Miralda Estalez

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Textdaten
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Autor: unbekannt
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Titel: Miralda Estalez
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aus: Die Gartenlaube, Heft 46, S. 558-559
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[558]
Miralda Estalez.
(Aus der Geschichte von Cuba.)

In einer der Hauptstraßen Havanna’s, der Kaufmannsstraße, war der Cigarrenladen der schönen Kreolin Miralda Estalez fast eben ein solches Mekka für junge und alte liebebedürftige Jünglinge und Männer, wie jetzt das Bierhaus zu London in der Oxfordstreet mit der im ganzen Umfange Londons berühmten schönen Schottin den Hauptwallfahrtsort fahrender und reitender, gehender und englisch stelzender Liebesritter bildet und wie einst die schöne Alma die Berliner Jünglinge entzückte und anzog.

Miralda war erst sechszehn Jahre alt und schon alleiniger und einzeln stehender Herr des ganzen Ladens und Hauses. Vater und Mutter, kurz hinter einander verstorben, hatten ihrem einzigen Kinde nichts hinterlassen, als das Geschäft. Sie war ein Gemälde tragischer Schönheit, mit einer fein gerundeten Form, einem sanften, länglichen, zarten Gesicht mit etwas gelblichem Hauch, das aus dem blendend sckwarzen Haar mit dunkeln, blitzenden Augen und schneeweißen Zähnen wie verkörpertes Morgenroth hervorleuchtete. Dabei stand das frische, unschuldige, ovale Köpfchen so keck auf dem schlanken, elastischen Körper, und über den schneeweißen „Zaun der Zähne“ und die Rosenknospen der Lippen sprudelten die graciösen Scherze und pikanten Zurechtweisungen gegen die Stutzer von Havanna so treffend und schlagend, daß Niemand jemals klug wurde, ob sie wirklich in Naivität und Unschuld unwillkürlich alle Anbeter in bestimmter Entfernung halte, ohne Einem den Vorzug zu geben, oder ob Koketterie im Interesse ihrer Cigarren dahinter stecke. So viel ist gewiß, Niemand, der jemals dort seine Cigarren genommen, konnte anderswo kaufen. Niemand konnte aus dem Zauberkreise, der sie umgab, wieder heraus, weder mit Centrifugal-, noch Centripetalkraft. Jeder mußte zugleich in einer bestimmten Entfernung und Nähe bleiben. Aber endlich kam’s doch heraus unter den Cigarrenrauchern höherer Art, daß sie einen straffen, jungen Bootschiffer, der zwischen Punta und dem Moro Schlosse an der andern Seite des Hafens Waaren und Menschen fuhr, vor allen Andern begünstige. Dadurch ward Petro Mantanez (das ist der Name des Bootsmannes) bald ziemlich eben so berühmt, wie Miralda. Das weibliche Geschlecht iuteressirte sich für ihn, weil man neugierig war, wie der Held aussähe, der das Herz der Schönsten, die unter den Reichsten und Schönsten der Antillen Perlen-Residenz nur zu wählen brauchte, so unauflöslich gefesselt habe; und die Herren studirten ihn förmlich, in der Hoffnung, daß sie durch Nachahmung seines Wesens mit Addition ihrer gesellschaftlichen und Vermögensvorzüge ihn vielleicht verdrängen könnten.

Doch dies schien dem Grafen Almante, dem Don Juan von Havanna, zu langweilig und gemein für seine Stellung und die Liste seiner Siege. Er war ihr getreuester und liberalster Kunde. Miralda plauderte mit ihm so treuherzig, munter und graciös, wie mit jedem Andern; aber in seiner wirklichen tragischen Leidenschaft hielt er sich für den Auserkornen. In seiner hochgebornen Leichtfertigkeit [559] und Siegesgewißheit rauchte er eines Nachts, als die meisten Läden schon geschlossen waren, noch die beste Cigarre an, die sie geben konnte, und blieb, mit ihr plaudernd sitzen, bis er sich überzeugt hatte, daß es auf der Straße still und leer geworden war. Jetzt bot er ihr mit der liebenswürdigsten Unverschämtheit (die nur durch sogen. „noble“ Bildung und fortwährenden „auserlesenen“ Umgang gewonnen werden kann) jede beliebige Summe für ihr Haus und Geschäft und sein Schloß in Cerito, unweit Havanna, wenn sie jetzt gleich davon Besitz nehmen und die „freie Geliebte seines Herzens“ werden wolle. Miralda machte kurzen Prozeß mit ihm und nannte ihm einen Laden, wo die Cigarren viel besser wären, so daß sie hoffe, er werde sich nie wieder zu ihr bemühen. Er scherzte und wollte sich ihr nähern. Mit einem blitzenden Dolche blieb sie ruhig vor ihm stehen und sah ihn fest an. Der Graf schlug die Augen nieder und ging.

Einige Tage darauf machten in der Dämmerungsstunde ein paar Dutzend Soldaten vor Miralda’s Laden Halt. Ein Lieutenant trat ein und erklärte sie im Namen des Gesetzes für seine Gefangene. Sie schloß ihren Laden und ließ sich im Namen des Gesetzes, das unter dem Gouverneur Tacon durchaus keinen Spaß verstand, ruhig forttransportiren. Aber sie wurde unruhig und unruhiger, als der Marsch auch jenseits der Arresthäuser und endlich gar jenseits der Stadt kein Ende nehmen wollte. Allen ihren Fragen und Angstrufen ward ein militärisches Schweigen entgegengesetzt. So wurde sie in der langen Palmenallee, die nach Cerito führt, immer weiter und endlich in das Schloß des Grafen Almante hineingetrieben. Er empfing sie an der Hauptthür und sprach mit lächelnder Liebenswürdigkeit die Hoffnung aus, daß sie nun wohl mit der Zeit zu einer bessern Verständigung kommen würden. Miralda zeigte blos ihren Dolch, den männliches und weibliches Geschlecht der bürgerlichen und niedern Klassen immer bei sich führt, und einen Blick der tiefsten Verachtung. Ruhig ging sie in die Prachtzimmer, die ihr zur Verfügung gestellt wurden, und verlebte dort die Tage und Nächte ihrer Gefangenschaft immer mit dem Dolche in der Hand. Sie hatte Pedro von der Unverschämtheit des Grafen erzählt und hoffte nun, daß ihm die Liebe Mittel und Wege zu ihrer Befreiung ausfindig machen lassen werde.

Und so geschah es. Pedro wagte sich zunächst in der Verkleidung eines Mönchs im Schlosse Zutritt und Gewißheit zu verschaffen. Und jetzt blieb er vorsichtig genug, die ganze Angelegenheit für sich zu behalten, und sie nur dem Gouverneur mitzutheilen, der auf der ganzen Insel als der strengste und gerechteste Herr gefürchtet und geliebt ward und bis heute ein sprüchwörtlicher Mann des Volks auf Cuba geblieben ist.

So stand Pedro eines Tages vor dem Gouverneur Tacon und erzählte ihm das Schicksal der Miralda Estalez in einer männlichen, freien, durch Entrüstung und Liebe beredtsamen, eindringlichen Weise.

„Und das Mädchen?“ frug der Gouverneur mit einer finstern Wolke in seinem Gesicht. „Sie ist Deine Schwester?“

„Nein, Excellencia, mehr. Meine Verlobte!“

Der Gouverneur ließ ihn näher treten, hielt ihm ein goldenes Crucifix hin und forderte ihn mit durchdringendem Blicke auf, bei Himmel und Seligkeit zu schwören, daß er die Wahrheit gesagt habe.

Pedro kniete nieder, küßte das Kreuz und sprach fest: „Ich schwöre!“

Jetzt schrieb der Gouverneur einige Zeilen, klingelte und gab sie dem Pagen für den Kapitain der Wache. Pedro ward in einem andern Zimmer untergebracht und ihm geheißen, zu warten, da seine Angelegenheit gleich erledigt werden solle.

Nach zwei Stunden standen Graf Almante und Miralda vor dem Regenten der Insel. Letzterer frug Ersteren: „Sie haben die Uniform der Wache für Ihre Privatabsichten auf dieses Mädchen mißbraucht, nicht?“

„Excellencia, ich bin leichtsinnig gewesen. Ich kann es nicht vor dem obersten Richter leugnen.“

„Der oberste Richter später. Jetzt stehen Sie vor mir. Erklären Sie auf Ihre Ehre, Graf, daß Ihrer Gefangenen keine Gewalt geschehen?“

„Auf Ehre, Excellencia, kann ich diese Versicherung geben.“

Nachdem der Gouverneur einem Pagen einen Befehl von drei Worten auf Papier übergeben, setzte er seine Fragen gegen den Grafen und Miralda fort, bis auch Pedro dazu gerufen und die verschiedenen Aussagen Aller verglichen wurden.

Nach dieser Untersuchung trat auf einen Wink des Gouverneurs ein Mönch der Santa Clara-Kirche im vollen Ornate ein. Der Gouverueur sagte:

„Heiliger Vater, Du wirst jetzt die Hände dieses Grafen Almante und dieser Miralda Estalez zur Ehe verbinden.“

„Excellencia!“ rief der Graf in erbleichendem Schrecken.

„Nicht ein Wort, Sennor! Sie haben hier blos zu gehorchen.“

„Mein Adel, Excellencia!“

„Ist verfallen,“ unterbrach ihn Tacon mit einem Schrecken erregenden Blick und Ausdruck. Tacon’s Art und Weise war bekannt. Er war der unbeugsamste Despot für Ausführung seines Gerechtigkeitssinnes. So fügten sich der Graf, Pedro und Miralda – Jedes in ein ihm furchtbares Schicksal.

Nach einigen Minuten war die Trauung vollzogen. Tacon befahl dem Grafen sich zu entfernen und Pedro und Miralda zu bleiben und arbeitete dann amtlich weiter. Nach kurzer Zeit erschien der Capitain der Wache und stellte sich militärisch auf, ehrerbietig auf den Moment wartend, wenn ihn der Regent anreden werde.

„Capitain, ist der Befehl vollzogen?“

„Ja, Excellencia, der Graf ist todt. Als er den Pasco-Winkel passirte, trafen ihn von den zwölf befohlenen Kugeln neun, obgleich er sehr eilig ritt.“

„Gut, Capitain! Sie können gehen. Heiliger Vater, Du wirst in üblicher Weise die Verehelichung des Grafen Almante mit Miralda Estalez und den Tod des ersteren bekannt machen und bekannt machen lassen, so wie daß die Wittwe des Grafen einzige und alleinige Erbin alles Vermögens und aller Titel ihres Gatten ist.“

Und zu Pedro und Miralda gewandt, sagte er lächelnd: „Ihr werdet nun wohl Eure Angelegenheiten ohne mich vollends zur Ordnung bringen“ und setzte ernst und finster hinzu: „Kein Mensch, und sei er der niedrigste, soll in diesem heißen, leidenschaftlichen Lande, wo Blut und Willkür sich so oft gegen das Gesetz richten, vergebens um die Unterstützung nachsuchen, die ich diesem Gesetze schuldig bin.“


Dieser wirkliche Vorfall könnte aus der Geschichte der Regentschaft Tacon’s noch durch viele andere ähnlicher Moral vermehrt werden. Wenn die Strenge und Grausamkeit der Despotie, die in heißen Klimaten und aus heißer, gemischter, uncultivirter Bevölkerung heraus sich oft als Bedürfniß für dieselbe gestaltet, zugleich als strenger Gehorsam gegen einmal geltende Gesetze und den natürlichen und sittlichen Gerechtigkeitssinn auftritt und sich behauptet, hat sie immer etwas Populäres und bietet sich selbst, verschiedenen Formen der Poesie als willkommner Stoff. Tacon’s Verwaltung Cuba’s ist Volkspoesie geworden, die neuerdings in ihrem Contraste zu Willkür, Erpressung und Despotie ohne Gesetz und gegen Recht und Sitte neue Bedeutung gewonnen hat, so daß Cuba nur noch sehr lose an Spanien hängt und es sich bald selber Regenten wählen würde, wenn es nicht in die amerikanische Civilisation mit aufginge.