Melpomene/Band 1/098 Bei der Leiche einer Giftmischerin, die enthauptet wurde

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aus: Melpomene
Seite: Band 1, S. 305–312
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[305]

98. Bei der Leiche einer Giftmischerin, die enthauptet wurde.

Melod XVIII. III.

1. Hier stellt sich unsern Thränenblicken
Ein fürchterliches Schauspiel dar,
Die Schmerzen wollen uns erdrücken,
Die dieser Anblick uns gebar;
Denn ach! wir sehen hier vollenden
Ein Weib auf kühner Lasterbahn,
Die mit in Gift getauchten Händen
Gemordet ihren eignen Mann.

2. Sie hatte sich in früher Jugend
Mit einem braven Mann vermählt;
[306] Es hatte also ihrer Tugend
An einer Stütze nicht gefehlt,
Sie konnte ihrem Sinnestriebe
Sich auf erlaubte Weise weihn,
Und in des Mannes Gegenliebe
Und Treue wahrhaft glücklich seyn.

3. Allein sie wurde schlecht erzogen,
Und hatte von der bösen Welt
Verderbte Lehren eingesogen,
Und sich den Bösen beigesellt,
Wobei ein Heer von Ärgernissen
Sie schon von Jugend auf umgab,
Und diese stumpften ihr Gewissen
Und Rechtgefühl allmählig ab.

4. Auch hatte der Verführung Schlange
Beständig ihr ins Ohr gezischt,
Und von der jugendlichen Wange
Des Schamroths letzte Spur verwischt,
Und heimlich sich in dem Gewande
Der Unschuld in ihr Herz verstekt,
Und machte sie zu jeder Schande,
Zu jedem Laster aufgelegt.

5. Ein Mann von lasterhaftem Wandel,
Der keine Gottesfurcht besaß,
Und schon in manchem Liebeshandel
Des Ehstands heil’ge Pflicht vergaß,
Beschleinigte in ihrem Herzen
Der Tugend gänzlichen Ruin,
Und wußte listig wegzuscherzen,
Was seinem Zwek entgegen schien.
[307]
6. Sie knüpften nun ein Liebsverständniß
In unerlaubtem Umgang an,
Entzogen weislich es der Kenntniß
Von seinem Weib und ihrem Mann:
Indessen schien es doch gefährlich,
Und ihrem heissen Wunsche fiel
Der Zwang, der nöthig war, beschwerlich,
Und stand entgegen ihrem Ziel.

7. Sein Weib und ihren Mann zu morden,
War nun ihr ausgehegter[1] Plan,
Der leider! ausgeführet worden,
Eh man Verdacht auf sie gewann;
Und voll der Hoffnung: es verschaffe
Ein Mittel ihnen freye Hand,
Ergriffen sie die Mörderwaffe,
Die ihnen zu Gebothe stand.

8. Und dieß bestand in einer Speise
Mit scharfem Rattengift vermischt,
Die sie, auf heuchlerische Weise,
Dem armen Manne aufgetischt.
Er aß davon, und blieb am Leben,
Des Giftes Gabe war zu schwach,
Und als er es von sich gegeben,
So ließ auch seine Wirkung nach.

9. Vergebne Rettung! aufgeschoben
Ist, wie ein altes Sprichwort sagt,
Noch nicht geschenkt und aufgehoben;
Ein Feigling, der sogleich verzagt.
So dachte sie, die Lasterhafte,
[308] Und fieng dem argwohnlosen Mann
Zum zweitenmal in einem Safte
Ein neues Gift zu kochen an.

10. Er aß davon, und wurde wieder
Entrissen ihrer Mörderhand,
Wobei er doch durch alle Glieder
Der Schmerzen höchste Wuth empfand.
Allein sie wurde kühn und frecher,
Und alle gute Ding sind drei,
Und reichte ihm den Todesbecher
Mit dreimal soviel Gift dabei.

11. Er trank ihn aus. — O welche Freude
Für dieses lasterhafte Weib!
Das Gift durchdrang die Eingeweide,
Und wirkte durch den ganzen Leib;
Er fühlte Schmerz durch alle Glieder,
Und krümmte sich als wie ein Wurm,
Und schloß die welken Augenlieder,
Und unterlag dem Leidensturm.

12. Man schrieb sein plötzliches Erblassen
Den Folgen der Verkältung zu,
Und konnte keinen Argwohn fassen,
Und legte ihn zur Grabesruh.
Und ach! wie da die Wittwe klagte:
Mein Mann! mein allerliebster Mann!
Sie seufzte, weinte, schrie und sagte:
Was fang ich armes Weib doch an!

13. Allein es waren Freudenthränen,
Was über ihre Wangen floß;
[309] Nun war sie ja nach ihrem Sehnen
Von dem verhassten Manne los.
Doch plötzlich starb in ein’gen Tagen
Des mitverschwornen Mannes Weib,
Man untersuchte ihren Magen,
Und fand vergiftet ihren Leib.

14. Der Mann, ihr Mörder ohne Zweifel,
Erhenkte sich verzweiflung voll,
Und seine Seele fuhr zum Teufel,
Und ärndtet seiner Thaten Zoll.
Denn der Vergeltungwagelenker
Wird ja durch nichts so sehr ergrimmt,
Als wenn ein Mensch als eigner Henker
Verzweifelnd sich das Leben nimmt.

15. Dadurch erregte das Erblassen
Des ersten Mannes auch Verdacht;
Man hatte ihn ausgraben lassen,
Und Untersuchungen gemacht;
Da zeigte deutlich sich sein Magen
Zerfressen von des Giftes Zahn,
Da ließ sich die Vermuthung wagen:
Das hat sein eignes Weib gethan.

16. Man setzte sie sogleich gefangen,
Und fieng die Untersuchung an,
Und las auf ihren blassen Wangen,
Was sie an ihrem Mann gethan.
Sie läugnete es zwar noch lange,
Doch endlich, ihrer Ketten satt
Gestand die giftgeschwollne Schlange
Die ungeheure Frevelthat.
[310]
17. Das Urtheil hieß: weil sie mit Wissen
Den eignen Mann vergiftet hab,
So leg man ihr das Haupt zu Füssen,
Das Schwert des Henkers hau es ab.
Dieß Urtheil wird sogleich vollzogen
Auf diesem blutigen Gerüst,
Das schon von dichtgedrängten Wogen
Des Volkes ganz umgeben ist.

18. Schon wältzt der Armensünderwagen
Sich langsam her durchs Volksgewühl;
Und unsre bangen Herzen schlagen
In der Erwartung Schmerzgefühl;
Schon wanket auf erhabner Bühne
Die Mörderin den Todespfad,
Und sieht mit todesblasser Miene
Sich um nach der erflehten Gnad.

19. Doch alle Hoffnung ist verschwunden,
Schon sind die Haare aufgeschürtzt,
Die Augen werden ihr verbunden,
Des Henkers Ermel aufgestürtzt;
Schon naht sie sich dem Stuhl, und sitzet,
Ein Helfer packt sie an beim Schopf,
Das blanke Schwert des Henkers blitzet,
Und haut ihr ab im Nu den Kopf. —

20. Aus der vom Haupt getrennten Kehle
Ergoß das Blut in Strömen sich,
Und ihre schuldbeladne Seele
Entfloh dem Leibe, der verblich.
Schon stehet sie vor dem Gerichte,
[311] Das dort der höchste Richter hält,
Und unterliegt dem Strafgewichte,
Das dort auf ihre Laster fällt.

21. Doch nein, verwegner Mensch! erlaube
Dir kein verdammendes Gericht,
Sey der Erbarmung voll, und raube
Die Hoffnung der Verzweiflung nicht. —
Sie ließ, den Himmel zu versöhnen
Sich willig ja dem Tode weihn,
Auch werden ihre Bussethränen
Und Reue nicht verloren seyn.

22. Gott blieb gewiß nicht unerweichet;
Sie war ein Weib, verführt, und jung,
Und sicher, beim Gericht gereichet
Ihr dieses zur Entschuldigung.
Sie wird vielleicht noch Gnade finden,
Und einst im Himmel selig seyn;
Doch bist du rein von allen Sünden,
So wirf auf sie den ersten Stein.

23. Und ihr, die ihr vom festen Bande
Des Ehestands umschlungen seydt,
Lebt doch genau nach diesem Stande,
Und widersteht der Lüsternheit:
Denn wer des andern Weib anschauet
Mit Augen voll Begierlichkeit,
Der ist, wenn ihm davor nicht grauet,
Zu jeder Lasterthat bereit.

24. Ihr Schreckensbeispiel soll uns warnen
Vor jedem Sturm der Leidenschaft,
[312] Und will Verführung euch umgarnen,
So widersteht mit aller Kraft;
Dann leben wir, und lassen leben,
Vergnügt, so lang es Gott gefällt,
Und werden sicher uns erheben
Zu Gottes Thron in jener Welt.

Anmerkungen (Wikisource)

Jungs Errata (Bd. 2, S. 294) wurden in den Text eingearbeitet.

  1. Original: ausgehgter