Menagerie-Bilder

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Autor: Heinrich Leutemann
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Titel: Menagerie-Bilder. Nr. 5. Von den großen Katzen
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 18, S. 284–286
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1863
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Menagerie-Bilder.
Nr. 5. Von den großen Katzen.

Noch ehe ein Kind lesen lernt, weiß es gewöhnlich schon, daß der Löwe der König der Thiere ist, und diesen König baldmöglichst einmal zu sehen, ist daher jedenfalls ein ganz gerechtfertigter Wunsch. Aber auch selbst dem Erwachsenen ist dieses berühmte Thier ein so anziehendes, daß es ganz begreiflich ist, wenn, wo in einer Menagerie der Löwe fehlt, dies als eine große Lücke und als eine wesentliche Beeinträchtigung des Geschäfts betrachtet wird. Selbst die zoologischen Gärten können in dieser Hinsicht dem Strom nicht gut widerstehen. In Dresden z. B. sah man sich, obgleich noch gar kein Raubthierhaus erbaut war, im vorigen Jahre genöthigt, ein Paar Löwen anzukaufen, nur um den ewigen Nachfragen, „wo denn die Löwen seien,“ genügen zu können. Neben den Löwen sind es natürlich nun auch die Tiger, Leoparden, die gräßlichen Hyänen,

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Mars und Diana.

überhaupt die gefährlichen Thiere, welche in einer Menagerie die meiste Anziehungskraft auf die Menge ausüben, und deshalb sieht man diese auch am allerhäufigsten. Von den großen katzenartigen Raubthieren soll nun diesmal Einiges erzählt werden, natürlich ohne daß es dabei auf eine Bereicherung der Naturgeschichte abgesehen ist.

Die ersten Löwen, welche ich sah, waren die der großen Aken’schen Menagerie. Der größte, der berühmte Nero, befand sich mit einer prächtigen Tigerin in einem Käfig, und der von diesen beiden abstammende Bastard, von welchem ich später erzählen werde, war lange Jahre nachher noch in der Kreuzberg’schen Menagerie zu sehen. Ein anderer in der Menagerie selbst geborener, ausgewachsener Löwe hieß Wilhelm, und er wurde sogar besungen; ich erinnere mich, daß in der Bude gedruckte Gedichte auf diesen Löwen feilgeboten wurden. Wie man es in der Aken’schen Menagerie außerordentlich verstand, Alles recht anziehend für das Publicum zu gestalten, so geschah es auch mit den großen Raubthieren. Es gab Tage, wo die Fütterung derselben nur mit lebenden Thieren geschah, was grausam erscheint, es aber eigentlich nicht ist, da dadurch die Raubthiere sich besser erhalten, indem sie eben von der Natur darauf angewiesen sind. Vor der Fütterung nun wurden aber gewöhnlich eine Anzahl mehr als armstarker Pfähle hereingebracht und damit an die Käfige geschlagen. Die Löwen, schon durch die Erwartung des Futters erregt, geriethen dadurch in die größte Wuth, packten mit Zähnen und Klauen das Holz und rissen, ihren Grimm daran auslassend, dasselbe in Nu zu Splittern auseinander. Noch heute wundert es mich, daß sie sich dabei nicht verwundeten, wenigstens habe ich niemals Etwas davon bemerkt.

Als die Aken’sche Menagerie eingegangen war, dauerte es einige Zeit, ehe wieder neue, d. h. größere, auftauchten, und es war fast, als wenn auch die Löwen kleiner gerathen wären. Der erste Löwe, der mir aus dieser Zeit wieder lebhaft erinnerlich ist, wurde dies auch mehr dadurch, daß ich ihn häufig zeichnete, als daß er sich auszeichnete. Er befand sich in der damals blühenden Schreier’schen Menagerie, derselben, welche die erste Giraffe nach Deutschland brachte. Dieser Löwe lebte mit einem kleinen Hunde zusammen, und wenn Diana sich auf Mars, so hieß der Löwe, gelegt hatte und beide ihr Schläfchen hielten, so war das ein ganz reizender Anblick, wenn nur der Löwe nicht gar so griesgrämlich ausgesehen hätte. Er gehörte zu der Race, bei welcher die Schultern und der Bauch nicht mit langen Haaren bewachsen sind, und welche sich wieder in eine lebhaft gefärbte und eine mehr graugelbe Race zu theilen scheint.

Die Abwartung der Thiere in dieser Menagerie wurde hauptsächlich von zwei Wärtern, einem Tyroler, Brandel, und einem Italiener, Angelo, besorgt, der eine rothblond, der andere kohlschwarz, von Haaren nämlich. Der Tyroler war es auch, welcher in den Käfig des Löwen ging und dessen Dressur, welche einfach genug war, zeigte, wobei der Hund ganz still in einer Ecke saß. Als ich einst diesen Thierbändiger zeichnete (denn er trug einen fußlangen Bart, was mir sehr malerisch erschien), frug ich ihn, wie es ihm zu Muthe gewesen, als er das erste Mal in den Käfig des Löwen hinein gegangen sei. Da gestand er mir, daß er bei dieser Gelegenheit nicht ganz nüchtern gewesen, da er, weil das zureden seines Herrn nicht hinreichend gefruchtet, zur Erhöhung seines Muthes zum Spiritus seine Zuflucht genommen habe. Es sei aber Alles gut abgegangen. Wahrscheinlich hatte er sich als großer Thierbändiger [285] seit dieser Zeit auch den Bart wachsen lassen, was aber seiner Gemüthlichleit keinen Eintrag gethan hatte.

Daß junge Thiere, wenn sie in einer Menagerie geboren worden sind, hauptsächlich das Publicum anziehen, versteht sich von selbst, und am meisten ist dies natürlich mit Löwen der Fall. Um möglicherweise Junge zu erzielen, und weil die Geselligkeit überhaupt den Thieren zuträglicher ist, haben es die Menageriebesitzer gern, wenn sie Löwe und Löwin zusammen in einem Käfig haben können, aber dieses Zusammenlassen, wenn die Thiere nicht aneinander gewöhnt sind, glückt nicht immer. Ich war einst Zeuge, als man in der frühern Preußer’schen Menagerie einen solchen Versuch machte. Der Löwe und die ihm bestimmte Gattin waren Nachbarn, hatten sich aber noch nie gesehen. Es wurde

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Das südafrikanische Ehepaar.

Anstalt gemacht, aus der die beiden Thiere trennenden Käfigwand das oberste Bret herauszunehmen, um den Beiden zunächst Gelegenheit zu geben, sich sehen zu können, und die Löwin, welche den Zweck der Arbeit sehr wohl zu begreifen schien, nahm großen Antheil an dem Fortschritt derselben und schien überhaupt lebhafte Sehnsucht nach dem von ihr wohl gerochenen Bräutigam zu hegen. Derselbe war aber keineswegs in bräutlicher Stimmung, unwillig saß er in einer Ecke und gab seinen Aerger über die Störung durch Knurren deutlich zu erkennen. Jetzt ward das Bret herausgezogen, die Löwin stellte sich aufrecht, um nach dem Löwen zu schauen, aber kaum ward dieser sie gewahr, als er brüllend und mit einem Satze auf sie losstürzte. Zwar wurde er schnell zurückgetrieben, aber es war zu spät, die Löwin hatte in der Vordertatze eine tiefe klaffende Wunde, welche ihr die Klaue des Löwen geschlagen hatte. Bitter enttäuscht stand sie da auf drei Beinen, die verwundete Tatze schüttelnd, so daß das Blut auf meine noch jetzt andächtig aufgehobene Zeichnung spritzte, während der Löwe grollend und in höchster Aufregung in seinem Käsig umherraste. Der Versuch war mißlungen, und noch mehrere Tage lang sah ich die Löwin in ihrem Käfig liegen und ihre Wunde eifrig lecken, die indeß bald wieder heilte.

Wenn dieser Vorfall beweist, daß nicht Alles sich liebt, was Löwe heißt, so kann man doch auch wieder sehen, daß, wenn solche Thiere einmal an einander gewöhnt sind, sie gewöhnlich große Zuneigung zu einander hegen, selbst wenn dabei kein Gattenverhältniß im Spiele ist. Schon das Verhältniß zu einem etwa mit eingesperrten Hunde gestaltet sich stets zu einem freundschaftlichen, wenn derselbe einmal in Gnaden angenommen worden ist.

Bei jungen, noch nicht abgestumpften Löwen tritt die erwähnte Anhänglichkeit am deutlichsten hervor. In der Menagerie eines Herrn Liphard befanden sich auch zwei junge, südafrifanische Löwen, offenbar Brüder und Zwillinge. So ungebehrdig und wild diese herrlichen Thiere sich sonst gegen Jedermann, Herrn Liphard ausgenommen, benahmen, so zärtlich waren sie selbst gegen einander. Oft kam es vor, daß der eine sich platt vor den andern hinlegte und dann die Beiden, indem sie sich gegenseitig die Schnauzen beleckten, sich förmlich zu küssen schienen. Auch im Liegen und Ruhen hielten sie sich oft wie innig umschlungen, was bei solchen gewaltigen Thieren einen sehr eigenthümlichen Eindruck machen mußte.

In der rührendsten Weise ist mir aber diese Anhänglichkeit in einem Fall vorgekommen, der mir in der That dadurch unvergeßlich geworden ist, obgleich er auch an sich von dem, was man in Menagerien gewöhnlich beobachten kann, gänzlich abweicht. Es war die schon erwähnte Schreier’sche Menagerie, als sie, wie gewöhnlich, nach dem Tode des Gründers ihrer Auflösung entgegenging, in welcher zur Zeit, wo sie sich in Stuttgart befand, zwei hübsche junge Löwen zusammen in einem Käfig gezeigt wurden, Männchen und Weibchen. Damals waren die Thiere noch beide ganz gesund und überhaupt fast nicht zu unterscheiden, da die Mähne des Männchens [286] kaum die ersten Anfänge zeigte. Einige Zeit darauf sah ich die Menagerie und diese Löwen in Leipzig wieder, aber leider das Männchen sehr verändert. Zwar hatte sich seine Mähne etwas entwickelt, aber das ganze Thier war diesmal wirklich ein Krüppel geworden; der Rücken war krumm, die Vorderbeine waren nach außen gekrümmt, wie die eines Dachshundes, und die sonst so schöne Haltung des Löwen war in eine gebückte, lebenssatte umgekehrt. Ich will sein Aussehen nicht weiter beschreiben, es war zu traurig, und natürlich konnte wohl nur die enge Käfighaft die Hauptursache dieses Zustandes sein, wenngleich die Löwin gesund und kräftig geblieben war. Dies mochte auch des damals als Major-Domus fungirenden Wärters Angelo Ansicht sein, und um dem Löwen mehr Gelegenheit zur Bewegung zu geben, entschloß er sich, das kranke Thier aus dem Käfig heraus und – auf den ersten Platz zu nehmen. So kam es, daß, als ich eines Morgens in die Menagerie kam, ich zu meinem Schrecken auf dem sonst ganz leeren ersten Platz den Löwen kauern sah, blos an einen Strick gebunden. Der hinzukommende Angelo beruhigte mich aber gleich und führte mich an der Hand bis dicht an den Löwen hin. In der That fiel es dem armen Thier nicht ein, Jemandem etwas zu Leid zu thun, er versuchte höchstens einige Schritte zu machen, um sich ächzend gleich wieder hinzusetzen.

Das Rührendste nun dabei war die Löwin. Gerade ihrem bisher gemeinschaftlichen Käfig gegenüber war der Löwe angebunden, so daß sie ihn von ihrem Wagen herab immer vor Augen hatte: Dumpf und in ganz eigenthümlicher Weise knurrend ging sie unaufhörlich in ihrem Behälter auf und ab, immer den Blick auf ihren armen Gefährten gerichtet. Manchmal blieb sie stehen, um, den Kopf an das Gitter gedrückt, ihre Augen noch mehr auf dem fast Halbtodten haften zu lassen. Es schien, als wäre ihr erst jetzt das Bewußtsein seines traurigen Zustandes gekommen, da sie ihn in fast völliger Freiheit sah und doch außerstand, dieselbe zu benutzen. Sie wollte brüllen, aber es blieb ein bloßes Stöhnen, kurz das ganze Benehmen des Thieres zeigte eine solche Theilnahme an dem Zustande des Gefährten und zugleich eine solche Sehnsucht, wieder mit ihm zusammen zu sein, daß ich über diesen Anblick fast vergaß, in wessen Nachbarschaft ich mich befand. Der Zustand des Löwen war übrigens ein unrettbarer. Zwar gab sich Angelo alle Mühe mit dem Thier und führte es, wie er mir erzählte, in der Nacht sogar im Freien umher; der Löwe wird aber wohl bald verendet sein.

Von dieser traurigen Scene mich trennend, will ich mich dem Löwenpaar zuwenden, dessen Portraits diesen Zeilen beigedruckt sind. Es waren dies zwei in der Kreuzbergschen Menagerie befindliche prachtvolle Thiere von wahrhaft königlicher Haltung und ungebrochenem Muth. Eine fast ganz schwarze nur an den Backen hellere Mähne bedeckte nicht blos Hals, sondern auch Schultern des Männchens, sich dann noch breit am Bauch desselben hinziehend; es ist dies die Tracht der südafrikanischen Race. Und doch, sollte man es meinen, erschien dieser Löwe, bei aller Pracht seiner imposanten Erscheinung, einmal in einer höchst komischen Situation. Es geschah dies bei der Reinigung des Käfigs. Bei derselben dient ein langstieliger Besen, dessen Handhabung auch der Löwe gewöhnlich ruhig mit ansah. Einmal fiel es ihm aber doch ein, die Sache nicht zu dulden. Mit einem Sprunge packte er den Besen und riß ihn dem Wärter aus der Hand. Sehr oft zersplittern in einem solchen Fall die Thiere den eroberten Gegenstand; unser Löwe aber, als er sah, daß man ihm den Besen wieder abjagen wollte, nahm denselben in den Rachen und wandelte nun mit stolzerhobenem Haupte, seinen Besen im Maul und mit demselben überall anstoßend, unaufhörlich im Käfig hin und her, so daß über diesen komischen Anblick selbst das Menageriepersonal, welches sonst nicht sehr empfänglich für dergleichen ist, herzlich lachen mußte. Später, als er den Beweis hinreichend geliefert hatte, daß er sich die freie Verfügung über den Besen gewahrt, ließ er sich denselben gutwillig wieder abnehmen.

Wie überhaupt im Leben das Tragische und Lächerliche oft hart nebeneinander liegt, so ist es auch hier. So erinnere ich mich einer gleichfalls sehr komisch abgelaufenen Begebenheit in der Liphard’schen Menagerie, wenn auch da die Löwen nicht selbst die komische Rolle spielten. Von zwei sehr schönen, einer seltenen Art angehörigen, langschwänzigen Papageien war der eine aus seinem Bauer entflohen und flog nun in der Bude umher. Ich war ganz allein und rief schnell den Wärter, aber gerade in demselben Augenblick, als derselbe herbeikam, flog der Papagei an das Gitter der beiden südafrikanischen Löwen, welche, erst ruhig daliegend, sofort auf den Vogel losstürzten. Dieser ließ aber schnell genug das Gitter los und rettete sich auf das davor angebrachte Bret, an welchem die Lampen aufgehängt wurden, während die Löwen dastanden und ihn gierig anglotzten. Der Wärter, um nun den Papagei zu fangen, stieg langsam, damit er den Vogel nicht verscheuche, auf die Schranke, welche den ersten Platz von den Thieren trennt, und ich hielt ihn dabei. Leise richtete er sich auf, streckte den Arm aus und plötzlich packte er den Papagei fest am Schwanz. Er hielt ihn auch wirklich ganz fest – den Papageischwanz nämlich, während der Vogel selbst, der wahrscheinlich wußte, daß derselbe ihm wieder wachsen würde, kreischend und unbeschwänzt fortflog, wobei er einer ganz andern Art anzugehören schien. Die nachschauenden Löwen, das verblüffte Gesicht des jugendlichen Wärters und das sehr lebhafte des eintretenden Herrn Liphard bildeten dabei eine sehr interessante Abwechselung.

Ich sprach schon im Eingang von den zwei Löwen, welche man im vorigen Jahre für den Dresdener zoologischen Garten kaufte, um nur das Publicum zu befriedigen. Dieselben gehörten zu einer Sammlung blos afrikanischer Thiere, welche Herr Casanova, der Besitzer des früheren in Moskau abgebrannten Affentheaters, persönlich aus Afrika geholt hatte. Außer Giraffen, einer Masse gefleckter Hyänen, einem echten afrikanischen Elephanten (dem ersten nach Deutschland gekommenen), vielen Leoparden etc. fehlten auch Löwen nicht, und zwar waren es lauter junge Thiere. So war ein noch ganz kleiner Löwe, als Herr Casanova auch in Leipzig sich aufhielt, mit einem noch kleineren Leoparden und vier etwas größern Hyänen zusammengesperrt. Es war immer Krieg unter der Gesellschaft, und zwar hielten es Löwe und Leopard miteinander. Dem letzteren, dem das Kauen noch sehr schwer wurde, wollten die Hyänen immer sein Fleisch entreißen, wobei aber der junge Löwe kräftig für den Bedrohten eintrat. Das kreischende, widerwärtige Geschrei der Hyänen, vermischt mit dem Knurren ihrer Feinde, bildete dabei eine schauerliche Musik.

L.