Melusine im Stollenwald

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Textdaten
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Autor: Bernhard Baader
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Titel: Melusine im Stollenwald
Untertitel:
aus: Badisches Sagen-Buch II, S. 32–34
Herausgeber: August Schnezler
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1846
Verlag: Creuzbauer und Kasper
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Erscheinungsort: Karlsruhe
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Quelle: Commons und Google
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Melusine im Stollenwald.

Im Durbacher Thale sieht man noch im großen Stollenwald die Trümmer einer alten Burg; am Eingang des Thales aber erhebt sich links das Schloß Staufenberg. Von jener alten Burg geht folgende Sage:

Einst wohnte ein Amtmann zu Staufenberg, der hatte einen Sohn, Namens Sebald. Dieser liebte den Vogelsang und begab sich im Herbst oftmals an den Fuß des großen Stollenwaldes, um Maisen zu kloben. Da hört’ er einmal vom Berg herab so lieblich singen, daß er hinauf ging, um zu sehen, was es wäre. Auf dem Gipfel des Stollenberges ward er in einem Gebüsche ein wunderschönes Weib gewahr, das zu ihm sagte: „Erbarme dich meiner und erlöse mich; ich bin verwünscht, und harre seit langer Zeit auf dich; erhöre meine Bitte, du darfst mich nur dreimal dreifach küssen, so bin ich erlöst.“ Sebald fragte sie, wer sie denn sey? und sie gab zur Antwort: „Ich bin Himmel-Stollens Tochter, und heiße Melusine;[1] ich habe einen großen Brautschatz, und wenn du mich erlösest, so bin ich und der Schatz dein eigen. Du mußt mich drei Morgen nach einander, um neun Uhr in der Frühe, auf beide Wangen und auf den Mund küssen, dann ist die Erlösung vollbracht. Fürchte dich nicht, besonders nicht am dritten Tag.“ Sebald betrachtete Melusinen, die aus dem Busche hervorkam, sehr genau. Sie war blond, hatte blaue Augen und ein schönes Angesicht, aber an ihren Händen keine Finger, sondern eine trichterartige Höhlung, und statt der Füße einen Schlangenschwanz. [33] Sebald gab ihr die ersten drei Küsse, worüber Melusine sehr froh war und ihn bat, am zweiten und dritten Tag wieder zur rechten Zeit da zu seyn. Sie kroch in ihren Busch zurück und sang: „Komm und erlöse deine Braut, – hüte dich wohl, zu erschrecken,

Sebald, nimm dich wohl in Acht!
Einmal war es recht gemacht.“

Da versank sie rasch in die Erde und Sebald ging heim. Am andern Tage kam er zur rechten Zeit wieder in den Stollenwald und hörte sie auf der Höhe singen. Dieses Mal hatte sie Flügel und einen Drachenschweif, aber Sebald nahte sich ohne Furcht und gab ihr die drei anderen Küsse. Sie sang ihm wieder dankbar zu, wie am ersten Tage und bat ihn, wieder zu kommen, worauf sie abermals in die Erde verschwand. Sebald konnte die Nacht über nicht ruhen und ging früh wieder in den Stollenwald und hörte Melusinens Lied, wie an den vorigen Tagen. Aber diesmal hatte sie einen Krötenkopf und der Drachenschwanz umschlang furchtbar ihren Leib. Es grauste Sebalden vor dieser giftigen Gestalt und er sprach zu ihr: „Kannst du dein Antlitz nicht entblößen, so kann ich dich nicht küssen.“ „Nein!“ rief sie, und streckte mit einem lauten Schrei ihre Arme nach ihm. Die Angst ergriff den Sebald, er sprang den Berg hinab und gerade schlug es neun Uhr, als er im schnellsten Lauf in der Burg bei seinem Vater ankam und Diesem erzählte, was ihm begegnet war. Er ward jedoch über seine Furchtsamkeit von dem Vater gescholten, der die Geschichte zum ewigen Angedenken aufschreiben ließ, wodurch sie bis auf den heutigen Tag bekannt ist.

So vergingen zwei Jahre. Sebald besuchte nicht mehr den Stollenwald und dachte wohl manchmal daran, daß er die Melusine betrogen habe. Doch war ihm seitdem nichts geschehen. Als er nun den Dienst seines Vaters bekommen sollte, so sah sich dieser um eine Frau für seinen Sohn um, und gab ihm die Tochter eines Amtsvogtes. Bei der Hochzeit im Schlosse Staufenberg war Alles recht fröhlich am Tische, als auf einmal die Decke des Saales einen Spalt bekam, woraus ein Tropfen in den Teller Sebalds fiel, der, ohne dies zu wissen, von der Speise aß, augenblicklich aber todt niedersank. Man sah zu gleicher Zeit einen [34] kleinen Schlangenschweif sich in die Decke zurückziehen. Noch ist die Geschichte in Stein gehauen auf dem Staufenberg zu sehen.

(Nach mündlicher Ueberlieferung mitgetheilt von Bernhard Baader in Mone’s „Anzeiger für Kunde der teutschen Vorzeit.“ Jahrg. 1834. S. 88)

  1. Ein Ritter Hans Stoll von Staufenberg kommt in Sachs’ Bad. Gesch. II. 246, vor.