Melpomene/Band 2/090 Bei dem Grabe eines Mannes, der den 18. August 1838 sich selbst entleibte

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aus: Melpomene
Seite: Band 2, S. 233–238
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[233]

90. Bei dem Grabe eines Mannes, der den 18. August 1838 sich selbst entleibte.

Melod. I.

1. Hier fand ein hoffnungloser Mann
Zu früh sein Lebensende;
Er legte selbst gewaltsam an
Sein Leben seine Hände,
Und schnürte sich die Kehle zu,
Und wollte die verlorne Ruh
Im Tode wieder finden.

2. Mit Schauder hörte Jedermann
Den Tod des armen Guten,
Und fieng ihn zu beklagen an,
Und konnte nichts vermuthen,
Was ihn bewog zu dieser That,
Da er doch auf dem Tugendpfad
Bis an sein End gewandelt.
[234]
3. Er hatte also jederzeit
Ein ruhiges Gewissen;
Doch schien er jede Lebensfreud
Schon lange zu vermissen,
Und klagte laut und überall:
Daß eine namenlose Qual
Und Pein sein Haupt durchwühle.

4. Er hatte nemlich diesen Schmerz
Bei einem Fall bekommen,
Seit diesem war sein Kopf und Herz
Von Leiden eingenommen,
Und sicher ist ein Äderlein
In seinem Hirn, auch noch so klein,
Bei diesem Fall geborsten:

5. Wies mir im Kopf so wehe thut,
Das kann mir Niemand glauben,
Gewiß noch wird der Schmerzen Wuth
Mir die Besinnung rauben:
Die Ärzte wissen keinen Rath,
Und was ich brauchte, litt, und that,
Ach! Alles ist vergebens.

6. So klagte er schon Jahr und Tag
Und rieb dabei die Stirne,
Und immer war es ihm: als nag
Ein Wurm in seinem Hirne;
Er weinte öfter bitterlich,
Und wußte oft vor Schmerzen sich
Beinahe nicht zu fassen.

7. Er war zuvor voll Körperkraft,
Und fleissig beim Arbeiten,
[235] Und wegen dieser Eigenschaft
Beliebt bei allen Leuten;
Nun aber war, bei seinem Haupt
Voll Schmerzen, er der Kraft beraubt,
Und konnte nichts verdienen.

8. Er legte oft vor Weh und Ach
Sich bei der Arbeit nieder,
Und ließ der Schmerz ein wenig nach,
So kam er größer wieder;
Er weinte bitterlich dabei,
Und wälzte sich vor Raserey
Als wie ein Wurm im Staube.

9. Und dennoch wuchs von Zeit zu Zeit
Die Schmerzenwuth noch immer,
Und laut ertönte weit und breit
Sein klägliches Gewimmer,
Und öfter stieß er seine Stirn
An eine Wand, um das Gehirn
Vor Schmerzen zu zerquetschen.

10. So hatte er die letzte Nacht
Mit grenzenlosem Jammer,
Und lautem Brüllen zugebracht,
Und sich in seiner Kamer
Herumgewältzt auf seinem Haupt,
Und war, der Geisteskraft beraubt
Sich seiner nicht mehr mächtig.

11. So ward er, als der Tag erschien,
Von Weib und Kind verlassen,
Und konnte, bei verwirrtem Sinn
[236] Sich selber nicht mehr fassen,
Und rief in seiner Raserey
Gewaltsam seinen Tod herbei,
Die Schmerzenwuth zu enden.

12. So fand ihn bei der Wiederkehr
Das Weib im Arm des Todes,
Und schwamm in einem Thränenmeer,
Und rief die Gnade Gottes,
Und ihrer Nachbarn Mitleid an
Für ihren schon entseelten Mann,
Und wollte fast verzweifeln.

13. Da lag er nun in ihrem Arm
Schon kalt am ganzen Leibe;
Es brach vor Schrecken Schmerz und Harm
Das Herz dem armen Weibe
Sie wußte weder Hülf, noch Rath;
Es blieb vergebens, was man that,
Ihn wieder zu beleben.

14. Man rief sogleich den Arzt herbei,
Zur Rettung seine Lebens
Allein er sprach sogleich: da sey
Schon Müh und Kunst vergebens
Der Leichnam wurde nun secirt,
Und im Gehirne nachgespürt
Der Ursach seines Todes.

15. Des Arztes Aug erblickte kaum
Die Haut des Hirnes offen,
Da zeigte sich das Hirn mit Schaum
Und Wasser unterloffen,
[237] Ein sichres Zeichen: daß dabei
Der Mann vor Wuth und Raserey
Sich blindlings tödten mußte.

16. Denn alle Geisteskraft verschwand
In dieser Wassermasse,
Und er war nimmermehr im Stand,
Daß er ein Urtheil fasse;
Die freie Wahl war unterdrückt,
Und seine Urtheilskraft verrückt,
Und kein Bewußtseyn möglich.

17. So war er der Vernunft beraubt,
Und konnte nicht mehr denken,
Sonst hätt er niemal sich erlaubt,
Sein Leben zu verschenken,
Und folglich ist ihm diese That,
Die ohne seines Willens Rath
Geschah, nicht zuzurechnen.

18. Denn anderst ist es möglich nicht,
Sein Leben so verscherzen
Als nur in der Melancholie
Und solchen Hirnesschmerzen,
Und nur in der Verzweiflung Nacht,
Durch ein Vergehn hervorgebracht,
Das laut um Rache schreiet.

19. So ist bei diesem braven Mann,
Der nie ein Kind beleidigt,
Was er ganz unbewußt gethan,
Zum Voraus schon vertheidigt,
Deswegen ward er, wie ein Christ,
[238] Der krank im Bett gestorben ist,
Mit Ehren hier begraben.

20. Drum lasst uns dem Unglücklichen
Noch eine Thräne weihen,
Und mitleidvoll zum Richter flehn:
Er möchte ihm verzeihen,
Die Fehler seiner Menschlichkeit,
Und jenseits ihm die Strafezeit
Der Reinigung verkürzen.

21. Du aber, Wittwe! tröste dich
Bei deinen armen Waisen,
Und denke: Gott wird sicherlich
Sie kleiden, tränken, speisen,
Und bethe Gottes Fügung an,
Und wandle auf der Tugendbahn
Bis an dein Lebensende.

22. Und du, o Wandrer! hüte dich,
Den Bruder zu verdammen,
Der in der Schmerzenwuth verblich;
Und such den Hölleflammen
Durch Buß und Tugend zu entgehn,
Dann wirst du einstens auferstehn
Zum ewig sel’gen Leben.