken wollte, überall begegnete man den kleinen aus Gras und Stroh errichteten Hütten, welche die Knaben im Umkreise des Ortes als Fallen aufgestellt hatten. Als Köder bedienten sie sich der Datteln, der Lieblingsspeise des Wüstenfuchses, welche er jeder andern Kost vorzieht. Die einen Fuß hohen, schoberartig zusammengebundenen Hüttchen hatten unten am Boden eine runde, knapp der Kopfbreite des Thieres entsprechende Oeffnung, und in dieser hing maskirt die verhängnißvolle Schlinge von schwachem Palmbaststricke. Wenn nun der Fennek zu den auf dem Boden des Hüttchens frei daliegenden Datteln hineinschlüpfen wollte, zog er sich selbst die Schlinge um den Hals. Ein Knoten am Stricke, in dem seiner Halsweite entsprechenden Abstande angebracht, hielt die Schlinge geeigneten Orts auf und schützte den Gefangenen vor dem Erwürgtwerden, und ein der Länge nach durchbohrtes Stück Holz, durch welches der Strick gezogen war, den im Bereiche seiner Zähne befindlichen Theil des letzteren vor dem Zernagtwerden. So fand man des Morgens die hoffnungslos am Stricke zappelnden Wüstenfüchse, wenn sie nicht inzwischen von einem größeren Räuber verzehrt worden waren. In der Regel kann man annehmen, daß das feine Gebiß des Fenneks einem etwa fingerdicken Stricke nichts anzuhaben vermag, in der ersten Ueberraschung und Verzweiflung aber versucht das Thier jedenfalls alles Mögliche, sich zu befreien, sollte sogar dazu eine Selbstverstümmelung verhelfen. Der erste Fennek, der meinen Fallen zum Opfer fiel, sich aber später befreite – es war ein gewöhnliches Teller- oder Mardereisen – hinterließ in derselben die abgebrochene Spitze seines Unterkiefers mit den sechs Zähnen.

Sehr auffällig erschien es mir, wie die gefangenen Fenneks ihre ursprünglichen Sitten ablegten und die gewohnten Laute einstellten. Mit Recht legt daher auch Brehm, der unerreichte Darsteller des Lebens der Thiere, nur geringen Werth auf die Beobachtung der Lebensgewohnheiten im nichtfreien Zustande. In der ersten Zeit hatte ich meine Gefangenen, an Messingketten gefesselt, in allen Ecken und Winkeln der von mir bewohnten Ruine untergebracht. So unbändig sie sich in ihrem gegenseitigen Verhalten auch anfangs geberdeten, eben so geduldig und schweigsam wurden sie nach Verlauf weniger Tage. In Wuth gerathen, was jedes Mal bei Annäherung des Menschen geschieht, kläffen sie wie ganz kleine junge Hunde und unter lebhaftem Vorschnellen des Kopfes stoßen sie schnell hintereinander ihr „Kack, Kack, Kack“ aus, Laute, welche sie noch in der späteren Gefangenschaft beibehalten.

Doch wenden wir uns zur Betrachtung der reizenden Gestalt dieses das Auge eines jeden Naturfreundes mit Entzücken erfüllenden Wüstenkindes selbst! Zunächst fesselt den Blick des Beschauers das ausdrucksvolle Köpfchen mit den großen strahlenden Augen, mit dem fein zugespitzten und von langen Schnurren besetzten Schnäuzchen und den immensen Ohren. Stets kläffend und in Wuth, sobald man sich ihm Auge in Auge genähert, bezaubert uns schon die Lebhaftigkeit im Ausdruck des gleichsam voll Schadenfreude ob vollbrachter Bosheit frohlockenden Gesichts des niedlichen Thieres; man kann ihm nicht gram werden, dem kleinen Bösewicht; man fühlt sich da wie einem schönen Kinde gegenüber, dessen Reize die Wuth ausgelassener Unart erhöht.

Abgesehen von den großen, ihm ein so abenteuerliches, fast fledermausartiges Aussehen ertheilenden Lauschern, deren Länge von der Wurzel bis zur Spitze genau der Totallänge des Kopfes gleichkommt, und den besonders zierlichen, feinbepfoteten Füßchen, scheint der Fennek in keinem wesentlichen Stücke vom Gattungscharakter des Fuchses abzuweichen. Seine ganze Länge erreicht kaum zwei Fuß, und davon gehen acht Zoll für die Standarte ab. Die oben an der Basis des Schwanzes bei allen Füchsen vorhandene Drüse, die sogenannte Viole, duftet beim Fennek nach Rosen und ist durch einen schwarzen Schattenring markirt. Viele Naturforscher haben in der ovalen Gestalt der Pupille einen Unterschied von den übrigen Füchsen nachzuweisen gesucht, und diese Frage ist in letzter Zeit bei Besichtigung der im Berliner Garten befindlichen Exemplare vielfach in Anregung gebracht worden. Bodinus, der Regenerator dieses gegenwärtig alle ähnlichen Institute der Welt weitaus überflügelnden Thiergartens,[2] giebt nach genauer Untersuchung der Fenneks sein Urtheil dahin ab, daß ihre Augen, wenn man sie dem Sonnenlicht aussetzt, eine ebenso spaltförmige Pupille erkennen lassen, wie die des Fuchses, nur sei die kastanienbraune Iris nicht am Rande, sondern gegen die Mitte zu tiefer gebräunt, wodurch der Eindruck einer rundlichen Pupille hervorgerufen werde.

Die Färbung des Fennek-Balges ist in ihren Nüancen ebenso zart wie die feine Gliederung der leichten Gestalt. Strohgelblich, etwas ockerig auf der ganzen Oberseite, Kopf und Lauscher mit inbegriffen, spielt sie mehr oder minder in jene frische Sandfarbe hinüber, die man isabellgelb nennt; die Beine sowie die ganze Unterseite des Körpers, mit Ausnahme der Standarte, sind vom reinsten Weiß. Jüngere, nicht die älteren, Individuen sind am ganzen Körper um mehrere Schatten heller, fast weißlich. Der Balg ist wie von Seide und füllt sich zur Winterzeit mit dichtem Wollhaar, wodurch das Fleckige und Buschige des Pelzes noch mehr in die Augen tritt. In manchen Gegenden nennen die Araber daher auch den Fennek „Abu Ssuf“, das heißt Vater der Wolle. „Alles, was aus der Wüste kommt,“ sagt der Araber, „ist zierlich und nett,“ nichts aber in der Welt giebt uns eine Vorstellung von jener Zartheit und Reinheit eines frisch eingefangenen Fenneks, es sei denn, daß sich der Vergleich an kunstvoll gewaschene Straußenfedern halte, oder an den leichten Flaum des Marabus. Diesem weichlichen Kleide entspricht auch der hohe Grad von Empfindlichkeit, welchen das Thier gegen Kälte äußert. Nach besonders kalten und stürmischen Winternächten fehlte auf den vom Nordwinde frischgefegten Sandflächen jegliche Fennek-Spur; das Thier hungert lieber in den warmen Löchern, die es sich nach Art der Füchse gräbt, als daß es seinen zarten Körper der Unbill des Wetters preisgäbe.

Sehr mannigfaltig ist, je nach der Jahreszeit, die Nahrung des Fennek. In der eigentlichen Wüste sind es zunächst die Eidechsen, welche sich fast überall aufspüren lassen und vom Fennek stets mit großer Gier gefressen werden. Von mehr localer Verbreitung sind die eigentlich als die Basis der Fennek-Existenz anzusehenden Wüstenmäuse. Gelegentlich bietet sich dem Fennek ein besonders fetter Bissen in den Flughühnern und Wüstenlerchen, wenn er ihren nächtlichen Ruheplatz zu erspähen vermag; dazu kommt noch das ganze Heer von Zugvögeln, deren Auswurfstoffe ja gewiß auch, wie die der Kameele auf der Heerstraße, einen bedeutenden Zuschuß zum Haushalte der niederen Wüstenfauna liefern mögen, ein Umstand, welcher, zieht man die Menge der im Frühjahre und Herbste die stille Oede [35] der Wüstenflugbahn bevorzugenden, zum Theil sehr großleibigen Passanten in Betracht, von nicht zu unterschätzender Bedeutung erscheint und die Möglichkeit mancher sonst räthselhaften Wüstenexistenz zu erklären vermag.

Heuschreckenschwärme, welche nicht selten die Oase heimsuchen, gewähren dem Fennek eine erwünschte Abwechselung in der Kost. Die stellenweise so häufigen großen Wüstenkäfer aber läßt er stets unberührt, obgleich er die zum Theil so hartgepanzerten Eidechsen mit Stumpf und Stiel zu verzehren pflegt. Im Falle der Noth, so behaupten die Bewohner, soll der Fennek sogar zu den Fröschen seine Zuflucht nehmen, deren es in den zahlreichen Tümpeln und Pfützen der Oase eine Menge giebt. Seine blutdürstige Fuchsnatur bekundet aber der Fennek vornehmlich im Beschleichen des zahmen Federviehs. Er schreckt selbst vor halbwüchsigen Truthühnern nicht zurück. Beim Blutsaugen befolgt er ein eigenes Verfahren. Mit seinen nadelscharfen, kleinen Zähnen vermag er sich so festzubeißen, daß ich ihn manchmal an den Fingern eines von ihm Gebissenen hängen bleiben sah, bis ihn die Kraft des menschlichen Armes von sich schleuderte. Jedes Geflügel wird vom Wüstenfuchse entweder an der Brust oder am Rücken gepackt, alsdann saugt er trotz alles Zappelns und Flügelschlagens demselben das Blut aus. Man hat mir dutzendweise die Leichen der so Hingemordeten gebracht, immer war an ihnen der Hals unversehrt, und nur einige feine Löcher am Rumpfe verriethen die Todesart. Der Vernichtungskampf, welcher neben den Nilfüchsen, die stellenweise daselbst ebenfalls von außerordentlicher Häufigkeit sind, von den Fenneks allen Hühnern und Tauben der großen Oase bereitet wird, ist in der That so groß, daß die Einwohner von der tückischen Begabung dieser unabwehrlichen Räuber die übertriebensten Vorstellungen haben.

Als kurz nach der Zeit, da mir eine große Zahl eingefangener Fenneks wieder entwichen war, ihre nächtlichen Angriffe auf das Geflügel der Ortschaft zufällig sich vermehrt hatten, schrieben die Oasenbewohner es dem Umstände zu, daß die Flüchtlinge ihren Brüdern in der Wüste den Weg zur Stadt gezeigt hätten; ihr Schaden, meinten sie, sei nun größer, als der bei dem Fange der Fenneks ihnen aus meiner Casse zugeflossene Gewinn. Jede Jahreszeit bietet in der Oase den Raubthieren eine andere Art Futter dar, auch an vegetabilischer Kost, wie sie ihnen erwünscht ist, fehlt es nicht.

Vom Nilfuchse behaupten die Einwohner, daß er zur Erntezeit die Weizenfelder bestehle. Vom Wüstenwolfe ist es allgemein bekannt, daß er ihnen zur Sommerszeit die Gurken und Melonen wegfrißt, alle diese Thiere aber scheinen der Dattelfrucht vor allen anderen Leckerbissen den Vorzug zu geben, und gewiß nicht der Letzte dabei ist der Fennek. Seine Vorliebe für Datteln gab zur Entstehung des Märchens Veranlassung, daß er auf Bäumen lebe und sich Nester baue; es hieß, er klettere so gewandt wie eine Katze – dergleichen Unglaubliches mehr wurde von seinen Lebensgewohnheiten berichtet. Die im August beginnende Dattelernte ist daher eine Zeit der Feste für diese Thiere, und die überall in den öden Felsthälern des östlichen Oasenrandes zerstreut umherliegenden Dattelkerne legen Zeugniß ab von dem Ueberflusse jener Tage.

Der beigegebene Holzschnitt vervollständigt die Lebensgeschichte des Wüstenfuchses im Uebrigen, indem er uns mit unübertrefflicher Naturwahrheit alle Geberden, Gemüthsstimmungen und Beschäftigungen desselben veranschaulicht. Die Zeichnung zu diesem lebensvollen Bilde verdanken wir der Meisterhand G. Mützel’s, des illustrativen Mitarbeiters an der neuen Ausgabe von Brehm’s „Thierleben“. Ihr liegen auf fortgesetzte Beobachtung der Thiere im zoologischen Garten zu Berlin gestützte Studien zu Grunde, und auch der Hintergrund des Bildes entspricht der Wirklichkeit.

Es ist Nacht, und ein heller Mondschein wirft sein Silberlicht über den von reinstem Sande erstrahlenden Oasenrand. In der Ferne gewahrt man den östlichen Steilabsturz des libyschen Plateaus, mit dem vorgeschobenen Inselberge Omm-el-Renneiem, davor zur Seite die Ruinen eines römischen Castells aus der Zeit des Trajan. Mehr im Vordergrunde sind die Reste eines jener in Menge über die ganze Oase zerstreuten, von ihrem früheren Wohlstand zeugenden großen Taubenhäuser zu sehen, wie sie sich noch heute in einigen Städten Aegyptens errichtet finden, und welche die Bewohner ihres burgartigen Aussehens halber „Borg“ nennen, nachdem die Kreuzfahrer dieses Wort dem sich aus aller Herren Ländern vervollständigenden Sprachschatze der Araber zugeführt. Zwischen großen Sandsteinblöcken, unter welchen die Springmäuse gern ihre Löcher graben, erblickt man acht Wüstenfüchse gelagert; die meist egoistisch sich von einander absondernden Räuber haben sich zu einem Gesammtbilde vereinigt, wie es in der Wirklichkeit wohl nur selten vorkommt, jedenfalls aber in dieser Zusammenstellung großes Interesse bietet.


  1. Wir möchten unsere Leser ganz besonders auf diesen Artikel des berühmten Reisenden hinweisen, dessen neuestes Werk „Im Herzen Afrikas“ ein durchaus gerechtfertigtes Aufsehen erregt.
    D. Red.     
  2. Selbst der Londoner zoologische Garten ist keinem Vergleiche mit dem Berliner mehr gewachsen; ein Stolz Deutschlands, schließt seine Vollkommenheit eine ernste Mahnung für die noch auf so primitiver Stufe befindlichen botanischen Gärten unseres Vaterlandes in sich.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: wähernd