Menippus oder das Todtenorakel

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Autor: Lukian von Samosata
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Titel: Menippus oder das Todtenorakel
Untertitel:
aus: Lucian’s Werke, übersetzt von August Friedrich Pauly, Drittes Bändchen, Seite 286–305
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum: 2. Jahrhundert
Erscheinungsdatum: 1827
Verlag: J. B. Metzler
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Erscheinungsort: Stuttgart
Übersetzer: August Friedrich Pauly
Originaltitel: Μένιππος ἢ Νεκυομαντεία
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
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Kurzbeschreibung:
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[286]
Menippus oder das Todtenorakel.[1]
Menippus und Philonides.
1. Menippus.

Sey mir gegrüßt, du heimathliches Dach; zurück
An’s Licht gekommen seh’ ich mit Entzücken dich [2]

Philonides. Wie? Ist das nicht Menippus, der Hund? Wahrhaftig! er ist’s und kein Anderer, der leibhafte Menippus! Was will er aber mit diesem seltsamen Aufzug, mit dem Reisehut, der Leier und der Löwenhaut? Ich muß doch zu ihm hingehen. Willkommen, Menippus, woher des Wegs? Du hast dich schon lange nicht mehr in der Stadt sehen lassen.

Menippus.

Ich komme aus dem finstern Thor der Todtentkluft,
Wo, von den Göttern ferne, Pluto thront.[3]

[287] Philonides. Hercules! Menippus wäre also, ohne daß wir es wüßten, gestorben, und kehrt nun wieder in’s Leben zurück?

Menippus.

Gestorben nicht, beseelt noch nahm mich Hades auf.

Philonides. Und der Grund zu dieser seltsamen und abentheuerlichen Reise war –?

Menippus.

Mich trieb der Jugend unbedachter kecker Muth[4].

Philonides. So höre doch einmal auf, im hochtragischen Tone zu sprechen, mein Bester: steige von den Stelzen der Jamben herab, und sage mir ganz einfach, was soll dieser Anzug? Wozu die Reise in die Unterwelt? Denn nur so zum Vergnügen wird wohl Keiner den unlustigen Weg machen.

Menippus. O Geliebter,

– – mich führte die Noth herab in Aïdes Wohnung,
Um des Thebischen Greises Tiresias Seele zu fragen[5].

Philonides. Höre du, du bist wahrhaftig nicht bei Troste. Wie würdest du sonst mit deinem guten Freunde beständig in Versen sprechen?

Menippus. Wundere dich darüber nicht, mein Lieber! Ich komme so eben von Euripides und Homer, wo ich ohne zu wissen, wie es zugieng, so sehr mit Versen angefüllt worden bin, daß sie mir jetzt noch unwillkührlich in den Mund kommen.

[288] 2. Aber sage mir auch, wie steht’s bei euch auf der Oberwelt? Was machen sie in der Stadt?

Philonides. Es gibt eben nichts Neues: die Leute treiben’s, wie von jeher: sie stehlen, schwören falsche Eide, wuchern und schinden und schaben.

Menippus. Die armen, bedauernswürdigen Leute! Sie wissen noch nicht, welche Beschlüsse ganz neuerlich von den Unterirdischen zum Nachtheile der Reichen gefaßt worden sind, Gesetze, denen sich die Letztern, so wahr Cerberus lebt, auf keine Weise werden entziehen können.

Philonides. Was sagst du? Die Unterirdischen hätten Verordnungen gegen die Bewohner der Oberwelt gemacht?

Menippus. Ja, beim Jupiter, und mehr als eines: allein ich darf nicht öffentlich davon sprechen und die Geheimnisse der Unterwelt verrathen, sonst könnte eine Klage gegen mich wegen Verletzung des Heiligen bei Rhadamanthus anhängig gemacht werden.

Philonides. Nicht doch, Menippus: theile immer einem guten Freunde mit, was du weißt. Du sprichst mit einem Manne, der schweigen kann und die Weihe hat.

Menippus. Du verlangst da eine Gefälligkeit von mir, die mir gefährlich werden könnte, Freund! Doch, weil du es bist, will ich es wagen. Es ward also beschlossen, daß die reichen Knauser, welche ihr Gold, wie Acrisius seine Danaë, hinter Schloß und Riegel bewachen – –

Philonides. Halt, mein Lieber, erzähle mir von diesem Beschluß nicht eher, als bis du mir, was ich zu hören am meisten begierig bin, gesagt haben wirst, was dir den Gedanken zu dieser Reise eingab, und wer dabei dein [289] Führer war. Sodann erzähle mir alles, was du dort unten gesehen und gehört hast: denn ich darf von einem so wißbegierigen Manne wohl vermuthen, daß er nichts hörens- und sehenswürdiges wird vorbei gelassen haben.

3. Menippus. Ich muß dir nun schon auch hierin zu Willen seyn. Wer könnte auch der Nöthigung eines so guten Freundes widerstehen? Vor allen Dingen will ich dir also sagen, wie der Entschluß bei mir entstand, das Schattenreich zu besuchen, und welche Absicht ich dabei hatte. In meinen Knabenjahren las ich bei Homer und Hesiod gar viel von Kriegen und Streitigkeiten der Halbgötter und sogar der Götter selbst untereinander, von ehebrecherischen Buhlschaften derselben, von Gewaltthaten, Räubereien, Rechtshändeln, und wie der Sohn den Vater vom Throne jagte, Geschwister sich heiratheten und dergleichen. Alle diese Dinge nun erschienen mir ganz löblich, und es kitzelte mich nicht wenig, in Aehnlichem mich zu versuchen. Als ich aber zum Manne heranreifte, hörte ich, wie die Gesetze ganz anders, als die Dichter, sprachen: man solle nicht stehlen, nicht ehebrechen, keine Händel anfangen und dergl. Da war ich nun in großer Verlegenheit, und wußte nicht mit mir selbst Eins zu werden. Einmal dachte ich, die Götter würden doch gewiß sich keine Buhlereien und Streitigkeiten erlauben, wenn sie nicht wüßten, daß sie recht daran thun. Andererseits aber würden doch die Gesetzgeber nicht das Gegentheil vorschreiben, wenn sie nicht überzeugt wären, daß es so nützlich ist.

4. In dieser Rathlosigkeit hielt ich’s für’s Beste, zu den sogenannten Philosophen meine Zuflucht zu nehmen, mich ihnen ganz und gar zu übergeben, und sie zu bitten, mir einen [290] geraden und sichern Lebensweg zu zeigen. Ich hätte mir freilich nicht träumen lassen, daß ich, wie das Sprüchwort sagt, aus dem Regen in die Traufe kommen würde. Allein, kaum hatte ich mich näher mit ihnen bekannt gemacht, als ich hier erst Unwissenheit und Ungewißheit in Fülle fand, so daß die Handlungsweise des gemeinen Mannes mir eine goldene Richtschnur im Vergleiche mit derjenigen zu seyn schien, welche mir jene Philosophen vorzeichneten. Der Eine derselben lehrte, die Lust wäre der Inbegriff aller Glückseligkeit: um diese hätte man sich einzig und allein, und auf alle Weise zu bemühen. Ein Anderer behauptete, Mühe und Arbeit sey das Höchste; man müsse den Leib zähmen, Schmutz und Unsauberkeit nicht achten, und recht ungefällig und grob gegen die Leute seyn: dabei leyerte er einem unaufhörlich die abgedroschene Stelle des Hesiod[6] von dem Schweiße und dem mühevollen Pfade vor, der zur Höhe der Tugend führe. Wieder ein Anderer gebot, das Geld zu verachten, und seine Besitz für etwas Gleichgültiges zu halten. Ein Vierter aber suchte zu zeigen, daß auch der Reichthum unter die Güter zu zählen sey. Ihre Meinungen über das Weltall mag ich gar nicht erwähnen, da ich die Ausdrücke Ideen, unkörperliche Dinge, Atome, leeren Raum und einen ganzen Schwarm ähnlicher Worte tagtäglich und so bis zum Ueberdruß oft zu hören bekam, daß mir ganz übel ward. Das Allertollste aber war, daß sie die entgegengesetztesten Behauptungen aufstellten, und Jeder für die seinige so siegreiche und überzeugende Gründe vorzubringen wußte, daß, wenn [291] der Eine behauptete, dieser Gegenstand ist warm, und der Andere, er ist kalt, man weder dem Einen noch dem Andern widersprechen konnte, so gewiß man wußte, daß ein und dasselbe Ding zu einer und derselben Zeit nicht warm und kalt zugleich seyn kann. Mir gieng es dabei wie einem Schlafenden, der bald auf diese, bald auf jene Seite nickt; so gab ich bald Diesem, bald Jenem meinen Beifall.

5. Nicht minder ungereimt fand ich, was ich bei genauerer Aufmerksamkeit auf diese Philosophen entdeckte, daß sie nämlich im Leben gerade auf das Entgegengesetzte von dem ausgehen, was sie in ihren Vorträgen anpreisen. So sah ich, daß die, welche die Verachtung des Geldes predigten, wie Kletten daran hiengen, mit ihren Schuldnern wegen der Zinsen Rechtshändel anfiengen, in ihrer Weisheit nur um Lohn unterrichteten, und um des Gewinnes willen sich Alles gefallen ließen. Und Solche, die den Ruhm verwarfen, zielten mit allen ihren Reden und Handlungen darauf hin, sich welchen zu erwerben. Fast Alle waren Ankläger der Wollust, und im Stillen war Jeder der Wollust einzig und allein ergeben.

6. Es gieng mir zwar nun zu Herzen, mich auch in dieser Erwartung getäuscht zu sehen; doch tröstete mich allmählig der Gedanke, nicht der Einzige zu seyn, der des Wahren unkundig im Finstern wandelt, sondern dieß Loos mit vielen weisen, und ihrer Einsicht wegen hochberühmten Männern zu theilen. Da kam mir einsmals, als ich in einer schlaflosen Nacht über dieser Sache brütete, der Gedanke, mich nach Babylon zu begeben, und dort einen der Magier, der Schüler des Zoroaster und Erben seiner Weisheit, um [292] seinen Beistand anzugehen. Ich hatte nämlich gehört, daß die Magier mit Hülfe gewisser Zauberformeln und mysteriöser Ceremonien die Pforten des Schattenreichs zu öffnen, und welchen sie wollten, sicher hinunterzuführen, und eben so wieder heraufzugeleiten vermöchten. Am zweckmäßigsten glaubte ich also zu verfahren, wenn ich durch einen dieser Zauberer mich in den Stand setzen ließe, diese Fahrt zu machen, und den Tiresias aus Böotien besuchte, um von diesem weisen Propheten mir sagen zu lassen, welchen Lebensweg ein verständiger Mensch als den besten zu erwählen hätte. Gedacht, gethan. Ich machte mich rasch auf die Beine, und lief, was ich konnte, geradeswegs nach Babylon. Kaum dort angekommen, traf ich mit einem weisen Chaldäer, Namens Mithrobarzanes, zusammen, einem Manne von geheimer, übermenschlicher Wissenschaft, dem sein eisgraues Haupt und sein langer Bart ein sehr ehrwürdiges Aussehen gaben. Diesen brachte ich mit vieler Mühe und nach langem Bitten dazu, mein Wegweiser zu seyn, wobei ich ihm freistellte, einen Lohn zu fordern, welchen er wollte.

7. Der Magier fieng nun damit an, daß er mich neun und zwanzig Tage lang, vom Neumond an gerechnet, jedesmal Morgens vor Sonnenaufgang an den Euphrat führte und abwusch, indem er mit dem Gesichte gegen Osten gekehrt ein langes Gebet hersagte, wovon ich übrigens nicht viel verstanden habe. Denn er haspelte es, wie die schlechten Ausrufer in den Kampfspielen thun, in einem undeutlichen und leyernden Tone ab; nur war es mir, als ob er damit gewisse Geister citirte. Wenn nun diese Formel beendigt war, so spuckte [293] er mir dreimal in’s Gesicht; und nun gieng es wieder nach Hause, ohne daß mir erlaubt war, unter Weges einen Menschen anzusehen. Während dieser Zeit lebten wir bloß von Baumnüssen, Milch, Wassermeth und Wasser aus dem Flusse Choaspes, und schliefen unter freiem Himmel auf einem Rasenplatze. Nachdem ich nun durch diese Casteiungen gehörig vorbereitet war, führte er mich um Mitternacht an den Tigris, reinigte mich abermals mit Wasser, trocknete mich hierauf ab und umkreisete mich mehrmals mit einer Kienfackel, einer Meerzwiebel und verschiedenen andern Dingen, während er beständig jene Beschwörungsformel zwischen den Zähnen murmelte. Wie er mich so mit seinem Zauber um und um geweiht hatte, damit mir die gespenstischen Erscheinungen nichts anhaben möchten, führte er mich rücklings wieder nach Hause, um uns nun zur Fahrt selbst anzuschicken.

8. Er selbst legte ein magisches Gewand an, das viele Ähnlichkeit mit der Tracht der Medier hatte: mich rüstete er mit diesem Hute, diesem Löwenfelle und dieser Leyer aus, und befahl mir, wenn man mich nach dem Namen fragen sollte, mich nicht Menippus, sondern Hercules, Ulysses oder Orpheus zu nennen.

Philonides. Warum das, Menippus? Ich sehe weder von diesem Aufzuge, noch von diesen Namen einen Grund ein.

Menippus. Und doch ist der Grund sehr einleuchtend und nichts weniger als geheimnißvoll. Denn da jene drei schon vor uns einmal lebendig in die Unterwelt hinabgestiegen waren, so glaubte mein Magier, ich würde, wenn ich mir ein ähnliches Aussehen gäbe, die Aufmerksamkeit des [294] Aeacus durch den ihm gewohnten Anblick des tragischen Aufzugs um so leichter täuschen und ungehindert durchpassiren.

9. Schon graute der Tag, als wir uns an den Fluß begaben und uns zur Abfahrt anschickten. Das Fahrzeug, die Opferthiere, den Wassermeth und alles Uebrige, was zu der geheimnißvollen Verrichtung erforderlich war, hatte der Alte schon in Bereitschaft. Alles das brachten wir nun in den Kahn, und

– – – – – – – selber hinein dann
Stiegen wir, herzlich betrübt, und häufige Thränen vergießend.[7]

Eine Strecke weit gieng es den Fluß hinab, bis wir in den sumpfigen See kamen, in welchen sich der Euphrat verliert. Jenseits desselben gelangten wir an ein einsames, waldigtes und düsteres Ufer. Wir stiegen an’s Land, und Mithrobarzanes gieng voran. Hierauf machten wir eine Grube, schlachteten die Schafe, und besprengten die Grube rings mit dem Opferblut. Während dieses Opfers hielt der Magier eine brennende Fackel in der Hand, und citirte, nicht mehr, wie sonst, mit halblauter Stimme, sondern, so stark er konnte, schreiend, die Genien des Todtenreichs insgesammt, die Strafgeister und Furien, die nächtliche Hecate

– – und die schreckliche Persephoneia[8]

herauf, denen er noch mehrere barbarische, vielsylbige und mir gänzlich unbekannte Namen beifügte.

10. Da gerieth Alles ringsumher in Aufruhr und Erschütterung: die Macht der Zauberformel machte die Erde [295] bersten; aus der Ferne ließ sich das Gebell des Cerberus vernehmen – der Spuck ward gräßlich.

Bang erschrak dort unten der Schattenfürst Aïdoneus.[9]

Nun erschien die ganze Unterwelt vor meinen Augen, der stygische See, der Feuerstrom und selbst der Pallast des Pluto. Wir stiegen hinab und trafen den Rhadamanthus halb todt vor Schrecken. Cerberus bellte zwar noch, und wollte sich gegen uns in Bewegung setzen: allein kaum hatte ich ein Paar Accorde auf meiner Lyra gegriffen, als ihn diese Töne augenblicklich besänftigten. So kamen wir bis an den stygischen See: aber es fehlte wenig, so wären wir nicht hinüber gekommen. Die Fähre war schon ganz angefüllt mit Todten, die erbärmlich zusammenheulten: es war ein Schwarm Verwundeter, die, wie ich vermuthe, aus einer Schlacht kamen; denn dem Einen war ein Bein, dem Andern der Kopf, dem Dritten ein anderer Theil des Körpers zerschmettert. Gleichwohl nahm mich der gute Charon, der mich wegen meines Löwenfells für Hercules hielt, noch in den Nachen auf, setzte mich mit aller Bereitwilligkeit über, und wies uns beim Aussteigen den Weg.

11. Als wir in dem finstern Raume waren, gieng Mithrobarzanes voran, ich aber folgte ihm auf dem Fuße nach, bis wir auf eine große mit Asphodil bewachsene Wiese kamen, wo uns die Schatten der Todten schwirrend umflatterten. Ein wenig weiter vorwärts gelangten wir an die Stelle, wo Minos auf einem hohen Stuhle saß und Gericht hielt. Neben ihm standen die Strafgeister, die Rachegenien [296] und die Furien. Von einer Seite her wurden eine Menge Gefangener an einer langen Kette geschlossen herbeigeführt, wie man mir sagte, lauter Ehebrecher, Hurenwirthe, Zollpächter, Schmarotzer, falsche Angeber, und wie die Schurken alle heißen, welche alle Ordnung in der Welt zerrütten. Von einer andern Seite kamen die Reichen und Wucherer heran, alle blaß, mit Hängebäuchen und podagrischen Füßen, Jeder mit einem Halseisen und einer centnerschweren Klammer belastet. Wir stellten uns in die Nähe, um zu sehen, was vorgieng, und hörten nun, wie sich die Angeschuldigten vertheidigten. Als ihre Ankläger trat eine ganz neue und seltsame Gattung von Rednern auf.

Philonides. Was für welche denn? Du wirst doch keinen Anstand nehmen, mir auch das zu sagen?

Menippus. Du kennst doch die Schatten, die sich von allen im Sonnenscheine befindlichen Körpern bilden?

Philonides. Freilich.

Menippus. Nun eben diese Schatten sind’s, die, wenn wir gestorben sind, Zeugniß gegen uns ablegen, und uns alles dessen überweisen, was wir im Leben gethan haben. Und sie gelten für um so glaubwürdiger, da sie immer um uns sind, und ihre Körper nie verlassen.

12. Minos schickte hierauf Jeden nach vorheriger sorgfältiger Untersuchung nach dem Orte der Gottlosen, um dort die verdiente Strafe seiner Verbrechen zu empfangen. Am schärfsten verfuhr er mit denen, welche, in übermüthigem Stolze auf Macht und Reichthümer auf Erden, beinahe göttliche Verehrung erwartet hatten. Das Großthun mit so vergänglichen Dingen, und die Aufgeblasenheit solcher Leute, [297] die nicht bedenken, wie hinfällig sie und ihre Güter sind, ist ihm ein Gräuel. Da standen sie nun, entkleidet aller jener glänzenden Außendinge, ihres Reichthums, ihres Adels, ihrer Herrschergewalt, hefteten die Blicke zur Erde, und überdachten noch einmal den Traum ihrer frühern Herrlichkeit. Ich hatte meine Lust an diesem Anblicke, und wo ich einen derselben im Leben gekannt hatte, diesem näherte ich mich ganz sachte, und erinnerte ihn, was er auf Erden gewesen, wie hoch er damals den Kopf getragen, wie viele Leute alle Morgen vor seiner Pforte gestanden, und sich alle Grobheiten von seinem Hausgesinde hätten gefallen lassen, um den Augenblick zu erwarten, wo er sich endlich mit Purpur, Gold und buntem Schimmer überdeckt vor ihnen sehen ließ, und diese Aufwartenden glückselig zu machen glaubte, wenn er ihnen seine Brust oder seine Hand zum Kusse darbot. Mit diesen und ähnlichen Reden ärgerte ich sie nicht wenig.

13. Ein einziges Mal hat jedoch Minos nach Gunst entschieden. Der Sicilische Despot Dionysius war von Dion vieler schwerer Verbrechen angeklagt worden, und auch sein Schatten hatte gegen ihn gezeugt, und es war schon an dem, daß er gebunden der Chimäre vorgeworfen werden sollte, als Aristipp aus Cyrene, der dort unten in großem Ansehen steht und sehr vielen Einfluß hat, herbeikam und ihn der Verdammniß durch die einzige Aussage entriß, Dionysius hätte sich um viele Gelehrte durch seine Freigebigkeit verdient gemacht.

14. So gut wir uns hier in der Nähe des Richterstuhles unterhielten, so giengen wir doch weiter, um auch den Ort der Strafen zu sehen. Hier, Freund, ist erst viel des [298] Jammers zu sehen und zu hören. Man vernimmt zu gleicher Zeit das Pfeifen und Klatschen der Geißelhiebe und das Gewinsel derer, die in den Flammen braten; man sieht Foltern, Marterhölzer, Räder; hier zerreißt Chimära, dort zerfleischt Cerberus die Unglücklichen. Hier bekommen alle Verbrecher ohne Unterschied ihr Theil, König und Knecht, Satrap und Bettler, Reiche und Arme. Da ist freilich Keiner, der nicht seine Frevelthaten bereute. Einige derselben, die erst kürzlich verstorben waren, kannten wir noch: allein sie wandten uns den Rücken und suchten sich zu verbergen; oder wenn sie uns ansahen, so geschah es mit der kriechenden Miene eines niederträchtigen Sclaven: und das waren eben diejenigen, welche sich im Leben auf eine so unverschämt hochmüthige Weise benommen hatten, von welcher du keine Vorstellung hast. Die Armen bekamen jedoch nur die Hälfte der Strafe zu erleiden, und durften von Zeit zu Zeit ausruhen, bis die Marter wieder von neuem angieng. Auch sah ich hier wirklich jene Verbrecher aus der Sagenzeit, den Ixion, den Sisyphus, den bejammernswürdigen Phrygier Tantalus, und den Erdensohn Tityus. Hercules! was der groß ist! einen ganzen Acker bedeckt er mit seinem ausgestreckten Körper.

15. Wir giengen auch hier vorüber und kamen nun in das Acherusische Feld: dort fanden wir die Halbgötter und die Heroïnnen und die ganze übrige Menge der Todten nach Völkern und Stämmen abgetheilt. Viele von ihnen waren alt, wie verschimmelt, und, mit Homer zu sprechen, ohnmächtige Schatten. Einige aber schienen noch frisch und ziemlich wohl erhalten, besonders, die Todten aus Egypten, denen das Einbalsamiren eine vorzügliche Dauerhaftigkeit gegeben hatte. [299] Allein die einzelnen Todten zu unterscheiden, war so leicht nicht: sie sind sämmtlich nackte Gerippe, die sich alle vollkommen ähnlich sahen. Nur mit Mühe und nach langem Betrachten konnten wir Einzelne erkennen. Sie lagen unscheinbar und ohne alle besondere Kennzeichen auf einem Haufen übereinander, und hatten auch keine Spur mehr von dem, was bei uns zur Schönheit gehört. Aus diesem Haufen übereinanderliegender Skelete also, von denen eines so furchtbar wie das andere die leeren Augenhöhlen wies und mit den unbedeckten Zähnen mich angrinste, war ich sehr in Verlegenheit, wie ich den Thersites und den schönen Nireus, den Bettler Irus und den Phäaken-König, den Koch Pyrrhias und Agamemnon herausfinden sollte. Da war auch kein einziges der alten Merkmahle mehr an ihnen zu sehen; Alle ohne Unterschied waren unkenntliche, charakterlose Knochengestalten.

16. Wie ich so diese Erscheinungen betrachtete, kam mir das ganze menschliche Leben wie ein großer festlicher Aufzug vor, dessen Vorsteherin und Anordnerin die Glücksgöttin ist, welche unter die aufziehenden Personen die mannichfaltigsten Rollen vertheilt. Der Erste Beste, den ihr der Zufall in die Hände spielt, wird von ihr als König ausstaffirt, bekommt eine Tiare auf den Kopf und ein Diadem um die Stirne, und wird mit einer Leibwache umgeben. Ein Anderer erhält die Sklaventracht: ein Dritter wird zum schönen Jüngling herausgeputzt; und weil das Schauspiel Mannichfaltigkeit haben soll, so muß sich der Vierte gefallen lassen, eine häßliche und lächerliche Figur vorzustellen. Oft läßt die Göttin mitten unter dem Aufzug selbst von Einigen die Masken wechseln, [300] ohne sie die zugetheilten Rollen zu Ende spielen zu lassen: da muß denn ein Crösus den Königsmantel ausziehen und die Tracht eines Sclaven und Kriegsgefangenen anlegen; ein Mäandrius, der bisher unter den Sclaven aufzog, bekömmt die Tyrannenrolle des Polycrates. Eine Zeitlang dürfen sie so den angewiesenen Charakter behalten. Hat aber der Aufzug sein Ende erreicht, so muß Jeder seine Maske und ganze Tracht sammt dem Körper zurückgeben, und ist nun wieder, wie zuvor, nicht mehr und nicht weniger als jeder seiner Nachbarn. Gleichwohl giebt es Narren unter ihnen, die, wenn die Göttin auf Zurückgabe des geliehenen Putzes dringt, sich beklagen und einen Lärm anfangen, als ob man ihnen ihr Eigenthum entrisse, während sie doch nur zurückgeben sollen, was ihnen auf eine kurze Zeit zum Gebrauch geliehen war. Gewiß hast du schon dasselbe auf der Schaubühne bemerkt, daß ein und derselbe tragische Schauspieler, nach Bedürfniß des darzustellenden Stücks, bald einen Creon, bald einen Priamus, bald einen Agamemnon aus sich machen muß, und wenn er eben einen Cecrops oder Erechtheus in majestätischer Haltung dargestellt hat, vom Dichter gleich darauf wieder als Sclave herausgeschickt wird. Ist das Schauspiel aus, so legt der Held den goldgestickten Mantel und die vornehme Maske ab, steigt vom Cothurn herab, und der Atride Agamemnon oder Creon, des Menöceus Sohn, wandelt nun wieder unter den Leuten als der arme, unbedeutende Polus, Charikles Sohn, aus Sunium, oder Satyrus, Theogiton’s Sohn, aus Marathon, herum. Eben so, dachte ich damals, verhält es sich auch mit dem menschlichen Leben.

[301] 17. Philonides. Aber sage mir einmal, Menippus: stehen denn diejenigen, welche auf Erden kostbare und erhabene Grabmähler, Denksäulen, Statuen und Aufschriften haben, dort unten nicht in größern Ehren als die gemeinen Todten?

Menippus. Possen! Hättest du nur den Mausolus gesehen, jenen Carier, der durch sein Grabmal weltberühmt geworden ist, ich bin gewiß, du wärest des Lachens nicht satt geworden; so armselig lag er in einem Winkel unter dem Haufen der übrigen Todten versteckt, ohne, wie ich glaube, von seinem Grabmahl einen andern Vortheil als den zu haben, daß er unter einer ungeheuren Last schmachtete. Aeacus mißt Jedem, mein Freund, seinen Platz zu, und da dieser auf’s Höchste einen Fuß in die Breite beträgt, so muß man sich, so gut es gehen will, damit begnügen, und sich im Liegen fein hübsch zusammenziehen! Aber noch mehr Spaß hättest du gehabt, wenn du gesehen hättest, wie unsere ehemaligen Könige und Satrapen dort betteln gehen, oder aus Dürftigkeit Salzfische verkaufen, oder das Abc lehren, und dabei gleich den verächtlichsten Sclaven von dem Ersten Besten sich Grobheiten aller Art und sogar Ohrfeigen gefallen lassen müssen. Als ich vollends den macedonischen König Philipp sah, konnte ich gar nicht mehr an mich halten: man zeigte mir ihn, wie er in einem Winkel zusammengekauert um’s Geld zerrissene Schuhe flickte. Noch viele andere große Herrn, als Xerxes, Darius, Polycrates, konnte man an den Scheidewegen stehen und betteln sehen.

18. Philonides. Freund, diese Schilderung der Könige ist mir ein Bischen zu toll und gränzt an’s Unglaubliche. [302] Sage mir lieber, was Socrates machte, und Diogenes, und wen du sonst von den Weisen sahest.

Menippus. Socrates? Nun der spaziert noch immer umher, und katechisirt Jeden zu Schanden, der ihm in den Weg kommt. Gewöhnlich sind Palamedes, Ulysses, Nestor und andere Schwätzer mit ihm zusammen. Wie ich ihn sah, waren ihm von seinem Schierlingstranke die Beine noch sehr aufgelaufen und angeschwollen. Unser vortrefflicher Diogenes aber hält sich immer in der Nähe von dem Assyrer Sardanapal, dem Phrygier Midas, und anderen solchen Goldmännern auf, wo er seine größte Lust daran findet, sie jammern und ihr vormaliges Glück überrechnen zu hören: bisweilen legt er sich auf den Rücken, und singt mit seiner rauhen, abscheulichen Stimme, so laut er kann, um ihr Geheul zu überschreien. Das kränkt denn diese Leute so sehr, daß sie wirklich darauf denken, in eine andere Gegend zu ziehen, um den unerträglichen Diogenes los zu werden.

19.[WS 1] Philonides. Genug hievon. Aber was ist denn das für ein Volksbeschluß, von welchem du anfänglich sagtest, daß er zum Nachtheile der Reichen gefaßt worden sey?

Menippus. Gut, daß du mich daran erinnerst. Ich wollte gleich anfangs davon reden, bin aber unvermerkt auf ganz andere Dinge zu sprechen gekommen. Während meiner Anwesenheit, in der Unterwelt also hatten die Gemeindehäupter eben eine Volksversammlung ansagen lassen, worin Angelegenheiten, das Gemeindewohl betreffend, verhandelt werden sollten. Die Todten strömten in Menge herbei. Ich mischte mich unter sie, und benahm mich sogleich als ein Mitglied dieser Versammlung. Nach mehreren Verhandlungen [303] über andere Gegenstände kam man endlich auch an die Reichen. Da wurden denn von vielen Seiten schwere Klagen vorgebracht über ihre Gewaltthätigkeit, ihre Anmaßung, ihre verächtliche und ungerechte Behandlung Anderer; am Ende erhob sich einer der Demagogen, und verlas folgenden

Gesetzesentwurf.

20. „In Anbetracht, daß die Reichen zu ihren Lebzeiten
„sich viele gesetzwidrige, gewaltthätige und räuberische
„Handlungen zu Schulden kommen lassen, insonderheit
„aber den Armen auf alle Weise mit Verachtung zu begegnen
„sich herausnehmen; als hat demnach Rath und
„Volk für gut befunden, daß nach dem Tode besagter Reichen
„ihre Leiber hinfüro gleichermaßen wie die der andern
„Uebelthäter gestraft, ihre Seelen hingegen wiederum in’s
„Leben zurückgeschickt werden, in Esel fahren, und solchergestalten
„zweihundert und fünfundzwanzig tausend
„Jahre lang verurtheilt seyn sollen, als Esel von Eseln
„geboren, Lasten zu tragen, und von den Armen sich treiben
„zu lassen, und daß solchen nicht eher, als nach Ablauf
„besagter Frist zu sterben vergönnet seyn solle.“

„Vorstehendes Gesetz hat in Antrag gebracht: Schädler,
„Knochenmanns Sohn, aus Todtenau, von dem Stamme
„der Abgestandenen.“

Nach Verlesung dieses Gesetzesentwurfs gaben die Behörden mittelst ihrer Stimmtafeln, die Gemeinde durch Händeaufheben ihre Beistimmung. Brimo brummte und Cerberus bellte dazu. Auf diese Weise erhalten, die dortigen Gesetzesvorschläge ihre Bestätigung und Gültigkeit. –

[304] 21. So viel von dieser Volksversammlung. Nun gieng ich, den Tiresias, wegen dessen ich eigentlich die Reise gemacht hatte, aufzusuchen, und fand in ihm ein altes, blindes und schmächtiges Männchen. Nachdem ich ihm mein Anliegen vorgetragen und ihn gebeten hatte, mir zu sagen, was die beste Art, zu leben wäre, lachte er und sagte mir mit seinem schwachen Stimmchen: „Mein Sohn, ich kenne die Ursache deiner Verlegenheit; sie kommt von den Philosophen, die mit einander in stetem Widerspruche sind. Allein ich darf mich nicht gegen dich herauslassen: Rhadamanthus hat es ausdrücklich verboten.“ – „O Väterchen,“ versetzte ich, „sage mir doch, was du weißt, und laß mich nicht noch blinder, als du selbst bist, im Leben herumirren.“ Da zog er mich bei Seite, und wie wir weit genug von den Uebrigen entfernt waren, raunte er mir ganz leise in’s Ohr: „Das beste und vernünftigste Leben ist das der Ungelehrten. Gib die Narrheit auf, den überirdischen Dingen nachzugrübeln, und den Ursprung und letzten Zweck der Dinge erforschen zu wollen; verachte die künstlichen Schlüsse der Sophisten, und halte dich überzeugt, daß alle diese Dinge eitle Possen sind. Hingegen sey dein einziges Streben darauf gerichtet, die Gegenwart dir zu Nutzen zu machen, so viel du kannst: im Uebrigen gehe an den meisten Dingen mit Lachen vorüber, und halte nichts für wichtig genug, um dich darum zu bemühen.“ So sprach Tiresias, und

Wandelte eiligen Schrittes hinab die Asphodelos-Wiese[10].

[305] 22. Schon war es spät geworden; darum bat ich den Mithrobarzanes, mich ohne längeres Säumen in die Oberwelt zurückzuführen. „Sey gutes Muths,“ erwiederte er, „ich will dir einen kurzen und bequemen Rückweg zeigen.“ Mit diesen Worten führte er mich an einen noch weit finsterern Ort des Schattenreichs, und wies mit der Hand nach einem schwach leuchtenden Punkte in der Ferne, wo das Sonnenlicht durch eine Ritze zu dringen schien. „Dort siehst du,“ sprach er, „die heilige Grotte des Trophonius, durch welche die Böotier in die Unterwelt herabkommen. Hier steige hinauf, und du wirst in wenigen Augenblicken auf Griechischem Boden stehen.“ Hocherfreut umarmte ich meinen Magier zum Abschiede, arbeitete mich mit Mühe durch die Erdritze hinan, und befinde mich nun, wunderbar genug, in Lebadea.



  1. Dieses Stück wird von den Kunstrichtern seit du Soul (Solanus) des Lucian für unwürdig erklärt, und einem, größtentheils unglücklichen, Nachahmer desselben zugeschrieben.
  2. Aus des Euripides rasendem Hercules. V. 523.
  3. Aus desselben Hecuba. V. 1.
  4. Fragment aus der Andromeda des Eurip.
  5. Hom. Odyss. XI, 163. Voß.
  6. Hes. Werke und Tage v. 287. ff.
  7. Odyss. XI, 4. 5. Voß.
  8. Ebend. 47.
  9. Iliade XX, 61. Voß.
  10. Odyss. XI, 539.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: 9.